Polyamorie ist ein Lebens- und Liebesentwurf fernab gewohnter monogamer Bahnen. Es geht darum, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit zu haben, mit vollem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner. Die neueste Ausgabe der Connection Tantra Special hat sich dieses interessanten Themas angenommen. Wir präsentieren nach dem ersten Artikel Einheit in der Vielfalt finden Anne Dietzschs Sichtweisen zum Thema, die ihr auch in der aktuellen Ausgabe der Connection Tantra Spezial finden könnt.
Anne Dietzsch, 1984 geboren und Studentin der Sozialarbeit, ist bisexuell, devot-masochistisch und hat einen Hang zum Sadismus. Sie liebt ihren Mann, aber auch andere, und sie ist stolz darauf, ihn dazu gebracht zu haben, sich für Polyamorie zu öffnen. Was sie dabei erlebte, beschreibt sie hier erfrischend frei und fröhlich, ist sich dabei aber auch der Tücken dieser Lebensform sehr bewusst: "Für die Umsetzung dieser Dinge sind eine gewisse Reife und die Fähigkeit zur Selbstreflexion unabdingbar"
Das erste Mal der Polyamorie begegnet bin ich in einer meiner vergangenen Beziehungen, in der ich auf einmal sowohl Gefühle für meinen Partner als auch für einen anderen Mann hatte. Für den einen empfand ich die innige Zuneigung und Liebe, die sich erst nach einer Zeit einstellt; für den anderen empfand ich Verliebtheit mit tausend Schmetterlingen im Bauch. Ich begann mich zu fragen, ob ich meinen Partner nun nicht mehr lieben würde, kam jedoch schnell darauf, dass dies nicht der Fall war. Ich liebte beide auf unterschiedliche Weise.
Ich versuchte mit meinem Partner darüber zu reden, erntete dabei aber nur Eifersucht und Spott. Auch der andere Mann wäre kein Mensch gewesen, der seine Freundin teilen wollte.
In dieser Zeit wurde mir bewusst, dass ich mehrere Menschen synchron lieben kann, lebte dies jedoch nicht aus, sondern blieb noch eine Zeit bei meinem Partner. Irgendwann aber trennte ich mich von ihm, um mit dem anderen zusammenzukommen. So spielte ich eine Zeit lang das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Ich versuchte noch einmal eine feste, längerfristige Beziehung, in der mir auch wieder ein anderer Mann begegnete, der mich anzog, doch dieses Mal blieb ich bei meinem Partner. Beim Versuch, mit meinen Partnern über dieses Thema zu reden, ergab sich immer wieder dasselbe. Mit diesem Partner ging es noch ungefähr zwei Jahre gut, dann trennte ich mich auch von ihm.
Ich hatte in dieser Zeit sehr viele Dinge an mir bemerkt, die mir fehlten. Neben meiner Veranlagung zur Polyamorie bin ich noch bisexuell, devot-masochistisch und habe einen Hang zum Sadismus. Alles Dinge, die ich mich mit ihm nie gewagt hätte, auszuleben. Außerdem hatte ich mich mit ihm einfach auseinander gelebt. Wir entwickelten uns in verschiedene Richtungen. In der Folge sprang ich wieder von einem zum anderen, doch diesmal ganz bewusst, ohne mich festzulegen oder auch nur zu verlieben.
Ich begann nun, die fehlenden Dinge teilweise recht exzessiv auszuleben, doch fand ich dabei weder das Glück noch das Gefühl, zuhause angekommen zu sein. Mir fehlte eine feste Konstante im Leben. Diese permanente Rotation zwischen den verschiedenen Männern mit ihren verschiedenen Komponenten, die mich an ihnen reizten, fand erst ein Ende, als ich meinen jetzigen Mann kennen lernte. Endlich fand ich meine innere Ruhe und Stabilität wieder.
