11.09.2009

AIDS als Massenmörder

Ist Hitler als Gallionsfigur einer Kampagne gegen Aids zu kontrovers?

Ein Zimmer. Zwei nackte Körper ineinander verschlungen. Dem Liebesspiel zugetan. Zu monton hämmernden Beats durchpflügen die zwei Körper das Bett. Das Pärchen kommt zum Ende. Da blickt der männliche Part in die Kamera und grinst fies. Es ist Adolf Hitler … bzw. ein Doppelgänger. Dann lesen wir den Claim des gerade gesehenen Awareness Spots: Aids ist ein Massenmörder ...

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Sex mit Hitler

Die neue Kampagne des Vereins Regenbogen e.V. sorgt aktuell international für Aufsehen. Unter dem Motto "AIDS ist ein Massenmörder" startet der Verein anlässlich des Weltaidstags am 1. Dezember diese Awareness (=Aufmerksamkeit, Bewusstsein) Kampagne, flankiert von provokativen Plakaten, Anzeigen, einem TV- und Kinospot und einem Musikvideo und knüpft damit an seine Arbeit aus den Jahren 2008 und 2009 an. Immer in dem Bestreben, dafür zu sorgen, dass Aids nicht in Vergessenheit gerät:

"AIDS tötet immer noch und es ist keine Hilfe in Sicht, seid Euch dessen bewusst und handelt dementsprechend verantwortungsvoll. In den letzten Jahren ist das öffentliche Interesse an Aids massiv zurückgegangen. Die Zahl der Opfer dagegen steigt ungebrochen. Bis jetzt starben weltweit über 28 Millionen Menschen. Und jeden Tag kommen über 5000 neue Todesfälle hinzu. Allein in Deutschland leben rund 60.000 HIV-Infizierte oder Aids-Kranke.

Eines der Kampagnenposter
Eines der Kampagnenposter

Wenn die Menschen die Gefahr von AIDS verstanden hätten und die Zahlen in Deutschland nicht immer weiter steigen würden, wären wir nicht gezwungen zu solchen Maßnahmen greifen zu müssen. Die aktuellsten Zahlen der Neuinfektionen belegen immer wieder, dass die Strategie der bisherigen AIDS-Präventionskampagnen überdacht und völlig überarbeitet werden musste", so Jan Schwertner, 1. Vorsitzender von Regenbogen e.V und Initiator der Kampagne.

In den Anzeigen und Plakaten sind außerdem Josef Stalin und Saddam Hussein zu sehen. Die Kampagne soll AIDS-Infizierte nicht ausgrenzen, sondern vielmehr dem Virus als solches ein Gesicht geben, das ihm angesichts von 28 Millionen Toten weltweit gerecht wird. Damit soll die Kampagne aufrütteln, das Thema wieder in den Mittelpunkt stellen und den Trend zum ungeschützten Geschlechtsverkehr stoppen. Denn jeder kann sich infizieren.

Der Verein Regenbogen e.V. ruft dazu auf, einen Beitrag zur Aufklärung und Bekämpfung zu leisten und die Kampagne aktiv mitzugestalten - beispielsweise mittels selbst gestalteter Materialien, die auf der Kampagnenseite hochgeladen werden können. Auf www.aids-ist-ein-massenmoerder.de findet ihr zudem alle weiteren Informationen zur Kampagne.

Die Macher

Der Regenbogen e.V. nahm am 05. Februar 1999 in Saarbrücken als gemeinnütziger und eigenständiger Verein seine Arbeit auf. Neben dem Vorstand sind heute zehn Personen ehrenamtlich für den "Regenbogen e.V." tätig. Der Verein kooperiert seit seiner Gründung mit Selbsthilfegruppen, Ärzten und Gesundheitsämtern.

Das Logo zur Kampagne
Das Logo zur Kampagne
 

Die Schwerpunkte des Vereinsengagements liegen insbesondere im Bereich Verhinderung von HIV-Neuinfektionen durch Prävention und Aufklärung sowie in der Bereitstellung von Hilfeleistungen für HIV-Infizierte und AIDS-erkrankte Menschen.

