Inspektor Dick und die X Akte „Verfluchter Kluster“ murmelte Inspektor Dick in seinen nicht vorhandenen Bart. „Der Blitz soll dieses fette Schwein treffen. Das gäbe ein Grillfest, dachte sich Dick. Oder ein BarBeQ, wie dieser dekadente, vollgefressene Ami-Sack sagen würde „.Wütend zwang er die verbeulte Blechschublade mit einem heftigen Tritt zurück in den verrosteten Aktenschrank. Superintendent Robert „Bob“ Kluster war tatsächlich Amerikaner, einer der wenigen im britischen New Scottland Yard. Und ja, er war auch massiv übergewichtig und hatte eine Vorliebe für Grillfeste. Aber außerdem war er auch noch Inspektor Dick`s Vorgesetzter, weshalb dieser es vorzog, solche Bemerkungen nur leise zu murmeln, oder zu denken. Nach dem Desaster mit der vermeintlichen „Frauenleiche“ hatte er Dick ordentlich zusammengestaucht und vorrübergehend in die Asservatenregistratur strafversetzt. Hier saß er nun, sortierte alte, längst gelöste Fälle und staubige Beweismittel die seine Kollegen nach der Vorlage bei Gericht einfach achtlos in den Eingangskorb geworfen hatten, so , wie er selbst viel Male. Nur der gelegentliche Schluck Portwein aus seinem geliebten Flachmann half ihm über diese hirnerweichend öde Tätigkeit hinweg. Entnervt rüttelte er an der Schublade Nr. 09, um einen der Aktenordner vom letzten Jahr zu verstauen, doch das Scheißding klemmte. Die Überstehende Kante der Schublade hatte sich unter dem Blech der danebenliegenden Lade verklemmt. Dicks Fingerknöchel traten weis hervor, als er die Griffe beider Schubladen packte und mit aller Kraft zog. Mit einem Ohrenbetäubenden Quietschen lösten sich die verklemmten Metallteile voneinander und glitten blitzschnell auf ihren Rollen in den Führungsschienen nach vorne. Inspektor Dick wurde von seinem eigenen Schwung nach hinten gerissen und klatschte schmerzhaft gegen die Betonwand des Kellerraumes, begleitet vom blechernen Donnern der Schubladen, die links und rechts neben ihm auf dem Boden aufschlugen. Nun saß er da, mit dem Hintern auf dem kalten Kellerboden, über und über von fleckigen Schnellheftern und vergilbten Papieren übersäht, die sich aus ihren Halterungen gelöst hatten. Fluchend wischte sich Dick die Inhalte der Schubladen von Beinen und Bauch und erhob sich, zitternd vor Adrenalin. Prüfend tastete er mit beiden Händen über seinen Rücken und den Allerwertesten nach eventuellen Schäden, konnte aber nichts ernsthaftes Feststellen. Der Inspektor blickte hinunter auf das Durcheinander zu seinen Füßen und zog überrascht die Augenbrauen nach oben. Auf dem Klebeschildchen der anderen Schublade befand sich nicht die Nummer 10, die logischerweise auf die 09 hätte folgen müssen, sondern ein grobes, mit dem Kugelschreiber ausgemaltes X. Neugierig durchstöberte Dick den Haufen zu seinen Füßen nach Papieren, die nicht in die Kategorie 09 passten. Eine Schublade mit Kennbuchstaben durfte es hier unten überhaupt nicht geben. Eine laufende, alphabetische Reihenfolge gab es nur im Archiv der ersten Etage, wo die aktuellen Fälle bearbeitet wurden. Und selbst da hatte er, in über zwanzig Dienstjahren, niemals etwas unter dem Buchstaben X abgelegt. Welcher Name begann schon mit einem X ? So etwas kam doch höchstens in Schmuddelkrimis oder schlechten Filmen vor. Null-Neun, Null-Neun, Null-Neun..........X ! Triumphierend fischte Dick einen vergilbten Pappordner mit deutlichen Rändern abgestellter Kaffeebecher aus dem Durcheinander und schlug ihn auf. Das erste was ihm