Mittlerweile gilt die HIV-Infektion als behandelbare, wenn auch nicht heilbare chronische Krankheit. Zumindest in den reicheren Ländern dieser Welt. Wer sich heute in Deutschland mit HIV infiziert, kann mit einer wahrscheinlich annähernd normalen Lebenserwartung rechnen. Ein positives Test-Ergebnis ist dank der modernen Medikamente also kein Todesurteil mehr.
Keine Entwarnung bei Aids
Schauspielerin Christiane Paul (35) sieht beim Umgang mit Aids vielleicht auch deshalb eine gefährliche Sorglosigkeit. "Das Thema hat in der Öffentlichkeit an Präsenz verloren, ist fast in Vergessenheit geraten. Der Schrecken ist weg, gerade in Westeuropa." Das sei eine fatale Entwicklung, denn es gebe keinen Grund zur Entwarnung, sagte Paul, die auch promovierte Ärztin ist, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Köln. Seit Jahren unterstützt sie Aktionen zum Weltaidstag am 1. Dezember.
"Wir haben es mit einem globalen Problem zu tun und mit steigenden Zahlen, trotz aller Prävention", betonte die 35-Jährige. "Das Sterben geht weiter." Weltweit leben mit 33,4 Millionen infizierter Menschen mehr als je zuvor mit dem Aidserreger HIV im Blut. 2008 sind rund zwei Millionen Menschen an der Krankheit gestorben.
Es sei ein Trugschluss, sich wegen immer besserer Therapien in Sicherheit zu glauben: "Wir haben Zugang zu Medikamenten, die ein Leben mit HIV ermöglichen. Der Ausbruch der Aids-Krankheit wird verzögert." Vergessen werde dabei aber: "Die, die HIV-positiv sind, müssen die Medikamente ihr Leben lang einnehmen und haben mit extremem Nebenwirkungen zu kämpfen, so dass ein normales soziales Leben fast nicht möglich ist." In Deutschland liegt die Zahl der Neuinfektionen seit einigen Jahren bei etwa 3000.
Viele Betroffene leiden auch an chronischen Erkrankungen als Folge der Langzeit-Medikation. Die Infizierten tragen der ausgebildeten Chirurgin zufolge auch besondere Verantwortung dafür, dass sie andere nicht infizieren. Die Aufklärung und Prävention in Deutschland - federführend sind etwa die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Deutsche AIDS-Hilfe - sei gut, betonte Paul, die sich auch als Botschafterin beim UN-Kinderhilfswerk UNICEF im Kampf gegen Aids engagiert.
Derzeit leben bundesweit rund 67 000 HIV-Infizierte, die größte Gruppe bilden homosexuelle Männer. Infizierte und Kranke hätten nach wie vor mit Stigmatisierung zu kämpfen, kritisierte Paul: "Es gibt immer noch Ausgrenzung. Wenn man hört, jemand hat Krebs, dann heißt es: 'O Gott'. Hört man, jemand ist HIV-positiv, heißt es: 'Selber schuld'."
Nach Ansicht des Aids-Seelsorger der Evangelischen Landeskirche Württemberg, Eckhard Ulrich, wird die Immunschwäche heute wieder stärker tabuisiert als noch vor einigen Jahren. Aids drohe wieder in einer "Schmuddelecke" zu versinken, sagte Ulrich der Deutschen Presse-Agentur dpa in Stuttgart. "Vielleicht weil es heute mehr zum Alltag gehört und lebbarer ist, wird nicht mehr so viel darüber geredet." Er habe den Eindruck, die Infektion verschwinde aus dem Blickfeld, seit die Betroffenen nicht mehr so offensiv für ihre Rechte kämpfen müssten.
Gespräche: Yuriko Wahl und Wenke Böhm
Quelle: dpa und www.welt-aids-tag.de








