Was ist eine intersexuelle Frau?

Aphrodites besondere Tochter

Hermaphroditos – ein Kind der Liebesgöttin – wurde nach seiner Verschmelzung mit einer Nymphe zu einer sagenhaften Gestalt beiderlei Geschlechts. Die moderne Wissenschaft bezeichnet eine derartige Person als „echten Hermaphroditen“ – aber in unserer Zeit wird diese geschlechtlich angepasst und lebt ein normiertes Leben entweder als Frau oder als Mann.

Aphrodites besondere Tochter

Sagenhaft, mystisch und verklärt sind Menschen, deren Geschlecht von Natur aus nicht eindeutig ist. Irgendwie wirken derartige Erscheinungen überirdisch, als seien sie nicht von dieser Welt. Deshalb werden Gottheiten in der Antike aber auch in jüngerer Zeit oftmals geschlechtslos oder androgyn dargestellt.

Aphrodite und Eros (Giovanni Antonio Pellegrini, 1675-1741)
Aphrodite und Eros (Giovanni Antonio Pellegrini, 1675-1741)

Aber schon allein die Begrifflichkeiten für derartige Menschen verdeutlichen die Tatsache, dass sie eine Gesellschaft polarisieren können, wobei der Lebensalltag dieser Menschen von Verehrung bis Verfolgung sehr wechselhaft aussehen konnte. Und dies zeigt auch, dass das Phänomen des Hermaphroditismus - die Zwitterbildung - doch von dieser Welt ist.

Selten, aber keines Falls so selten, wie gemeinhin angenommen, werden Kinder geboren, deren Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig ist. Das ist der früheste Zeitpunkt, wenn dem bei einem Menschen die Diagnose "uneindeutiges Geschlecht" gestellt werden kann. Doch keinesfalls muss Intersexualität – wie man dieses Phänomen wissenschaftlich bezeichnet – an den äußeren Organen sichtbar sein.

Es gibt auch Formen des Intersex-Syndroms, wobei man erst bei einem heranwachsenden Menschen erkennt, dass die psychosoziale und körperliche Entwicklung nicht geschlechtstypisch stattfindet.

Für die betreffende Person bedeutet es in jedem Fall einen Schock festzustellen, nicht so zu sein wie alle anderen. Das Intersex-Syndrom kann beispielsweise dazu führen, dass eine rechtlich, optisch, körperlich und psychisch eindeutige junge Frau keinen Geschlechtsverkehr haben kann, weil die anatomischen Vorrausetzungen dazu fehlen. Dies liegt daran, dass die Vagina nicht so weit ausgeformt ist, um das Eindringen überhaupt zu ermöglichen.

Geschlecht versus gesellschaftliches Diktat

Hermaphrodit (Ausschnitt, Griechenland, 1. Jh. n. Chr.)
Hermaphrodit (Ausschnitt, Griechenland, 1. Jh. n. Chr.)

Folgendes Szenario ist dabei hingegen genauso möglich. So kann es passieren, dass ein als intersexuell erkanntes neugeborenes Kind zwar bereits medizinisch behandelt wurde, die tatsächliche geschlechtliche Entwicklung dieses Menschen jedoch ganz anders verläuft.

Das heißt, dass man sich in diesem Fall von medizinischer Seite bei der Festlegung des Geschlechts schlicht geirrt hat. Die Ursache hierfür liegt in einem gesellschaftlichen und medizinischen Diktat, da es bei der Geburt unbedingt erwünscht ist, einem Menschen ein bestimmtes Geschlecht zuzuweisen.

Das Resultat solcher Zuweisungen erleben wir tagtäglich in einer konstruierten, geschlechtlichen Typisierung und den entsprechenden Verhaltensmustern, die auf die geschlechtsspezifische Erziehung des Menschen zurückzuführen sind aber nicht auf das Geschlecht an sich.

Demnach wird intersexuellen Kindern in jedem Fall ein Geschlecht zugewiesen und wenn man es nicht exakt zuweisen kann, wird es medizinisch zuweisbar gemacht. Ob diese operative Entscheidung schließlich richtig oder falsch getroffen wird, ist eine Frage, die dabei nicht im Vordergrund steht. Es geht um ein gesellschaftliches und medizinisches Diktat und die Erfüllung einer Norm.

