Klassenraumgespräche 2009

1. Albert

„Nein Albert! Das schreibst du jetzt nicht ab!“

„Lass mich doch. Ich mag die Eleganz dieser Formel.“

„Albert. Ich bitte dich. Niemand wird es verstehen. Wie soll denn Energie mit Masse und der Lichtgeschwindigkeit verknüpft sein. Nun gut. Das Quadrat gehört auch dazu. Das kannst du dazu haben.

Das gibt es gratis.“

Er vernahm meinen gereizten Unterton und fragte: „Darf ich es denn nicht nehmen?“

Albert begann schon wieder zu schmollen. So wie immer, wenn er nicht erreicht, was er wollte. So wie immer, wenn das faule Genie abschreiben wollte.

„Nun gut, Albert.“ Ich setzte mein Gönnerlächeln auf. „Aber wenn du es diesmal verwenden möchtest, dann bitte vollständig. Mit dem Quadrat. Nicht so, wie bei diesem Unsinn über den Photoelektrischen Effekt damals, den du in Chemie von mir abgeschrieben hast.“

Ein Lächeln huschte über Alberts Gesicht. Wie kann man doch mit kleinen Dingen großen Menschen eine Freude bereiten.
„Danke“, murmelte Albert in denen jungen Flaum, der später einmal als Bart Teil seines markanten Gesichts werden sollte.

Albert sah immer schon so aus, als ob er gerade von der Spaltung der Bieratome träumte. Hierbei haben wohl einige Elektronen die Kopfhaut durchschlagen und das Chaos des Weltalls auf sein Haupt gezaubert. Elektrostatik nennt man dies.

„Nein, Albert!“ Ich presste wütend die Worte zwischen den Lippen hervor. Immer in der Furcht, der Weber würde es vorne am Pult hören. „Du darfst das nicht in die Bank ritzen.“

Er war wieder aufsässig und ich sollte es dann wohl wieder ausbaden. So war er schon, seitdem er auf das Luitpoldgymnasium kam. Albert der Aufsässige.

Wenigstens tat ihm der Violinunterricht gut. Dabei regte er sich ab.
Verschämt steckte er das Taschenmesser wieder weg.

„Albert, ich sage dir, irgendwann wird so ein Hawking kommen und die Theorien einmal zerreißen. Das wird die späte Rache des Abschreibens.“

Dabei war dies noch nicht einmal der erste Unsinn, den wir aus Langweile so niederkritzelten. Wir zerfledderten den Äther, die Lichtquanten, die Molekularbewegungen und verschiedene Violinkonzerte.

„Albert, lass den Unsinn. So relative Theorien will doch keine Sau hören. Und niemand wird dir abnehmen, dass Licht um die Ecke leuchten kann. Niemand. Selbst ein Nobelkomitee nicht“


Einige Jahre später bekam Albert MEINEN Nobelpreis für SEINE Theorie des photoelektrischen Effekts.

2. Astrid

Astrid Anna Emilia Sony Ericsson war schon immer ein aufgewecktes Mädchen mit Phantasie. Aber leider nicht mit genügend hiervon.
So begannen wir damals uns gegenseitig Lügengeschichten zu erzählen. Damals im Literaturkurs in Vimmerby. Ja, eben jenes Vimmerby, in dem alles anfing.

„Astrid, du solltest Seeräubergeschichten schreiben“, meinte ich eines Tages.

„Langweilig.“ Entgegnete sie. „Seeräuber kann jeder.“

„Dann nimm doch eine Seeräubertussi.“

Sie begann zu grübeln: „Sie sollte Pippi heißen.“

„Nichts da“, entgegnete ich. Zu langweilig.

„Nicht langweilig“, grinste Astrid. „Das ist langstrumpfig.“
Ihr Lächeln war entwaffnend.