Das erste Jahr unserer Beziehung genossen wir einander ausgiebigst, obgleich wir hin und wieder auch jemanden dazu holten. Sehr selten hatten wir eine weitere Frau mit im Bett, im Regelfall war es ein zweiter Mann. Das liegt an meiner noch immer vorhandenen Angst, tatsächlich mit einer Frau "richtig" was zu machen. Ich hoffe, dass sich diese Angst bald legt oder ich jemanden finde, der mich da behutsam einführt.
Jedenfalls begannen nach dieser Zeit sowohl mein Mann als auch ich uns nach fremder Haut zu sehnen. Die stillen inneren Rufe nach dem Kribbeln im Bauch wurden wieder laut. Ich denke, dass dies auch meinem Mann damals so ging, obwohl er es vermutlich nicht weiter beachtete. Immer öfter holten wir uns jemanden dazu.
Eines Tages stolperte ich in einer unserer Online-Communities über den Begriff "Polyamorie" und begann, mich damit zu beschäftigen. Ich erkannte, dass meine Erfahrungen einen Namen hatten, und dass ich bei weitem nicht die einzige bin, die so fühlt. Daraufhin versuchte ich erneut, meinem Partner davon zu erzählen, legte ihm die gesammelten Informationen vor, und er reagierte sehr aufgeschlossen. Ich war absolut überrascht. Er beschäftigte sich sehr eingehend damit. Er öffnete sich und arbeitete nun merklich an seiner Eifersucht. Darauf war und bin ich immer noch sehr stolz.
Bei einem gemeinsamen Swingerclubbesuch lernten wir dann meinen derzeitigen Freund kennen. Mein Mann lief für mich Werbung und erzählte ihm, wie toll ich sei. Es war mir schon fast peinlich. Ich für meinen Teil hätte ihn nicht als potenziellen Zweitpartner wahrgenommen, aber mein Mann setzte alles daran, dass er für mich Interesse entwickelte.
Ich war darüber sehr überrascht, denn in meinen Augen hatte mein Mann sich nicht ausreichend Zeit genommen, um sich mit der Theorie der Polyamorie zu beschäftigen. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich mir dann auch die Praxis zutraute. Aber vielleicht ist mein Mann auch einer derjenigen, die erst durch reale Erfahrung erleben können, ob Dinge für sie etwas sind oder eben nicht.
Jedenfalls dauerte es nicht lange, und auch er hatte eine Partnerin. Zu Anfang war das alles wunderbar. Wir genossen die gemeinsame Zeit zu viert. Aber bald wurden die Eifersuchtsattacken der Freundin meines Mannes unübersehbar und belasteten zunehmend auch unsere Beziehung. Das Ergebnis ließ nicht lang auf sich warten: Er ritt auf meiner Welle mit, in der ich versuchte, ihr verschiedene Dinge vor Augen zu führen und beendete vorübergehend diese Beziehung.
Jedoch ließen sich seine Gefühle natürlich nicht abstellen, und auch ich brachte es nicht über's Herz, mein Veto einzulegen und damit den Kontakt zu ihr vollends zu unterbinden, obgleich ich wusste und immer noch weiß, dass sie ihm nicht gut tut. Sie sucht den Kontakt zu ihm, wenn sie gerade niemanden Besseren hat und lässt ihn links liegen, wenn sich doch etwas anderes ergibt. Und er nimmt sie jedes Mal zurück.
Die Grundfesten der Polyamorie sind in erster Linie die gemeinsame Kommunikation und genaue Absprachen zwischen allen Beteiligten. Dafür ist mindestens eine Freundschaft zwischen allen Partnern zwingend nötig. Ohne das hat man keine Basis für ein gemeinsames Gespräch. Nur wenn man offen über seine Gefühle spricht und sich eventuell auch die einen oder anderen Dinge in Absprache in der Haupt- oder den Nebenbeziehungen vorbehält, hat das Ganze eine Zukunft. Für die Umsetzung dieser Dinge sind eine gewisse Reife und die Fähigkeit zur Selbstreflexion unabdingbar.