Der Extremfall

Hermes und Aphrodite in einem Wagen geführt von Eros und Psyche (Griechenland, 470 v. Chr.)
Hermes und Aphrodite in einem Wagen geführt von Eros und Psyche (Griechenland, 470 v. Chr.)

Im Extremfall wird einem Kind damit ein Geschlecht zugewiesen, das dieses Kind im Grunde gar nicht hat. Es entwickelt sich also beispielsweise eine junge Frau, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht und offiziell ein anderes Geschlecht haben kann, als es sich biologisch bei ihr entwickelt und optisch sichtbar ist.

Für solche Fälle gibt es das Intersexuellengesetz, das es solchen Frauen ermöglicht, ihren Personenstand zu ändern. Die Realität sieht dann immer so aus, dass der Schock in der Familie und verantwortlichen Medizin groß ist und mit allen möglichen Sonderwegen versucht wird, einen „normierten“ Alltag zu erreichen: Namensänderung, Befreiung vom Sportunterricht usw.

Frau mit XY-Chromosom

An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass sich Intersexualität und Transsexualität von einander unterschieden und sich nach offiziellen medizinischen Axiomen gegenseitig ausschließen. Transsexuelle Menschen sind biologisch eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen und ein Geschlechtswechsel ist erst durch einen medizinischen Eingriff möglich.

Venus vor Spiegel (Diego Velazquez, um 1650)
Venus vor Spiegel (Diego Velazquez, um 1650)

Dementgegen sind intersexuelle Menschen von Natur aus entweder nicht exakt dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen oder aber sie sind eindeutig weiblich oder männlich, entsprechen jedoch nicht dem geschlechtstypischen Durchschnitt. Im letzteren Fall handelt es sich vordergründig um nicht sichtbare seltene Ausprägungen eines Geschlechts, die nicht nur die Geschlechtsorgane, sondern das gesamte Erscheinungsbild und die Psyche betreffen. Eine intersexuelle Frau hat ein männliches XY-Chromosom, aber einen weiblichen Hormonhaushalt, was verschiedene individuelle Ursachen haben kann.

Anhand dieser Fakten lässt sich schließlich ableiten, was die eigentliche Problematik hinter der Intersexualität ist: Es gibt keine zwei Geschlechter, wie es gesellschaftlich gewünscht und medizinisch forciert wird. Es gibt eine Vielzahl von Geschlechtern, die lediglich ausgesprochen selten sind. Und das Chromosom allein ist unzureichend bei der Festlegung des Geschlechts. Die Hormone sind wesentlich ausschlaggebender und die Ursachen für deren Ausprägung sind noch ungenügend erforscht.

Kritische Betrachtung

Der kritische Betrachter erkennt schnell die Widersprüchlichkeiten in Bezug auf die Geschlechtsdiagnostik, insbesondere wenn man ein konträres Phänomen, nämlich das der Transsexualität betrachtet. Denn obwohl sich, wie gerade erwähnt, Trans- und Intersexualität gegenseitig ausschließen, kommt es immer wieder dazu, dass intersexuelle Menschen, denen ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde, bei der Personenstandsänderung auf das Transsexuellengesetz statt auf das Intersexuellengesetz verwiesen werden.

Insofern sind die Probleme vielfältig, denen sich eine „geoutete“ intersexuelle Frau ausgesetzt sieht. Sie reichen von wissenschaftlichem Interesse oder ignoranter Ablehnung bis hin zu einer schwierigen Sexualentwicklung und Problemen bei der Partnersuche. Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich zudem im Alltag einer intersexuellen Frau. Ihre Intersexualität ist dabei Fluch und Segen zugleich, da man diese nicht direkt erkennen kann.

Im Gegensatz zu intersexuellen Frauen werden transsexuelle Menschen psychotherapeutsich stabilisiert und bestimmten selbstständig einen Zeitpunkt, um ihr ihr Leben zu leben.

Venus von Urbino (Tizian, um 1538)
Venus von Urbino (Tizian, um 1538)

Bei intersexuellen Frauen ist es hingegen aber so, dass sie als Frauen sozialisiert sind, aber nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Von der Unmöglichkeit Kinder zu bekommen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht reden. Es geht vielmehr darum, dass intersexuelle Frauen in der Regel sogar sehr schön sind und auch so empfunden werden – weshalb auch in der Antike Gottheiten in der Form dargestellt wurden und Aphrodites Kind nicht grundlos als intersexuell bezeichnet wurde. Intersexuelle Frauen stehen eher im Mittelpunkt als am Rande.