Das Konzept für "AIDS ist ein Massenmörder" entwickelte die Hamburger Werbeagentur das comitee. An der Umsetzung beteiligten sich ehrenamtlich verschiedene Akteure.

(Copyright: www.aids-ist-ein-massenmoerder.de)

Die Reaktionen

So wichtig das Anliegen der Kampagne auch sein mag, so zwiespältig wird sie bisher aufgenommen. Hier einige Stimmen zu der Kampagne.

Der Video-Spot, der bisher nur im Internet zu sehen ist, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst - nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland.

Die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) forderte den sofortigen Stopp der Aktion. "Das ist eine der schlimmsten Kampagnen seit dem Ausbruch der HIV-Epidemie", sagte Carsten Schatz von der Deutschen Aids-Hilfe am Dienstag in Berlin. "Dieser widerliche Spot mit einem Adolf-Hitler-Imitator verhöhnt alle Opfer des Nationalsozialismus und setzt HIV-positive Menschen mit Massenmördern gleich."

Auch in den USA und Großbritannien empört man sich über die Kampagne. Der Spot "stigmatisiere die Menschen, die HIV-positiv sind und die ohnehin einer großen Diskriminierung und Ignoranz ausgesetzt" seien, sagte eine Sprecherin des National Aids Trust, der die Aktionen zum Welt-Aids-Tag in Großbritannien koordiniert, dem "Telegraph".

"Dem Verein Regenbogen sollte die Gemeinnützigkeit aberkannt werden, da es hier offensichtlich um Panikmache auf dem Rücken von Menschen mit HIV und Aids geht", forderte Carsten Schatz. Die Aids-Hilfe prüfe rechtliche Schritte gegen den Verein. Auch die Deutsche Aids-Stiftung verurteilte die Umsetzung der Kampagne. "Wer HIV-positive Menschen diskriminiert und die große Mehrheit der Bevölkerung verunsichert, gefährdet den bisherigen Erfolg der deutschen Präventionskampagnen", sagte Ulrich Heide vom Vorstand der Stiftung. Notwendig seien Spots, die über den Schutz vor HIV aufklären und für Solidarität mit den Betroffenen werben.

Die Macher der Kampagne haben mit so einer massiven Protestwelle wohl nicht gerechnet: "Wir wollen dem Virus ein Gesicht geben und nicht den Menschen, die HIV-positiv sind", sagte der Vorsitzende des Vereins Regenbogen, Jan Schwertner, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Durch die mediale Reizüberflutung müssten die privaten Aids-Kampagnen zu provokanteren Mitteln greifen, um auf die Bedrohung durch Aids aufmerksam zu machen. Auch Dirk Silz, Geschäftsführer der Agentur das comitee, verwies auf die Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die mit Gemüse und Kondomen werbe und "viel zu harmlos" sei. "Langeweile ist immer die schlechteste Werbung", sagte Silz.

Aber muss man deshalb gleich zu Adolf Hitler greifen, der in dem Hörfunk-Spot der Kampagne in Anlehnung an die Goebbels-Rede "Wollt ihr den totalen Krieg?" fragt: "Wollt ihr alle Aids?" Die kritisierte Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln bezeichnete den Spot als "geschmacklos und kontraproduktiv für die Prävention". Die AIDS-Hilfe in Köln kritisierte außerdem, dass der Spot an der Wirklichkeit vorbeigehe: Die Rate der Neuinfizierungen sei in Deutschland relativ niedrig und in 60 Prozent der Fälle gehe es um Homosexuelle.

(dpa)

Damit zu eurer Meinung

So berechtigt die aufgeführten und recht kritischen Stimmen zu der Kampagne eventuell auch sein mögen, wie steht ihr zu diesem Thema? Seid ihr eher der Meinung der Kritiker oder seht ihr es wie die Macher, dass Kampagnen ab und an auch mittels Schockwirkung arbeiten müssen, um so wichtige Themen wieder stärker in unser Bewusstsein zu rücken? Wir sind gespannt auf eure Ausführungen!

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