Sie suchte jedoch keinerlei Dialog mit mir, und meine Versuche diesbezüglich endeten fruchtlos. Auch lebte sie eine Zeit lang ihre Eifersucht exzessiv aus. Ich bin ein sehr sensibler und empathischer Mensch, und ich spürte, dass ihre Feindseligkeiten mir gegenüber nicht nur mich belasteten, sondern uns alle. Mit dem Bruch begann sie jedoch anscheinend, wenigstens daran zu arbeiten.
Mittlerweile, nach unzähligen Chancen, die ich ihr gab, unsere Dispute zu klären, die sie aber alle ungenutzt verstreichen ließ, habe ich sie für meinen Teil abgeschrieben und hoffe nun darauf, dass auch mein Mann erkennen wird, dass sie für die Art von Beziehung offensichtlich nicht geschaffen ist (jetzt jedenfalls noch nicht). Hinzu kommt, dass mein Mann inzwischen nicht nur diese eine Frau hat, sondern neben ihr noch andere Affären, unter denen durchaus die eine oder andere viel versprechende ist.
Aber auch auf meiner Seite begann es zunehmend zu bröckeln. Mein Freund verlor Stück für Stück das (nicht nur) sexuelle Interesse an meinem Mann und verlagerte seinen Fokus auf mich. Hinzu kommt, dass er immense Probleme hat, sich zu öffnen und nur sehr schwer über seine Gefühle sprechen kann. Es ist dennoch unkomplizierter mit ihm als mit der Freundin meines Mannes. Daran arbeiten wir nun: dass die beiden beginnen, ohne mich als Mittler, miteinander über die wichtigeren Dinge zu reden und sie zu klären.
Eifersucht ist in einer solchen Beziehungskonstellation trotz Beschäftigung mit dem Thema immer wieder vorhanden. Mein Mann und auch ich können sie aber mittlerweile relativ gut von den wahren Beziehungskonflikten trennen. Eifersucht ist in unseren Augen eine Emotion, die durch mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern für die Kinder entstand, und wo nun wir als erwachsene Kinder gefordert sind, uns diesen Unsinn wieder auszutreiben.
Überrascht und stolz bin ich bezüglich meines Mannes nach wie vor, denn er mutierte von einem eifersüchtigen Monoamorösen zu einem selbstkritischen Polyamorösen. Und das in Rekordzeit!
Die starke Bindung, die ich zu meinem Mann habe, wird wohl nie ein anderer bei mir erreichen. Trotzdem glaube ich, dass ich mich erst durch mindestens eine weitere Frau vollständig fühlen kann, wenn nicht sogar dazu noch durch einen weiteren Mann neben meinem Mann.
Die für mich elementare Wahrheit des Lebens ist das Yin-Yang-Prinzip. Für alle Dinge gibt es auch Gegenstücke. Wenn ich mich in diesem Kontext als Yang bezeichne, macht mein Mann circa 80 % des Yin aus, welches mich vervollständigt und mein Gegenstück darstellt. Die anderen 20 % gehören dann also dem oder den anderen Partnern. Das ist sicher keine faire Verteilung, aber darauf kommt es auch nicht an, denn meine Liebe zu meinem Mann ist nicht die gleiche, wie ich sie zu den weiteren Partnern empfinde.
Die Liebe wird nicht geteilt, die Partner bekommen nicht etwa ein Stück vom Kuchen. So, wie mein Mann mich in vielen Dingen ergänzt, ergänzen mich die andern Partner in anderen Dingen, die mein Mann nicht hat. Das ist keineswegs als schlecht anzusehen, denn jeder Mensch besteht aus mehreren Teilpersönlichkeiten. Manchmal will man eben nicht nur für eine dieser Teilpersönlichkeiten das ergänzende Gegenstück haben.
Diese Ergänzung kann ein Mensch allein unmöglich bieten. Mein Mann kann beispielsweise nicht chaotisch und ordentlich zugleich sein. Die Partner in einer polyamorösen Beziehung sind unterschiedlich, und so ist es auch mit den Gefühlen, die ich für sie hege. Ich liebe nicht den einen mehr und den anderen weniger, sondern ich liebe jeden auf ganz eigene Art. Die vorhandene Liebe maximiert sich also, sie wird nicht geteilt.