In wesentlichen sexuellen Entwicklungsstufen bestehen aber Defizite, die nur sehr mühsam überwunden werden können.

Unfreiwillige Jungfrau

Für diese Frauen ist es verständlicherweise auch gar nicht so einfach, den richtigen Mann zu finden. Das liegt nicht allein an der sexuellen Entwicklung der Frau, sondern noch mehr noch an der des "normalen" Mannes. Denn die meisten intersexuellen Frauen sind eine sehr lange Zeit Jungfrau bis zur Korrektur ihrer Vagina. Und deshalb erleben sie nur Menschen, die eben eine Erfahrung reicher sind und das ist sehr gewöhnungsbedürftig – spätestens dann wenn man sich das Problem vergegenwärtigt.

Aber zuvor sieht die Realität der intersexuellen Frau so aus, dass sie sich gar keine Gedanken um Sex macht und dieses Thema ausblendet oder überspielt. In der Pubertät und auch noch etwas später kann man dieses Manko ignorieren - je länger aber eine geschlechtliche Vereinigung aus medizinischen Gründen nicht möglich ist, desto problematischer wird es für die Frau.

Deshalb gelten intersexuelle Frauen oft als unnahbar oder zeigen in anderen Bereichen umso mehr Leistung und offenbaren ihr Potenzial. Aber letztlich ist eine intersexuelle Frau auch eine ganz normale Frau, wie jede andere auch, insofern man den individuellen Menschen betrachtet und die Bandbreite der natürlichen Phänomene akzeptiert.

Und eines haben alle intersexuellen Frauen gemeinsam: Nämlich, dass sie besondere Menschen sind.

Autor: Trischa1

Kommentare


für alle die den Beitrag schon interessant fanden hier noch ein Filmtipp

Links nur für Mitglieder ein echt faszinierender Film!

interessanter beitrag.sehr gut geschrieben.
man lernt immer mehr dazu.danke.
vielleicht betrachte ich jetzt die sehenswürdigkeiten der antik noch kritischer *zwinker*

Gewalt die intersexuellen Menschen durch ihre Geschlechtszuweisung angetan wird ist unglaublich (Gewalt ausgehend von staatlicher, medizinischer und gesellschaftlicher Seite)

da hast Du wohl recht , leider nur zu recht .

Daher sind mir andersdenkende , besonders Minderheiten lieber , als der gemeine Mob .

Aber das ist ein Gesellschaftliches Problem , denke ich ....

Schaut :
Fernsehen wird von Leuten mit viel viel Geld gemacht , damit Sie uns ihre Ansicht aufzwingen , wie Sie uns gern sehen würden .

Also sicher nicht fürs Volk , nur für den / die reichen Spinner ,
der damit seine Komplexe überdecken kann .

Aber die Leut haben alle einen Fernseher zuhause ......

Noch schlimmer : Die vertreten auch noch deren Meinung

ist genauso schwachsinnig-schitzo , wie das auf dieser Welt noch einer Hungern muß , obwohl Lebensmittel tonnenweise weggeworfen werden .

Und manche ihre Medikamente nicht bekommen , obwohl uns der Fortschritt schon auf den Mond gebracht hat .

Daher , währet den Anfängen , und schluckt nicht alles , wer sich nicht wehrt lebt verkehrt .

schönen Tag euch

Ach Trischa,


auf deinem neuen Bild siehst du so schön, aber auch traurig aus.
Ja, ich bin kein Held, eher anders rum.
Passt Zuneigung nicht in dein Bild?

Liebe Grüsse

Heinrich.

@Roddy


Mmhh, vielleicht habe ich mich mißverständlich ausgedrückt: Mit Geschlechterfreiheit meine ich eine selbstbewußte Einordnung in die Gesellschaft ohne geschlechtsspezifische Rollenzuweisung.

Ob mit oder ohne (meinetwegen immer lieber mit *zwinker* ) Penetration - hat jeder prä- und perinatale Erfahrungen mit einer gesellschaftlich sehr wichtigen Rolle der Frau - eben gleichzeitig einer biologischen.

