18.02.2010

Anarchie!

Normal ist relativ!

Unsere Kolumnistin Sophie Andresky enttarnt den Sex als das, was er ist: irrational, abnorm und zutiefst individuell. Wie sie zu dem Schluss kommt und warum "normal" immer relativ ist, erfahrt ihr beim Genuss der folgenden Zeilen.

Mehr Bilder wären zu piefig! Kein weiteres Bild ist voll anarcho!
Mehr Bilder wären zu piefig! Kein weiteres Bild ist voll anarcho!

Anarchie!

Als Pornoautorin bekommt man manchmal auch Leser-Post, was toll ist, weil ich am Schreibtisch daheim ja leider nicht von sich räkelnden bestrapsten Praktikantinnen oder brustwarzengepiercten halbnackten Sekretären umgeben bin. Deshalb finde ich es immer schön zu hören, dass da draußen jemand ist, der mitliest und manchmal auch mitmasturbiert. Zwei- oder dreimal erzählte mir jemand, dass er dazu eine rohe Leber benutzt, was allerdings nicht meine Idee war, sondern die von Philip Roth, the old fucking master of eroticism. Und an einem besonders glorreichen Tag berichtete ein älteres Lehrerehepaar aus dem Westerwald, dass es Szenen aus meinen Büchern nachspielt - bei solchen Mails werde ich schon ein bisschen feucht vor Freude.

Auch das eine oder andere Foto war schon als Anhang dabei, an dieser Stelle grüße ich Carsten aus Bottrop (ja, du hast wirklich einen schönen Schwanz, ob er der schönste des Ruhrgebiets ist, kann ich aber nicht beurteilen). Mein Lieblingsbild zeigt einen nackten Polizisten mit Motorradhelm auf dem Kopf, neben dem ein Rottweiler sitzt, der ihm aufs Gemächt sabbert. Ein ganzer Kerl, kann ich da nur sagen, und hoffentlich ist genug Chappi im Haus. Außerdem kommen gelegentlich Fragen zu Spielzeugen, Praktiken oder Gesundheitsrisiken - wenn es juckt und nässende Blasen gibt: nicht erst mich anschreiben, sondern bitte direkt zum Arzt gehen!

Ok, noch ein Bild, aber nur aus purer Anarchie!
Ok, noch ein Bild, aber nur aus purer Anarchie!

Die häufigsten zwei Fragen sind 1.) "Können Sie mir einen wirklich guten Pornofilm empfehlen?" und 2.) "Bin ich damit noch normal?", gefolgt von der Schilderung einer bestimmten Vorliebe. Das geht von Damenstrümpfen über freiwillige monatelange Sexpausen bis hin zu durch den Hodensack gestochenen Sicherheitsnadeln. Auf die erste Frage antworte ich immer mit Nein und hoffe, dass sich das irgendwann mal ändert, dass mir doch noch mal ein Film unterkommt, in dem einfach attraktive, gut gelaunte, intelligente Menschen fröhlich ficken und Dinge tun, die auch tatsächlich Spaß machen.

Auf die zweite Frage, sofern sie sich auf Penetration durch Rettiche, Fäkal-Phantasien mit dem Charmin-Bär oder sadistische Verkleidungsspiele als DHL-Zusteller handelt, sofern also alle Beteiligten mündig, erwachsen und begeistert sind, würde ich auf die Frage nach Normalität immer gern antworten: "Wen interessiert’s?" Das meine ich nicht ironisch, sondern ganz im Ernst. Mir ist und war es immer völlig egal, ob das, was ich tue, möchte oder geil finde, "normal" im statistischen oder moralischen Sinne ist.

Mich hat immer mehr beschäftigt: Wie heiß kann das noch werden? Wo bekomme ich es? Wer steht noch darauf? Wenn ich Oskar aus der Sesamstraße geil finde, würde ich mir doch eine möglichst siffige Mülltonne zum Ficken suchen. Ich z.B. bin eine fakultativ bisexuelle hautfetischistische Verbalerotikerin mit einer Vorliebe für Sexspielzeug und wollene Overkneestrümpfe – wie normal ist das? Ob man ein Verhalten z.B. männlich oder weiblich nennt, ob einer lieber durchs Gebüsch jagt oder in Duckstellung abwartet, bis ihn was bespringt, ist mir völlig wurscht. Gut muss es halt sein, und zwar für alle, die mitspielen.

Genau aus dem Grund hasse ich Sexratgeber: all diese Werke, die behaupten, der Weg zur Glückseligkeit führe über frittierte Zwiebelringe, die man dem Mann spielerisch über den steifen Schwanz wirft (es gibt tatsächlich einen Erotik-Ratgeber, der das empfiehlt) oder über einen ferngesteuerten Vibrator, den der Mann im Restaurant oder Kino bedient und damit seine Liebste in aller Öffentlichkeit ins Nirwana fickt (das war die Idee einer großen Frauenzeitschrift).

