Spaziergang

Erläuterung

Auch hier eine Kurzgeschichte, in der acht zuvor festgelegte Begriffe vorkommen mussten. Zwei davon sind "schleierhaft" und "bekehren". Die anderen behalte ich für mich. Wer mag, kann ja mal raten.

Spaziergang

Die gedrückte Stimmung hatte ihn aus dem Haus getrieben. Sie verstanden sich einfach nicht mehr, seine Frau und er. Zuerst hatten sie immer häufiger gestritten, dann hatte resigniertes Schweigen die heftigen Wortwechsel abgelöst. Man hatte sich arrangiert mit dem Gefühl, den anderen schon lange nicht mehr zu verstehen, nicht mehr zu erreichen. An neun von zehn Tagen ließ es sich damit notgedrungen leben, aber heute war ein zehnter Tag. So einer, an dem die Atmosphäre in seinen eigenen vier Wänden ihn förmlich zu ersticken drohte.

So hatte er also den Mantel von der Garderobe genommen und auch den Schal. Es war bereits Ende März, aber die Luft war noch immer kühl. Wolken brauten sich am Himmel zusammen, es würde bestimmt demnächst Regen geben. Egal, er musste raus, nur raus hier. Grußlos ging er, ließ die Tür vernehmlich ins Schloss fallen. Sollte sie sich doch den Kopf darüber zerbrechen, wohin er ging. Sie glaubte sowieso schon seit Jahren, dass er sie ständig betrog. Was für eine Rolle spielten da noch seine Erklärungen, wenn sie längst ihre eigenen fand?

Er lenkte seine Schritte hinunter zum Fluss. Die Nähe zum Wasser hatte stets die wohltuende Eigenschaft, seine Gedanken zu klären, seinen Kopf zu reinigen. Er hielt sein Gesicht in den immer stärker werdenden Wind. Er kam vom Meer her, der Wind, das roch man. Das Licht war grau und bleiern, die Wolken hingen schwer. Fast schienen sie unmittelbar auf seinen Schultern zu ruhen. Er trat fest auf. Ganz bewusst brachte er mit jedem Schritt mehr Abstand zwischen sich und sein Haus. Dabei hatte dieses Haus ihr gemeinsames Refugium sein sollen. Er hatte es geliebt, es zu planen, es zu bauen, sich vorzustellen, wie es mit jedem Tag, mit jedem Stein, mehr zu seinem und ihrem Zuhause wurde. Jedes Teil im Haus war mit Liebe ausgesucht worden und er hatte sich gewünscht, nach vielen arbeitsreichen Stunden einfach nur dorthin zu kommen, in sein Heim. Zu ihr. In die Arme dieses Hauses, in ihre Arme.

Ihre Arme… seit er zurückdenken konnte, war dort der schönste Ort der Welt für ihn gewesen. Ihr Atem, ihr Haar, ihre Haut. Diese unvergleichliche Haut. Wie Alabaster, zart und durchscheinend, kühl und bleich. Er hatte sich nie sattfassen können an ihrer Haut. Musste sie berühren, sie streicheln, sie betasten, ihren betörenden Duft einatmen. Die Erinnerung daran ließ ihn für einen Moment in seinen Schritten innehalten. Sie nahm ihm den Atem und er musste sich an der Lehne einer Bank abstützen, um sie auszuhalten. Seit Monaten und Monaten ließ sie sich von ihm nicht mehr anfassen, entzog sich ihm, baute eine unsichtbare, aber sehr merkliche Mauer um sich. In ihrem letzten, heftigen Streit hatte sie mit Eiseskälte in der Stimme zu ihm gesagt „Was willst Du von mir? Ich bin Deine Frau. Ich bin nicht eine von den anderen. Von Deinen kleinen Wanderpokalen, die Du erringst, sie ein wenig befingerst und dann weiterreichst. Mach Dir die Hände an denen schmutzig, aber wage ja nicht, sie an mich legen zu wollen.“

Er hatte sie nie betrogen. Jedenfalls nie mit anderen Frauen. Er hatte sie um Zeit betrogen. Um gemeinsame Zeit. Er hatte sie zu viel, zu oft, zu lange allein gelassen. Wie sonst war sie auf die Idee gekommen, er träfe sich mit anderen Frauen? Er hatte oft versucht, in Gesprächen auf sie zuzugehen, hatte seinen Teil der Schuld an ihrer allmählichen Entzweiung eingeräumt, hatte Besserung gelobt. Er hatte begonnen, wichtige Projekte abzulehnen, hatte seine Arbeitszeiten drastisch zusammengekürzt. Aber es schien zu spät zu sein. Sie signalisierte es ihm zumindest so. Sie schien nicht nur völlig unbeeindruckt von seinen Bemühungen, sie schien voller Bitterkeit, voller Wut, ja, voller Abscheu ihm gegenüber. Woher diese Gefühle kamen, in dieser Ausprägung, mit dieser Macht, das war ihm schleierhaft.

Er ging weiter, fröstelte vor innerer und äußerer Kälte, schlug seinen Mantelkragen hoch und vergrub die Hände in den Taschen. Er fragte sich ein ums andere Mal, was er noch tun konnte, um sie wieder zu erreichen, um sie zurückzuholen, um sie wieder zu bekehren zum Glauben an ihre Ehe, an ihre Liebe. Er wollte nicht von ihr lassen, zu groß war die Sehnsucht nach ihr, nach der Frau, mit der er einst bunte Bilder von einer glücklichen Zukunft gemalt hatte. Zu groß auch die Angst, einmal in Einsamkeit und Leere zu enden, in schweigender, einander nicht mehr als duldender Co-Existenz, so wie er es daheim bei seinen Eltern erlebt hatte. Die Situation in seinem eigenen Haus, sie war eine bittere, höhnisch lachende Reminiszenz an das, was seine Eltern ihm und seinen Geschwistern damals als „heile Welt“ hatten verkaufen wollen.

Er wollte so nicht leben! Er wollte sie wieder lieben dürfen! Er wollte wieder gehalten werden, so wie in ihrer ersten gemeinsamen Zeit, wo die Welt um ihn herum hätte in Stücke zerfallen könne, in ihren Armen wäre es ihm gar nicht aufgefallen.

Das verzweifelte Sehnen bohrte sich schmerzend in seine Brust, er rang nach Luft, seine Wangen glühten, obwohl er fror. Ein wenig schwindelig fühlte er sich, ein paar unsinnige Tränen trübten ihm die Sicht. Also setzte er sich auf die nächste Bank. Er starrte hinunter auf das Wasser, das vom Wind zu kleinen, unruhigen Wellenhügelchen zusammengeschoben wurde. Dann begann es zu regnen. Erst drei oder vier schwere Tropfen, die auf den Steinplatten zu seinen Füßen zerplatzen, dann mehr. Noch mehr, immer mehr. Ein regelrechter Platzregen brach über ihn herein, während er noch immer bewegungslos auf der Bank saß. Bald sah er den Fluss vor sich nur noch verschwommen, wie durch einen Vorhang aus Wasser. Längst hatten die unzähligen Tropfen seine Tränen fortgewaschen, längst rann es ihm nass in den Kragen hinein, den Rücken hinab.

Er streckte die Arme nach beiden Seiten aus, blickte zum Himmel empor, bot sich dem Regen ganz an. Dann begann er zu lachen. Erst leise, in sich hinein, dann lauter und immer lauter, bis sein Herz für den Augenblick ein wenig Erleichterung spürte.

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