ins Auge sprang, war ein altbekannter Name. Stone. Eine Zornesader begann an Inspektor Dicks linker Schläfe zu pulsieren. Ausgerechnet dieser Mistkerl Stone ! Dieser Typ war entweder der cleverste oder der dämlichste „Beinaheverbrecher“, mit dem es der Inspektor jemals zu tun bekommen hatte. Das „beinahe“ hatte sich Stone verdient, weil man ihm nie wirklich die Beteiligung an einem Verbrechen nachweisen konnte. Allerdings erschien sein Name so oft am Rande irgendwelcher Ermittlungen, dass sich Dick, der schon lange nicht mehr an Zufälle glaubte, sicher war das Stone jede Menge Dreck am Stecken hatte. Beim überfliegen der einzelnen Seiten fand er allerdings nur eine kurze Randnotiz über „ungewöhnliche Hehlerwahre“ und eine seltsam klingende Adresse, die auf „Villa X“ lautete. Enttäuscht legte Dick den Ordner auf den wackeligen Tisch der das traurige Mobiliar neben Aktenschrank und Regalen vervollständigte und suchte die nächste „X-Akte“ aus dem Haufen heraus. Schon wieder dieser Name, Stone. Und schon wieder diese seltsame Anschrift. Jetzt wurde Dick neugierig. Sein Jagdtrieb war erwacht und er verbrachte die nächsten zwei Stunden mit dem akribischen sortieren der verstreuten Papiere. Am Ende hatte sich auf dem Tisch ein ansehnlicher Haufen gebildet, dessen Inhalte eines gemeinsam hatten. Stone und die ominöse Villa X. © 06.2010 by Biker_696 Nicht ohne Mühe, hatte Dick sämtliche Papiere die Stone und die Villa betrafen in seiner Aktentasche untergebracht und aus dem Gebäude geschmuggelt. Der nächste schwere Verstoß gegen die Vorschriften des Yard, der ihn dieses mal hundertprozentig seinen eh schon wackeligen Posten gekostet hätte. Zuhause störte ihn keiner, denn er würde Zeit brauchen um die Teile dieses seltsamen Puzzles zusammen zu setzen. Das kleine Häuschen des Inspektors hätte alle die ihn kannten sehr überrascht, hätte er je Kollegen zu sich eingeladen. Warm und gemütlich anheimelnd eingerichtet war das Haus, mit einem leichten Einschlag zum Deutsch-rustikalen Stil, den Dick dem Geschmack seiner verstorbenen Frau verdankte. Er war ziemlich sicher das die Sorge um ihn, wenn er im Dienst war, sie ins frühe Grab gebracht hatte. Das war einer der Gründe dafür, dass er so verbissen an seinen Fällen arbeitete. Jedes mal wenn er einen Fall löste, hatte er das Gefühl an ihr etwas wieder gut zu machen. Er schüttete den Inhalt seiner vollgestopften Aktentasche auf den großen Esstisch im Wohnzimmer, schlüpfte noch im Laufen aus seinen Schuhen und schenkte sich in der Küche ein großes Glas Portwein ein. Langsam goss er den teuren Port über ein kleines Gebirge aus Eiswürfeln, fügte einen Schnitzer Zitrone hinzu, balancierte das volle Glas zum papierbeladenen Esstisch und setzte es vorsichtig ab, aber nicht ohne vorher einen Untersetzer aus geprägtem Kupfer unter zu schieben. Er lächelte kurz, als er sich wehmütig daran erinnerte, wie oft seine Frau deswegen in der Vergangenheit mit ihm schimpfte, wenn sein Glas mal wieder sichtbare Spuren auf dem hellen Holztisch hinterlassen hatte. Seltsam, seit ihrem Tod hatte er nie wieder vergessen etwas unter zu legen. Das Eis in seinem Glas begann bereits zu schmelzen, also wischte Dick diesen trüben Gedanken bei Seite, nahm einen großen Schluck Port und setzte sich an den Tisch, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Um sieben Uhr am nächsten Morgen griff er nach dem Telefon und meldete sich beim Diensthabenden im Yard für den Rest der Woche krank. Inspektor