Ein Seitensprung ist für viele undenkbar. Manche sehnen sich aber auch nach sexueller Abwechslung und neuer heißer Begierde. Lust und Frust eines Seitensprungs haben wir bereits beleuchtet. Nun wollen wir konkret erkunden, wie ein Seitensprung zustande kommen kann. Ein "Klassiker" ist sicherlich der Seitensprung im Urlaub.

Die richtige Frau für einen Seitensprung
Die Frau war heiß – es gab gar keinen anderen Ausdruck für sie und niemand, den er kannte, hätte etwas anderes gesagt. Sicher wird sie ein paar innere Werte und gute Eigenschaften haben, aber in allererster Linie war sie heiß, so wie es damals Marylin Monroe oder Brigitte Bardot waren. Sie war eben die "Monroe2010" – kurvig, dunkle Haut, glutbraune Augen… und wenn sie ihn anschaute, vergaß er alles um sich herum – vor allem seine Frau.
Nicht, dass sie schlecht ausgesehen hätte, im Gegenteil – aber im Gegensatz zu "Monroe2010" fiel sie nicht mehr ins Gewicht. "Monroe2010" bewegte sich wie ein Panther, fließend und weich, und ihre Augen musterten ihn und er wünschte, das Verlangen in ihnen gelte ihm, besonders, wenn sie sich mit ihren Fingern durch die Haare fuhr, und er konnte an nichts anderes denken, als dass sie diese Geste machen sollte, während sie sich auf ihm bewegte.

13 Jahre war er treu, sehr treu. Er liebte seine Frau, ganz ohne Frage. Sie war seine erste große Liebe, seine Traumfrau, weil sie ihm alles geben konnte, was er brauchte – nur nicht sexuell. Sie war gut im Bett – wenn sie unten lag. Sie war auch gut gebaut – wenn das Licht nur gedämpft schien. Sie hatte viele innere Werte, Ehrlichkeit z. B. und Fleiß – und sie war beruflich erfolgreich. Den letzten Urlaub hatte sie sogar ganz alleine bezahlt, um ihn zu überraschen. Dass sie "Monroe2010" mitgebucht hatte, konnte sie nicht wissen.
Abends an der Hotelbar sah er "Monroe2010" zu, wie sie die Cocktails mixte, wie der Cocktail-Becher immer leicht ihre Brüste berührte und ihr Gesicht im Kerzenlicht wild und ungebändigt aussah. Er sah ihr zu, wenn sie die Gäste bediente und wenn sie den Männern leicht schüchtern und doch fordernd zulächelte. Sie war ganz eindeutig gut fürs Geschäft. Ihre Wirkung wurde durch die vorgeschriebene "züchtige" Kleidung noch verstärkt.
Was würde er ihr zuerst abstreifen? Die Weste? Oder die Bluse samt Weste? Würde er den Reißverschluss ihres Rocks öffnen? Oder sie bitten, sich ihrer Schuhe zu entledigen? Beim Abschied im Büro hatten sie noch Witze gemacht – über die schönen Jamaikanerinnen, die den Männern den Kopf verdrehten – er solle bloß aufpassen, und er hatte den Spruch von Martin noch im Ohr: "Meine Güte, Marcel – es wird Zeit für Dich endlich mal fremdzugehen! Seit Jahren hast Du Marita am Hals – das KANN doch nicht genug sein!"
Gegrinst hatten sie, unverschämt und vielleicht ein bisschen neidisch … und jetzt bekamen ihre Worte eine ganz eigene Dynamik und diese Dynamik bewegte sein Inneres und seine Gedanken …
Die Suche nach Abwechslung
Neuen Studien zufolge wissen wir, dass Frauen mindestens ebenso oft fremdgehen wie Männer und dass man neuerdings das Wort "Fremdgehen" gegen das seriöser wirkende Wort "Seitensprung" ausgetauscht hat. Was beiden Wörtern jedoch innewohnt, ist jedem bekannt: Man geht fremd, man springt zur Seite – man ist untreu.
Warum ist Untreue ein Reiz, fragen sich viele – wo sich jeder Treue als Bestandteil seiner Beziehung wünscht, was soviel bedeutet wie, dass der Partner treu sein soll – doch wie sieht es mit uns selber aus? Es gibt viele Einflüsse, die uns in dem Glauben bestärken, fremdzugehen würde unsere Beziehung bereichern, sie beleben, ihr neuen Schwung verleihen.
Ebenso viele Argumente gibt es, die gut dazu geeignet sind, uns in unseren Wünschen zu bekräftigen und uns gut zuzureden. Die Palette reicht von einer über Jahre dauernden Beziehung, die sexuell uninteressant geworden ist, bis hin zu dem Trend offener Beziehungen, in denen sich beide Partner mit einem anderen als dem eigenen Partner vergnügen, um dann hinterher wieder im vertrauten gemeinsamen Bett zu kuscheln.
Sicherlich waren die meisten Menschen schon in einer Situation wie Marcel, dem die heiße Jamaikanerin nicht mehr aus dem Kopf ging – Menschen reagieren auf Reize, sind mehr oder weniger abenteuerlustig und neugierig. Sie brauchen Bestätigung und suchen nach Abwechslung.
Marcel ist einer normalen menschlichen Neigung zum Opfer gefallen – eigentlich harmlos und nachvollziehbar.
Sein Gehirn war ausgeschaltet

