Wir haben das Thema Polyamorie bereits mit der Buchvorstellung Wenn man mehr als einen liebt von Felix Ihlefeldt kurz angerissen. Es geht dabei um Lebensentwürfe fernab der Monogamie, die in der Umgangssprache gerne mit dem Begriff "Freie Liebe" assoziiert werden.
Es geht also darum, Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit zu haben, mit vollem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner. Die neueste Ausgabe der Connection Tantra Special hat sich dieses interessanten Themas angenommen. Wir präsentieren einen Artikel von Wolf Schneider aus der aktuellen Ausgabe.
Integration ist die entscheidende Fähigkeit, in den Therapien ebenso wie auf den religiösen Wegen. Das Viele integrieren können und daraus Eines werden lassen, mein eines Leben, mich! Das könnte man die Aufgabe des Menschen nennen, die Individuation (C.G. Jung) oder Selbstfindung. Wir begegnen dieser Aufgabe insbesondere auch in unseren Liebesbeziehungen. Ob wir dabei wählen, solo zu leben, monogam oder polyamor, ist für die Chancen, diese Einheit zu finden, irrrelevant
Es gibt Schlüsselszenen, die einen prägen. Das können Ereignisse im realen Leben sein, aber auch Stellen in einem Roman oder Film. Für mich war eine solche die Szene in dem Film "Die Kinder des Olymp", wo Baptiste und Garance nachts über die Dächer von Paris schauen. Getragen von süßen Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit zeigt Garance auf die vielen kleinen Lichter, wo überall Menschen zusammen sind, die einander lieben.
Lieben? Baptiste braust auf: "Wenn alle, die zusammen sind, einander lieben würden, dann würde die Erde leuchten wie eine Sonne!" Dem konnte ich nur zustimmen. Ich habe diesen Film mit 16 Jahren zum ersten Mal gesehen, während ich überall Paare sah, eheliche und andere, die sich füreinander entschieden hatten und zusammenlebten, aber doch nicht leuchteten. Das war nicht die Art Liebe, die ich wollte.
Wenn das Zusammenleben nicht zu einem solchen Leuchten führt, wie frisch Verliebte es haben, dann wollte ich lieber allein bleiben, sagte ich mir. Meine Eltern haben mehr als sechzig Jahre lang zusammengehalten als festes Paar, bis der Tod meines Vaters meine Mutter allein hinterließ. Sie führten eine in vieler Hinsicht gute Ehe, für mich aber war sie kein Vorbild.
Ich wollte das, was Bert Hellinger als "Das große Glück" bezeichnet und das er dem "kleinen Glück" gegenüberstellt. Das Arrangement im Alltag, das bloße miteinander Auskommen war mir nicht genug. Deshalb habe ich auch in den monogamen Phasen meines Lebens immer den Zauber des Anfangs zu erhalten gesucht, das einander Bestaunen und Beglücken wie beim ersten Mal. Unter diesem Niveau war Liebe für mich nie verhandelbar.
Bis heute betrachte ich es nicht als Zeichen menschlicher Reife, auf das große Glück zu verzichten. Der Anspruch ist allerdings tatsächlich ein großer, und er gilt für alle drei Lebensweisen, die gegeneinander antreten: solo, mono und poly. Bis heute meine ich, dass dieser Anspruch nur einlösbar ist, wenn man sich für die religiöse, spirituelle oder transpersonale Dimension der Liebe öffnet.
Wer einmal die mystische Ekstase erlebt hat, wird das nie wieder vergessen können. Das Leben danach ist nicht mehr dasselbe. Das gilt auch für die Liebe: Wer die transzendente, alles überschreitende Liebe einmal erfahren kann, der kann eine normale monogame Beziehung nicht mehr führen.
Das muss nicht heißen, dass er nun solo lebt oder polyamor, es gibt ja auch monogame Beziehungen, die den Himmel berühren; aber das ist dann nicht mehr die normale monogame Beziehung, wie wir sie kennen, sondern eine leuchtende.