Um eine "freie" Rollenordnung (oder auch "-anarchie") herzustellen, dürften diese und die Erfahrungen in der späteren sozialen, geschlechtsspezifischen Entwicklung (angefangen vom Säuglingsalter) theoretisch nicht stattfinden oder Einfluß nehmen.

Ich denke, dass daher die allgemeine Akzeptanz eines dritten Geschlechts kulturell leichter und vorerst wahrscheinlicher ist, als die einer analog verteilten Mann/Frau Position. - Unabhängig davon, wie man nun selbst dazu steht.

Das war gemeint. - So long *pfeil*
Shaggynk

@Trischa1
vielen Dank für deine respektvolle und umsichtige Reaktion auf meinen Kommentar.
Ich wünsche dir auch weiterhin viel "Spaß" beim lesen der Kommentare zu deinem wundervollen Artikel.
mfg,
Nils

Naja...


... vielleicht lese ich auch einfach zu viel Gigi ... aber wie auch immer, auf einen gemeinsamen Nenner kommen wir hier wohl nicht mehr ...
Trischa1

@roddy

+ lies bitte die neueste und einschlägige literatur und informiere dich bei den selbsthilfegruppen und fachmedizinern.

+ mein beispiel behandelt halt is-frauen.

zu dem anderen bereich den du kritisierst habe ich geschrieben dass ich das nicht wissenschaftlich beschreibe sondern mit meinen worten.

ich denke jetzt habe ich auch alles gesagt. und that's it.

lg trischa

?????


das ist käse was du da sagst. is wird nicht als krankheit angesehen. es kann teil einer krankheit usw. das kann aber alles mögliche. is ist auch keine erbkrankheit. is-frauen fallen auch nicht anders auf als xx-frauen eher das gegenteil ist der fall. is-menschen haben würde ich sagen eine etwas erweiterte psyche - das ist jetzt aber unwissenschaftlich formuliert. sie sehen aus wie ganz normale frauen aber das bewustsein ist erweiterter ob es an der biologie, am individuellen intellekt oder an der gewonnen erfahrung liegt weiß ich nicht.

Also entschuldigung, aber ehrlich gesagt ohne dass ich jetzt unhöflich werden will, aber dass was Du jetzt gesagt hast ist ziemlicher Käse...

1. Wird es von der (wissenschaftlichen) Medizin als Krankheit angesehen (und der größte Teil der Mediziner steht auch hinter diesen Ansichten!). Da solltest Du Dich mal besser informieren.

2. Intersexuelle Menschen (vielleicht solltest Du auch einfach mal Abstand davon nehmen immer von "intersexuellen FRAUEN" zu reden...) als Menschen mit erweiterter Psyche (höchstens eine andere...aber es hat sowieso jeder Mensch seine eigene ganz individuelle psychische Wahrnehmung) zu bezeichenen...wo bitte hast Du denn das her???????? Also ich setze mich schon seit meinem Studium mit dieser Thematik auseinander, aber so etwas habe ich noch nie gehört...
*hae* *hae* *hae* *hae*
Trischa1

das ist käse was du da sagst. is wird nicht als krankheit angesehen. es kann teil einer krankheit usw. das kann aber alles mögliche. is ist auch keine erbkrankheit. is-frauen fallen auch nicht anders auf als xx-frauen eher das gegenteil ist der fall. is-menschen haben würde ich sagen eine etwas erweiterte psyche - das ist jetzt aber unwissenschaftlich formuliert. sie sehen aus wie ganz normale frauen aber das bewustsein ist erweiterter ob es an der biologie, am individuellen intellekt oder an der gewonnen erfahrung liegt weiß ich nicht. aber zB männer die sagen sie würden - ohne sie zu kennen - mit einer xy-frau nix anfangen könen haben schlicht keine ahnung. sie sind nicht gebrochen oder krank absolut nicht.
das ist wohl auch typisch deutsch alles was man nicht kennt und einschätzen kann als abnorm und krank abzustempeln das kennen wir schon aus der jüngeren geschichte.

lg trischa

hier ist noch ein weiterer qualifizierter aufsatz; Links nur für Mitglieder
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