Wikipedia Gothic

Ursprung und Weiterentwicklung

Die Gothic-Szene entstand ab den frühen 1980er Jahren als musikkulturelle Jugendszene. Dabei entwickelten sich zunächst kleinere, regionale Gruppierungen (Cliquen), die in der Post-Punk- und New-Wave-Bewegung Westeuropas verwurzelt waren, untereinander jedoch kaum Kontakt hielten. Speziell in den Großstädten standen sich viele dieser Jugendcliquen infolge von Generationskonflikten feindlich gesinnt gegenüber.

Bereits in der Entstehungsphase der britischen Gothic-Szene galt die erste Welle der Gothic-Musik ca. 1984 als erloschen. Wichtige Vertreter wie Bauhaus, UK Decay oder Specimen wandelten ihren musikalischen Stil oder gingen getrennte Wege. Diese Gegebenheit schlug sich bald auf die englische Regionalszene nieder, die schon ab der Mitte der 1980er Jahre erste Verfallserscheinungen zeigte. War die Gothic-Bewegung in England folglich eine Mode-Erscheinung unter vielen, so konnte sie im restlichen Europa, insbesondere in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden, Fuß fassen. [6]

Die Frisuren und Kleidungsstile der Goths waren zu dieser Zeit noch stark an das Outfit der Punk-Bewegung angelehnt oder wurden häufig von den musikalischen Leitfiguren übernommen. Renommierte Künstler wie Robert Smith (The Cure), Siouxsie Sioux (Siouxsie & The Banshees), Rozz Williams (Christian Death), Johnny Slut (Specimen) oder Peter Murphy (Bauhaus) waren lange Zeit Idole der Gothic-Kultur und dienten hierbei als Vorbild. Als weiterer Einflussfaktor gelten die regionalen Unterschiede bezüglich der Umwelt- und Lebensbedingungen und einem damit verbundenen Lebensgefühl. In Gebieten, die vorrangig durch Industrie geprägt waren, herrschte vielmehr ein punk-lastiger Kleidungsstil vor. In Regionen, in denen ein historischer Architekturstil dominierte, fühlte sich ein Teil der Goths hingegen von Epochen vergangener Tage inspiriert. So entwickelten sich beispielsweise im süddeutschen Raum schnell Kleidungsstile, die sich an der Zeit der Renaissance oder des Barock orientierten. Diese Stile werden häufig auch als Einfluss der New-Romantic-Bewegung gedeutet, eine New-Wave-Teilkultur, die einige Jahre vor Entfaltung der Gothic-Bewegung in London ihren Ausgangspunkt nahm und sich fallweise mit dieser überschnitt.

Obgleich sie sich derselben Kultur zugehörig fühlten, unterschieden sich Goths, die zur Romantik oder zum Mittelalter neigten, schon recht früh von solchen, die verstärkt zum Punk tendierten, sowohl was das Erscheinungsbild, den Musikgeschmack als auch die Lebensansichten anbelangte.

Durch das Ableben der noch stark vom Punk geprägten Musik der Anfangszeit (siehe Gothic Punk) und mit Entstehung des psychedelic- und hard-rock-beeinflussten Gothic Rock, folgte ab der Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre eine zweite Gothic-Welle. Führende Musiker dieser Ära, insbesondere Andrew Eldritch (The Sisters of Mercy) und Carl McCoy (Fields of the Nephilim), beeinflussten die Mode einer neuen Generation von Goths nachhaltig, wenngleich der für die frühe Gothic-Kultur charakteristische Punk- und Wave-Look weiterhin prävalierte.

In den frühen 1990er Jahren erlebte die deutsche Independent-Szene einen kleinen Aufschwung, durch das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland wuchs das Interesse an Musik. Es erfolgte ein Austausch zwischen zwei Kulturen und verschiedene Newcomer-Bands und Plattenfirmen konnten sich innerhalb der nunmehr gesamtdeutschen Wave- und Gothic-Bewegung etablieren.
Die Szene-Fotografin Viona Ielegems auf dem Wave-Gotik-Treffen
Die Szene-Fotografin Viona Ielegems auf dem Wave-Gotik-Treffen

Erste Treffen wurden arrangiert, so zum Beispiel das Waver-Treffen am 16. Juni 1990 in Köln, das Wave-Gotik-Treffen am 29. und 30. Mai 1992 in Leipzig oder auch das Gothic-Treffen am 6. August 1992 in Berlin. Zahlreiche Musikmagazine, wie das Glasnost Wave-Magazin, Zillo, Sub Line oder Gothic Press, etablierten sich auf dem deutschen Markt. Speziell das Zillo avancierte zum bedeutenden Medium der gesamten Independent-Kultur. Hier erfolgte die regionenübergreifende Kommunikation über einen Kleinanzeigenmarkt. Auf der Basis dieser Austauschmöglichkeiten wuchs mit der Zeit eine Großkultur heran, bei der man erstmals von einer landesweit ausgeprägten Gothic-Szene sprechen konnte.

In dieser Zeit stieg die Nachfrage nach Musik aus dem Neoklassik- und Mittelalter-Umfeld. Musikprojekte und Ensembles wie Dead Can Dance, Qntal oder Estampie genossen einen hohen Stellenwert. Mit Herausbildung der Neuen Deutschen Todeskunst gewann zunehmend die deutsche Sprache in den Clubs an Popularität. Diese Entwicklung bestärkte erneut weite Teile der heranwachsenden Gothic-Kultur hinsichtlich des Kleidungs- und Lebensstils.

In Verbindung mit der Neuen Deutschen Todeskunst trat erstmals auch die Splitterkultur der „Endzeitromantiker“, heute „Schwarzromantiker“ genannt, in Erscheinung. Diese formierten sich vor allem mit der Intention, die punk-beeinflusste Grufti-Bewegung der 1980er Jahre abzulösen und repräsentierten damit die bereits aus der New-Romantic-Szene vertraute ablehnende Haltung gegenüber der Punk-Bewegung und deren Einfluss auf die Popkultur.

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