Ich muss aber auch gestehen, dass ich mit dieser Teilvollständigkeit, die ich durch meinen Mann erlebe, durchaus auch für den Rest meines Lebens auskäme, wenn er Polyamorie nicht länger wollen würde. Mein Mann ist der einzige Mensch, dessen Verlust ich nicht verschmerzen könnte. Das meine ich jetzt nicht abwertend gegenüber den "Nebenpartnern", denn ich würde sie auch lieben, und es wäre sicher nicht leicht, sie zu verlieren.
Aber wenn es nötig wäre, könnte ich ohne sie leben. Ohne meinen Mann dagegen nicht! Ich weiß, dass ich mit dieser Einstellung im Kreis der Polyamorösen doch eher zur Minderheit gehöre, doch ich kann nun mal an meinen Gefühlen nichts ändern. Wobei ich mir aber nicht sicher bin, wie sich die Gefühle zu einer Frau entwickeln könnten. In Bezug auf Männer aber ist es definitiv so.
Aber machen wir uns nichts vor: Es ist nicht leicht, über die anerzogenen Verlustängste und Eifersüchteleien hinweg zu kommen. Selbst nach Jahren nicht. Fraglich ist, ob man es überhaupt vollends schaffen kann. Aber der Versuch lohnt sich, denn er lässt einen an einem selbst arbeiten, und er ermöglicht eine verantwortungsbewusste Freiheit, die es so in einer monoamorösen Beziehung nie geben würde. Man ist nicht gezwungen, sein Leben und all seine Liebe an nur eine Person zu hängen. Man kann so auch in einer festen Beziehung die Freiheit der Liebe genießen. Denn je mehr Liebe man gibt, desto mehr bekommt man davon.
Treue ist in der Polyamorie nicht bloß eine Phrase: Wir sind keine Swinger, wir hüpfen nicht von Baum zu Baum. Wenn wir uns auf Partner festgelegt haben, leben wir mit ihnen monogamiegleich in festen Bindungen. Wir leben in einer offenen, festen Beziehung, die Liebe mit den anderen nicht ausschließt.
Ein Zitat zu diesem Thema aus dem Buch "Frühstück zu dritt" hat mich besonders berührt, denn es sagt im Grunde alles zum Thema Eifersucht und Treue bei der Polyamorie aus: "Mir geht die Eifersucht nicht deshalb ab, weil ich so weise bin, sondern weil ich mich entschieden habe, die Frau meines Lebens nicht zu verlassen, unter keinen Umständen. (...) Aus diesem Gedanken folgt für mich, dass Eifersucht immer ein Zeichen von Nicht-Entscheidung ist, vom irgendwo versteckten oder unterdrückten Gedanken, selbst den anderen verlassen zu wollen."
Abschließend möchte ich sagen, dass diese Beziehungsform nicht einfach ist, sich aber ungemein lohnt. Sie ist jedoch nur umsetzbar mit den richtigen Partnern. Es müssen Menschen sein, die sich öffnen, die über ihre Gefühle sprechen und die sich auf mehr als nur einen Menschen einlassen können – egal in welcher Form.
Polyamorie ist lebbar, lohnenswert und ungemein erfüllend, wenn sie offen und ehrlich gelebt und nicht versucht wird, Konflikten generell aus dem Wege zu gehen.
© Anne Dietzsch
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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von der Zeitschrift connection Tantra special zur Verfügung gestellt.
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Die aktuelle Ausgabe "connection Tantra special # 85" steht unter dem Thema "Dich alle liebe ich! Der Trend zur Polyamorie
und die ewige Frage: solo, mono oder poly, was macht am glücklichsten?" und kann in gut sortierten Zeitschriftenläden erworben werden.
Inhalte der aktuellen Ausgabe:
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