![]() | 1: Zickenterror am EntenteichSeit einiger Zeit wohne ich – mit jeder Menge babypausenbedingter Tagesfreizeit – irgendwo im nordrhein-westphälischen Kleinststadtidyll.Fünf Gehminuten von meinem Haus entfernt gibt es einen Park. In diesem Park: einen Teich. Der Teich: bevölkert von einer Mädelsgang. Einer Gruppe ausschließlich weiblicher Enten mit wohlgenährten fetten Kleinststadtentenärschen. Den Mädels geht es hier prächtig. Nicht so wie diesen armen, ausgemergelten, humpelnden, zerzausten, vom Leben im Dreckwasser gezeichneten Großstadtenten, die ich aus Hamburg kenne. Nönö, die Mädels hier haben ein feistes Leben. Denn am Ufer des Teichs stehen ein paar Bänke, auf denen jeden Tag Omis und andere Mütter wie ich - mit Babys und Tagesfreizeit - sitzen und sie mit Brotresten füttern. | |
Heute nun war ich auf dem Heimweg von einer ziemlich anstrengenden Einkaufstour mit Kinderwagen und komme an diesem Teich mit diesen Bänken vorbei. Ich denke, och, könnste Dich ja mal setzen und eben einen Schluck trinken, bevor Du weitergehst. Ich setze mich also, angle die Flasche mit der Apfelschorle unten aus dem Einkaufsnetz des Wagens, wo sie neben den anderen gekauften Lebensmitteln liegt, und hebe besagte Flasche an die Lippen. Dann sehe ich sie. | ![]() | |
![]() | Sie nähern sich von rechts, von vorne, von links. Halbkreisförmig kommen sie auf mich zu. Sie rotten sich zusammen. Sie blicken nicht freundlich und fast scheinen sie die Flügel vor der Brust zu verschränken und zu sagen: „Ey Dooh (=Du), hömma, was wird das denn hier??“ Ich darauf, leicht verunsichert: „Mädels, immer schön locker im Schritt, ok? Ich will hier nur sitzen und meine Schorle trinken. Darf ich? Ja? Danke.“ Ich trinke. Über die Flasche hinweg sehe ich, wie der Halbkreis sich enger um mich zusammenzieht. Ich lasse den Arm sinken. Wenn Enten Augenbrauen hätten, dann schwöre ich, hat die eine besonders fette da eben eine emporgezogen. Sie muss die Anführerin sein… „Dooh, hier so einfach abhängen und Limo saufen is nich, ok.“ Ich, resigniert: „Ok Mädels, was wollt Ihr?“ Die Dicke, breitbeinig: „ Gib Brot.“ Ich: „Sorry, hab ich nicht. Nächstes Mal, versprochen. Ich komm hier öfter vorbei.“ Sie: „Nix nächstes Mal. Ich seh doch die Tüte. Gib. Brot.“ Ich: „Nee nee, das sind frische Vital-Brötchen vom Bäcker. 55 Cent das Stück. Mit Omega-3-Fettsäuren und so. Die geb ich Euch nicht. Die ess ich selber.“ Sie rücken näher. „Du scheinst nicht zu verstehen, Süße. Gib her den Stoff.“ | |
Sie hocken mir inzwischen fast auf den Füßen und irgendwie bekomme ich auch Angst, dass sie meinem Sohn was tun. Ich finde es zwar absurd, aber ok. „In Ordnung. Also gut. Eins könnt Ihr haben. EINS. Aber bitte nett teilen.“ Ich zupple etwas hektisch die Tüte aus dem Netz, das Brötchen aus der Tüte, und beginne, es in Stücke zu zerpflücken. Die entenärschigen Weiber stürzen sich wie die Hyänen darauf. Beißen sich gegenseitig, treten aufeinander herum… unglaublich. Der reinste Zickenterror. Und vor allem: sie treten auch auf MIR herum! Sie zerren mit ihren Schnäbeln an meinen Hosenaufschlägen und eine beißt mich sogar ins Bein. Aufsteigende Panik auf meiner Seite. Ich zerfleddere das Brötchen schneller. Als es ganz und gar verteilt ist, hebe ich hilflos die Hände und sage: „Alles alle. Sorry, das war’s. Und im Grunde hattet Ihr nicht mal das verdient, so wie Ihr Euch aufgeführt habt.“ Da höre ich es rascheln. Ich sehe mich um und da zerrt doch die besonders fette Anführerin mit ihrem feisten Entenschnabel an meiner Brötchentüte!?! Un-glaublich. Es reicht. Ich springe auf und wedele mit den Armen. „Hey! Jetzt ist aber Schluss. Ich lass mich doch hier nicht am hellichten Tag von einer Gruppe fetter halbstarker Weiber abziehen!“ Ich hüpfe und scheuche. Doch es bricht nicht etwa Unruhe oder Angst aus unter den gefiederten Gangmitgliedern. Achselzuckend (haben Enten Achseln??) und murmelnd „Loss, lass uns verduften, die Alte hat nix mehr…“ drehen sie sich um und watscheln gemächlich Richtung Wasser. Sowas. Was man sich hier alles bieten lassen muss. Copyright © Sina S. 2008 | ![]() | |