Dick hatte Blut geleckt und diesen Fall würde er nicht einfach zurück zu den Akten legen, oh nein. Irgendetwas unbeschreibliches ging da vor sich und er würde herausfinden, was das war. Fest stand, Stone, Scottland Yard und die Villa X waren in einem dunklem Geheimnis miteinander verbunden und er, Inspektor Rutherford Dick, würde dieses Rätsel knacken. Das laute Grummeln seines leeren Magens erinnerte ihn daran, dass er außer einer halben Flasche Portwein seit gestern nichts mehr zu sich genommen hatte. Der Kühlschrank präsentierte sich gesund, in Form einer alten Pastinake und einem traurigen Bund aus Radieschen. Zwar nagte er mit seinem Gehalt nicht gerade am Hungertuch, aber Dick hasste es im Sommer einkaufen zu gehen. Es war zu warm und für seinen Geschmack regnete es viel zu selten. Nach einem Bad in kochendem Öl und mit einem Glas Löwensenf verfeinert, hatte die Pastinake ihren Zweck er- und den Bauch des Inspektors gefüllt. Die Radieschen landeten, immer noch traurig, im Mülleimer. Mit einem neuen Glas Portwein kehrte Dick nach dem Geschirrspülen an den Esstisch zurück und nahm sich wieder seine Notizen vor. Ganz offensichtlich hatte Stone von hohen Beamten des Yard Geld bekommen. Viel Geld . Einen Teil dieses Geldes hatte Stone der Villa X zukommen lassen. Ob allerdings auf Wunsch seiner Auftraggeber, oder in eigenem Interesse, dass hatte der Inspektor noch nicht sicher feststellen können. Die Belege und Quittungen lauteten unter anderem auf „Nagellack“, „Spitzenhöschen“ und sogar auf einen „goldenen Guru“. Hinter letzterem vermutete Dick eine neue, illegale Droge, den der Betrag auf dieser Rechnung war astronomisch hoch. Inspektor Dick verschränkte die Arme im Nacken und lehnte sich mit seinem Stuhl gefährlich weit zurück, bis seine Knie die Unterkante des Tisches berührten. Stone stand in dem Ruf selbst die ausgefallensten Dinge besorgen zu können, auch wenn er ein furchtbarer Trampel war. Er war eine bekannte Größe in diesem Spiel. Ganz anders verhielt es sich mit der Villa X und der Inspektor beschloss, dieser ominösen Adresse mal einen Besuch abzustatten. © 06.2010 by Biker_696 Knatternd erstarb der Motor von Dicks altem Bentley, als er den Wagen im matten Schein einer englischen Straßenlaterne zum stehen brachte. Er kontrollierte seine Position anhand einer vergilbten Straßenkarte und verglich die Adresse mit der, die er in den Akten im Keller gefunden hatte. „Blackberrystreet 696“ hatte ihn viele Kilometer aus dem Herzen Londons heraus durch die dunklen Vororte geführt. Nach den baufälligen Backsteinhäusern und grauen Betonblöcken, waren die Häuser am Anfang der „Blackberrystreet“, die sich sanft einen leichten Hügel hinaufwand, ein überraschender Anblick. Im frühen Kolonialstiel erbaut, erhoben sich adrette Häuschen und prachtvolle Villen aus dem umliegenden Grün, wie ein Feuervogel aus der Asche. Inspektor Dick fühlte sich gegen seinen Willen verunsichert. Er war an schmuddelige Bars gewöhnt und traf seine Informanten meist in Bahnhofstoiletten. Das hier entsprach ganz und gar nicht seinem Habitus. Hinter der nächsten Biegung müsste sich Haus Nummer 696 befinden. Dick faltete den Papierplan umständlich zusammen, stieg aus seinem Wagen, sperrte die Türen zu und glättete den zerknitterten Anzug unter seinem Trenchcoat. Wie pochiertes Eigelb schimmerte das Licht aus den Fenstern zwischen den dunklen Bäumen hindurch und von irgendwoher drangen die wehmütigen Klänge eines Cellos