Die tägliche Dusche war für Helmut wie immer das erste Tageshighlight. Kaum etwas konnte ihm mehr Vergnügen bereiten, als seine schulterlangen, blonden Haare erst mit exquisitem Shampoo, dann der neu entdeckten Glanzkur von Vidal Sassoon und anschließend noch mit Conditioner zu verwöhnen. Heute jedoch liess ein Geräusch seine Stimmung in den Keller sinken: Die Shampooflasche furzte ihm nass in die Hand. Leer. Nur noch ein kleiner Klecks übrig. Für eine Sekunde packte Helmut Panik, bis ihm die Shampooprobe einfiel, die er beim Zahnarzt aus der aktuellen „Men's Health“ herausgerissen hatte. Immer wieder rutschte er mit seinen nassen Fingern von der Perforation ab und schließlich riss er die Folie fluchend mit den Zähnen auf. Das in seinen Mund geratene Shampoo spuckte er würgend in seine Hand. Nur nichts verkommen lassen, war seine Devise. Helmut fand, seine Haare waren das Beste an ihm. Damit hatte er ungeheuer Schlag bei den Frauen. Wenn er dann noch seinen umwerfenden Charme spielen ließ, konnten sie ihm keinen Wunsch abschlagen. Und genau darauf baute er. Sich aushalten zu lassen, war weitaus angenehmer, seiner chronischen Geldknappheit zu Leibe zu rücken, als zu arbeiten. Heute war es wieder so weit. Die von seiner letzten Eroberung hinterlassenen Barschaft war aufgebraucht und sein Lebensstandard musste ja schließlich finanziert werden. Die Wohnungsmiete hatte seine Mutter zwar ohne Wissen seines Vaters auf drei Jahre im Voraus bezahlt und die Restaurantrechnungen übernahmen die Damen, nachdem er, vermeintlich bezahlen wollend, erschrocken seine Jackentaschen nach dem „verlorenen“ Geldbeutel abgeklopft hatte - nicht, ohne ihnen danach seine bezaubernden Grübchen und ein verlegenes Lächeln zu zeigen – aber Kosmetika und Kleidung mussten ja auch bezahlt werden. In der letzten Ausgabe der Stadtzeitung hatte er sein neues Opfer erspäht: „Dunkelhaarige, schlanke Endzwanzigerin sucht IHN, mit dem sie lachen, träumen, tanzen und klönen kann. Ich bin finanziell unabhängig, gebildet und kreativ. Man sagt mir nach, mit mir könne man Pferde stehlen. Wenn Du unter Vierzig bist, nett anzuschauen und auch eine Prise Humor mitbringst, dann schreibe mir doch einfach mit Foto unter Chiffre 555389.“ Wenn er zusammenzählte, wie viele verzweifelt Suchende schon mit ihm „Pferde stehlen“ wollten – eine Ranch in Texas hätte er allemal inzwischen mit den geklauten Gäulen ausstatten können! Aber der einzig für ihn wichtige Satz sprang ihm sofort in sein geübtes Auge: „Finanziell unabhängig.“ BINGO! Sein Foto würde sie sowieso erfahrungsgemäß auf die Knie zwingen. Das hatte Ritchy, sein Fotografenkumpel, von ihm geschossen: Verträumtes Lächeln, die Haare mit Hilfe des Diffusers in eine seidige Löwenmähne gestylt, Jeans mit Riss am Knie, ein absolut starkes, schwarzes, gut gefälschtes Armani-Sacco und die Augen hatte er dank Photoshop noch etwas mehr erblauen lassen. Er hatte der Frau also geschrieben. Den üblichen Schmus vom enttäuschten, feinsinnigen Philosophiestudenten, der Angst hatte, dass ihm wieder das Herz gebrochen werden würde. Das zieht immer. Warum sollte er auch erwähnen, dass er nach seiner Bäckerlehre keine Lust mehr auf den Job hatte, weil das Haarnetz ihm die Struktur seines Kopfschmuckes ruinierte und sein Schönheitsschlaf frühestens um neun Uhr morgens beendet war. Seit dem lebte er ja als „Philosophiestudent“ ganz gut von den Mädels. Er hatte sich notgedrungen auf Bekanntschaftsanzeigen der Stadtmagazine besonnen. Das Internet war wirklich praktischer, schneller und billiger. Das Briefporto und die Kosten für die Fotoabzüge nervten ihn zwar sehr, aber das Netz hatte er bereits abgegrast. In den Plattformen, in denen er gewildert hatte, war sein Ruf ruiniert. Es gab schon unzählige Beschwerden von abgezockten Frauen über ihn und einige Male wurde er sogar der Plattform verwiesen. Und in den restlichen Communities war nur Schrott unterwegs. So studierte er also wöchentlich das Stadtmagazin. Nach kurzem Briefwechsel und einem Telefonat hatten sie sich verabredet. Der Treffpunkt war eine Bank unter der großen Trauerweide im Park. Wie es sich gehörte, war er vor dem Zeitpunkt da. Da stehen die Weiber drauf. Sie kam auf einem alten Hollandrad angefahren und war etwas aus der Puste. „Hallo, Du musst Helmut sein.