Mord in der Speicherstadt

Erläuterung

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag in einem Kurzgeschichtenthread. Die Spielregeln besagten, ganz bestimmte Begriffe in einem Text zu verarbeiten.

Leicht zu erraten sind vielleicht die Begriffe "Abziehpatsche" und "Brustimplantate", die ich vermutlich sonst in einem Krimi nicht zwingend verwendet hätte.

Alle anderen Begriffe bleiben mein Geheimnis. Ich finde auch, sie fügen sich sehr geschmeidig ins Gesamtbild.

Ich gedenke, die Kommissare Unrath und Hinrich und ihre Erlebnisse noch auszubauen, sie vielleicht irgendwann tatsächlich einen ganz großen Fall lösen zu lassen.

Bis dahin gibt es sie hier, in dieser Geschichte, mit der ich Genre-Neuland betreten habe. Und das nicht ohne Spaß dabei, wie ich hinzufüge.

Voíla:

Mord in der Speicherstadt - Kommissar Unraths letzter Fall

Der Morgen ergoss sich kühl, grau und düster über die Hamburger Speicherstadt, als die Kommissare Hinrich und Unrath zum Tatort gerufen wurden. Die historischen Gebäude reckten sich wie riesige Finger in den wolkenschweren Himmel und es roch nach Brackwasser. Der alte Hauptkommissar Unrath hatte noch drei Wochen bis zur Pensionierung und fluchte leise vor sich hin, während er den Mantelkragen hochklappte und die Hände in den Taschen vergrub.

"Noch drei verfluchte Wochen, dann steh ich zurfrieden mit der Gießkanne in der Hand in meinem Schrebergarten und ihr könnt die Morde schön ohne mich aufklären. Hätte der Mörder nicht noch DIESE drei Wochen warten können? Aber nein... es ist als wolle der Tod noch einmal mit seiner gierigen Klaue winken und mir noch ein Opfer vor die Füße schmeißen, damit ich auch ja nicht vergesse, was ich die letzten 35 Jahre gemacht habe. Scheiße."

Die junge Nachwuchskommissarin Hinrich stand neben ihm und rieb sich die klammen, fein manikürten Fingerchen. Sie hauchte in ihre Hände. "Kommen Sie schon, Sie könnten das auch viel positiver sehen. Sie werden auch diesen Mord wieder glorios aufklären und sich so mit einer fetten Überschrift in der Morgenpost verabschieden und nicht mit einer kleinen Randbemerkung im Käseblatt der Polizeigewerkschaft. Da vorn sind die Kollegen von der SpuSi."

Sie deutete auf eine Gruppe von ganz in weiß gehüllte Gestalten, die im Eingang eines Lagerhauses standen und augenscheinlich gerade ihre Arbeitsutensilien zusammenpackten.

"Dr. Marquarth?" rief Kommissarin Hinrich zu einem älteren Mann hinüber. "Was haben Sie für uns?"

"Guten Morgen, Kollegen. Wir haben hier ein weibliches Opfer, ca. 25 Jahre alt. Der Tod erfolgte durch Traumata gegen den Kopf und den Oberkörper, mutmaßlich durch..." er entfernte sich kurz, griff nach einem sorgfältig in Plastikfolien eingewickelten Gegenstand und kam zurück "... dieses Ding hier."

Kommissarin Hinrich strich sich wirre Strähnen feuerroten Haares aus dem Gesicht und griff nach dem Gegenstand, der ein wenig an einen riesigen Besen erinnerte, dann aber wieder auch nicht. "Ähm... und was bitte IST das?"

Hauptkommissar Unrath nahm ihr das Ding ab und zuckte nach kurzer Begutachtung mit den Schultern. "Na, das ist dann wohl eine Abziehpatsche."

"Eine WAS bitte???"

"Eine Abziehpatsche. Man verwendet sie bei der Verarbeitung von Beton und Zement, auf dem Bau zum Beispiel. Wenn man größere Mengen flüssigen Betons glattstreichen möchte."

"Und SIE wissen das, weil...???"

"Mein Neffe einen Baustoffhandel hat."

