17.02.2010

Sei mir treu!

Heißt das: Liebe mich immer, oder liebe nie einen anderen?

Ist Treue eigentlich ein Gebot oder ein Verbot? Polys sehen darin eher ein Gebot, Monos ein Verbot – und erliegen dem Verbotenen dann umso leichter. Besser, man richtet sich auf das Positive aus, sonst riskiert man, dass der Fokus auf das Abgelehnte eine quasi-dämonische Eigendynamik entwickelt

Sei mir treu!

Treu?
Treu?

Wer hat die Lufthoheit auf dem Gebiet der Definition der Treue? Die Erfahrung legt nahe, dass es anscheinend die Weltanschauung der Monos ist. Denn fast ausnahmslos wird auch hier das Wort Treue verstanden als Verzicht auf Sexualität mit einem anderen Partner als dem, mit dem man gerade aktuell "zusammen" ist. Ein Verzicht. Da weiß ich dann, was ich nicht soll. Aber was soll ich?

In der Wikipedia wird das umkämpfte Wort so definiert: "Treue ist eine Tugend, die die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder irgendeiner Sache ausdrückt". Fokussiert auf die Liebesbeziehung wäre das die Verlässlichkeit gegenüber einem Liebespartner (oder Liebespartnern).

Positiv oder negativ

Worin aber soll der Partner denn nun verlässlich sein? Ich könnte zum Beispiel darin verlässlich sein, dass ich meine Geliebte weiterhin liebe, komme, was da wolle. Das wäre eine positive Definition. "Denn alle Lust will Ewigkeit", so brachte Nietzsche dieses sehr menschliche Bedürfnis auf den Punkt: Etwas, das es gibt und das mir gefällt oder gut tut, soll so bleiben, bis in alle Ewigkeit. Die Lust möge mir treu sein! Und wenn du es bist, der sie mir gewährt oder verschafft, dann bitte sei du mir treu!

Man kann Treue aber auch negativ definieren: als die Verlässlichkeit, dass ein Liebespartner keine anderen liebt. Das ist die in unserer Gesellschaft übliche Definition. Man meint damit etwas, von dem man nicht will, dass es eintritt: Die Untreue soll nicht eintreten. Ob der positive Inhalt des Treueversprechens (das Gebot gegenüber dem Verbot) dabei erhalten bleibt, scheint den meisten Leuten egal zu sein, das Verhindern einer Untreue ist ihnen wichtiger.

Sei mir nicht untreu!

Untreu?
Untreu?

"Ich bin ihm seit zehn Jahren treu", sagt eine Frau und meint damit, dass sie seit zehn Jahren mit keinem anderen Mann mehr Sex hatte. Ob sie in all den Jahren mit ihrem Mann Sex hat, ob sie ihn überhaupt liebt, ist damit nicht gesagt. Nur: Mit keinem anderen hat sie Sex! Sie hat das Verbot nicht übertreten, aber ob sie das Gebot eingehalten hat (wenn das Treueversprechen denn eins war), das bleibt offen.

Ich kenne keinen Menschen, dem Treue egal ist. Vielen ist das Verbot sehr wichtig: Du sollst mit keinem anderen (Sex haben, dich verlieben oder, wie bei Othellos Desdemona, vor keinem anderen Menschen ein Taschentuch verlieren)! Aber was wird mit mir, wenn du "mit keinem anderen" dies oder das tust? Was, wenn du deine Gunst auch mir nicht schenkst? Dann nützt mir deine Zurückhaltung gegenüber anderen doch kein bisschen.

Sei mir treu!

Mir ist es viel, viel wichtiger, dass deine Liebe zu mir erhalten bleibt, als dass du sie keinem anderen schenkst. Wenn es dir gut tut, sie anderen zu schenken, dann schenke sie, aber bitte erhalte dabei deine Liebe zu mir! Das ist mein Wunsch nach Treue. Ich nenne dies die positive Definition, und ich meine, dass sie mehr Glück bringt als die negative. Sie hat dieselben Vorteile, die das positive Denken gegenüber dem negativen hat: Sie fokussiert auf das Positive (deine Liebe zu mir) und fördert es dadurch. So besteht die Chance, dass das Negative (deine Liebe zu anderen) durch Nichtbeachtung verkümmert wie eine Pflanze, die man nicht gießt.

Andererseits: Schade, um die nicht gegossenen Pflanzen, es könnten ja auch sehr schöne darunter sein, nicht nur Unkraut. Vielleicht sind deine anderen Liebesbeziehungen ja gar kein störendes Unkraut, sondern tragen zu deinem Lebensglück bei. Dann wirst du umso glücklicher von ihnen immer wieder zu mir zurückkehren, so dass auch ich von diesem Glück profitiere.

