Für viele Menschen ist Polyamory unvorstellbar. Mitunter bringen sie jenen, die mehr als eine Person lieben, auch Unverständnis und Intoleranz entgeben. Die Redaktion des PO Magazin hat sich der Polyamory mal genauer gewidmet und u.a. auch Vorurteile und Klischees unter die Lupe genommen.
Von zwei Frauen verlassen?
Es gibt eine kleine Geschichte, die ich häufig und gerne erzähle und die immer wieder gemischte Reaktionen hervorruft. Die Geschichte an sich ist in diesem Fall eher unwichtig. Es geht darum, wie ich eines Abends, nach einem Horrorfilm mit meinen damaligen Freundinnen, vorgab, die Wohnung zu verlassen, mich in der Garderobe versteckte und wenig später begann unheimliche Geräusche zu produzieren und meinen inneren Serienmörder freiließ, um beide Damen laut kreischend (die Mädels, nicht ich) mit Maske und Messer durch das Wohnzimmer zu jagen.
Pointe der ganzen Sache ist, dass ich viel Spaß hatte und von beiden Frauen, die die Aktion gar nicht lustig fanden, verlassen wurde. "Beide Mädels?", werde ich dann immer irritiert gefragt. Was ich denn damit meinen würde, hakt Frau oder Mann dann nach, um sich schließlich verblüfft, abgestoßen oder interessiert zu zeigen, wenn ich erkläre, dass ich mit beiden Frauen zusammenlebte und auch mit beiden ein sexuelles Verhältnis unterhielt.
In polyamoren Verhältnissen aufgewachsen

Was für die Meisten ein Grund ist, um mich ab sofort zu meiden und auf Partys nicht mehr zu grüßen, ist für mich eigentlich etwas ganz Normales. Bereits mit zehn Jahren lebte ich das erste Mal in einem polyamoren Haushalt, als meine Eltern (beide Künstler und Freidenker) mir erklärten, dass eine "ganz liebe" Freundin samt ihrer beiden Kinder zu uns ziehen würde. Dass besagte Freundin zwar ein eigenes Atelier und ein eigenes Wohnzimmer bekam, aber ihr Lager ansonsten im Schlafzimmer meiner Eltern aufschlug, verwunderte mich dann auch nicht lange und so wurde E. für die nächsten sechs Jahre ein fester Bestandteil meines Zuhauses.
Nicht dass ich sie irgendwie als zweite Mutter gesehen hätte, es war eher so, dass die Geliebte meiner Eltern auch mir eine gute Freundin wurde, die mit mir Hausaufgaben machte, mir Schokolade schenkte und ein offenes Ohr für mich hatte, wenn es Probleme gab, über die ich mit meinen Eltern nicht reden konnte.
Das Aufsehen und Getuschel, das mit dieser offen zur Schau gestellten Liebes-Konstellation in unserem Ort hervorgerufen wurde, war mir unverständlich. Auch das mein Vater zum Pascha und die beiden Frauen zu Dirnen erkoren wurden, war für mich eher schmerzlich als natürlich, und dennoch war ich bereit genau dieses Getuschel auf mich zu nehmen, als ich während einer Ausstellung Jennifer und Ari kennen lernte, und nach und nach in eine Beziehung mit beiden Frauen rutschte, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren ein Paar waren.
Vorurteile und Klischees von Polyamory
Ein Umstand, der den meisten etwa so normal wie rosa Stacheldraht vorkommt. Frauen verstehen nicht, wie zwei Frauen sich einen Liebhaber teilen können, während die Männer es eher bizarr finden, dass ich beide Frauen wirklich liebte und auch mit beiden eine romantische Verbindung hatte. Neulich fragte mich meine jetzige Freundin, ob mir die ganzen Vorurteile auf die man als polyamor lebender Mensch stößt, nicht zu lästig wären.
Klar ist das nicht immer schön, was man sich anhören muss, denn die meisten gehen davon aus, dass "Polyamore" Schlampen und Hurenböcke sind. Menschen, die sich nicht festlegen können, die triebhaft immer neue Kicks suchen, sich von niederen Instinkten leiten lassen, ohne Moral und Werte sind, und sich promiskuitiv und unkontrolliert durch die Betten des Landes schlafen.