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2: Auf dem PostamtIch habe im Internet ein Reisebett für meinen kleinen Sohn bestellt. Ich habe es mir natürlich hierher, an meine momentane Postadresse, liefern lassen.Nun muss man vorwegschicken, dass ich eigentlich in Hamburg wohne und nur durch die tumultigen Umstände um die Geburt meines Sohnes vorübergehend hier in der nordrhein-westphälischen Provinz "gestrandet" bin. Meine Adresse in Hamburg steht also noch auf meinem Personalausweis und so soll es ja eigentlich auch bleiben. Wir planen nämlich für die mittelnahe Zukunft unseren Wieder-Rückzug nach Hamburg. Aber zum Thema: Reisebett kommt also an, ich bin nicht zu Hause. Postbote nimmt Reisebett wieder mit, man lagert es im Postamt ein. Ich erhalte eine rote Benachrichtigungskarte. So weit, so gut. Ich kann das Bett allein nicht abholen, weil zu schwer und zu sperrig, um es mit dem Kinderwagen zu transportieren und ich ohne Auto. Ich also meinen Liebsten losgeschickt. Vorher artig die Vollmacht auf der roten Karte ausgefüllt. "Bitte händigen Sie Paket dem Menschen mit der Vollmacht aus"... Er also hin zum Postamt. Nimmt sogar meinen Personalausweis mit. Sicher ist sicher. Zehn Minuten später ist er wieder hier. Ohne Paket. Ich: "???" Er: "Sie geben mir das Paket nicht, weil die Lieferadresse nicht mit der Adresse auf Deinem Perso übereinstimmt." Ich: "???!!!" Wir also zu zweit zum Postamt. Nein nein, zu DRITT, weil ich kann ja nicht meinen 4 Monate alten Sohn allein zu Hause liegen lassen. Also alle man umständlich rein ins Auto, zum Postamt. Ich mit Personalausweis hin zum Schalter. (wieso riecht es auf Postämtern eigentlich immer so muffig und wieso sieht es auf diesem hier aus wie im letzten Jahrhundert, noch mit Schiebetüren und Uralt-Linoleum?) Der Typ hinter dem Schiebetür-Fenster erwacht aus dem Tiefschlaf und mustert mich mit verschleiertem Blick. Ich: "Guten Tag, ich hätte gern mein Paket." und reiche ihm die rote Karte und meinen Personalausweis. Er: "Ach… (Pause, Pause, Pause) Sie sind das." Es scheint auf diesem Postamt SO WENIG zu passieren, dass er sich noch genau an unseren „Fall“ erinnert. Irgendwo surrt eine Fliege. Ich: "Ja. Und jetzt hätte ich gern mein Paket." Er: "Jaaaaha." Und dreht und wendet Personalausweis und Karte wichtig in den Händen. "Wenn das mal so einfach wäre." Ich: "Sie werden lachen aber das IST so einfach. Ich habe das Paket bestellt, es ist hier. Sie schieben ihre hübsche Schiebetür hier auf, reichen mir das Paket durch, Sie schieben die Tür wieder zu. Klack, klack. So einfach." Mein Liebster neben mir tritt von einem Fuß auf den anderen. Fast könnte man meinen, ich finge an, ihm unangenehm zu werden. Der Mann hinter dem Schalter hebt voll träger Verblüffung und mit sichtlicher Anstrengung eine Augenbraue. "Ja, aber die Adressen stimmen nicht überein." Ich: "Nein, weil ich hier nur zu BESUCH bin. Zu einem längeren Besuch. Ich wohne hier nicht. Ich wohne in Hamburg. Und dennoch ist es mir wohl erlaubt, mir hierher ein Paket liefern zu lassen, nicht wahr?" Und ich denke: "NICHT WAAAAHR!!!!????" Er brummelt irgendetwas. Ich: "Bitte???" Er: "Ja, dass is ja nun nich gerade um die Ecke von hier." Ich: "Mir ist durchaus bewusst, dass Hamburg nicht "um die Ecke von hier" ist. Dennoch bin ich ich und ich habe dieses Paket bestellt und nun HÄTTE ICH ES GERNE!!!" Er: "Ja, wenn das nun so einfach wäre... da kann ja jeder kommen. Wir haben hier schon Sachen erlebt...