Das Angesicht der Zeit
Kennen sie die Geschichte vom Bildnis des Dorian Grey ? Ja ? Fein ! Und halten sie das für erstrebenswert ? Unsterblichkeit, das Alter in einem Gemälde gefangen ? Die Zeit betrogen. Auf ewig jung und faltenfrei ?
Nun, ich habe davon geträumt.
Tausende von Mittelchen habe ich benutzt, inhaliert, aufgetragen, gespritzt, äußerlich und innerlich angewendet, geschluckt, eingeführt, getrunken, mich reingelegt, beinahe darin aufgelöst, alles umsonst.
Dann die Rückkehr zur Natur. Bio Lebensmittel, frische Seeluft, kein Fleisch mehr. Vitale Regeneration, Selbstheilung durch Selbstfindung, die innere Kraft und Schönheit. Alles Kacke ! Selbstbetrug ! Lügen von Verkaufgenies, denen Deine Gesundheit scheißegal und nur Ihr Bankkonto wichtig ist.
Die Jugend liegt auf dem Opferstein der Zeit, ist Ihr hilflos ausgeliefert.
Schon lange habe ich das erkannt , meinen Wahn besiegt und mich dem Unvermeidlichen, nicht gefügt, oh nein, gestellt habe ich mich.
In jenem Augenblick habe ich begonnen mein Leben zu genießen und zwar jeden einzelnen Tag !
Das ist es, was die Zeit und das Wissen um die Vergänglichkeit eigentlich bewirken sollen. Was einem die Falten im Gesicht , die schlaffer werdenden Muskeln und der zurückweichende Haaransatz deutlich machen und was man gar nicht früh genug begreifen kann , dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist und deshalb um so intensiver gelebt werden muss.
Den Gletscherwinden im hohen Norden habe ich getrotzt, den Salzgehalt der sieben Meere erkenne ich am Geruch. Hibiskusblüten für meine Liebste habe ich gepflückt und im Garten unseres Hauses mit meinen Kindern eine Königslinde gepflanzt. Näher kann ein Mensch dem Traumgesicht der Unsterblichkeit kaum kommen.
Zufrieden, dass beschreibt den Zustand am Besten, zufrieden sitze ich heute in meinem Schaukelstuhl und betrachte mein Selbst in einer Glasscherbe des Spiegels, der früher mein Leben bestimmte.
Keine Teufelsfratze starrt zurück. Kein Dämon verhöhnt mich und kein Schatten lauert darin.
Nur das Abbild eines sehr alten Mannes.
Eines Menschen der viel gesehen, viel erlebt und seinen Lieben alles gegeben hat und der glücklich ist. Noch strahlen meine Augen Kraft und Intelligenz aus und noch tragen mich meine Beine, also erhebe ich mich und gehe zum letzten mal den Weg zu jenem Baum, den ich einst mit meinen Kindern pflanzte. Meine Frau liegt in seinem Schatten begraben und bald werde ich mich zu Ihr gesellen, den meine Zeit ist abgelaufen.
Nicht jedoch die unserer Kinder und Kindeskinder. Ihre hat eben erst begonnen. Und so haben wir es am Ende doch noch geschafft, der Unsterblichkeit ein Schnippchen zu schlagen.
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