Hermaphroditos – ein Kind der Liebesgöttin – wurde nach seiner Verschmelzung mit einer Nymphe zu einer sagenhaften Gestalt beiderlei Geschlechts. Die moderne Wissenschaft bezeichnet eine derartige Person als „echten Hermaphroditen“ – aber in unserer Zeit wird diese geschlechtlich angepasst und lebt ein normiertes Leben entweder als Frau oder als Mann.
Sagenhaft, mystisch und verklärt sind Menschen, deren Geschlecht von Natur aus nicht eindeutig ist. Irgendwie wirken derartige Erscheinungen überirdisch, als seien sie nicht von dieser Welt. Deshalb werden Gottheiten in der Antike aber auch in jüngerer Zeit oftmals geschlechtslos oder androgyn dargestellt.
Aber schon allein die Begrifflichkeiten für derartige Menschen verdeutlichen die Tatsache, dass sie eine Gesellschaft polarisieren können, wobei der Lebensalltag dieser Menschen von Verehrung bis Verfolgung sehr wechselhaft aussehen konnte. Und dies zeigt auch, dass das Phänomen des Hermaphroditismus - die Zwitterbildung - doch von dieser Welt ist.
Selten, aber keines Falls so selten, wie gemeinhin angenommen, werden Kinder geboren, deren Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig ist. Das ist der früheste Zeitpunkt, wenn dem bei einem Menschen die Diagnose "uneindeutiges Geschlecht" gestellt werden kann. Doch keinesfalls muss Intersexualität – wie man dieses Phänomen wissenschaftlich bezeichnet – an den äußeren Organen sichtbar sein.
Es gibt auch Formen des Intersex-Syndroms, wobei man erst bei einem heranwachsenden Menschen erkennt, dass die psychosoziale und körperliche Entwicklung nicht geschlechtstypisch stattfindet.
Für die betreffende Person bedeutet es in jedem Fall einen Schock festzustellen, nicht so zu sein wie alle anderen. Das Intersex-Syndrom kann beispielsweise dazu führen, dass eine rechtlich, optisch, körperlich und psychisch eindeutige junge Frau keinen Geschlechtsverkehr haben kann, weil die anatomischen Vorrausetzungen dazu fehlen. Dies liegt daran, dass die Vagina nicht so weit ausgeformt ist, um das Eindringen überhaupt zu ermöglichen.
Folgendes Szenario ist dabei hingegen genauso möglich. So kann es passieren, dass ein als intersexuell erkanntes neugeborenes Kind zwar bereits medizinisch behandelt wurde, die tatsächliche geschlechtliche Entwicklung dieses Menschen jedoch ganz anders verläuft.
Das heißt, dass man sich in diesem Fall von medizinischer Seite bei der Festlegung des Geschlechts schlicht geirrt hat. Die Ursache hierfür liegt in einem gesellschaftlichen und medizinischen Diktat, da es bei der Geburt unbedingt erwünscht ist, einem Menschen ein bestimmtes Geschlecht zuzuweisen.
Das Resultat solcher Zuweisungen erleben wir tagtäglich in einer konstruierten, geschlechtlichen Typisierung und den entsprechenden Verhaltensmustern, die auf die geschlechtsspezifische Erziehung des Menschen zurückzuführen sind aber nicht auf das Geschlecht an sich.
Demnach wird intersexuellen Kindern in jedem Fall ein Geschlecht zugewiesen und wenn man es nicht exakt zuweisen kann, wird es medizinisch zuweisbar gemacht. Ob diese operative Entscheidung schließlich richtig oder falsch getroffen wird, ist eine Frage, die dabei nicht im Vordergrund steht. Es geht um ein gesellschaftliches und medizinisches Diktat und die Erfüllung einer Norm.
Im Extremfall wird einem Kind damit ein Geschlecht zugewiesen, das dieses Kind im Grunde gar nicht hat. Es entwickelt sich also beispielsweise eine junge Frau, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht und offiziell ein anderes Geschlecht haben kann, als es sich biologisch bei ihr entwickelt und optisch sichtbar ist.
Für solche Fälle gibt es das Intersexuellengesetz, das es solchen Frauen ermöglicht, ihren Personenstand zu ändern. Die Realität sieht dann immer so aus, dass der Schock in der Familie und verantwortlichen Medizin groß ist und mit allen möglichen Sonderwegen versucht wird, einen „normierten“ Alltag zu erreichen: Namensänderung, Befreiung vom Sportunterricht usw.
An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass sich Intersexualität und Transsexualität von einander unterschieden und sich nach offiziellen medizinischen Axiomen gegenseitig ausschließen. Transsexuelle Menschen sind biologisch eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen und ein Geschlechtswechsel ist erst durch einen medizinischen Eingriff möglich.
