Polyamory, ein in den letzten Jahren immer bekannter werdendes Beziehungskonzept, war auch im JOYclub bereits mehrfach Thema. Es ging um Menschen, die Einheit in der Vielfalt finden, um das schwierige Zusammenbringen aller Interessen von Partner und Nebenpartner, um die sich mit neuen Beziehungskonzepten verändernde Auslegung des Treuebegriffs und sogar Polyamoryklischees kamen auf den Tisch.
Unser Mitglied Frau Khaos von TerrorUndKhaos präsentiert euch nun ihre ganz eigene Sicht auf das Thema "Polyamory", was sie damit verbindet, wie sie zu ihr fand und wie sie sie lebt.

- Inhaltsverzeichnis
- Polyamory beruht auf Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit und Liebe
- Bisexualität und BDSM säumen meinen Weg zur Polyamory
- Zwei Menschen zur gleichen Zeit lieben … Ist das Polyamory?
- Meine glückliche Ehe auf dem Prüfstand
- Ich bin polyamorös und stehe dazu!
- Polyamory und Treue?
- "Ich liebe euch alle!"
- Kommentare
Polyamory beruht auf Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit und Liebe
Polyamory. Was ist das eigentlich? Bevor ich euch meine Geschichte erzähle, möchte ich euch Polyamory aus meiner Sicht erklären. Das Wort Polyamory beinhaltet "poly" für "viele" und "amor" für "Liebe". Somit heißt es im Endeffekt nur: Viele Lieben. Natürlich liebe ich viele Menschen: Meine Eltern, meine Tanten und Onkel, meine Freunde - mag der ein oder andere vielleicht jetzt denken. Aber ist man deswegen polyamorös? Nein!
Polyamory bedeutet für mich – entgegen der weit verbreiteten Meinung – nicht, dass man eine "offene Beziehung" führt und somit einen "Freifahrtschein" zum ungehemmten Geschlechtsverkehr mit jedem hat, sondern dass man die Fähigkeit besitzt, mehr als einen Menschen zur gleichen Zeit lieben und begehren zu können. Diese Liebe ist dann auch die, wie sie zwischen Partnern stattfindet und nicht die Liebe zum eigenen Kind oder zur Verwandtschaft.
Polyamory wird ja oft und gerne so hingestellt, als wäre das alles ein fröhliches, sexuelles Bäumchen-wechsle-Dich gänzlich ohne Streit oder Eifersucht deswegen. Aber diese Annahme ist meiner Meinung nach falsch. Dieser Lebensstil ist weder gleichzusetzen mit dem Swingen oder mit Seitensprüngen, wildem Rumgepoppe oder ähnlichem. Polyamoröse Beziehungsgeflechte basieren auf Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit und Liebe. Ein gleichberechtigter Umgang miteinander ist in dieser Art der Beziehungsform sehr wichtig.
Bisexualität und BDSM säumen meinen Weg zur Polyamory
Heute bin ich 24 Jahre alt. Ich habe schon so manches erlebt – auch wenn mancher, der älter ist, das wohl belächeln mag. Aber bedenkt: Nicht jeder hat z. B. mit 30 die gleiche Lebenserfahrung – der eine hat mehr, der andere weniger. Warum? Weil jeder einen anderen Weg durchs Leben geht – den eigenen Weg, und dieser differiert von Mensch zu Mensch. Also: Ich bin 24 – und dabei nicht nur bisexuell und leidenschaftlich pervers, sondern eben auch polyamorös veranlagt.
Meiner Bisexualität bin ich mir bereits mit 12 bewusst gewesen, BDSM lebe ich seit meinem 16. Lebensjahr aus und seit ich 22 bin, kann ich mir eingestehen, dass ich polyamorös bin.