Wie soll denn jemand allgemeingültige Wege zur Ekstase vermitteln, wenn es in dem Reich von Pöter & Pussy gar keine Regeln geben kann? Jedenfalls keine, die für alle gleichermaßen gelten, weil eben jede Muschi anders gekrault werden möchte und jeder Piephahn anders kräht?

Boah, noch mehr Anarchie!!!
Boah, noch mehr Anarchie!!!

Und selbst wenn diese Bücher mit wissenschaftlichen Statistiken aufwarten können, wem nützt das? Angenommen, ein Mann möchte gern von seiner Frau niedergewrestelt oder in der Badewanne angepieselt werden (und ich denke mir das jetzt wieder nicht aus, genau darum ging es in dem Ratgeber, den ich neulich lesen musste), und seine Frau möchte beides nicht. Und weiter angenommen, sie finden in einem Fachbuch den Hinweis, dass neunzig Prozent aller Männer sich genau das wünschen und auch von ihren Frauen bekommen. Was bringt das diesem Paar? Sie will trotzdem nicht. Und auch im anderen Fall: Sie finden eine Statistik, die besagt, dass nur ein Prozent aller Frauen ihre Männer niederwresteln oder anpinkeln. Damit ist sie statistisch aus dem Schneider. Aber er will doch trotzdem im Schraubstock ihre starken Arme um sein Leben winseln und die goldene Wonne in der Wanne genießen.

Berichte von Menschen, die einfach erzählen, wie sie ficken und warum, lese ich immer gern, aber ich finde es geradezu fascho, dass jemand glaubt, den alleingültigen Weg zum Glück gefunden zu haben. Der soll lieber eine Sekte gründen, sich ein spermabeflecktes Bettlaken über die Schulter werfen und Biokürbisse zu tantrischen Gesängen sodomisieren.

Normal ist eben relativ. Jeder hat seine persönlichen Tabus und Grenzen. Wer nachts gern in einem Darkroom im Sling baumelt und sich von haarigen Unbekannten ins Nirwana fisten lässt, kann sich durchaus am Strand darüber aufregen, wenn jemandem beim Umziehen das Handtuch verrutscht. Und einer, der aus politischen Gründen gern mal Politikern beim Staatsbesuch vor die Füße onaniert und umso weiter spritzt, je mehr Kameras dabei auf ihn gerichtet sind, kuschelt daheim vielleicht gern daumenlutschend unter der Lilifee-Bettwäsche. Das ist nicht logisch und auch nicht immer schön oder politisch korrekt, aber so ist Sex nun mal: irrational, abnorm und zutiefst individuell. Und das ist auch gut so.

Was man noch alles mit Kürbissen tun kann, wenn man sie nicht im Rahmen eines Sektenrituals ficken möchte, dazu mehr in der nächsten Folge.

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Kommentare

Anarchie

Der Begriff Anarchie (altgr. ἀναρχία anarchía ‚Herrschaftslosigkeit‘; Wortbildung aus verneinendem Alpha privativum und ἀρχία archía ‚Herrschaft‘) bezeichnet einen Zustand:

der Abwesenheit von Herrschaft.

Er findet hauptsächlich in der politischen Philosophie Verwendung, wo der Anarchismus für eine solche soziale Ordnung wirbt.
sorry,

aber es sollte niemand hier nach einem monat still-stand mit einem smilie davon kommen. diese form degenerierter null-kommunikation sollte schlichtweg durch -500 Punkte geahndet werden...

edit: ich sehe gerade, dass mein vor-poster sich hier gelöscht hat. in diesem fall plädiere ich trotz seines beschränkten last-postings für eine gut-schrift von +500. für den armen lösch-tor...

*top*

*ja*

Eine schöne kolumne....
;)

Schönes Thema

tolle kolumne, miss andrewsky! *top*

mann sieht, sie können mit rethorischem schmirgelpapier und intellektueller natronlauge umgehen ... wo sie hinschreiben, kollabiert auch die erektion von spargeln .... *ggg*

Deshalb finde ich es immer schön zu hören, dass da draußen jemand ist, der mitliest und manchmal auch mitmasturbiert.

mitmasturbieren? madame! von ihrer schreibe wird mann intellektuell penetriert und perforiert wie die alpen von einem rudel räudiger tunnelbohrmaschinen *3tagewach* wie soll mann da noch in ruhe zum mastubieren kommen ...

weiterhin gut mastur *bier* , madame!

*anbet*

Gut, das mag z.B. in diesem Falle schwierig anmuten, aber wir haben ja gelernt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Bei den Anarchos die ich kenne , heißt das " Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg!"
Außerdem wer will schon nett sein, die halbe Welt ist nett (dämlich)...
So verbleibe ich mit dem Wort zum Montag " Sich fügen, heißt lügen!"
Egal obs sexelt oder säxelt...
*ninja*

grusi,grisu

*oh2*
Austern?
Pellen?
demokratisch?
*oh2*

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