Tagsüber lag er mit Marita am Pool oder ging am Strand entlang, besichtigte die Umgebung und machte Ausflüge ins Landesinnere, aber abends war sie wieder da – "Monroe2010" und seine Sehnsucht, wieder begehrt zu werden, heißen schweren Atem zu spüren und sich fallen zu lassen in einen Rausch, den er nur erahnen konnte. Der Zufall ereilte Marcel, und er hieß "Maritas Magenverstimmung". Sie hatten auf einem einheimischen Markt etwas Landestypisches gegessen und Marita musste im Hotel sofort mit den Magentropfen der Reiseleitung ins Bett. Natürlich hatte sie nichts dagegen, dass Marcel wie jeden Abend noch in die Hotelbar ging. Sie vertraute ihm – sollte er ruhig seinen Spaß haben.
"Monroe2010" kam an seinen Tisch. Mit einem Augenaufschlag nahm sie seine Bestellung entgegen und stellte sein Glas wenige Minuten später mit demselben Augenaufschlag vor ihn auf den Tisch. "Heute alleine?", und sein Gehirn war ausgeschaltet – Marita und sein Zuhause gab es nicht mehr, es gab kein Büro, in das er morgens ging und keine Freunde, die ihn Mittwochs zum Bowlen abholten. Es gab nur "Monroe2010" und sie lächelte und sagte: "Mein Dienst geht bis Mitternacht."
Er war der letzte Gast in der Bar, die Kerze auf seinem Tisch war runtergebrannt, jedes Glas war geleert. Stunden hatte er gewartet – auf die Erfüllung seiner Sehnsucht, auf heißen schweren Atem, auf die Begierde, die ihm zuteil werden sollte.
Sie sah ihn an, und er folgte ihr. Sie sprachen kein Wort, gingen direkt zum Strand und es war ihm egal, welches Kleidungsstück sie sich zuerst auszog. Er wollte sie haben, jetzt, hier, heute Nacht, und er nahm sie, und sie gab ihm alles, was er sich erträumt hatte, bis er erschöpft im Sand lag.
Der Morgen nach dem Seitensprung
Und dann kam der Morgen, an dem er wusste, dass es eine der leidenschaftlichsten Nächte seines Lebens mit einer der aufregendsten Frauen war, die er hätte haben können und dass es sich gut anfühlte, jetzt die leichte Brise einzuatmen.

Was er auch wusste, war, dass Marita alleine aufwachte und wissen würde, warum. Auch wusste er, dass nichts mehr für ihn so sein würde wie vorher - warum konnte er nicht sagen - nur, dass es so sein würde, war ihm klar. Er wusste nicht, wie er Marita gegenübertreten sollte oder was es zu sagen gäbe. Sicher – es hatte keine Bedeutung für ihn, er empfand für "Monroe2010" nicht das Geringste. Würde sie Verständnis haben, ihm verzeihen?
Was sollte sie ihm verzeihen – es hatte ja nichts zu bedeuten.
Sie würden nach Hause fahren, und alles wäre wieder wie vor ihrem Urlaub – obwohl er wusste, dass das nicht stimmte – denn er hatte mit "Monroe2010" geschlafen und er würde daran denken müssen. Langsam stand er auf, klopfte sich den Sand vom Körper und zog sich wieder an. Langsam ging er zum Hotel zurück.
Endlich Fremdgehen ... Endlich untreu!?
Sicher hat jedes Argument "pro Seitensprung" seinen Ursprung und oft auch seine Berechtigung. Sicher trifft jedes Argument "pro Seitensprung" zu, wenn es um den Grund dafür geht und sicher wird sich der ein oder andere Seitensprung für den Springer gelohnt haben – vielleicht war er aufregend, erregend, prickelnd oder leidenschaftlich, womöglich hat er Sehnsüchte gestillt, Träume erfüllt oder nur ein gutes Gefühl erzeugt - aber er hat auch den Morgen oder den Abend danach zur Folge, die Augen des Partners, in den meisten Fällen eine Lüge, und er berührt unser Gewissen in irgendeiner Form.
Fremdgehen – endlich mal! bedeutet immer auch: Untreue – endlich mal! … Und das zu bedenken, macht sicherlich Sinn, wenn einem "Monroe2010" begegnet.
© Jutta Großer
Vielen Dank an das PO-Magazin
Dieser Artikel erschien in der September/Oktober 2010 Ausgabe des PO-Magazins und wurde uns freundlichweise zur Verfügung gestellt.
Die Themen der neuesten Ausgabe (März/April 2011) sind:
- Bunnyland ist abgebrannt
- Die Phantasie von der Liebe zu Dritt
- Baby, spritz mich an oder voll
- I need a Hero…Männer in der Krise
Das Heft ist als Einzelbestellung, im Abo oder im Zeitschriftenhandel erhältlich.






