Die Schuhfee

Die Schuhfee

Sanft strich Matteo mit dem Daumen über das feine Ziegenvelours während sein Blick durch die Werkstatt wanderte.
Schachteln über Schachteln stapelten sich an der ihm gegenüberliegenden Wand, allesamt Hüter seiner Schätze, gefüllt mit feinsten Ledern aus aller Welt, handbezogenen Knöpfen, Bändern und kunstvoll gefertigten Schnallen.
Die Schnallen hatte ein Freund ihm geschenkt, jede einzelne war ein Meisterwerk, mehr denn je, denn dieser Freund war vor einem Jahr gestorben.
Etwa zu dieser Zeit hatten ausländische Investoren den gesamten Block im südlichen Teil von Florenz, nahe des Arnos gekauft. Lange hatte er gehofft, die geplanten Bauvorhaben eines Shoppingscenters, Kinos und mehrerer Hotels würden nie eine Genehmigung bekommen, doch seit einigen Woche lag dieses Schreiben in seiner Schublade, mit der Kündigung seines Mietvertrags und gleichzeitigen Aufforderung, dass er zum Ende des Sommers seine Werkstatt würde räumen müssen.

Matteo hatte sich nie wirklich darum bemüht, mit seinem Handwerk einen kommerziellen Erfolg anzustreben, ein größeres Geschäft oder mehr internationale Kundschaft zu haben.
Vor einigen Jahren hatte er ein Angebot zu Ferragamo zu gehen, doch er lehnte ab.
Seine Eigenständigkeit und seine kleine Werkstatt waren ihm lieber. Hier konnte er tun was er wollte. Er wusste jedoch auch, dass er nie wieder so eine schöne Werkstatt finden würde. Allein die Mietpreise waren so astronomisch hoch, dass er sie niemals hätte bezahlen können. Alles was er noch besaß lag in diesen Schachteln..

Es war ihm immer genug einen Frauenfuß mit dem Schönsten zu veredeln, was möglich war. Und möglich war so vieles.
Er kannte all die Stellen, die bei minderwertigen Schuhen ihrer Trägerin große Pein oder im besten Fall nur eine lästige Blase bescherten. Riemchen, die, wenn sie nicht mit Velours unterfüttert waren, oder auch nur einen halben Zentimeter am falschen Platz einen hässlichen roten Striemen erzeugten.
Er dachte mit einer gewissen Wehmut an diese rote Striemen und Druckstellen, die für ihn immer wieder aufs Neue ein Ansporn waren, mit seinen Händen einen Fuß zu erkunden, seinen Leisten zu erfassen und zu lernen. Manchmal war es ein schlampig eingenähtes Blattfutter, ein fehlendes Ballenkissen oder einfach nur eine billige Naht, die sich mit ständigem Druck ins Fleisch gruben.

Zärtlich blickte er auf die Zedernholzleisten, die nebeneinander gereiht auf einem Regal standen. Jeder mit einem Namen versehen. Auf dem letzten stand in schwarzen Buchstaben "Mariella", der Name seiner letzen Freundin. Sie hatte wunderbare Füße. Ein winzigen Tick zu hoch im Spann, mit griechischen Zehen, was bedeutete, dass der zweite Zeh länger war als der erste und einer so anbetungswürdigen Achillessehne, dass er nur Schuhe für sie fertigte, die an der Ferse offen waren. Niemals ein höherer Absatz als 8 cm, denn nur so konnte der vollendete Schwung dieser Sehne am besten zur Geltung gebracht werden. Sie liebte Stiefel über alles und es kostete ihn oftmals erhebliche Überredungskünste, sie davon zu überzeugen, ihre schmalen Zehen und leicht ovalen Zehennägel in offenen Schuhen zu zeigen.
Sie hatte ihn vor einigen Monaten verlassen wegen eines Steuerberaters und alles was ihm von ihr geblieben war, war dieser Leisten mit ihrem Namen in Größe 4.
Das letzte Paar, welches er für sie gemacht hatte, hatte sie nicht einmal mehr abgeholt. Ein paar Slingpumps aus spanischem Saffianleder, feuerrot eingefärbt und mit gekreuzten Bändern aus lederunterfütterter schwarzer Spitze über den Riss mit einem Fesselriemen in welche er kleine schwarze flach geschliffene Jettperlen eingenäht hatte.

Er würde alles verkaufen müssen um auch nur einen Teil seiner Schulden bezahlen zu können. Auch ihre Schuhe, die sie niemals getragen hatte.
Seine Freunde hatten ihm mehr als einmal ins Gewissen geredet, sich mehr darum zu bemühen neue Kunden zu finden, mehr in Öffentlichkeitsarbeit zu investieren, doch er hatte nicht auf sie gehört und irgendwann haben sie wohl aufgegeben ihm gute Ratschläge zu geben.
Er wusste, dass wenn er diese Werkstatt schließen würde, es keinen Neuanfang geben würde. All seine Hingabe und seine Erinnerungen waren in diesen Wänden geborgen.