Welche Form macht es am leichtesten, den Himmel zu berühren? Mal habe ich gedacht, es geht nur solo, denn mit jedem Partner musst du Kompromisse machen. Dann wieder dachte ich, es geht nur in einer festen, exklusiven Zweierbeziehung; nur diese bietet das höchste Glück und die einzige, eines reifen Menschen würdige Art der Beziehung.
Und dann wieder: Nein, es geht nur poly, denn wahre Liebe ist nicht exklusiv, sondern inklusiv; sie schließt nicht aus, sondern umarmt alles. Wenn ich aus alledem ein Fazit ziehen müsste, würde ich sagen: Es kommt nicht auf die Beziehungsform an, ob die Liebe den Himmel berührt, sondern in jeder Form und jedem Einzelfall darauf, wie man damit umgeht.
Im Ashram in Poona, den ich in den Jahren 1977, 79 und 81 jeweils für ein paar Monate besucht habe, experimentierten wir mit den Möglichkeiten, den Himmel zu berühren, wie ich es nie wieder danach so radikal, transkulturell und transreligiös erlebt habe; jedenfalls nicht in einer so großen und experimentierfreudigen Gemeinschaft, die dort aus allen Teilen der Welt zusammengekommen war.
1981 waren wir teilweise in Zelten untergebracht, die vorhandenen Häuser reichten nicht mehr aus für die Tausenden. Eines abends saß ich dort mit einer guten Freundin vor einem dieser Zelte.
Wir beiden hatten schon etliche Meditationen und Therapie-Erfahrungen hinter uns und fühlten uns doch immer noch nicht erleuchtet. Ihr Geliebter war gerade, ohne sie verlassen zu wollen, in einem anderen Zelt liebevoll beschäftigt, und sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Lachend und doch irgendwie gequält sagte sie: "Ich glaube, wenn wir das überwunden haben" (sie meinte die Eifersucht), "dann haben wir alles überwunden! Dann hält uns nichts mehr. Das muss dann die Erleuchtung sein."
Es sind nicht nur die Freaks aus dem alten Poona, die dieses Thema beschäftigt. Jeden allein lebenden Mönch oder Padre quält mindestens ab und zu der Gedanke, ob "solo" (im Sinne von: ohne sexuelle Beziehung) wirklich der beste Weg zu Gott ist, und ob nicht die Entscheidung für das Zölibat eine falsche gewesen sein könnte.
Und die Verheirateten, die das Treuegebot ernst nehmen und von ihrer Liebe mehr verlangen als nur auf Biegen und Brechen zusammen zu bleiben, fragen sich das. Und natürlich auch die in offenen oder stark wechselnden Beziehungen oder unfreiwillig allein Lebenden: Ist das Gras im Garten des Nachbarn wirklich grüner? Wann hört das auf, dass wir andere beneiden? Wann hört das auf, dass wir denken, andere unter dem Himmel könnten irgendwie die besseren Karten gezogen und das größere Liebesglück zugeteilt bekommen haben?
Insbesondere im Falle der Eifersucht neigen wir zu dem Glauben, dass der Mensch, den mein Wunschpartner da gerade beschenkt, von den Göttern bevorzugt wird und etwas bekommt, das "eigentlich" mir zusteht.
Manche Streitgespräche zwischen Polys und Monos erinnern mich an einen Unfall, den ich vor Jahren als Taxifahrer in München hatte. Ich wollte wenden, musste wegen Gegenverkehr aber warten und war dabei zu nahe an die Trambahnschienen in der Straßenmitte geraten. Die herannahende Tram sah mich dort stehen, bremste aber nicht und rammte mich. Bei der anschließenden Gerichtsverhandlung gewann der Trambahnfahrer mit dem Argument, dass ich dort nicht hätte stehen dürfen. Ich wurde schuldig gesprochen.
Ein Taxler-Kollege sagte mir später dazu: "Das passiert öfter! Gegen Trambahnen kommst du nicht an. Sie sind größer und schwerer und können jedes Taxi zerquetschen, das wissen sie; da ziehst du immer den Kürzeren. Trambahnfahrer haben einen abgrundtiefen Hass auf uns Taxler, weil sie sich nur auf Schienen bewegen können, vor oder zurück, das ist alles. Wir aber können uns 360 Grad in jede Richtung bewegen."