an seine Ohren. Dick umrundete gemessenen Schrittes die nächste Wegbiegung und blieb wie angewurzelt am Begin einer Auffahrt stehen. Ein hohes, schmiedeisernes Tor verschloss die einzige Lücke in einer drei Meter hohen, massiven Mauer aus grob behauenem Naturstein. Hastig trat der Inspektor einige Schritte zurück und duckte sich in den Schatten der Bäume am Straßenrand, als die Scheinwerfer eines Wagens das Tor in helles Licht tauchten. Erst jetzt bemerkte Dick die hochmodernen Kameras auf den Eckpfeilern der Mauer, die von ihren Servomotoren getrieben herumschwenkten und den Wagen ins Visier nahmen. Das Summen eines elektrischen Fensterhebers ertönte und eben, als der Inspektor einen Blick ins Wageninnere riskieren wollte, trat ein gewaltiger Mann aus dem Schatten unter der Mauer, beugte sich zum Wagenfenster hinunter und wechselte einige leise Worte mit dem Fahrer. Der Riese lachte verhalten, trat vom Wagen zurück und zog eine Fernbedienung aus der Brusttasche seines Anzuges, die in seinen groben Händen lächerlich winzig wirkte, tippte rasch eine Nummernkombination ein und tat einige Schritte Richtung Straße, als die gewaltigen Torflügel lautlos auseinander glitten. Der Wagen, ein schwarzer Mercedes, glitt beinahe geräuschlos durch das Tor und nur der Kies knirschte unter den Breiten Reifen, als sich die Flügel auch schon wieder zu schließen begannen. Der Inspektor fluchte lautlos vor sich hin, den noch immer stand der Hüne nur wenige Schritte von seinem Versteck entfernt am Straßenrand Damit war seine Chance nach dem Wagen durch das Tor zu schlüpfen und so unbemerkt auf das Gelände von Blackberrystreet 696 zu gelangen dahin. Das Tor hatte sich wieder vollständig geschlossen und der gewaltige Kerl warf noch einen Blick die Straße hinunter, bevor er eine zerknitterte Packung Zigaretten aus der Hosentasche kramte und sich eine anzündete. Geräuschvoll genoss er den ersten, tiefen Lungenzug und im flackernden Schein der Feuerzeugflamme hatte Dick die typischen Aknegeschwüre im Gesicht des Riesen erkennen können, die auf massiven Anabolikamissbrauch hindeuteten. Aber Steroide hin oder her, an diesem Kerl würde es keinen Weg vorbei geben. Goliath hatte sich wieder auf seinen Posten im Schatten der Mauer verzogen und der Inspektor trat aus seinem Versteck zurück auf den Weg. Ganz so einfach wie er sich das vorgestellt hatte würde es also nicht werden, aber aufgeben kam für einen Rutherford Dick natürlich nicht in Frage. Dick unterdrückte ein Stöhnen, als er sich an den groben Steinen entlang durch das dichte Unterholz schlug. Jedes mal wenn er mit Schultern oder Ellenbogen schmerzhaft an die rauen Felsblöcke stieß, wünschte er sich fluchend ein paar Stangen Dynamit. Irgendwo musste es doch noch eine Möglichkeit geben über diese verdammte Mauer zu gelangen. Ächzend drückte er sich zwischen zwei dicken Ästen hindurch und fluchte leise, als er den Stoff seiner Hose zerreißen hörte. Der Inspektor blickte an sich hinunter und entdeckte den Ursprung des Geräusches. Die Ranken eines Dornenbusches hatten sich um sein linkes Hosenbein gewickelt und sich im Aufschlag seiner Hose verfangen. Ein schmaler Streifen Stoff hatte nachgegeben und baumelte nun zwischen den Dornen und er spürte einen kleinen Kratzer im Bereich seines Knöchels. Dick`s Blick folgte der stachelbewehrten Ranke, die sich den Baum hinaufwand, in einer Astgabel verzweigte und....