„Nun gut, Astrid.“ Ich atmete tief durch. Dann eben „Pippi Långstrump.“

„Dummer Name für eine Seeräubertussi.“

Meine Geduld war fast am Ende. „Zum einen ist sie keine Seeräubertussi, sondern die Tussitochter eines Seeräubers und zum anderen spendieren wir ihr mal ein paar Strapse für die Erotik und ein paar Strümpfe.“

„Aber dann mit Löchern.“

„Von mir aus mit Löchern. Dann muss aber auch der Name dazu passen.“

„Au contraire“ meinte Astrid. Eher im Gegenteil. Ein hausbackener Name für ein frühreifes Gör. Pippilotta währe passender.“

Ich musste einfach grinsen. Der Name war gut. Aber nicht gut genug. „Wenn das Gör Pippilotta Långstrump heißen soll, dann lieber gleich mit Doppelnamen. So wie bei den gebildeten Herrschaften.“

Wir steckten die Köpfe zusammen. Dann meinte Astrid: „Wie heißt noch gleich diese Königin von England?“

Aus dem Grinsen wurde ein Lachen: „Die heißt Queen Victoria.“
Astrid schaute mich strafend an: „Queen heißt doch keiner. Na ja zumindest Queen Latifa, lol“

„Gut. Dann nehmen wir Victoria. Nein besser nicht. Das wäre Majestätsbeleidigung. Viktualia wäre besser: Pippilotta Viktualia Långstrump.“

Das Klingeln zur Pause unterbrach unsere heimliche Konversation. Diese dumme Prusseliese vorne am Pult ist sowieso schon aufmerksam geworden.

Ein kurzes Durchatmen in der Pause. Ein Biss ins Pausenbrot und wieder zurück in die Klasse. Als Außenseiter unter den Jungs musste ich neben einem Mädchen sitzen. Sicherlich nicht die schlechteste Lösung. Aber es hätte besser sein können.

„Astrid, so eine Zicke braucht einen Vater.“

„Haben wir doch“, sagte sie: „Den Seeräuber.“

„Katholisch soll er sein!“ prustete ich und rollte fast über den Boden und die Prusseliese schaute böse auf. Schlagartig setzte ich mein ‚ichweißallesaberfragmichliebernicht‘ Gesicht auf. „Ephraim“ ist sehr katholisch. Vielleicht auch jüdisch. Aber egal. So soll er heißen.

Astrid hielt inne: „Dann wäre die Tochter die Efraimsdotter, oder genauer Efraimsdotter Långstrump.“

Eine gewisse Unruhe zog in der Klasse ein. Irgendwie waren wir doch zu laut. Und diese olle Streberin Rullgardina vor uns strafte uns mit tödlichen Blicken.

Astrid schaute mich an. Und ich schaute sie an. Hatten wir beide den gleichen, dummen Gedanken? Wir prusteten los. So soll sie auch Rullgardina heißen: Rullgardina Pippilotta Viktualia Efraimsdotter Långstrump.

„Nein. So wichtig ist sie auch nicht.“ meinte Astrid. Der Name kommt nach hinten: Pippilotta Viktualia Rullgardina Efraimsdotter Långstrump.“

Wir schwiegen. Astrid, wie auch ich mussten einmal kräftig durchatmen. „Stell dir vor“, meine sie, „wie es ist, wenn man sich mit diesem Namen vorstellen muss?“

Wieder mussten wir lachen. „Gestatten, mein Name ist Pippilotta Viktualia Rullgardina Efraimsdotter Långstrump.“

„Zu kurz, zu kurz!“

„Ok. Dann eben Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump.“

3. Friedrich Wilhelm und Gott

„Gott, du bist ist tot.“ murmelte Friedrich vor sich hin. „So tot wie Schopenhauers Pessimismus.“

Damals saß ich in der Mitte und bekam den ganzen Müll mit. Damals in der Baseler Universitätskantine.

Gott war sichtlich aufgebracht und sie meinte: „Du Dumpfbacke! Wir brauchen doch den Übermenschen. So eine Merkel der Seins? - Oder eben mich! Woran sonst sollte die Menschheit glauben? Etwa an Lukas Podolski?“

Friedrich war nun seinerseits erzürnt: „Merkel? Nie!“

Seine Halsschlagader schwoll an. „Dann eher Karl Marx und Zarathustra als Podolski und Mondragon.“

Gott, in der Regel allwissend, aber augenblicklich nicht in der Regel, sondern wohl schon in der beginnenden Menopause, dachte nicht daran, nachzugeben. Wie Frauen eben so sind: „Zarah Leander…“
Friedrich konnte sich kaum auf seinem Stuhl halten und schlug mit der Faust auf den Tisch: „Nicht Leanders Zarah, sondern Thustra’s Zara!“

Gottes lackierten Fingernägel krampften sich in ihre Oberschenkel: „Dieser Schnösel hat keinen Respekt vor der deutschen Musik,“ dachte sie.

