Margots Rentenantrag war durch und der Gutschein für drei Wellnesswochen auf Teneriffa – das Abschiedsgeschenk ihrer Firma für dreißig Jahre treue Dienste – längst eingelöst. Drei Wochen für dreißig Jahre. Na, besser als nichts. Allerdings hätte sie sie gerne mit ihrem verstorbenem Mann erlebt. Ein Jahr war es nun her und sie vermisste ihn sehr. Margot saß in ihrer Küche und war sich nicht sicher, wie der kommende Lebensabschnitt als Witwe und Rentnerin werden würde. Einerseits freute sie sich, endlich Zeit für sich zu haben, andererseits hatte sie quälende Visionen, zu einer Talk- und Gerichtsshow-Konsumentin zu mutieren, wenn sie nicht schleunigst ein sinnvolles Hobby für sich entdeckte. Stricken fand sie schon immer schrecklich. Vogelkunde betrieb sie, indem sie eine schöne Poularde zubereitete und zum Tanzen fehlte ihr das Rhythmusgefühl. Dann war ihr Ideenreichtum in punkto Hobby vorerst auch schon erschöpft. Allerdings machten ihr Spaziergänge an der Isar Spaß und so verbrachte sie, wann immer das Wetter ihre Ausflüge zum Vergnügen machte, ihre Zeit damit, die Isarufer entlang zu wandern. So fand Margot eines Tages den perfekten Kopf. In Steinform. „Das gibt’s doch nicht! Der sieht aus wie der Metzger Willinger!“ Die Nase knubbelig, das Kinn prominent und sogar der etwas flache Hinterkopf war zu erkennen. Die Angleichung an das Original würden Utensilien aus der Bastelabteilung des Baumarkts möglich machen. Sie besorgte Steinkleber, Pinsel, kleine Farbtiegelchen und war emsig auf der Suche nach den fehlenden steinernen Körperteilen: Bauch, Arme, Beine und Füße. Letztere mussten etwas überdimensioniert sein, damit das Männchen nicht umkippte. Die Figur war schnell zusammengeklebt und bemalt. Eine winzige Metzgerschürze wurde flugs genäht und sogar durch einen roten Farbklecks möglichst naturgetreu dargestellt. Margot besuchte die Metzgerei Willinger nun fast täglich um sich Inspirationen zu holen. Den Metzger freute es, denn er hatte ja keine Ahnung, dass er der Kundin als Modell für ihr Modell diente und vermutete den Grund ihrer häufigen Einkäufe in seiner erstklassigen Ware. Sie beobachtete und begutachtete ihn mit Argusaugen. Sein Schielen allerdings bereitete Margot Schwierigkeiten. Etwas in ihr rebellierte, den Blick seiner Augen in zwei verschiedene Richtungen wiederzugeben und so sah sie es als künstlerische Freiheit an, das Steinmännchen ohne diese Sehschwäche darzustellen. Tags darauf wollte sie eigentlich nur noch vergleichen, ob die grauen Schläfen ihres Männchens nicht zu stark vom Original abweichen, da blickte sie Metzger Willinger mit vor Freude rot geweinten, aber geradeaus blickenden Augen an und verkündete: „Ein Wunder! Über Nacht ist mein Schielen verschwunden! Heute gibt es Leberkäs-Semmeln für alle gratis!“ Kann es solche Zufälle geben? Margot freute sich für den Metzger, wunderte sich aber, dass seine Heilung mit dem Moment übereinstimmte, als sie sein Augenproblem „korrigiert“ hatte. Sie fand Gefallen daran, Menschen aus ihrem täglichen Leben aus kleinen Steinen nachzubauen. So auch ihren direkten Nachbarn Rudi Müller. Ein schlaksiger Mittzwanziger, der unter seiner Schüchternheit litt. Als sie die dünnen, langen Steine fand, wusste sie, dass sie seine Beine werden würden. Jeder aufmerksame Mieter im Haus ahnte, dass Herr Müller für Lena Strom aus dem ersten Stock schwärmte. Er wurde knallrot, sobald er ihr am Briefkasten oder in der Waschküche begegnete. Aber er war einfach zu schüchtern um sich ihr zu nähern. Margot pinselte dem Steinmännchen Müller ein verwegenes Lächeln ins Gesicht und nachts wurde sie von ungewohnten Geräuschen aus der Nachbarwohnung wach. „Rudi, mein Schatz, du bist so süß!“ „Lena, ich liebe dich!“ Es rumpelte unmissverständlich und Margot schlief lächelnd wieder ein. Der Kassiererin vom Supermarkt um die Ecke verpasste sie einen schlanken Bauchstein und beim nächsten Einkauf konnte sie feststellen, dass diese grinsend wie ein Honigkuchenpferd einen Kittel trug, der mindestens zwei Konfektionsgrößen kleiner war als der, der noch vor einer Woche ihre prallen Rundungen im Zaum gehalten hatte. Margot bastelte und bastelte. Sie veränderte ihre Steinmännchen stets ein Wenig abweichend in die Richtung, die die Originale sich zu wünschen schienen. Sie fertigte auch eine Steinfigur von sich selbst. Ohne Veränderungen. Denn sie wüsste nicht, was sie an ihrem Körper stören könnte. Ihre Gesundheit war ihr weitaus wichtiger als gängige Schönheitsideale. Nur die Sehnsucht nach ihrem verstorbenen Mann quälte sie. Aber dies konnte sie beim besten Willen nicht durch ein paar Steinchen verändern. Mit dem Ergebnis zufrieden, stellte sie das Figürchen auf die Fensterbank, zog ihre rustikalen Schuhe an und machte sich auf den Weg zur Isar, um neues Material zu sammeln. Der Luftzug der geöffneten Wohnungstüre ließ den Fensterflügel aufwehen und stieß „Margot“ auf den Boden. Die Steine purzelten auseinander und rollten auf dem Parkettboden umher. Auf der Straße blickte sie kurz in den Himmel und freute sich über das schöne Wetter. Sie schickte einen stillen Gruß an ihren Willi, als ein Minivan um die Ecke bog und sie überrollte. | ||