Wenn ein mono Liebender sagt: "Aber wir sind doch zusammen!!!" mit dem Unterton: "Wie konntest du nur mit diesem Scheusal flirten?" Dann ignoriert er erstens, dass ein "Zusammensein" sich meist fließend ergibt, indem man sich immer näher kommt; es wird nicht rituell deklariert, so wie das Ja-Wort zu Beginn einer Ehe, geschweige denn, dass die damit verbundenen Erwartungen erklärt würden. Zweitens ignoriert es, dass es zwischen Lieben und Nicht-Lieben Übergänge gibt so wie die Blau- und Graustufen einer Abenddämmerung.
Man ist sich nicht entweder nahe oder fern, sondern immer mehr oder weniger nahe. Man ist nicht entweder in Liebe oder nicht, sondern spürt die Liebe zu einem anderen Menschen immer mehr oder weniger, und sogar in jeder Minute anders. So wie ein Reifenfahrzeug sich auf einer Asphaltfläche ohne Schienen und Stufen frei bewegen kann – von dem dortigen Verkehr mal abgesehen.
Wenn wir "zusammen sind", dann tust du dies oder das nicht, jenes aber tust du (und fühlst du) natürlich, denn "wir sind doch zusammen!" Solche Erwartungen gestalten die Wirklichkeit so sehr, dass etwas, das einer der Partner "sich nicht vorstellen kann" kaum eintreffen wird.
Und das, was erwartet wird, das wird magisch angezogen, seien es nun positive Erwartungen (Sehnsüchte) oder negative (Befürchtungen). Hier ist das "Gesetz der Anziehung" der zahllosen Wunschratgeber der Esoszene mal ausnahmsweise sehr weitgehend wahr.
"Dreiecksbeziehungen können nicht gut gehen" – wenn das erwartet wird, dann werden sie auch nicht gutgehen. "Würdest du mich lieben, dann würdest du sowas nicht tun" – gegen solch eine Negativerwartung hat auch die stärkste Liebe kaum eine Chance.
Oder auch die positive Erwartung: "Ich bin der/die Beste, früher oder später wirst du zu mir zurückfinden" – ein Magnet, dem sich kaum jemand entziehen kann. Starke Wünsche und Befürchtungen lassen uns die Wirklichkeit so erscheinen, wie sie unseren Ängsten oder Wünschen entspricht.
Dazu gehört auch die "Neugestaltung der Vergangenheit", die Geschichtsfälschung: Was einst als Glück erlebt wurde, erscheint, wenn die jetzige Interpretation des Lebens es erfordert, in der Erinnerung als unecht oder oberflächlich: "Du hast mich ja nie wirklich geliebt". Oder, was einst öder, grauer Alltag war oder eine konfliktgeladene Beziehung, erscheint im nostalgischen Blick einsamer Herbsttage plötzlich so, als sei es die einzig wahre, große Liebe gewesen.
Zu lieben heißt nicht, zu besitzen. Das hat Erich Fromm in seinen Klassikern "Die Kunst des Liebens" (1956) und "Haben oder Sein" (1976) sehr schön dargelegt. Du gehörst mir nicht, sondern: Du gehörst zu mir. Ich bin bei dir, in dir (und du in mir), aber ich habe dich nicht. Und wenn ich dich nehme (im Sex), dann nur im Spiel, danach bist du wieder frei. Wenn ich zu meiner Geliebten sage (oder sie zu mir): "Jetzt gehörst du mir!", dann fühle ich mich begehrt.
Aber es ist ein Spiel. Würde es ernst, wäre es Sklaverei. Wer die Wonnen der Liebe wirklich auskosten will, muss allerdings bis an diese Grenze gehen und muss sich und dem Partner erlauben, einander "haben" zu wollen. Aber es ist ein delikates Spiel, das ein hohes Rollenbewusstsein voraussetzt, will man Abstürze verhindern.
Rollenbewusstein ist allemal gut, insbesondere, wenn es um Liebesbeziehungen geht. Sich in den anderen hineinversetzen zu können ist gut. In Konflikten die Rolle des anderen spielen zu können ist gut – es hilft den anderen mit der Weisheit des Körpers zu verstehen.