"Fein. Dr. Marquarth, und was veranlasst Sie zu der Annahme, dass es sich bei dieser Ab... zieh... dingens um die Tatwaffe handelt?"

"Nun, sie wurde direkt neben dem Opfer gefunden und es klebt noch Blut daran. Mutmaßlich das Blut der jungen Frau. Genaueres können wir aber erst nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung sagen."

"Lassen Sie mich einen Blick auf das Opfer werfen." brummte Hauptkommissar Unrath.

"Sicher. Wir haben sie noch nicht vom Auffindungsort entfernt. Hier entlang."

Die beiden Kommissare folgten dem Gerichtsmediziner ins Innere des Speicherhauses. Stufe für Stufe erklommen sie die Treppen. "Selbst hier drinnen ist es feucht" schnaufte Unrath, der schon nach einem Treppenabsatz nach Atem rang. "Und es stinkt nach faulen Eiern."

"Fäulnisbakterien haben die Eigenschaft, zuweilen diesen Geruch zu verbreiten." hörten sie die Stimme Marquarths, der vor ihnen herging.

"Fäulnis?" Hinrich verzog angewidert das Gesicht.

"Nun ja, dies hier sind noch alte, nicht renovierte Gebäude. Ein Großteil der Speicherstadt ist inzwischen saniert, Sie haben sicher die vielen Baustellen bemerkt. Diese Straße ist eine der letzten, in der die Häuser sich noch im alten, schadhaften Zustand befinden. Und da die Speicherstadt nun einmal - sagen wir mal - mit den Füßen im Wasser steht, ist es erklärlich, dass es zuweilen nach Moder und Fäulnis duftet. Nicht umsonst werden diese Speicher nicht mehr zur Lagerung benutzt."

"Sind wir bald da?" hörte man Unrath keuchen.

"Die Leiche befindet sich auf dem obersten Boden. Noch diese Treppe, dann..." er führte die beiden über morsche Bodendielen durch einen leerstehenden Lagerraum. An einer offenen Dachluke quietschte ein schwerer Eisenhaken an einer Seilwinde im Wind.

"Hier zieht's." bemerkte Unrath missmutig.

"Hier hinüber bitte." Marquarth deutete in eine Ecke des Raumes. Auf dem Fußboden lag ausgestreckt und mit seltsam verdrehten Gliedmaßen die Leiche der jungen Frau. Man hatte sie bereits notdürftig mit weißen Tüchern abgedeckt.

"Kann ich mal sehen?" fragte Hinrich und beugte sich über den Körper.

"Sicher", entgegnete Marquarth, "aber ein schöner Anblick ist es nicht..."

"Das ist es nie", bemerkte Hinrich bemüht unbeeindruckt und zog die weißen Tücher beiseite. Der Kopf und der Oberkörper der Frau waren fast bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert. Die junge Kommissarin hielt den Atem an und versuchte, sich ihre Abscheu nicht anmerken zu lassen. Meine Güte, dachte sie, was gibt es bloß für Bestien auf dieser Welt. Ich werde mich an so einen Anblick nie gewöhnen...

Unrath trat hinter sie und beugte sich über ihre Schulter hinab um besser sehen zu können. "Da hat wohl jemand seinen ganzen Hass abgearbeitet." hörte sie ihn sagen. Dann deutete er auf etwas und fragte "Marquarth? Was ist denn bitte das da? Dieses komische, glibberige Zeug. Es scheint mir... irgendwie... nicht zu ihrem Körper zu gehören."

"Nun ja, wie man es nimmt. Die Dame hatte offensichtlich eine Brustvergrößerung vornehmen lassen. Dies dort ist, was von den Implantaten übrig blieb."

"Mein Gott..." Kommissarin Hinrich erhob sich, trat an die offene Dachluke und atmete tief. Unrath hingegen nahm die Sache noch genauer in Augenschein. "Sieht irgendwie aus wie etwas, an dem die Eichhörnchen genagt haben."

"Die Ratten." berichtigte Marquarth.

"Ratten???" nun wurde die junge Kommissarin Hinrich endgültig blass um die Nase.