Aber Eins nach dem Anderen. Mit 12 die erste Frau "im Bett" gehabt. Mit 14 den ersten festen Freund gehabt. Nach etwas mehr als einem Jahr festgestellt, dass es einfach nicht mehr funktioniert. Beziehungsende. Schmutzige und böse Fantasien gehabt – das war der Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe, zu recherchieren, was das ist, was mir da durch den Kopf geht. Irgendwann habe ich dann dafür einen Namen gefunden: BDSM. Dann noch mal eineinhalb Jahre eine Beziehung zu einem "StiNo", den ich aber mehrfach mit meinen ersten Doms betrogen habe. Warum ich das getan habe? Das wusste ich weder damals – noch weiß ich es heute.
Zwei Menschen zur gleichen Zeit lieben … Ist das Polyamory?
Dann – mit 17 Jahren – stellte ich fest, dass irgendwas "anders" und "nicht richtig" ist. So habe ich mich damals in einen Mann verliebt und eine Beziehung begonnen. Und mich dann in einen weiteren Mann verliebt. Damals habe ich beide geliebt, aber auch beide betrogen – mit dem jeweils anderen. Und bei alledem konnte ich mir nicht eingestehen, dass ich eben beide liebte. Ich redete mir ein, dass "der andere" nur eine Affäre ist und ich nur den einen lieben würde. Irgendwann habe ich dann meine Beziehung beendet und erkannt, dass ich den Mann, der eigentlich "nur" eine Affäre gewesen war, wirklich liebte. Dann wusste ich, was ich die ganze Zeit getan hatte, was ich letztendlich beiden angetan hatte.
Und dann – als ich mir dessen bewusst geworden war, nach gemeinsam durchstandenen Schicksalsschlägen, nach gemeinsamer Trauer, gemeinsamen Höhen und Tiefen - stirbt dieser Mensch Ende 2006. Und dann stand ich plötzlich ganz allein da. Aber ein Denkprozess hatte eingesetzt, der mir in meinen darauf folgenden Beziehungen einiges leichter machen sollte.
Ich fing an, mich mit mir selbst zu beschäftigen und endlich konnte ich sagen: Ich habe zwei Männer zur gleichen Zeit geliebt, begehrt. Und das nicht nur einmal. Wieder begann ich zu recherchieren, so wie mit 15 beim Thema BDSM, nur dass das Suchergebnis jetzt Polyamory hieß. Die Fähigkeit, mehr als einen Menschen zu lieben. Aber ich war ja gar nicht polyamorös, denn Polyamory erfordert Offenheit, Ehrlichkeit und Konsens. Und wenn die Heimlichkeit vorherrscht – dann ist es "nur" Betrügen. Irgendwie wollte ich mir wohl nicht eingestehen, dass ich polyamroös bin.
Meine glückliche Ehe auf dem Prüfstand
Mit 19 dann habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Mit 20 bin ich mit ihr zusammengekommen und kurz nach meinem 21. Geburtstag habe ich sie dann geheiratet (eingetragene Lebenspartnerschaft). Wenn ich in mich hineinhorche, und einmal lausche, was mein Herz und meine Seele dazu eigentlich sagen, kann ich folgendes hören: "Wir gehen nie auseinander." - damit sind natürlich ich und meine Frau gemeint. Und wenn ich mir diesen Satz selbst leise sage, dann weiß ich, dass da aus mir die Stimme meiner Treue spricht - aus Liebe.
Nach einem Jahr Ehe dann aber, als ich 22 war, trat jemand in mein Leben, ein dritter, mit dem ich eine aufregende Zeit verbrachte, voll mit Sex und Gefühl. Und voll mit lauter Genuss und aufregend Neuem war mein Leben so laut, dass ich die zarte Stimme meiner Treue nicht mehr gehört habe.
Doch irgendwann während diesem ganzen Abenteuer traf es mich wie ein Schlag: Scheiße - was machst du da eigentlich? Ach ja, du führst eine offene Ehe - alles easy also! - oder doch nicht? Plötzlich zweifelte ich an mir, ich hatte die gleichen Gefühle wie immer für meine Frau - aber auch für diesen Mann hatte ich Gefühle. Aber das durfte nicht sein, das konnte nicht sein, das war nicht richtig und so einen Scheiß wie Polyamory gibt’s eh nicht.