Das Unbewusste löscht das Nein

Millionen von Paaren lieben sich nicht mehr, in beiden Bedeutungen: Sie lieben sich selbst nicht mehr und einander nicht. Aber sie sind einander insofern treu, als sie ihre Liebe auch keinem anderen schenken. Sie haben einen hohen Zaun um den Garten ihrer Liebe gezogen, die Beschäftigung mit dem Zaun aber hat sie den Inhalt des Gartens vergessen lassen. So haben sie das Untreue-Verbot eingehalten ("Du sollst keinen anderen lieben außer mir"), das Ergebnis aber ist ein sehr Trauriges: Sie haben das Verbot eingehalten und dabei das Gebot vergessen. Vielleicht, weil es nicht im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stand, dass Treue auch ein Gebot sein könnte: die Aufforderung, etwas Gutes zu erhalten.

Untreueverdacht?
Untreueverdacht?

So wie ein Mensch, der sich darauf fokussiert nicht krank zu werden, leichter krank wird als einer, der es darauf anlegt, gesund zu bleiben, denn die Ausrichtung der Aufmerksamkeit schafft Wirklichkeiten. Das Unbewusste kennt keine Negation sagen die NLPler dazu. Es löscht das Negationszeichen einfach, so wie wir es in vielen sprachlichen Floskeln auch tun, nicht wahr? Es ist wahr, will ich damit sagen, und die Folge ist: Wer es darauf anlegt, "nicht krank" zu werden, erteilt dem Unbewussten damit die Botschaft, krank zu werden, denn das "nicht" wird dabei gelöscht. Sagen diese Therapeuten. Das ist nicht völlig richtig, meine ich, sonst hätte auch die Aufforderung, nicht bei Rot über die Kreuzung zu fahren, viele Unfälle zur Folge, aber es ist doch was dran.

Definitionshoheit

Polyamor Liebende tun gut daran, das zu beachten: Es geht hier um die Definitionshoheit des Begriffs "Treue"! Den scheinen die monogam Liebenden für sich gepachtet zu haben, so sehr, dass es ihnen sogar gelungen ist, ihre Negativ-Interpretation - die Fokussierung auf das Verbot - den Polys aufzuzwingen, die das Wort nun auch brav im herkömmlichen Sinn verwenden: Treue heißt, etwas nicht zu tun.

Zurück zur Definition im meist benutzten Lexikon unserer Zeit: Treue ist die Verlässlichkeit eines Akteurs. Worin soll er verlässlich sein: darin, etwas zu tun oder darin, etwas nicht zu tun? Sogar von einem Finanzverwalter oder Fondmanager würde ich in erster Linie wollen, dass er mein Geld gut verwaltet, es gut einsetzt oder gut anlegt und nicht, dass er mich nicht betrügt (oh Gott, bei dieser dreifachen Verneinung kommt auch mein Unbewusstes kaum mehr mit). Eine Million falsch angelegt, so dass es weg ist, das finde ich schlimmer, als 10.000 von der Rendite betrügerisch aufs eigene Konto überwiesen zu haben. Und das sogar im Falle von Geld, das doch in vieler Hinsicht eher ein Nullsummenspiel ist als Liebe.

Liebe ist kein Nullsummenspiel

Treue als wichtige Beziehungsgrundlage?
Treue als wichtige Beziehungsgrundlage?

Wenn ich mir Loyalität wünsche, dann wünsche ich mir, dass du zu mir stehst und nicht, dass du anderen deine Hilfe und Unterstützung versagst. Ich wünsche mir reich zu sein und nicht, dass andere arm sein mögen. Ich wünsche mir geliebt zu werden und nicht, dass (auch) anderen Liebe versagt bleibt. Ich möchte, dass ich viel bekomme (Liebe, Essen, Freiheit) - ob irgend jemand mehr von dem bekommt, was ich begehre, ist mir, wenn ich genug bekomme, fast egal.

Liebe ist kein Nullsummenspiel. Sie ist kein begrenzter Kuchen, der zwischen den Hungrigen aufgeteilt werden müsste. Es ist wie im Märchen von der unendlichen Vermehrung: Je mehr Liebe ich gebe, desto mehr habe ich davon!

Jemandem Zeit zu schenken ist etwas ganz anderes, denn Zeit ist begrenzt. Der Tag hat nur 24 Stunden, das Leben nur 70 oder 80 Jahre. Diese Stunden, Tage und Jahre kann ich nicht mit allen verbringen, da muss ich mich entscheiden, mich einschränken. Wem ich wie viel von meiner kostbaren Lebenszeit schenke, ist wichtig, aber das ist noch nicht alles. Insofern Liebe mehr ist als nur Zeiteinteilung, gilt: Je mehr davon, desto besser!