Als ich meine Kollegin Alice fragte, wie sie sich denn ein solches Zusammenleben im Alltag vorstelle, sah sie mich eine Sekunde lang an und meinte dann, ohne lange nachzudenken: "Etwa wie bei einer römischen Orgie, nur ohne Toga. Mit Wein, Drogen und Vielweiberei. Hier und da ein paar perverse Sodomiten über die Laken gestreut und ansonsten wie auf einem Haremsfresko." Ein Klischee wie aus dem Lehrbuch.
Ein anderes Vorurteil ist, das wir unbelehrbare Abenteurer ohne Ziel im Leben sind. Dass wir nur den sexuellen Kick suchen, aber ansonsten nicht gewillt sind, uns als ehrbare Mitglieder der Gesellschaft in den monogamen und somit normalen Alltag zu fügen. Was wiederum die Frage aufwirft, was denn falsch am polyamoren Lebensstil ist. Kann man nicht auch in einer Gruppe lebend Verantwortung zeigen? Kinder bekommen und aufziehen? Häuser kaufen und anspruchsvollen Berufen nachgehen? Das geht! Polyamore sind zur Erziehung und zur Hypothekenzahlung genauso fähig, wie alle anderen auch. Uns allen wird eingeimpft, dass die monogame Beziehung die einzig "wahre" Beziehungsform sei. Dass lebenslange Monogamie "natürlich" und alles andere "anormal" ist. Aber ist es das wirklich?
Monogamie versus Polyamory
Tatsächlich ist lebenslange Monogamie ein für Primaten relativ neues Konzept und macht uns, was Sexualität angeht, unter den Säugetieren einzigartig. Aber was gibt uns die monogame Beziehung, was die polygame uns vorenthalten könnte? Nichts! - Es gibt nichts, dass man mit einer "normalen" Bindung erreichen könnte, was man nicht auch in der Gruppe zuwege bringt. Auch Schlampen und Schwerenöter können erfolgreiche Geschäfte führen, können spirituell wachsen, zu sich finden, zueinanderfinden und gemeinsam wachsen, können, wenn sie wollen, Kinder haben und zusammen alt werden. Für viele scheint das unglaublich zu sein. Im Ansehen der Gesellschaft sind nur Mr und Mrs Right dazu imstande Probleme zu lösen und ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.
Ein anderer gesellschaftlicher Mythos ist der, dass du, wenn du dich verliebst, automatisch jedes Interesse an anderen Frauen oder Männern verlierst und du definitiv deine Frau nicht liebst, wenn du beim Gedanken an ihre Freundin oder an Shakira einen Ständer bekommst. Aber ist das so? Werden wir wirklich blind für andere Reize, "nur", weil wir jemanden besonderes lieben? Und wenn eine monogame lebenslange Verbindung die einzige richtige Lebensweise ist, wie kommt es, dass nur so wenige diese Art von Beziehung auf Dauer eingehen und das fünfzig Prozent aller Ehen in den ersten zwei bis sechs Jahren wieder geschieden werden?
Ich habe viele Freunde, die seit Jahren monogam leben und damit mehr als glücklich sind, aber wenn ich betrachte, wie viele Menschen unglücklich und auf der Suche nach Erfüllung von einer Beziehung in die nächste stolpern, lässt mich das das Konzept Monogamie auf jeden Fall anzweifeln.
Ein Blick in die Vergangenheit
Wirft man einen Blick in unsere kulturelle Vergangenheit, findet man schnell Beweise für meine These, dass Monogamie noch immer in den Kinderschuhen steckt. Egal, ob man sich mit den Ureinwohnern, dem römischen Reich oder dem frühen Christentum beschäftigt. Letztere sah in ihren Ursprüngen eine monogame Beziehung nur für solche vor, die nicht fähig waren, das Ideal, nämlich zölibatär zu leben, einzuhalten. Die Vergangenheit trieb allerlei bizarre Blüten, was Sexualität und Beziehungen angeht und war reich an allen erdenklichen Konstellationen, sei es nun Polygynie (mehrere Ehefrauen), Polyandrie (mehrere Ehemänner) oder Gruppenehen.
Ebenso gab es Gesellschaften, in denen die Ehe lediglich als Basis für Haus und Hof diente und die ansonsten von jeglicher Sexualität getrennt war; dann gab es natürlich die berüchtigten Orgien, genauso wie rituellen Gruppensex. Aber das ist ja auch finsteres Mittelalter, verteidigte mein Freund seine Ehe, als ich ihm diese Fakten aufzählte, und übersah dabei, dass sich polyamore Beziehungen auch in unserer jüngsten Vergangenheit ein Namen gemacht haben.