Wie jeden Tag schloss er um die Mittagzeit seine Werkstatt, um zu Umberto zu gehen, der ein kleines Café um die Ecke besaß. Er setzte sich zu ihn an die Bar, meist sprachen sie über belanglose Dinge während er sein Pannini verzehrte und einen Doppio dazu trank.
Gedankenverloren blickte er auf die Strasse, als er die kleine blonde Amerikanerin bemerkte, die sich an einen der Tische gesetzt hatte und hektisch mit ihrem Handy sprach. Matteos Englisch war viel zu schlecht, als dass er verstehen konnte, was diese Dame im Stakkato in ihr Telefon sprach. Das einzige Wort, welches er verstand, war das Wort "shoes". Immer wieder sagte sie dieses Wort.
Er beobachtet sie noch einen Moment, bis sein Blick hinunter zu ihren Schuhen wanderte.
Und dann sah er das Malheur. Ein Riemen ihrer silbernen Sandalen war gerissen, direkt unter dem Quartierfutter, und so derart auffällig, dass er ihrer kleinen Zehe keinen Halt mehr gab.
An der Machart der Schuhe konnte er erkennen, dass es sich hier durchaus nicht um ein billiges Industrieprodukt handelte, sondern um eine feine Arbeit. Allein beim Vernähen dieses Riemens hatte sein unbekannter Kollege jedoch nicht die gebotene Sorgfalt aufgebracht.

Hektisch zappelnd und an ihrem Schuh rumnestelnd, schien die kleine Amerikanerin irgendwie verzweifelt. Er stand auf und ging zu ihr rüber.
"Excuse me, do you need help with you shoe?" fragte er in gebrochenen Englisch. Die Amerikanerin blickte irritiert zu ihm hoch. Sie redete so schnell, dass nicht verstand, was sie ihm antwortete.
"I can help you. I am a shoemaker.." versuchte er noch mal.
Sie legte das Handy zur Seite und sah ihn an. Ihr großen blauen Augen maßen ihn kritisch und zögernd antwortete sie. " You can help me? I have a meeting in half an hour and during this time of the day all shops are close, and I can't get any other Shoes.."
Er verstand dass sie dringend ein Paar Schuhe brauchte, sämtliche Geschäfte jedoch in der Mittagshitze geschlossen waren.
Er deutete ihr an, ihm zu folgen. Er spürte fast ihren kleinen Zeh, der haltlos fast das Pflaster berührte, während sie neben ihm lief.
Kaum hatten sie die kleine Werkstatt betreten, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie gab ihm ihren Schuh und setzte sich auf die kleine Bank neben den Leisten.
Er nahm ihren Schuh und betrachtete den Schaden. Sie tat ihm leid. Er wusste genau, dass er mindestens drei Stunden brauchen würde, um die Sohlennaht zu öffnen und den Riemen wieder neu zu vernähen. Er sah sie an, sie sah zauberhaft aus in ihrem roten Kleid und der fehlende Schuh an ihrem rechten Fuß rührte ihn. Eine perfekte Größe 4.
Etwas in ihm gab ihm einen Ruck, er stand auf und holte den Karton mit den roten Schuhen, die er einst für Mariella gefertigt hatte.
Er versuchte ihr zu erklären, warum er länger brauchen würde, als sie Zeit haben würde und dass er ihr gerne diese Schuhe als Ersatz anbieten würde.
Der Blick der Amerikanerin war auf die roten Schuhe fixiert. Er spürte in der Art wie sie sie entgegen nahm, dass sie sich bewusst war, ein Meisterwerk in den Händen zu halten. Ihre Augen begannen zu glänzen.
Mit sanften Händen half er ihr die Fesselriemen zu schließen.
Sie ging ein paar Schritte und sog die Luft ein, als habe ihr diesem Moment etwas den Atem genommen.
"They are perfect, oh my god! They are just perfect!!!!" Sie begann sich zu drehen und Matteo verfolgte mit gespanntem Blick seine Schuhe. Sie passten wie angegossen.
Sie fragte ihn, ob er noch mehr so wunderbare Schuhe hätte, ja sie hörte gar nicht mehr auf ihn mit ihren Fragen zu löchern.
Sein Blick senkte sich zum Boden, als er ihr erzählte, dass dies wohl die letzten Schuhe waren, die er gemacht habe, denn er müsse diese Werkstatt aufgeben, konnte sich nicht leisten in einem anderen Teil der Stadt eine neue zu eröffnen.
Ungläubig sah sie ihn an. " No! you will not give up! Your shoes are too wonderful.."
Er hätte sie umarmen können für dieses Satz.
Mit Entsetzen blickte die Amerikanerin auf ihre teure Uhr. " I have to go.. sorry". Sie kramte in ihrer Tasche, zog ein Portemonnaie hervor und gab ihm 500 Dollar.
Irritiert blickte Matteo auf das Geld in seiner Hand.
Sie lächelte ihn vielsagend an und meinte nur " they're worth it"... Mit diesen Satz drehte sie sich um und verließ den Laden. Sie hatte nicht einmal gesagt, wann sie ihre Schuhe abholen wollte.

Sie kam nicht, weder am nächsten Tag noch am übernächsten... Ihre Schuhe standen fertig repariert neben der Bank, aber sie erschien nicht mehr.
Zwei Wochen später erhielt Matteo ein Schreiben aus Amerika. Der Anwalt von Ms. Sarah Jessica Parker teilte ihm darin mit, dass es Ms. Parker eine Freude sei ihm folgenden Betrag zu überweisen, mit der Bitte, er möge ihr für die nächsten zwei Jahre soundsoviele Schuhe fertigen. Im Gegenzug würde Ms. Parker diese exklusiv auf öffentlichen Anlässen tragen.
Als er den Betrag las wurde ihm schwindelig. Es war mehr als eine neue Werkstatt, es war mehr als die besten Leder der Welt... es war genug für alles.
Der Star aus "Sex and the City", die Frau, die Manolo Blahnik zu Weltruhm verholfen hatte, hatte ihn und seine Schuhe erkoren, die Welt zu erobern.
Sie war die gute Fee... seine Schuh-Fee.

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