© Wolf Schneider

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Kommentare

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*geschlossen*


Wir möchten uns an dieser Stelle für die rege Beteiligung bedanken.

Treue ist somit auch immer eine "Definitionsfrage "

mit verlaub...


Und ich stimme @Trigon uneingeschränkt zu. Ich bin treu. Und das schon 31 Jahre.


und eure ausflüge zu anderen menschen, sind keine untreue, da es bekannt war...???

seine sehnsüchte ausleben zu können. oder, jene nicht ausleben zu können, sagen über den wert treue erst was aus, wenn dies als sehnsüchtiges problem auftritt...

und nicht gelöst werden kann...


der rest ist ein frommer wunsch!...

es wäre schlimm, wenn Menschen nicht treu sein könnten. Nicht nur in Beziehungen, auch sich selbst und anderen Menschen oder Dingen, die ihnen etwas bedeuten.

Eine Beziehung hat eine Basis und dieser Basis bin ich treu. Die Grundlagen dieser Basis beruht auf Vertrauen und Zuverlässigkeit. Auf Ehrlichkeit und Offenheit.

Und ich stimme @Trigon uneingeschränkt zu. Ich bin treu. Und das schon 31 Jahre.


lg Ralf

Treue heisst den richtigen Partner gefunden zu haben, gemeinsam
neue Ideen finden damit Sex nicht langweilig wird, den Partner nicht teilen zu wollen

Treue heißt, nicht fremdzugehen. Insoweit finde ich die o.g. Beschreibung etwas weitab vom Begriff. Ist man treu, weil man den richtigen Partner fand, ideenvollen Sex hat und den Partner nicht teilen will?


Ich glaube nicht, dass körperliche Treue auf Dauer funktioniert, nicht in dem Sinne wie der TE das Wort "Treue" definiert.. als Gebot, Verbot oder als Treueschwur....
Wer sich ewige Treue verspricht, ist verloren.
Und wenn er wirklich daran glaubt, ist er von allen guten Geistern verlassen.

Holla! Ich glaube, es gibt Millionen von Menschen, die nicht das geringste Problem damit haben, absolut treu zu bleiben. Ich beispielsweise.

die goldwaage des lebens, wiegt schwer, an dem menschen, und an seinen wörtern...

Ich glaube nicht, dass körperliche Treue auf Dauer funktioniert, nicht in dem Sinne wie der TE das Wort "Treue" definiert.. als Gebot, Verbot oder als Treueschwur....

Wer sich ewige Treue verspricht, ist verloren.


Und wenn er wirklich daran glaubt, ist er von allen guten Geistern verlassen.

*skeptisch*
Treue ist...

Hallo,
Treue heisst den richtigen Partner gefunden zu haben, gemeinsam
neue Ideen finden damit Sex nicht langweilig wird, den Partner nicht teilen zu wollen, aber andere Möglichkeiten einzubauen um Neues kennen zu lernen, für vieles offen zu sein. sich zu vertrauen!
Das Gegenüber zu akzeptieren, eine eher breit gefächerten Horizont zu haben und dazulernen zu wollen!
Bytchan05

Ich bezweifle, daß die Einmischung jemals aufhört. Auch nicht von rechtlicher Seite.
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Der Autor
Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. Gründung der "Schule der Kommunikation" (2005). Autor von "Tantra – Spiele der Liebe" (1. Aufl. Rowohlt 1994) und "Ohne Dich wäre ich ein anderer" (Königsfurt 2004), Kontakt:
connection Tantra special
Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von der Zeitschrift connection Tantra special zur Verfügung gestellt.
Sei mir treu!
Geist und Materie, Glauben und Wissen, Herz und Verstand widersprechen sich nur scheinbar. Religion und Sex, Spiritualität und Ökologie, Selbstverwirklichung und soziales Handeln sind auf natürliche Weise miteinander verbunden. Die Zeitschrift connection steht mit ihren Beiträgen zu Spiritualität, Liebe und Bewusstsein für religiöse Toleranz, Humor und ein ganzheitliches Verständnis von Mensch und Natur.
Die aktuelle Ausgabe "connection Tantra special # 85" steht unter dem Thema "Dich alle liebe ich! Der Trend zur Polyamorie und die ewige Frage: solo, mono oder poly, was macht am glücklichsten?" und kann in gut sortierten Zeitschriftenläden erworben werden.
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