Überhaupt: Spielen zu können ist gut! Da man beim Rollenwechsel durch den Nullpunkt geht, duch die Nichtidentität, das Niemandsein, berührt man damit unweigerlich das Transpersonale, das hinter der Persona (dem Ego, der individuellen Persönlichkeit) Stehende.
Um dieses Transpersonale geht es Tantrikern wenn sie einander mit »Shiva« und »Shakti« ansprechen. Das ist eine aus dem Hinduismus stammende Tradition, die besagt: Ich grüße in dir den Gott Shiva, die Göttin Shakti! Ich sehe das Göttlliche in dir, nicht nur die Person.
Hinter dem Wilfried ist auch der Mann sichtbar (Shiva), hinter der Sabine die Frau (Shakti). Wenn ich verschiedenen Männern begegne, dann begegne ich im Grunde immer nur dem einen: Shiva. Wenn ich Frauen begegne, dann treffe ich im Grunde immer nur die eine: Shakti.
So ist das Problem von Abschied und Neubeginn bei der seriellen Monogamie gelöst und auch die Probleme der Polyamorie: Man trifft ja immer nur den einen. So wie bei Martin Buber das Du: Mit dir (Gott/Göttin) spreche ich im Gebet, und dieses göttliche Gegenüber hat jeden Tag ein anderes Gesicht. Wobei Martin Bubers Gegenüber geschlechtslos ist. Im Tantra hingegen hat das Gegenüber ein Geschlecht, dort wird die letzte Wirklichkeit als bipolar angesehen.
Das Bipolare ist allerdings nicht statisch, es erzeugt ein Drittes: das Kind oder die Synthese aus These und Antithese. So sind wir entstanden: als Drittes in eine Zweierbeziehung hinein. Als Kind unserer Eltern, das wir ja ausnahmlos alle sind, ist unsere Urbeziehung also eine Dreiecksbeziehung: Vater-Mutter-Kind.
Wer weiß, wie oft der Vater sich nach der Geburt seines Kindes von seiner Frau vernachlässigt fühlt, der weiß, dass die Dreiecksbeziehung mit ihrer Eifersuchtsdynamik der konventionellen Kleinfamilie keineswegs fremd ist. Im Gegenteil, sie ist in ihrem innersten Kern zu Hause.
Der Drei entspricht in der visuellen Kunst die Diagonale und ist auch hier dynamischer als das relativ Statische einer Opposition, Symmetrie oder Bipolarität. Oder auch in der Politik ist die dritte, kleine Partei als Zünglein an der Waage zwischen zwei ähnlich starken großen oft das entscheidende Agens. In der Geometrie definieren zwei Punkte eine Linie. Für eine Ebene braucht es mindestens drei, mit dem dritten Punkt wird also eine neue Dimension eröffnet.
Mit dem vierten noch eine weitere: der Raum. Und so wie alle Vielecke aus dem Dreiecken bestehen, kann jeweils ein weiterer, "dritter" Punkt eine neue Dimension eröffnen.
Interessant finde ich die Ähnlichkeit der Poly/Mono-Debatte mit dem klassischen Konflikt zwischen Mono- und Polytheismus. Die christliche Bibel geißelt ja den Polytheismus in auffälliger Weise, das zieht sich durch große Teile des Alten Testaments. Es muss ein starker Gegner sein, so oft wie er hier erwähnt wird!
Das Bewusstsein der moralischen Überlegenheit der Monotheisten gegenüber den Polytheisten ist mir aus dem schulischen Religionsunterricht noch lebhaft in Erinnerung, obwohl doch andererseits das Bildungsbürgertum mit Goethe die polytheistische Antike verehrt.
Da unsere Götterwelten immer inneren, menschlichen Eigenschaften entsprechen, finden wir hier den Konflikt zwischen Vielheit und Einheit im mythologischen oder "himmlischen" Raum wieder. Wer die vielgeschätzte Integration der eigenen Seelenanteile geschafft hat, müsste demnach Monotheist werden und monogam leben, sagen die Monos, wer seine Anteile "noch" nicht integriert hat, der huldigt dann eben "noch" der Vielgötterei – und mehreren Partnern.
