Jan hatte alles vorbereitet. Im Kühlschrank lagerte erstklassiger Champagner neben den am Vortag erstandenen Botox-Ampullen und die Insulinspritzen würde Falk, der Apotheker, mitbringen. Die Business-Sushi-Platte war bestellt und Jan freudigst erregt. Die fünf „Jungs“ lernten sich seinerzeit im Golfclub kennen und blieben auch außerhalb des Greens eine eingeschworene Clique. Jan, der lebenslustige Zahnarzt, Peter, mittlerweile erfolgreicher als Werbeagenturinhaber denn als Womanizer, Frank – Fipsi genannt – scheffelte fröhlich als Rechtsanwalt, Dirk war Zahntechnikermeister und Laborinhaber und Falk glücklich geschiedener Apotheker. Sie zählten zur Düsseldorfer Semi-Schickeria und verjubelten so manche Tausender gemeinsam in den angesagten Clubs. Allerdings hatten sie in letzter Zeit festgestellt, dass der Kokskonsum, das steigende Alter und somit ihr Aussehen, ihre berufliche Eingespanntheit und der nachlassende Elan dazu beitrugen, dass die Partymäuse sich offensichtlich von ihnen ab- und den Jüngeren zuwandten. Jan hatte die zündende Idee gehabt. Er lud also seine Freunde zu einer „Party der besonderen Art“ ein. Eine dekadente Fressorgie? SM? Gangbang? Oder etwa kulinarische Köstlichkeiten auf nackten Frauenkörpern serviert? Alle waren sehr gespannt. Nur Falk war äußerst misstrauisch, als Jan ihn bat, die Insulinspritzen mitzubringen. „Keine harten Drogen, ok? Damit will ich nichts zu tun haben, Jan!“ „Mach dich locker, Falk. Keine Angst. Vertrau mir und lass dich überraschen.“ Im Minutentakt trafen die Gäste ein. Das Sushi war angerichtet, Joss Stone säuselte aus der Bang & Olufsen-Anlage und der Champagner war entkorkt. Nachdem sich alle begrüßt und gegenseitig ausgiebig auf die Schulter geklopft hatten, jeder jedem versichert hatte, wie fabelhaft er aussähe und die üblichen Nettigkeiten ausgetauscht waren, machten sie sich über die fernöstlichen Häppchen her. „Also Jan, nun spuck´s schon aus! Was geht heute ab?“ meinte Fipsi und lehnte sich jovial, an seinem Champagnerglas nippend, im Ledersessel zurück. „Genau. Raus mit der Sprache!“ rief Peter. „Freunde, ich will euch nicht länger auf die Folter spannen. Wir sollten uns mit den Spuren des Alterns nicht abfinden. Wir sind erfolgreich, sportlich, im besten Alter, haben Kohle und die Falten, die uns unsere Exfrauen beschert haben, werden wir heute einfach wegradieren! Ich hab uns Botox besorgt!“ Stille. Falk, der Apotheker, atmete erleichtert auf. Dirk merkte erfreut an: „Das machen alle in Hollywood. Und hierzulande mittlerweile auch. Und sie sehen alle glatt zehn Jahre jünger aus. Her damit. Ich bin dabei!“ Allgemeine Zustimmung machte sich breit. Letztendlich drängelten sie sich vor dem großen Spiegel über dem Kamin und jeder fand für sich, aber auch gegenseitig, die Spuren des Lebens in ihren Gesichtern seien einfach untragbar. Jan brachte ein Tablett mit den Ampullen und den Spritzen. „Aber wer hat denn Ahnung wohin damit und wie viel davon?“ kam es aus Peters Richtung. „Ich hab mich eingelesen. Stay cool, ich kenn mich aus.“ raunte Jan. Er spritzte jedem das Nervengift in seine persönliche faciale Problemzone, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Nur bei ihm selbst zitterten seine Hände ein wenig. Sie warteten auf eine Reaktion oder ein Ergebnis, aber zunächst passierte nichts und sie befragten und beäugten sich gegenseitig ausgiebig. Fipsi meinte, er würde ein leichtes Kribbeln an seiner Zornesfalte spüren. Dirk klagte über Magenschmerzen, aber das wurde seiner Aufregung zugeschoben. Doch nach einigen Minuten bildeten sich rote Beulen an den Einstichstellen. „Oh Gott, ich sehe ja aus wie Quasi Modo!“ entrüstete sich Peter, während er die Schwellung zwischen seinen Augenbrauen befingerte. „Ich auch! Wie das letzte Einhorn!“ jammerte Fipsi weinerlich. Sie sahen aus wie zwei Böcke nach dem Kampf um die brünftige Ziege. Falk lachte schallend, als er Jans dicke Mundwinkel entdeckte, aber dadurch schwoll seine Oberlippe umso rasanter an. Dirks Augen waren mittlerweile fast nicht mehr zu sehen. „Jan, ich schwöre dir, wenn das morgen nicht wieder normal aussieht, breche ich dir den Kiefer. Kannst dich dann gleich selbst behandeln, du Superhirni. Morgen Vormittag kommt ein wichtiger, neuer Kunde. Wenn ich da aussehe wie Rocky in Teil fünfundzwanzig kann ich die Zusammenarbeit mit dem glatt vergessen!“ Jan versuchte trotz seiner geschwollenen Fresse locker zu bleiben: „ Dasch dauert nischt lange. Morgen isch allesch wieder abgeschhhwollen und wir schehen ausch wie dasch blühende Leben.“ Er merkte nicht, dass ihm Speichel am Kinn hinunterlief und Peter reichte ihm angewidert eine Serviette. Auf die obligatorische Havanna und den Single-Malt verzichteten sie diesmal und so löste sich der Kreis bald auf. Man versicherte sich, am nächsten Tag Kontakt aufzunehmen und zu berichten, ob die erwartete Verjüngung eingetreten war. Morgens halb zehn in Düsseldorf. Jans Handy war in Dauerbetrieb. Der Erste, der sich meldete, war Dirk: „Mensch Alter, alles wieder glatt. Nur kriege ich beim Blinzeln die Augen nicht ganz zu. Und ständig Augentropfen zu verwenden, nervt ungemein. Und wie geht’s dir?“ „Super! Obwohl… na gut, ich wollte meinen Lehrling zusammenscheißen, hab aber das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen. Aber immerhin fragte mich eine Patientin, ob ich auf Kur war. Dirk, da klopft wer an. Bis die Tage, ok?“ Fipsi donnerte gleich los: „So ein Scheiß! Vor Gericht wollte ich den Nebenkläger grimmig anstarren, aber es ging nicht! Ich muss so was von lächerlich ausgesehen haben!“ Falk war der Nächste. „Die Ffffalten sind echt weg! Aber beim Fffprechen pffffeifffft mir die Lufffft immer durch die Lippen. Ich hoffffe, daff geht wieder weg?“ Jan wählte Peters Nummer und hob zu einem fröhlichen Gruß an, aber der schrie ihn sofort an: „Arschloch! Ich hab immer noch ´ne knallrote Riesenbeule zwischen den Augenbrauen. Du mit deinen Scheißideen!“ und legte auf. Es dauerte einige Wochen, bis sie sich wieder trafen. Über die Botox-Party sprachen sie nicht mehr. Stattdessen beschlossen sie einvernehmlich, ihr Beuteschema in Bezug auf Frauen zu ändern. Fipsi hatte sich nicht mehr gemeldet, aber alle hofften, dass die Beule inzwischen weg war. © Subkulturkatze - November 2008 | ||

