Der Werwolf

Der Werwolf

Sein Kopf schmerzt. Tief in seinen Händen vergraben, versucht Tom sein Gesicht zu verbergen. Er schämt sich. Ach was, ich glaube, er wird sich auf immer schämen.

Tief gebeugt sitzt er auf einem Findling und lässt seinen Tränen freien Lauf. Sie sollen Tom rein waschen, doch stattdessen vermischen sie sein ach so schönes Bild von sich zu einem missratenen Farbgekleckse.
Er versucht das Bild wieder schön zu reiben, doch macht dies die Sache nur noch schlimmer. Sein Bild von sich ist mit einem Male für immer hässlich.

Was war nur passiert? Mühsam versucht Tom sich zu erinnern.

Schönes Wetter heute.
Er spazierte leicht und entspannt entlang der Ilmenau. Es ging ihm gut. Die Sonne zeigte sich an diesem Herbsttag noch einmal von ihrer leuchtendwarmen Seite. Sie tat Tom gut. Er fühlte sich gut. Er war auf dem Heimweg, abseits der Wege um den Frieden der Natur in sich aufzunehmen und einzulagern als Traumvorrat für die dunklen Tage, die nun bald folgen würden.
Es ging ihm nicht nur gut, sondern Tom fühlte sich auch gut.
Hatte er doch ein Date mit seiner Traumfrau hinter sich. Es war so romantisch gewesen. Komplimente hatte er gesäuselt, hofiert und natürlich spendiert…
Sie hatte ihn so angestrahlt und ihm dabei versichert, welch ein netter Mann er doch sei. Sie sei so glücklich, einen solch großherzigen und anständigen Mann als treuen Freund zu wissen.
Welch ein Mann bekam schon solche tollen Komplimente von einer so wunderbaren Frau.

So vor sich hinträumend und in Erinnerungen schwelgend schwebte Tom gen Heimat.
„Bin ich doch toll…“

Plötzlich ein leises Rascheln abseits in oder hinter dem Dickicht.
Still und angespannt lauschend erstarrte Tom in seiner Bewegung, um nicht entdeckt zu werden.
Links von ihm wiederholte sich das Rascheln.
Neugierig versuchte er die Richtung zu erahnen, um sich dann langsam und beherrscht durch das Gebüsch zu schleichen.


Still, da war was. Vorsichtig spähte er durch das Gesträuch auf eine kleine versteckte, aber sonnengeflutete Lichtung.
Ohne zu atmen blieb Tom stocksteif gebückt stehen, um unentdeckt zu bleiben.

Dann sah und erkannte er „Sie“:
Dort lag seine Angebetete, wie hingemalt auf einer flauschigen Decke, eingehüllt in warmes Licht. Sie fühlte sich an diesem lauschigen Platze ungestört und unbeobachtet. Deshalb hatte sie die Kleidung abgelegt, um die letzten warmen Strahlen des Jahres zu genießen.
Dieser wunderschöne Anblick erweckte die Gier und ein ungeahntes Fieber. Was Tom sah, ließ das Blut schlagartig anfangen zu kochen und in Wallungen durch die Bahnen zu schießen und im Hirn zu explodieren, es auszuschalten, um dann sämtliche Lebensenergie in den Speer zu katapultieren. Völlig von Sinnen stürmte Tom die Lichtung und fiel über die ahnungslose, wie ein unschuldiges Reh vor sich hinträumende Frau her.
Mit einem erschrockenen Aufschrei versuchte sich die Frau zu wehren. Doch verbiss Tom sich in sie, wie ein Wolf in die Flanken eines gestellten Rehs, um nicht mehr loszulassen.

Ein unverhoffter Schlag auf Toms Kopf, begleitet von wuchtigen Stößen ließen ihn ablassen und wütend auf den Störenfried loszugehen. Nach wildem, besinnungslosem Schlagen fühlte Tom den Würgegriff und ließ, als er dem Ersticken nahe war locker und sackte in sich zusammen.
Er hob den irren Blick, um seiner Beute zuzusehen, wie sie sich blutverschmiert und zerrissen aufraffte, um durch die Dornen und Brennnesseln schwankend davon zu hinken.

Einmal blickte sie zurück, sah erst den triefenden Tom an, um dann kurz in den Blick ihres Retters einzutauchen.

Es waren die schönen Augen eines Rehs, doch unendlich traurig, denn sie wusste:
Ein schönes Leben war zu Ende…

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