So viel vorab: Ich habe keine Frau, die großen Wert darauf legt, dass ich an den Valentinstag denke. Ich bin ein Glückspilz. Nichts, was meine Frau von mir erwarten würde. Nichts, was ich tun müsste. Kein schlechtes Gewissen, wenn der 14. Februar 2007 mal wieder genauso gewöhnlich an uns vorbeizieht, wie jeder andere gewöhnliche Mittwoch auch.
Kein schlechtes Gewissen? Stimmt nicht! Es redet von allen Seiten auf mich ein, dass ich es mir mit dieser Masche doch etwas zu leicht mache. Das schlechte Gewissen ist überall. Es steht in Schaufenstern, in Zeitschriften und im Internet, plappert im Radio und im Fernsehen. Es heißt „Sag’s mit Blumen“ oder „Mit Liebe Schenken“, aus einem herzförmigen Flakon werden „Ideen für einen unvergesslichen Valentinstag“ versprüht.
Geschichte, Glauben und Aberglauben
Also gut. Ich lasse mich darauf ein. „Zu behaupten, dass der Valentinstag nur eine Erfindung der Blumenhändler sei, ist unfair“, erklärt Gerhard Dohrn-van Rossum, Professor für Geschichte des Mittelalters an der TU Chemnitz. Tatsächlich will es die Sage, dass der heilige Valentin als Bischof von Terni (Italien) im 3. Jahrhundert verbotenerweise Verliebte getraut und ihnen auch noch Blumen aus seinem Garten geschenkt habe. Das klingt zumindest romantisch. Die Gebeine des Valentin sind in der Stadtpfarrkirche St. Michael im schwäbischen Krumbach aufgebahrt.
Und das klingt dann schon etwas seltsam. Zumal nicht ganz klar ist, ob es sich dabei wirklich um die Gebeine jenes Valentin von Terni handelt, dem Papst Julius I. eigens eine Valentinsbasilika errichten ließ. Vollends verwirrend ist, dass das Brauchtum der Blumengeschenke zum Valentinstag scheinbar aus England kommt und sich auf ganz andere Legenden beruft. „Geschichtliche Vorgänge, Glauben und Aberglauben bilden ein kaum zu entwirrendes Knäuel“, gibt Prof. Dohrn-van Rossum zu. Damit hat er allemal recht.
Sag’s mit Blumen
Die Behauptung, der Valentinstag sei eine „Erfindung der Blumenhändler“ ist damit auch nicht vom Tisch. Antikapitalistische Verschwörungstheorien behaupten gar, Fleurop stünde dahinter. Das wäre naheliegend, weil die weltweit präsente Aktiengesellschaft sich am Valentinstag natürlich eine goldene Nase verdient. Andererseits geht die Fleurop-Idee auf einen gewissen Max Hübner zurück, der als Inhaber eines kleinen Blumengeschäftes in Berlin 1908 die „Blumenspenden-Vermittlungsvereinigung“ gründete. Und die hat sich über die Jahrzehnte so gut vernetzt, dass sie mühelos Blumengeschenke zwischen England und Italien oder zwischen Terni, Krumbach und Chemnitz verschickt.
Aus den einstigen „Blumenspenden“ sind richtige „Valentingstags-Specials“ geworden, die Bouquets aus Rosen, Margeriten und Schleierkraut heißen „Love Boat“, „Liebesfeuer“ oder „Ciao Bella“, es gibt sie jeweils in den Ausführungen „minimum“, „medium“ und „premium“. Mehr geht nicht.
Verfängliche Lose und schlechte Schokolade
Neben dem Blumengruß hat der Valentinstag von Italien, England oder Schwaben aus ganz eigene Bräuche entwickelt. So sollte ein spezielles Valentinsorakel über die zukünftige große Liebe entscheiden. Dabei schrieben junge Männer und Frauen die Namen der potenziellen Kandidatinnen oder Kandidaten auf Zettelchen, knüllten diese zusammen und umwickelten sie mit Lehm. Die Lehmkugeln wurden allesamt in ein Wasserglas geworfen, wo sie sich nach und nach auflösten. Der Zettel, welcher als erstes wieder freigegeben wurde, verriet den Namen des oder der Zukünftigen. Der tatsächliche Einfluss des Heiligen Valentin auf den Orakelspruch ist jedoch bis heute ungeklärt. In Frankreich und Belgien wurden Valentins und Valentinen einander zugelost, die dann als verlobt galten.