"Allerdings. Hamburg hat ein Rattenproblem. Schon immer. Und in so alten Gemäuern wie diesen hier... nun, da dauert es eben nicht lange und..."

"Sie entschuldigen mich bitte einen Augenblick", sagte Hinrich gepresst und ging mit schnellen Schritten in Richtung Treppenhaus. Die Absätze ihrer Stiefeletten hallten von den kalten Mauern wider und Unrath schmunzelte. "Die jungen Dinger... können nichts mehr vertragen. Nun, Marquarth, wenn die Leiche schon von den Ratten angegangen wurde, dann lässt das auf eine längere Liegedauer schließen. Sagen Sie mir, wurde die Frau hier getötet? Und wie lange liegt sie wohl schon hier?"

"Nein, sie wurde nicht hier getötet, das steht wohl ziemlich sicher fest. Es ist kaum Blut um sie herum zu sehen und bei diesem Gemetzel... nun ja, hätte man sie hier getötet, müsste es hier ganz anders aussehen. Zwar ließ der Mörder die Tatwaffe hier liegen aber ich vermute dahinter nur ein Ablenkungsmanöver. Der Tatort ist in diesem Fall nicht identisch mit dem Auffindungsort der Leiche. Zur Liegedauer der Leiche... schwer zu sagen, es ist alles möglich zwischen 2 Stunden und 24 Stunden. Ich werde sie erst genau untersuchen müssen..."

"Vielen Dank, Dr. Marquarth. Wir haben wohl genug gesehen."

Unrath tapste mit schwerem Schritt zurück durchs Treppenhaus auf die Straße. Einige Meter vom Haus entfernt lehnte seine Kollegin Hinrich am Geländer und sah hinab auf das graue Wasser. Sie war noch bleicher als es ihr rothaariger Typ ohnehin schon vorsah und sah zerbrechlich aus.

"Sie sollten sich an so etwas gewöhnen. Je eher, desto besser." Unrath trat neben ihr ans Geländer und sah ebenfalls aufs Wasser hinab.

"Gewöhnen? Ich weiß nicht... ich will mich an Mord nicht gewöhnen. Das scheint mir... nicht der richtige Weg zu sein."

"Doch, Mädchen. Das ist der EINZIGE Weg. Sie können ihre Arbeit nicht als eine Art heiligen Feldzug gegen das Böse begreifen. Nicht als den täglichen Kampf gegen den pferdefüßigen, ringelschwänzigen Satan persönlich. Wenn sie das tun, dann gehen sie in spätestens zehn Jahren psychisch am Stock. Sie müssen es sehen wie eine Arbeit, die zu machen ist. Denn mehr ist es nicht. Lassen Sie die Emotionen da raus. Das kann ich Ihnen wirklich nur raten."

Hinrich musste fast gegen ihren Willen lächeln. Sie wandte sich ihrem väterlich wirkenden Kollegen zu, strich sich einmal mehr die roten Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Der ringelschwänzige Satan??? Liebe Güte, Unrath."

Beide lachten ein wenig und wandten sich zum gehen.

"Wer ist dran mit Kaffee holen?" fragte Hinrich.

"Sie. Aber für mich bitte heute nicht. Ich muss zum Amtsgericht und bin erst nachmittags wieder im Büro."

"Amtsgericht??? Doch nicht etwa immer noch wegen..."

"Oh doch. Immer noch wegen... wenn SIE glauben, ich gebe mich da so leicht geschlagen in dieser Sache... der Schrebergarten ist die Freude meiner bald nahenden Pensionierung, Frau Kollegin! Und da lasse ich mir von keinem popligen, wirrköpfigen Nachbarn meine Grundstücksgrenze streitig machen! Und wenn ich bis vor den Bundesgerichtshof muss deswegen!"

"Au weia, Unrath. Sie sollten es wirklich langsam ein wenig ruhiger angehen lassen..."

Die beiden Kommissare gingen die Straße hinunter bis zu ihrem Dienstwagen, stiegen ein, die Türen knallten in der immer noch feuchtkalten Morgenluft. Der Wagen fuhr an und bald waren die Rücklichter nicht mehr zu sehen.

Copyright © Sina S. 2009

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