“ „Veronika, Du siehst noch besser aus, als auf dem Foto!“ Herzlich umarmten sie sich und tauschten das übliche Geplänkel aus. Veronika machte wirklich einen sehr netten Eindruck auf Helmut und er rieb sich innerlich schon die Hände: „Gebildet? Vielleicht! Aber nicht in der Schule des Lebens! Aber der Körper iss ja echt mal ne schöne Abwechslung – gut gewachsen, das Teil!“ Veronika war auch sehr angetan von Helmut. „Vielleicht eine Spur zu viel Aftershave. Aber süß sieht er aus. Das gebrochene Herz versucht er tapfer zu verstecken. So ein lieber, schöner Mann.“ Die „Vorbereitungszeit“ bestand aus einigen Treffen, bei denen Helmut den Schüchternen, sich der auflodernden Liebe Erwehrenden gab. Dieses Wechselspiel der Gesichtsausdrücke – geiler Blick, sich erschrocken zurückziehend, dann sehnsüchtig schmachtend – hatte er bis zum Abwinken vor dem Spiegel geübt und er hatte es mittlerweile echt drauf. Beim Eisessen erwähnte Veronika, dass sie kürzlich eine Erbschaft angetreten hatte. Somit wurde sie schlagartig zu Helmuts momentaner Traumfrau. Vom letzten Geld lud er sie ins Kino, ins Museum und auch noch zum Tanzen ein. Etwas Einsatz liess sich manchmal nicht vermeiden. Sie wurde immer zutraulicher und langweilte ihn mit Kindheitsgeschichten, verstorbenen Haustieren und Berichten aus ihrem Arbeitsleben. Aber Helmut ertrug alles tapfer. Schliesslich war der große Wurf in Sicht. Die Story über seine verarmte Mutter, die seit einem Schlaganfall tumb vor sich hinvegetierte, hatte er aus einem Revolverblatt. Wenn er ihr doch nur helfen könnte. Das Haus bräuchte nur einige kleine Umbauarbeiten. Dann könne sie wieder in Würde leben. Veronika hatte Tränen in den Augen, als seine Stimme brach. Yeah! Diese Tränen waren das Salz in seiner Suppe. Nachdem er ihr dann noch seinen angeblichen „Lieblingsplatz“ gezeigt hatte – ein Familiengrab mit Engelsstatue auf dem Friedhof – und auf den Knien schluchzend zusammengebrochen war, hatte er sie endgültig im Sack. Die gemeinsame Nacht war für Veronika wie ein Traum. Erst tröstete sie diesen verletzlichen, schönen Mann, dann wurde aus Umarmungen mehr. Helmut verführte sie nach allen Regeln der Kunst. Der Sex war für sie unglaublich. Für ihn allerdings nur angenehme Pflicht. An der Decke befand sich ein Spiegel. Befremdlich war für Veronika nur, dass sie immer wieder Helmuts verträumte Blicke darin sah, während er SICH darin betrachtete! „Wenn Du Taschentücher brauchst, die liegen in der oberen Schublade“ murmelte Helmut, bevor er einschlief. Am nächsten Morgen wachte Veronika alleine auf. Sie hörte ein Flüstern aus dem Nebenraum. Auf dem Weg zur Toilette schnappte sie einige Wortfetzen auf: „Die Alte ist im Sack! Ich muss nur noch zwei bis drei Mal drüber, dann löhnt sie. Die Story mit der Mutter hat sie echt geschluckt … nee, doof nicht, aber verzweifelt. Kennst die Sorte doch ... ja … heut Abend Fitness? Klar, ich komme. Der erzähl ich was von Familientreffen oder so …“ Veronika betrat die Küche, nachdem sie ihre Tränen weggeduscht hatte. „Liebling, wie sieht’s mit Frühstück aus? Fehlt ausser Brötchen noch was? Ich geh schnell einkaufen.“ Nichts deutete darauf hin, wie fassungslos sie über das Gehörte war. Neben dem Bäckerladen war ein Drogeriemarkt. Da sprang sie auch noch schnell hinein, bevor sie wieder vermeintlich gut gelaunt an Helmuts Türe schellte. Er zauberte ein schönes Frühstück auf den Tisch, während sie noch mal kurz im Bad verschwand. Sie drückte den Inhalt der neuen Shampooflasche in den Ausguss und ersetzte ihn durch Enthaarungsemulsion. Summend setzte sie sich an den reich gedeckten Tisch und frühstückte gemütlich mit Helmut. „Süße, ich geh schnell meine Haare waschen. Willst Du bleiben? Ich muss allerdings dann auch weg. Ein Geschenk für meine Tante kaufen. Die feiert heute ihren Sechzigsten.“ Veronika lächelte Helmut an und grinste innerlich. Sie strich ihm langsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich muss sowieso weg.“ Im Treppenhaus hörte sie noch, wie er die Dusche anstellte und flüsterte: „Ich hab doch geschrieben, dass ich kreativ bin!“ Subkulturkatze, Sommer 2007 | ||