Das erinnert stark an das zeitgemäßere und weitaus unverbindlichere Flaschendrehen – und auch ein bisschen an Peter Weirs Film „Picknick am Valentinstag“, in dem drei Mädchen bei einem Internatsausflug in die Outbacks von Australien spurlos verschwinden (das ist nicht wirklich ein typischer Brauch). In Japan wird am 14. Februar Schokolade verschenkt – und zwar an die Männer!
Ein Selbstläufer aber ist das nicht: denn manche Männer bekommen schlechte Schokolade, andere Männer wiederum gute Schokolade. Ob es wohl in Deutschland Männer gibt, die ihren Frauen bewusst hässliche Blumen schenken würden?
Dichtung und Wahrheit
Wer sich aus Mangel an Alternativen auf ein passendes Gedicht zum Valentinstag verlassen will, wird bald merken, dass es gerade bei der Poesie enorm schwer fällt, ein gutes von einem schlechten Gedicht zu unterscheiden. Manchmal geht so ein Gedicht deutlich am Ziel vorbei, weil es mehr Fragen aufwirft, als es Emotionen ausdrückt. Zum Beispiel Bettina von Arnim: „Und die Liebe ist die Luft, die wir trinken.“ Oder Franz Werfel: „Ich bin für dich, du bist für mich ein Lied.“ Das kommt nicht wirklich gut an, führt zu unnötigen Interpretationen und im schlimmsten Fall zu Missverständnissen.
Da hilft es doch eher, sich in wirklich literarische begabte Hände zu begeben und sich seinen eigenen persönlichen Roman schreiben zu lassen. Die Top-Empfehlung auf zum Valentinstag: „Prinz im Netz“ von Mariella Sylvenstein, ein Liebesroman, in dem man selbst zum Romanhelden und die Angebetete zur Prinzessin wird – auf 208 Seiten in Leder gebunden. Das macht was her!
Aphrodisiaka und Adrenaline
Bei Neckermann gibt es „verführerische Dessous für Sie und erotische Wäsche für ihn zum Valentinstag!“ Mit Verlaub: Die Produkte, die auf der entsprechenden Seite angeboten werden, sind nicht wirklich das, was man sich unter Gänseblümchensex im Vorfrühling vorstellt. Der 14. Februar, den man im Volksmund auch „Vielliebchentag“ nennt, weckt offensichtlich andere Hormone.
Der „Adrenalinshop“ von Jochen Schweizer setzt da noch mal einen drauf: zum Valentinstag den gemeinsamen ultimativen Kick „für eng verbundene Paare: Tandem Bungee“. Wow! Aus mindestens 50 Metern Höhe von einem Kran oder einer Staumauer im freien Fall nach unten – auf Wunsch auch mit „Water-Dip“. Da muss man sich schon wirklich gut verstehen – oder mit den Worten von Thomas von Aquin: „Das, was wir aus Liebe tun, tun wir im höchsten Grade freiwillig.“
Alles wie immer
So werde ich also am Abend des 14. Februar mit meiner Frau zu Hause auf dem Sofa sitzen. Ohne Blumen. Ohne Valentinskonfekt. Ohne Parfüm. Und ohne Bungee-Seil um die Hüften. Stattdessen hören wir die Stimme Billie Holidays, die am Ende ihres Jazz-Klassikers die eigentliche Wahrheit über den Valentinstag verkündet: „Each Day is Valentine’s Day“. Jeder Tag ist Valentinstag. Genau so ist es. Ich bin erleichtert. Morgen ist auch noch ein Tag. Da werde ich meiner Frau Blumen schenken.





