“ Dann beugt er sich in Verschwörermanier ein wenig nach vorn, schaut kurz nach rechts und nach links und fügt leise hinzu: „Sie wissen was ich meine..." Ich: "Nein. Ich weiß nicht, was Sie meinen! Und ich BEZWEIFLE AUSSERDEM, DASS SIE HIER SCHON WIRKLICH BAHNBRECHENDE SACHEN ERLEBT HABEN ABER DAS IST MIR GERADE AUCH VÖLLIG EGAL ICH MÖCHTE NUR EINFACH MEIN PAKET HABEN DAS WIRD DOCH WOHL MÖGLICH SEIN OHNE DASS SIE EINE KRIMINALPOLIZEILICHE ERMITTLUNG GEGEN MICH EINLEITEN!!!" In meinem Rücken räuspert sich mein Liebster vernehmlich. Der Postmann sagt nichts mehr, zieht die Schaltertür auf, schiebt mein Paket durch, drückt die Schaltertür zu. Klack, klack. Ganz einfach. Ich: "Danke schön." Und das klingt wie "DANKE SCHÖN, Sie unglaublich idiotischer Provinzpostschalterdepp, Sie." Mein Liebster befürchtet wohl, ich könnte genau das noch laut hinzufügen, schnappt sich das Paket und drängt mich zur Tür hinaus. Irgendwann stelle ich mich hier noch auf einen der vielen Kartoffeläcker im Umfeld und schreie ganz laut. Vielleicht hilft das ja. Vorerst erklimme ich den Beifahrersitz, während der Liebste das Paket im Kofferraum verstaut. Dann steigt er ein und ich sage: „Wenn wir zu Hause sind, könnte der Kleine eine neue Windel vertragen.“ Nach einer kurzen Pause meint mein Liebster: „Na, wenn DAS nun so einfach wäre…“ Entsetzt starre ich ihn an, während er grinsend hinzufügt: „Da könnte ja jeder kommen. Ich hab da schon Sachen erlebt… wenn Du weißt was ich meine…“ Ich schließe ermattet die Augen. Copyright © Sina S. 2008 | ||
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3: Fotos im DrogeriemarktFolgendes Vorkommnis ereignete sich am selben Tag wie die Postamt-Anekdote, nur in den Nachmittagsstunden.Ich hatte im Drogeriemarkt Abzüge meiner Fotos bestellt. Heute war der angegebene Abholtag. Das Baby quengelig, ich also keine Zeit zu verlieren. Rein in den Drogeriemarkt, Fotos rausgesucht, zur Kasse. Dort: "Darf ich bitte Ihren Personalausweis sehen?" Ich: "Hä?" "Ihren Personalausweis. Ohne den darf ich ihnen die Fotos nicht aushändigen." Ich: "Wie bitte? Den hab ich jetzt nicht mit, ich hatte nicht vermutet dass ich mich hier ausweisen muss nur wenn ich Fotos abholen gehe." "Hm. Sind Sie denn auf den Fotos zu sehen?" Ich: "Ähm… nein. Aber mein Sohn. Das ist dieses Kind hier. Ich versichere Ihnen, es ist meins, ich habe es nicht drüben vorm Lidl abgestellt vorgefunden und mitgenommen. Ich bin auch nicht der Babysitter. Dafür habe ich viel zu tiefe Ringe unter den Augen. Schauen sie, er sieht auch tatsächlich genau so aus wie das Baby auf den Bildern. Das ist doch großartig, oder?" Sie überlegt... sie überlegt weiter... sie überlegt noch weiter. "Nein, tut mir leid. Sie müssen noch einmal mit Ausweis wiederkommen." Ich raus aus dem Laden, wünsche mir wieder den bewussten Kartoffelacker zum rumschreien. Denn: der Drogeriemarkt ist am anderen Ende der Kleinststadt. Wobei „anderes Ende“ hier das Ende bezeichnet, an dem wir NICHT wohnen. Das ist für "normale Menschen" kein Akt, aber für eine Mutter mit Säugling schon. Zu Fuß, mit Kinderwagen, genau getimt zwischen zwei Stillmahlzeiten, mitten im Sommer… da macht man diesen Weg einfach nicht zweimal am Tag... aber ich WOLLTE diese Fotos. Mein hauseigener Starrsinn bringt mich einfach manchmal… was soll ich sagen… in anstrengende Situationen. Ich also gewartet bis mein Liebster von der Arbeit kommt, er mit mir und Sohnemann extra nochmal zum Drogeriemarkt gefahren. Ich wieder mein Fotopaket rausgesucht, hin zur Kasse, Hand schon am Holster, um triumphierend den Perso zu zücken. Was macht unsere freundliche, pflichtbewusste und serviceorientierte Kassiererin? Zieht wortlos das Fotopaket über den Scanner... piep piep… "Macht ZwölfEuroAchtzig." Ich: "Ach… Tatsächlich? Und meinen Perso wollen Sie jetzt gar nicht sehen oder wie??" Sie: "???" Ich: "Sie haben mir vor zwei Stunden meine Fotos nicht ausgehändigt, weil ich keinen Perso dabei hatte. Ich bin extra wieder nach Hause, mobilisiere meine gesamte Familie, um Ihnen diesen Personalausweis hier zu bringen, und jetzt WOLLEN SIE DAS DING PLÖTZLICH GAR NICHT SEHEN?????" Sie: "Ja... äh... da haben Sie recht. Das war dann wohl mein Fehler." Ich, zwischen aufeinander gepressten Zähnen hervor, mit totbringendem Lächeln: "RICHTIG, gute Frau, das war es wohl." Copyright © Sina S. 2008 | ||