Die Polys hingegen unterstellen den Monos in ihrer patriarchalen Hierarchie gefangen zu sein und so wichtige Anteile der Persönlichkeit, wie die von Aphrodite, Athene, Apollo oder Dionysos vertretenen, nicht ausreichend zu würdigen, oder sie sogar ins Unbewusste zu verdrängen, wo sie dann, wie der zum Teufel mutierte griechische Hirtengott Pan, nicht mehr ihr Wesen, sondern ihr "Unwesen" treiben.
Der Konflikt zwischen den Monos und den Polys hat mit dem fundamentalen Gegensatz zwischen einer inklusiven und einer exklusiven Liebe zu tun. Exklusiv, wörtlich "ausschließend", ist das Besondere, deshalb wird das Wort in der Werbung für Luxusgüter so gerne verwendet. "Nur dich, nur dich allein" will ich, das ist das Motto der Schlager und fast aller Liebesromantik. Dich schließe ich in mein Herz ein, alle anderen bleiben draußen, so wie der Same, der das Ei erreicht, dann schließt sich die Membran, nur im Falle von Zwillingen sind es zwei (von den noch selteneren Mehrlingen sehe ich hier mal ab).
Funktioniert unser Herz so wie die Eizelle? Die Erfahrung zeigt, dass es anders ist. Auch bei den Frauen, die das allerdings seltener zugeben, weil das gesellschaftlich weniger angesehen ist, während Männer eher mit ihren vielen Freundinnen prahlen.
Ethisch gesehen ist die Bevorzugung eines einzelnen Menschen gegenüber allen anderen die unterlegene Beziehungsform: Würdest du beim Untergang der Titanic deinen Partner retten, auch wenn fünf andere dafür ertrinken müssten? Ab wie viel anderen gibst du den anderen den Vorzug gegenüber deinem Partner? Wer im virtuellen Raum der Vorstellung den Grad des eigenen Beziehungsegoismus messen will, hat hier Gelegenheit zu einem weiteren Stückchen Selbsterkenntnis.
Das griechische Wort für die reine, selbstlose Liebe ist "Agape" (lat. Caritas). Im Gegensatz zu "Eros" und "Philia" (Freundschaft) ist sie bedingungslos. Sie schließt alle ein, die ihrer bedürftig sind, sie schließt keinen aus. Insofern ist Agape nicht die Art der Liebe der Polys, die ja ebenso Favoriten haben wie die Monos, nur eben mehrere.
Die polyamore Liebe geht aber von der exklusiven erotischen Beziehung zu nur einer Person in Richtung auf die nicht bevorzugende Liebe zu allem, insbesondere allem Bedürftigen (Caritas) und nimmt für sich deshalb in Anspruch weniger egoistisch, weniger nur "ich und dich" favorisierend, weniger exklusiv zu sein.
Noch in einer weiteren Hinsicht sind Polys inklusiver – man könnte auch sagen toleranter – als die meisten Monos: Fast alle tolerieren die Monogamie nicht nur, sondern befürworten sie in vielen Fällen und beanspruchen für sich selbst die Option zeitweiliger Monogamie.
Dass Monos die polyamore Lebensweise akzeptabel finden ist viel seltener. Auch bei denen, die sagen "Toll, dass ihr das könnt, ich könnte es nicht", schwingt oft eine subtile Ablehnung mit: "Ich bin aber froh, dass ich nicht einer von denen bin, die es können".
In ähnlicher Weise ist der polytheistische Hinduismus (zumindest im Volksglauben ist er deutlich poly) im Umgang mit Buddhismus und Christentum sehr tolerant: In Hindu-Tempeln findet man Buddha und Jesus als Heilige oder Götterfiguren neben Rama, Ganesh, Lakschmi und all den anderen, während ein Shiva oder Buddha neben Jesus und der Madonna in einer christlichen Kirche unvorstellbar ist; selbst auf der Stufe der "weiteren Heiligen" würden die beiden niemals geduldet, und im Islam schon gar nicht.