Einen recht berühmten Namen noch dazu, denn wer sich mit dem Thema beschäftigt, findet überraschend viele Prominente, die sich gegen die Liebe zu zweit entschieden haben. Große Köpfe wie Berthold Brecht, Sartre, de Beauvoir und Amelia Earhart unterhielten Mehrfachbeziehungen, wie auch Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton, die in einer polyamoren Beziehung mit dem Autor John Byrne (mit dem sie zwei Kinder aufzieht) und dem Künstler Sandro Kopp liiert ist.
Polyamory versus Swingen

Was denn meinen polyamoren Lebensstil von dem des durchschnittlichen "Swingers" unterscheiden würde, wollte der gleiche Freund von mir wissen. Ich muss gestehen, dass ich über Swinger nicht allzu viel weiß, außer, dass diese Bezeichnung so ziemlich alles sein kann, was im Niemandsland zwischen zwei regelmäßig miteinander schlafenden Paaren bis hin zu besagten Orgien liegt.
Vom Grundsatz her ist das gar nicht so weit von der Polyamory entfernt, mit dem Unterschied, dass es dabei nicht nur um Sex geht, sondern darum, in einer Gruppe von drei bis vier oder fünf wirklich miteinander zu leben, sich auch emotional & romantisch zu lieben und sich gemeinsam etwas aufzubauen. Der Alltag unterscheidet sich in solchen Beziehungen drastisch von dem, was man sich so vorstellt. Während meiner Zeit mit Jennifer und Ari lief nichts, das es nicht auch in monogamen Beziehungen gibt und als polyamor lebender Mensch ist man auch nicht automatisch ein Sexathlet, der jede Nacht mit drei Frauen und zwei Männern gotteslästerlichen Gruppensex hat.
Der Versuch einer Definition
Befragt man Wikipedia zum Thema, wird man mit folgender Information versorgt: "Die Praxis, der Zustand, oder die Fähigkeit, mehr als eine liebevolle sexuelle Beziehung zur gleichen Zeit zu führen, mit vollem Wissen und Einverständnis der beteiligten Partner." Diese Definition ist inklusiv gedacht, und in diesem Zusammenhang beabsichtigt sie insbesondere nicht, "Swingen" völlig auszuschließen, sofern Menschen, die Letzteres praktizieren, sich selbst diesem Begriff zuordnen möchten.
Viele Swinger haben enge Beziehungen mit Sexualpartnern, als beste Freunde und als Beziehungspartner. Viele Menschen, sowohl in den Subkulturen der Swinger als auch der Polyamory, sehen beide Praktiken als ergänzende Teile einer Sichtweise an, die den offenen Umgang mit physischer und seelischer Intimität, Vertrautheit und Sexualität erlaubt und unterstützt.
Die beiden essenziellen Zutaten des Konzepts "Polyamory" sind "mehr als ein" und "liebevoll". Das bedeutet, dass die Menschen in solchen Beziehungen eine liebevolle Gefühlsbindung haben, in vielfältiger Weise in ihrem Leben in Beziehung stehen und für ihr gegenseitiges Wohlergehen sorgen.
Nach dieser Definition meint Polyamory also nicht die Ausübung von Sexualität als reine Freizeitbeschäftigung, Orgien, Promiskuität, heimliches Fremdgehen, "One-Night-Stands", Prostitution, die Praxis von sogenannter serieller Monogamie oder die gängige Definition von Swingen als Partnertausch im anonymen Rahmen."
Glücklich sein ist wichtig
Obwohl es immer Menschen in Mehrfachbeziehungen gab, und es mittlerweile immer mehr werden, die sich zu solchen Verbindungen bekennen, möchte ich Polyamory dennoch nicht als Trend bezeichnen. Dazu kommt noch das Wissen, dass der polyamore Lebensstil nicht für jedermann geeignet ist und es durchaus genügend Paare gibt, für die eine monogame Beziehung das ist, was für sie am besten funktioniert und sie glücklich macht.
Und genau darum geht es. Dass jeder, egal wie er oder sie seine Beziehungen lebt, glücklich ist. Kein Beziehungsmodell ist richtig oder falsch oder besser als das andere. Auch für mich ist Polyamory nicht das einzig Wahre, denn auch ich bewege mich glücklich in "geschlossenen" Beziehungen. Unterm Strich bleibt nur der Wunsch nach Verbindung, sei es seelischer oder sexueller Natur, und das ist doch, was beide Parteien verbindet.
Danielle de Santiago
www.danielle-de-santiago.com