So langsam bekam ich Sodbrennen. Nächstens werde ich mir genauer aussuchen, mit wem ich mein Kantinen-Hostien teile. Friedrich der Philosoph dort, Gott auf der anderen Seite. Fast wie Szenen einer Ehe, nur ohne Trauschein.

4. Charles

„Sind das niedliche Pinguine, Charles.“

„Es sind Ponguine und die werden noch aussterben.“

„Ping oder Pong, wo liegt der Unterschied?“

„Es ist die andere Seite der Platte. Sozusagen der Nord- statt des Südpols. Aber wie gesagt: ‚sie werden wirklich aussterben.‘“

„Ja, rede du nur! Sicher fressen die blaugefrorenen Gummibärchen alle Ponguine weg. Und nur, weil es am Südpol keine Gummibärchen gibt, werden die Pinguine die Ponguine überleben.“

Er schaute schon wieder so überheblich. Als wüsste er mal wieder alles besser: „Farbige Gelatine wird Hans Riegel erst viele Jahre später in Bonn in die Bärchen rühren, bevor er diese in den Colorado schmeißen wird. Und die blaugefrorenen Gummibärchen werden es auch nicht überstehen. Auch die sterben aus, bevor sie in die Tüte kommen. Es sind Eisbären, mein lieber. Schau! Man erkennt es am weißen Fell.“

Charles Robert hatte nie begriffen. Er wird nie begreifen. Aber seine kindliche Logik ist entwaffnend. Haben sie jemals im Kindergarten mit einem Kind darüber diskutiert, warum die roten Bauklötzchen schöner als die Blauen sind? Haben sie jemals versucht zu ergründen, warum die besten Holzlöffel eindeutig jene aus Blech sind?

So war es damals in Shrewsbury auch mit Charles, als wir noch zusammen die Schulbank der Internatschule drückten. Alle redeten vom Osterhasen; er jedoch von den Osterinseln. Alle schrieben Gedichte an den Weihnachtsmann. Nur nicht Charly. Er schrieb über Rankenfußkrebse und malte Korallenriffe.

Er war ein Sonderling. Auch Cricket spielte er nicht.

„Schau. Male doch lieber ein paar Titten, Du musst dich nur umschauen. Hier, schaue dir die liebliche Flora in der Bank vor uns an. Hat sie nicht geile Hügel?“

Er reagierte nicht.

„Oder wie wäre es mit ihrer Schwester Fauna? Sind ihre Knospen nicht wunderbar, wie sie sich unter dem Stoff abzeichnen.“

Scheinbar hatte er kein Verlangen nach Mädchen. Weder Fauna, noch Flora konnten sein Interesse wecken.

Charles schaute mich mitleidig an. So wie jemand, der begreift, dass er nie verstanden werden wird. So wie jemand, der bereits jetzt wusste, dass er aus Shrewsbury herauskommen wird, in Edinburgh studieren sollte und letztendlich die große Welt bereist.

Es platzte mir der Kragen: „Du alter Evoluzzzer! Mal doch was du willst“

- Einige Minuten der Stille folgten -

„Malst du jetzt schon wieder Männchen, Charles?“

„mmm“

„Charles, malst du…?“

„grummel“

„Grummel nicht so!“ Ich wurde ungeduldig. „Charles, malst du Männchen?“

„Nein. Ich male Menschen.“

Er schaute auf, der alte Nörgler.

„Das sieht aber eher aus, wie Affen. Schau mal Charles, der gebückte Gang bei diesem dort, ganz links…“

„Das ist das Alter. Er läuft gebückt.“

„Nein, Charles, das ist ein Affe.“

Er schaute zum ersten Mal in dieser Biologiestunde auf und runzelte die Stirn: „Ich sagte: ‚Ein alter Mann‘“

„Einigen wir uns auf ‚alter Affe.‘“

Charles konnte noch nie gut malen.

Dieses Mitleid in seinem Blick.

Nun malt der auch noch ein Schiff. Und er schreibt einen Namen an den Bug: ‚Beagle‘. Da hätte er doch gleich ‚Cockerspaniel‘ drauf schreiben können. Ein Hundename für ein Schiff.

Charles hatte einfach keinen Sinn für die Realität. Und die Biologie – die wird er nie begreifen.

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