über der Mauer verschwand. Entschlossen setzte er einen Fuß auf den knorrigen Stamm und suchte mit seinen tastenden Händen nach festem Halt. In seiner Jugend war er ein hervorragender Sportler gewesen und hatte alle möglichen Hindernisse überwunden, aber als er schließlich schnaufend und verschwitzt in fast vier Meter Höhe die Astgabel erreichte, musste er sich eingestehen das inzwischen viel Zeit vergangen war. Aus dieser Höhe konnte er fast das gesamte Anwesen überblicken und Dick stockte für einen Moment der Atem. Hinter der Mauer erstreckte sich eine weitläufige Rasenfläche, die jedem Golfplatz zur Ehre gereicht hätte. Blumenbeete und Rabatte säumten ordentlich geharkte Kieswege und kunstvoll beschnittene Hecken in den unterschiedlichsten Formen säumten Springbrunnen und Wasserspiele, deren zerstäubende Gischt von starken Strahlern in farbiges Licht getaucht wurde. Dahinter erhob sich ein prächtiges, dreistöckiges Herrenhaus mit einer reich verzierten Fassade. Hinter den meisten Fenstern brannte Licht und in den Räumen im Erdgeschoss schien irgendein Fest im Gange zu sein. Grimmig hangelte Inspektor Dick seine Leibesfülle über die Mauer, hing einen Moment wie ein schlaffer Sack am Ast und ließ sich fallen. Tuet Buße, Gentleman. Rutherford Dick ist im Anmarsch. Der Inspektor pirschte sich wie ein Tiger an das Haus heran, bis er mit den Füßen an einem knie hohen Gatter hängen blieb, dass die Blumenbeete unter der Mauer von der sorgfältig gestutzten Rasenfläche trennte und das er im Dunkeln übersehen hatte. Einen Augenblick ruderte er wild mit den Armen um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren und packte dankbar zu, als seine Hände festen, glatten Stein berührten. Erleichtert setzte Dick beide Beine auf den Rasen hinter dem niedrigen Zaun. Erst jetzt wandte er den Kopf und ließ seinen Blick wandern, um zu ergründen woran er sich da eigentlich festhielt. Glatt und hell schimmerten die Beine der Marmorstatue, an die er sich in seiner Not geklammert hatte. Sein Blick glitt über die Oberschenkel, verweilte kurz angewidert auf der akkurat nachgebildeten, haarlosen, weiblichen Scham und wanderte über den flachen Bauch aufwärts zu den üppigen Brüsten, auf denen seine schmutzigen Hände den rettenden Halt gefunden hatten. Hastig zog der Inspektor seine Hände zurück und wischte sie unbewusst an seinem Trenchcoat ab. „Nur verdammter Nippes“ brummte er mit hochrotem Kopf vor sich hin und trat einige Schritte von der Statue zurück. Sein Verständnis für Kunst war bestenfalls rudimentär, dennoch musste er sich eingestehen das diese Statue nichts mit dem Kokolores zu tun hatte, der allgemein als Kunst betitelt wurde. Diese Figur wirkte beinahe lebendig, so perfekt waren selbst die zartesten Linien aus dem teuren Stein gemeißelt worden. Der Inspektor straffte seine kleine Gestalt energisch und trat von der anrüchigen Figur zurück. Einen Kerl von echtem Schrot und Korn konnte so was doch nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Das er für einen Augenblick ganz und gar nicht platonische Gedanken beim Anblick der Statue gehabt hatte, die heiß in seine Lenden schossen, hätte er nicht mal unter Folter gestanden. Etwas weniger elegant, dafür aber ohne über weitere Hindernisse zu stolpern, setzte Dick seinen Weg über den Rasen fort, bis er schließlich eines der hell erleuchteten Fenster im Erdgeschoss erreichte und, verborgen zwischen Rhododendronbüschen, seinen Blick über das Treiben im innern der Villa X schweifen ließ. Wie Drohnen hofierten Männer in