Subkulturkatze

Aurelia saß zitternd und vom Regen bis auf die Haut durchnässt auf einer Parkbank und konnte den Albtraum dieses Horrortages immer noch nicht fassen. Wehmütig dachte sie an den letzten Morgen in ihrem geliebten Heim. Sie lebte in einer Stadtvilla zusammen mit Carlotta von Bley und führte ein Leben ohne Sorgen, angefüllt mit allerlei Annehmlichkeiten, erstklassiger Bedienung, Luxus, und auch für ihre Kurzweil wurde stets gesorgt.

An besagtem Morgen wachte sie auf, räkelte sich ausgiebig, blinzelte mit ihren grünen Augen in die Morgensonne und wunderte sich, dass sie Carlotta nicht in der Küche hantieren hörte, die gewöhnlich um diese Uhrzeit höchstpersönlich ein Frühstück so recht nach Aurelias Geschmack zubereitete.
Neugierig geworden, schlich sie zur Küche und fand sie leer vor. „Na, vielleicht hat sie verschlafen. Ich habe Hunger und werde sie wecken.“ Sie schlenderte in Carlottas
Schlafzimmer. „Tatsächlich liegt sie doch glatt noch in den Federn!“ Aurelia setzte sich an den Bettrand, stupste Carlotta sanft an, aber sie rührte sich nicht. So musste Aurelia wohl deutlicher werden. Sie entschied sich für ihre schrillste Stimmlage und schrie Carlotta an, aber keine Reaktion erfolgte. „Da stimmt etwas nicht. Ich muss Hilfe holen!“ Panisch rannte sie durch die Wohnung. Die Haustür war verschlossen. Schließlich kletterte sie aus dem offen stehenden Küchenfenster und rief um Hilfe. Kein Mensch war zu sehen und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Da kam die Reinigungsfrau Bernadette die Auffahrt hinauf und betrat das Haus. Dann ging alles ganz schnell. Autos kamen, es war ein Riesentrubel, bis schließlich ein Sarg ins Haus und wieder hinaus getragen wurde. Da wusste sie, dass ihre Gefährtin Carlotta gestorben war. Das Küchenfenster wurde geschlossen und Aurelia somit obdachlos.

Sie rannte und rannte, bis sie nicht mehr konnte. Um ein Wenig auszuruhen, setzte sie sich auf eine Bank in einem Park. Sie hatte keine Ahnung wo sie war. Regennass, frierend, hungrig und völlig verzweifelt war sie den Tränen nahe, als sich ihr drei Kerle näherten. „Ich glaub´, ich träume! Schaut euch dieses süße Kätzchen an!“ Der Anführer grinste sie breit an und seine zwei Kumpane kicherten.

Aurelia war sich bewusst, dass ihre Erscheinung ein Augenschmaus war: Schlank gewachsen, pechschwarzes, seidiges Fell und wunderschöne grüne Augen. Komplimente von Straßenkatern allerdings waren ihr fremd und versetzten sie in ihrer momentanen Lage in solchen Schrecken, dass sie fauchend die Flucht ergriff. Die Bande fackelte nicht lange und nahm die Verfolgung auf. Aurelia landete in einem Hinterhof und merkte panisch, dass es keinerlei Fluchtmöglichkeiten gab. Hämisch grinsend umkreisten sie die drei Rabauken. Der Anführer, ein großer grauer Kater mit mächtigem Schädel und eindrucksvollen Schnurrhaaren, musterte sie von oben bis unten. „Wie heißt du? Ich hab dich hier noch nie gesehen.“ „Frag sie, ob sie sterilisiert ist!“, feixte der kleine Rote mit räudigem Fell und stieß dem Dritten im Bunde, einem schwarzweiß Gescheckten, dem ein halbes Ohr fehlte, die Pfote in die Seite. Sie grölten und kicherten, aber der Anführer wies sie mit einem lauten Knurren zurecht. „Hat es dir die Sprache verschlagen? Wer bist du und was hast du hier zu suchen?“ Seine Pupillen verengten sich gefährlich. Aurelia nahm ihren ganzen Mut zusammen, richtete sich auf, setzte einen unglaublich arroganten Blick auf und erwiderte: „Ich bin Aurelia von Bley. Durch unglückliche Umstände, die ich nicht näher erörtern möchte, kam ich in die missliche Lage, nicht in meine Villa zurückkehren zu können. Ich gehe davon aus, dass sie sich wie Gentlemen benehmen werden und mir einen angemessenen Schlafplatz anbieten.“

Sekundenlang starrten sie die drei Kater an, um dann laut loszuprusten. „…die ich nicht näher erörtern möchte…“, „Gentlemen“, „Sie hat ne Villa!“, „Aurelia von Bley! Ich lach mich tot!“ „Da hat sich wohl eine wahre Kulturkatze in unser Revier verirrt. Welche Ehre!“ Der Graue sah sie spöttisch an, aber Aurelia wich seinem Blick nicht aus. Ihre Schwanzspitze bewegte sich langsam auf und ab und sie fixierte ihn unbeirrt. Sein rechtes Ohr zuckte, er schaute zur Seite, leckte sich irritiert die Pfote und raunte: „Komm mit. Ich zeig dir deinen Schlafplatz. Und ihr Beiden besorgt was zu futtern. Wir treffen uns im Untergrund.“

