Wie Jeder von uns, kam ich zur Welt, so neutral und unberührt, wie es nie wieder sein sollte. Mit der Zeit lehrte man mir Regeln und Pflichten, was Moral, Sittlichkeit, Anstand, Gut und Böse ist. Man brachte mir bei, was gesellschaftsfähig und was dem nicht zuträglich ist. Von allen Seite wurde stets gepredigt: Als Mädchen bzw. Frau darfst du DIES und JENES nicht und SO sollst du sein, zu deinem Manne und deinem Kind und SO musst du dich gegenüber anderen verhalten! Nach reichlich Prägung -im Nachhinein auch Hirnwäsche genannt- und gescheiterten Versuchen SO zu "leben" wie es mir jahrelang diktiert wurde, blieb ich stehen, hielt inne und schaute mich um.
Was sah ich???
Ich sah unzufriedene Menschen, Paare, die vorgaben sich zu lieben, schon Jahre verheiratet waren und trotzdem kein Fünkchen Zärtlichkeit oder gar Leidenschaft füreinander zeigten. Ich sah frustrierte Menschen, die heimlich versuchten bei anderen Partnern, als dem durch die monogame Beziehung Festgelegten, ihre Defizite zu minimieren und dabei Herzen brachen. Ich sah Menschen, die sich, wenn ich behaupten darf, nicht einmal mit ihrer Situation so weit arrangieren konnten, dass sie Süchten wie Alkohol, Drogen oder Glücksspiel zum Opfer gefallen waren. Ich sah Menschen, die letztlich nicht einmal mehr in der Lage waren ihren herkömmlichen Alltag zu meistern, weil sie keinen Sinn darin sahen. Ich sah Marionetten, welche versuchten das ihnen auferlegte Theater zu spielen und dabei kläglich an Frustration und Aggression zerbrachen. Erblickte Menschen, welche aus Angst und Scham vor der Gesellschaft in ihre eigene kleine Welt flohen, in der sie, scheinbar ganz allein und unverstanden, ja sogar verachtend, wenn es denn jemand wüsste, wenigstens ansatzweise ihren Leidenschaften und Begehren nachgehen wollten. Ich sah Menschen, die ihre eigenen Leidenschaften so sehr unterdrückten, dass sie zu manifesten psychischen Trieben wuchsen, welchen kein Verstand mehr Einhalt bieten konnte.
Und all diese Menschen haben mir bis dahin beibringen wollen, dass es RICHTIG ist wie sie zu "leben", dass es NORMAL und die REGEL ist, es so von der Gesellschaft GEFORDERT wird und man sich dem FÜGEN muss!?
Die Frage, welche sich mir in jenem Moment des Sehens stellte, war sehr leicht zu beantworten!
NEIN...solch ein "Leben", wenn man es denn noch so nennen kann, WILL ICH NICHT!!!
Wer von diesen Personen will mir sagen, was anständig und sittlich ist? Wer von ihnen erdreistet sich mir vorgeben zu wollen, was anrüchig, verdorben oder frivol ist? Worauf beruht deren Definitionen und wieso sollte eine von jemandem vorgegebene Definition eines Wortes allgemeingültige Regel sein, solage diese nicht Gesetz oder wissenschaftlich bewiesen ist? Das Wissen darum, dass die Menschlichkeit ein hohes Maß an Individualität besitzt und damit Geist, Denken, Vorlieben, Leidenschaften und Interessen stark variieren, sollte bereits aus der Logik heraus zumindest zur Lockerung, wenn nicht gar Negierung, solcher Definitionen führen. Doch die Masse der Menschen bewegt sich im Rudel mit und ist bestrebt, nach vorgegebenenn Regeln und Normen zu existieren.
Richtig leben könnten sie sicher nur dann, wenn sie selbst einmal dazu im Stande wären, zumindest erst einmal ihre eigene Situation und deren Ursachen zu reflektieren. |