Meine ersten Gehversuche als Mehrfachliebende, abrupt gestoppt durch meine Selbstzerrissenheit zu diesem Zeitpunkt, die wohl daher kam, dass meine Ehe zu diesem Zeitpunkt einfach noch zu jung war - gerade mal ein Jahr alt - und im Inneren noch nicht gefestigt genug war, um Platz für weitere Personen zu haben. Meine Ehe hat in diesen Monaten sehr gelitten, so sehr, dass sowohl ich als auch meine Frau mehr als einmal kurz davor waren, die Koffer zu packen.
Ich bin polyamorös und stehe dazu!
Aber wir haben diese Prüfung unserer Liebe gemeinsam gemeistert. Hand in Hand. Meine Frau hat alle meine Fehltritte in dieser Zeit akzeptiert. Meine Frau liebt mich. Ich liebe meine Frau. Meine Frau und mich verbindet eine freie Liebe, wir führen eine offene und eifersuchtsfreie Partnerschaft, wir lieben und respektieren uns und Polyamory gibt es wirklich - und sie ist wirklich lebbar.
Ich habe für mich nun gelernt, dass ich polyamorös bin und gelernt, das zu akzeptieren. Ich habe gelernt, was Polyamory bedeutet, was es heißt, Polyamory wirklich zu leben. Ich kann nun offen, ehrlich und mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten meine Liebe leben. Mit einem anderen Partner als meiner Frau wäre das vielleicht nicht möglich.
Polyamory und Treue?
Ich lege übrigens sehr großen Wert auf Treue - ja tatsächlich. Die lässt sich übrigens ganz wunderbar mit Polyamory / einer offenen Partnerschaft vereinbaren - aber eben nur, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass Treue nichts mit einem Verbot, einem Schwur oder einem Vertrag zu tun hat.
Treue ist ein echtes Liebesverhältnis zu einem (oder eben auch mehreren) Menschen. Ich bin diesem/diesen Menschen treu, weil ich ihn/sie liebe. Treue heißt, da zu sein für den Menschen, den man liebt. Treue ist Freundschaft und Solidarität, Vertrauen, sich kennen, ein Gefühl von Liebe und Verbundenheit, ein aktives Ja zu einem anderen Menschen. Treue heißt ehrlich zu sein, einander zu unterstützen, einander immer wieder neu begegnen, Entscheidungen zusammen treffen. Liebe kann man nicht an die Bedingung knüpfen, nur mit einem einzigen Menschen ins Bett zu gehen. Treue ist Liebe - und Liebe ist Vieles, aber niemals ist sie Eines: Verzicht. Ich denke, dass man nur dann dauerhaft treu sein kann, wenn man auch andere lieben darf.
"Ich liebe euch alle!"
Abschließend gesagt kann ich jetzt zu meinen Partnern sagen: Ich liebe dich – und dich – und dich. Ich liebe euch – alle, von Herzen. Ihr seid ein Teil meines Lebens und ich möchte mein Leben mit euch verbringen. Polyamory ist für mich zu einem Lebensgefühl geworden – es ist mein gelebtes Lebensgefühl, das ich für mich gefunden habe. Dieses Lebensgefühl hat mich in meiner persönlichen Entwicklung mir selbst einen Schritt näher gebracht. Mir selbst einzugestehen, dass ich polyamorös veranlagt bin, hat mich vieles anders sehen lassen als zuvor.
Polyamory ist nicht immer einfach. So zu leben, erfordert viel Stärke und Offenheit von allen Beteiligten. Als Teil eines polyamorösen Beziehungsgeflechtes wird man immer wieder kleine Kämpfe austragen müssen. Sei es, weil in einer der Beziehungen etwas schief läuft, sei es wegen den Vorurteilen der Mitmenschen oder wegen der landläufigen Meinung über Polyamory.
Aber wenn ich dann sehe und erkenne, dass mein Leben jeden Tag ein bisschen schöner wird, weil es mir gut geht, weil ich mein Leben genießen kann, so wie es ist, frei von Zwängen und Dogmen, dann weiß ich: das ist es wert.