Er bedeutete Aurelia ihm zu folgen und die beiden Kater flitzten davon. Zögernd tapste sie dem Riesenkater durch den Park nach. „Was meinst du mit Untergrund? Wohin gehen wir?“ „Zur U-Bahnstation. Da gibt es warme und trockene Plätzchen.“ „U-Bahn?“ Aurelia sah ihn fragend an. Sie wurde stets im Mercedes zum Tierarzt und zum Kitty-Schönheitssalon chauffiert und hatte keine Ahnung von öffentlichen Verkehrsmitteln. „Subway. Metro. U-Bahn eben! Ach, komm einfach mit.“

Dort angekommen rannten sie flink die Treppe hinab. Der Graue spurtete an den Fahrscheinautomaten vorbei und zwängte sich durch eine Gittertür, hinter der ein langer Gang zu den Betriebsräumen lag. Aurelia folgte ihm staunend. Mit dem Kopf drückte er eine angelehnte Tür auf. In dem Raum wurden die Gerätschaften und Vorräte der Putzkolonne aufbewahrt und in einem Regal lagen zusammengefaltete, unbenutzte Putztücher. Der Graue zeigte darauf: „Ein Himmelbettchen für unsere Kulturkatze! Statt der Villa die Subway. Also eine Subkulturkatze!“ Er lachte sich scheckig über seine Wortkreation. Sie sprang geschmeidig auf das weiche Lager, drehte sich, bis sie die ideale Ruheposition gefunden hatte und fauchte ihn dann an: „Aurelia, du Blödmann! Und wie heißt du überhaupt?“ „Buck. Ich… also, meine Kumpels nennen mich Buck.“ Verlegen senkte er den Blick. „Lüg mich nicht an! Da stimmt doch etwas nicht!“ Kleinlaut murmelte der große Kater: „Na ja, ich lebe eigentlich etwas außerhalb auf einem umgebauten Bauernhof mit einer Künstlerfamilie. Das Leben ist super dort. Aber ab und zu brauche ich die City. Und für meine Kumpels hier heiße ich Buck.“ Aurelia lächelte ihn an. „Und wie nennt dich die Familie daheim?“ „Peterle“, flüsterte er verschämt. „Aber das muss unser Geheimnis bleiben, ok? Peterle ist kein Anführername!“

Seine Freunde flitzten um die Ecke, legten eine Maus, einen Vogel und den Rest eines Brathähnchens auf den Boden und strahlten: „Buck, es ist angerichtet.“ Aurelia riss die Augen auf und ihr wurde schlagartig schlecht. „Das soll ich fressen? Da sind ja noch Fell und Federn dran! Igitt! Und gedünstet habt ihr es auch nicht. Ich nehme das Hähnchen.“ Noch ehe die beiden Futterlieferanten losschimpfen konnten, meinte Buck versöhnlich: „Gut gemacht, Whisky und Purzel. Ihr wollt doch sicher noch in die Kleingartenanlage rüber, den neuen Kater auschecken, was? Wir sehen uns nächste Woche. Ich hau morgen früh wieder ab aufs Land.“ Verdutzt räumten die Beiden das Feld. Aurelia knabberte am Hähnchen und Buck ließ sich Maus und Vogel schmecken. „Pass mit den Knochen auf. Hähnchenknochen sind gefährlich.“ Das Kätzchen lächelte ihn an und musterte ihn genauer. Er war sehr muskulös. Sein graues Fell war gepflegt, seine Augen waren von einem bestechenden Gelb und ihr gefiel ausnehmend, was sie sah. Nach der Mahlzeit kuschelten sie sich zusammen auf die Putzlappen und schliefen bis zum Morgen. Gegen vier Uhr allerdings wurden sie recht unsanft geweckt. „Kukst du, wieder verdamptes Katze schlafe hier!“ Zwei Putzleute klatschten in die Hände und kreischten, um die Katzen zu vertreiben. Buck und Aurelia flohen so schnell sie nur konnten den Gang entlang und die Treppe hoch. Außer Gefahr, ließen sie sich hinter einer Hecke nieder. „Guten Morgen, Aurelia. Hast du gut geschlafen?“ Buck sah ihr verliebt in die Augen. Sie senkte die Lider und schnurrte: „Sehr gut. Du hast mich schön warm gehalten.“ „Wir schnappen die erste U-Bahn und fahren zu meinen Leuten. Ich möchte, dass du zu mir ziehst.“

Als sie auf dem Hof ankamen, stürmte ein kleiner Junge auf Buck zu. „Peterle! Da bist du ja wieder! Und eine Freundin hast du auch mitgebracht. Wie schön.“ „Buck!“, maulte Buck, aber der Junge konnte ihn natürlich nicht verstehen. „Aurelia, ich zeige dir meine Lieblingsplätze. Aber erst gibt es Frühstück.“ Sie folgte ihm ins Haus. In der Küche saß die Familie beisammen und begrüßte den Teilzeit-Streuner und seine Freundin. Dosen wurden geöffnet, frisches Wasser gereicht, Trockenfutter klimperte in Schälchen und die Beiden schlugen sich die Bäuche voll.

Bevor sie abends einschliefen, flüsterte Aurelia: „Buck, du darfst mich Subkulturkatze nennen. Ich mag den Namen.“ Und eine wunderbare Katzenromanze begann.

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