Schwarzen Anzügen die anwesenden, leicht bekleideten Damen und schienen sich dabei gegenseitig wie bei einem Wettbewerb übertreffen zu wollen. Schlagartig erfasste der Inspektor die ganze Szenerie und instinktiv wurde ihm klar, dass hier eine Art Test ablief, dem sich die anwesenden Männer stellen mussten. Aber, warum und zu welchem Zweck ? © 07.2010 by Biker_696 Im Innern der Villa schienen sich die Aktivitäten auf einen Punkt weiter hinten im Raum zu konzentrieren. Rutherford Dick wich von seinem Platz am Fenster zurück und musterte die langgestreckte Außenwand des prunkvollen Baus, die bis zum ersten Stock aus hellem Naturstein bestand. Die Fenster erstreckten sich im Abstand weniger Schritte über die ganze Länge. Vorsichtig verlies der Inspektor seinen Beobachtungsposten und schlich über den Rasen bis zum letzten erleuchteten Rechteck auf dieser Seite. Als er den Lichtschein hinter der Scheibe betrachtete ging ihm auf, das er wohl ein Stück zu weit an der Mauer entlang gegangen war, denn im Gegensatz zum warmen, hellen Schein der Kristalllüster im großen Saal, schimmerte dieses Licht im satten Rot von frischem Blut. Es tauchte den Raum hinter der gläsernen Barriere in unstetes Flackern und machten es Dick auf diese Entfernung unmöglich Einzelheiten zu erkennen. Verärgert wandte er sich ab um zu den hellen Scheiben des großen Saales zurück zu kehren, als ihn ein leises Geräusch aus dem roten Zimmer zu Eis erstarren ließ. Hastig drehte er sich um und strebte entschlossen auf das rote Schimmern zu. Unter dem Fenster wuchsen Rosenbüsche auf einem flachen Hügel, der wie ein Grab anmutete. Rutherford zog seinen fleckigen Mantel enger um seinen übergewichtigen Körper, drückte sich so nahe wie möglich an die rauen Steine der Außenwand und näherte sich vorsichtig dem rötlichen Schein. Unter den Sohlen seiner ausgetretenen Schuhe starb Blüte um Blüte und der süßliche Rosenduft hüllte ihn ein und verursachte ihm Schwindelgefühle, bis ein langer Dorn den Weg zwischen seine Hosenaufschläge und die Socken aus alter, verblichener Seide fanden. Um ein Haar hätte er laut aufgeschrieen, doch im letzten Moment schlug er eine Hand vor den Mund und erstickte den Klagelaut in seiner Kehle. Mit zusammengebissenen Zähnen brachte der Inspektor das letzte Stück Weg durch die verfluchten Rosenbüsche hinter sich und spähte vorsichtig durch die unterste , rechte Ecke des dicken Glases hinein in das unstete rote Flackern. Er traute seinen Augen nicht. Sein teigiges, weises Gesicht nahm die selbe Färbung an wie das Licht, dass aus dem Zimmer nach draußen fiel und in dem unbeschreibliche Dinge vor sich gingen. Dick schluckte mehrmals trocken bis seine Mandeln schmerzten, aber er konnte den Blick nicht von dem ungeheuerlichen Treiben in diesem Zimmer nehmen. „Das ist falsch“! Schrie es in seinen biederen Gedanken „Das ist eine Sünde gegen Gott und die Moral“! Begehrte seine erzkonservative Erziehung auf. „ Das ist ja ein kleiner, dicker Spanner“. Erklang eine drohende Stimme hinter Dick`s Rücken und bevor er sich umwenden konnte wurde er am Mantel seines Trenchcoats gepackt und rücklings durch die dornige Rosenhecke gezerrt. Rutherford Dick hatte das Herz am rechten Fleck, aber er war nun mal kein Held. Als ihn der riesige Torwächter unsanft über den Rasen Richtung Haupteingang stieß, gaben seine von den Dornen der Rosenbüsche übel zugerichteten Beine unter ihm nach und er verlor das Bewusstsein. © 08.2011 by Biker_696 | ||