Dementgegen sind intersexuelle Menschen von Natur aus entweder nicht exakt dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen oder aber sie sind eindeutig weiblich oder männlich, entsprechen jedoch nicht dem geschlechtstypischen Durchschnitt. Im letzteren Fall handelt es sich vordergründig um nicht sichtbare seltene Ausprägungen eines Geschlechts, die nicht nur die Geschlechtsorgane, sondern das gesamte Erscheinungsbild und die Psyche betreffen. Eine intersexuelle Frau hat ein männliches XY-Chromosom, aber einen weiblichen Hormonhaushalt, was verschiedene individuelle Ursachen haben kann.
Anhand dieser Fakten lässt sich schließlich ableiten, was die eigentliche Problematik hinter der Intersexualität ist: Es gibt keine zwei Geschlechter, wie es gesellschaftlich gewünscht und medizinisch forciert wird. Es gibt eine Vielzahl von Geschlechtern, die lediglich ausgesprochen selten sind. Und das Chromosom allein ist unzureichend bei der Festlegung des Geschlechts. Die Hormone sind wesentlich ausschlaggebender und die Ursachen für deren Ausprägung sind noch ungenügend erforscht.
Der kritische Betrachter erkennt schnell die Widersprüchlichkeiten in Bezug auf die Geschlechtsdiagnostik, insbesondere wenn man ein konträres Phänomen, nämlich das der Transsexualität betrachtet. Denn obwohl sich, wie gerade erwähnt, Trans- und Intersexualität gegenseitig ausschließen, kommt es immer wieder dazu, dass intersexuelle Menschen, denen ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde, bei der Personenstandsänderung auf das Transsexuellengesetz statt auf das Intersexuellengesetz verwiesen werden.
Insofern sind die Probleme vielfältig, denen sich eine „geoutete“ intersexuelle Frau ausgesetzt sieht. Sie reichen von wissenschaftlichem Interesse oder ignoranter Ablehnung bis hin zu einer schwierigen Sexualentwicklung und Problemen bei der Partnersuche. Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich zudem im Alltag einer intersexuellen Frau. Ihre Intersexualität ist dabei Fluch und Segen zugleich, da man diese nicht direkt erkennen kann.
Im Gegensatz zu intersexuellen Frauen werden transsexuelle Menschen psychotherapeutsich stabilisiert und bestimmten selbstständig einen Zeitpunkt, um ihr ihr Leben zu leben.
Bei intersexuellen Frauen ist es hingegen aber so, dass sie als Frauen sozialisiert sind, aber nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Von der Unmöglichkeit Kinder zu bekommen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht reden. Es geht vielmehr darum, dass intersexuelle Frauen in der Regel sogar sehr schön sind und auch so empfunden werden – weshalb auch in der Antike Gottheiten in der Form dargestellt wurden und Aphrodites Kind nicht grundlos als intersexuell bezeichnet wurde. Intersexuelle Frauen stehen eher im Mittelpunkt als am Rande.
In wesentlichen sexuellen Entwicklungsstufen bestehen aber Defizite, die nur sehr mühsam überwunden werden können.
Für diese Frauen ist es verständlicherweise auch gar nicht so einfach, den richtigen Mann zu finden. Das liegt nicht allein an der sexuellen Entwicklung der Frau, sondern noch mehr noch an der des "normalen" Mannes. Denn die meisten intersexuellen Frauen sind eine sehr lange Zeit Jungfrau bis zur Korrektur ihrer Vagina. Und deshalb erleben sie nur Menschen, die eben eine Erfahrung reicher sind und das ist sehr gewöhnungsbedürftig – spätestens dann wenn man sich das Problem vergegenwärtigt.
Aber zuvor sieht die Realität der intersexuellen Frau so aus, dass sie sich gar keine Gedanken um Sex macht und dieses Thema ausblendet oder überspielt. In der Pubertät und auch noch etwas später kann man dieses Manko ignorieren - je länger aber eine geschlechtliche Vereinigung aus medizinischen Gründen nicht möglich ist, desto problematischer wird es für die Frau.
Deshalb gelten intersexuelle Frauen oft als unnahbar oder zeigen in anderen Bereichen umso mehr Leistung und offenbaren ihr Potenzial. Aber letztlich ist eine intersexuelle Frau auch eine ganz normale Frau, wie jede andere auch, insofern man den individuellen Menschen betrachtet und die Bandbreite der natürlichen Phänomene akzeptiert.
Und eines haben alle intersexuellen Frauen gemeinsam: Nämlich, dass sie besondere Menschen sind.
Autor: Trischa1
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