Gedanken über die Fotografie (Tilla)


Wenn ich so in meinen Fotobänden blättere überkommen mich unterschiedliche Empfindungen.
Oftmals gleichzeitig.

Da ist Staunen und die Bewunderung von großartigen Arbeiten, die Ehrfurcht den Schaffenden gegenüber gekoppelt mit einer Prise Neid, die Niedergeschlagenheit darüber „so etwas“ niemals zu Stande zu bekommen und gleichzeitig habe ich den Stolz und das Wissen in mir, dass ich eine verdammt gute Fotografin bin.
Über allem liegt ein wenig Trauer.

Trauer, weil ich die Entwicklung der Fotografie beobachte und mich traurig macht, was ich sehe.
Meine sensible Künstlerseele jammert und jault, wenn ich verfolge, was als „gute“ Fotografie auf den Markt gebracht und bejubelt wird.
Und ich finde mich dann in meinem Elfenbeinturm wieder, auf den Knien einen Bildband von August Sander und frage mich, warum ich eigentlich noch fotografiere.
Warum ich meine, die Don Quichotte der Neuzeit sein zu müssen, die zwar nicht gegen Windmühlenflügel aber dafür gegen Einheitsbrei, Motivklingeln und platte Bilder kämpft.

(Ich weiß! Jedes Bild ist eindimensional.... aber es gibt zu viele, die eindimensionaler sind!)


Wir werden tagtäglich mit Informationen unter zu Hilfenahme des Mediums Bild überschüttet, unser armes Hirn kann gar nicht mehr sortieren, lernen und Wahrnehmung trainieren.
Gleichzeitig scheint vielen die Zeit zu fehlen, sich mit visuellen Eindrücken mehr als nur ein paar Sekunden zu beschäftigen.

Klar, unser Auge und unser Geist haben gelernt, schnell zu schauen, ein Werbespot im Fernsehen dauert nur wenige Sekunden, trotzdem wird er wahrgenommen.
Auch wenn wir uns dagegen wehren und die Werbung missachten, das Auge tut sich mit dem Ohr zusammen und das Gehirn lernt schnell wahrzunehmen, was passiert.
Die Schlussfolgerung daraus ist für mich, dass nur noch „schnelle Bilder“ wahrgenommen werden, Bilder, bei denen sich in Sekunden erschließt, worauf es dem Abbildenden ankam als er dieses Bild gemacht hat.

Ein schnelles Bild zeichnet sich dadurch aus, dass es klar in den Farben, scharf und noch schärfer ist und der Realität so nah wie möglich kommt. Wobei diese Realität bei genauerer Betrachtung ja auch keine Wirklichkeit sondern eine in Bild gefasste Wunschvorstellung ist.
(Photoshop machts möglich.)

Um ein Auge aufmerksam zu machen, bedient sich der Fotograf ganz einfacher Tricks. Er setzt Reize.
Um damit so viel wie möglich Aufmerksamkeit zu erheischen, setzt er klassische Reize, die möglichst viele Menschen ansprechen.
Wir haben ja alle in Biologie mal etwas vom „Kindchenschema“ und so genannten Schlüsselreizen gehört.
(Babybilder sind per se gut.
Nackte Brüste, mit und ohne Öl, mit und ohne Wassertropfen, high oder low key... egal, der Reiz ist gesetzt, der Sexus angetippt... das Bild muss gut sein, das Hirn hat freundlich darauf reagiert.)


Wenn das Auge also einen solchen Schlüsselreiz in einem Bild findet, ist es befriedigt, hat das Bild wahrgenommen.

Bilder, die nach diesem Schema aufgebaut sind, werden also positiv wahrgenommen.
Schnell.
Und oft auch schnell wieder vergessen.
Denn die uns beherrschende Informationsflut sorgt ja für dauernden Nachschub.


Jede Wahrnehmung ist Training.
Trainiere ich aber nur eine Sichtweise (im wahrsten Sinne des Wortes) so verkümmern alle Fähigkeiten zu anderen Sichtweisen.
Wahrnehmung wird reduziert.
Das, was für uns als Spezies einmal lebenswichtig war, wird dezimiert.

Das Angebot an „langsamen Bildern“, Bildern die man länger betrachten muss, mit denen man sich beschäftigen muss um sie zu ergründen, um sich eine Meinung dazu zu bilden, ist beklemmend gering geworden.
Das liegt unter anderem daran, dass „schnelle Bilder“ Haupteinahmequelle der Bildschaffenden geworden sind. Ergo werden nur noch „schnelle Bilder“ produziert und diese gelten gleichzeitig als Vorbild für nachwachsende Produzenten.

Komisch, wieso steuert ausgerechnet in der Fotografie das Angebot die Nachfrage?
Sonst ist es immer umgekehrt.....


Ich für meinen Teil habe jedenfalls beschlossen, bei meinen "langsamen" Bildern zu bleiben.... und ab und zu meinem Frust, meinem Ärger und meiner Trauer auf genau dieser kleinen Seite Luft zu machen.

Tilla - die "Sie" von Trout

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