Wenn zwei Beziehungssuchende sich in einem Kontaktforum treffen oder beim Speeddating, müssen sie einander da sagen: Ich bin katholisch, evangelisch, konfessionslos? Ich bin hetero, homo oder bi? Ich bin poly oder mono? Gehört das zum Profil, und es zu verbergen, wäre eine Täuschung? Gibt es eine Veranlagung zur Polyamorie, oder ist das eine Entscheidung? Hierüber gehen die Meinungen auseinander. Eine von Geburt an vorhandene Disposition zu mono, poly oder solo wird nur selten angenommen.
Kindheitsprägungen schon eher: Warst du ein bevorzugtes Einzelkind, oder musstest du dich gegenüber vielen Geschwistern durchschlagen? Jedenfalls bleibt bei allen genetischen Dispositionen und allen Arten der Kindheit ein großer Raum für die Entscheidung: Will ich, oder will ich nicht? Und meistens bleibt diese Entscheidung nicht ein Leben lang dieselbe.
Was zum Problem der Übergänge führt. Was, wenn ich bisher mono gelebt habe und nun poly leben möchte? Was, wenn mein Partner das nicht will? Und was, wenn ich bisher poly gelebt habe und nun mono leben will? Auch hier braucht es Übergänge, die gestaltet werden wollen, so wie auch die anderen Übergänge zwischen den Lebensphasen. Ein höchstmöglicher Konsens aller Beteiligten ist hierbei willkommen, wird aber nicht immer erreicht werden können.
Und ganz gewiss können Rituale die Übergänge konfliktfreier gestalten, weil sie "Ordnungen der Liebe" schaffen. Schon allein bei der Entscheidung, mit jemand "zusammen" zu sein, hilft es, sie zu artikulieren und auch das, was man sich darunter vorstellt, und ebenso bei der Trennung: Was genau hört nun auf, jetzt, da wir "getrennt sind"?
Obwohl doch alles eins ist. Jedenfalls ist es gefährlich, sich nicht klar zwischen poly und mono zu entscheiden: Beim einen Übergang sind die Monos bedroht, dann nicht mehr die einzigen zu sein, beim anderen die Polys, dann ganz draußen zu stehen.
Die ewigen Themen wie Abschied und Trauer, die Fähigkeit zum Loslassen ebenso wie der Mut zum Aufbruch ins Neue, alles das bleibt einem bei keiner Beziehungsform erspart, nicht einmal bei einer Entscheidung fürs Alleinsein, denn die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit gehört zum menschlichen Leben.
Freunde von mir leben in einer Dreiecksbeziehung. Sie erleben Höhenflüge, aber auch Abstürze, und weil sie überzeugt waren, dass ein professioneller Blick von außen ihrer unkonventionellen Beziehung gut tun würde, suchten sie nach einem Coach. Es dauerte Wochen, bis sie einen geeigneten fanden, denn es gibt nur wenige Coaches, die sich das zutrauen, zumal es hierbei hilfreich ist, auf dem Gebiet auch eigene Erfahrungen zu haben.
Dreiecksbeziehungen gibt es unendlich viele, aber die, wo alle drei Teilnehmer offen damit umgehen, sind noch immer selten. Schließlich fanden sie eine Therapeutin mit vielen Jahren Berufserfahrung, verheiratet, mit Kindern und einem Liebhaber, den sie nicht verheimlicht. Die erste Sitzung ging über mehr als drei Stunden (die Stunde à 60 €) und war gut, sagen die drei.
"Die Probleme, die ihr habt, werden nicht vergehen", sagte die Therapeutin zur Ernüchterung der drei, "aber ihr könnt lernen, damit umzugehen". Aha! Das klingt nach dem Fazit, das man auch nach jahrelangen Psychotherapien oft zu hören bekommt. Hier aber ging es noch weiter: "Wollt ihr die Speerspitze der Evolution sein?", fragte sie provozierend. "Wenn ja, dann macht weiter. Dann werdet ihr auch den Mut haben, die auftretenden Schwierigkeiten zu bewältigen".
Pioniere haben es schwer. Die Millionen, die ihnen auf den Trampelpfaden folgen, haben es leichter. Gesellschaften sind Massenphänomene. Wenn die Massen die Monogamie für richtig halten, sei es die lebenslange oder die serielle, dann bekommt jeder, der sich da einfügt, aus der Umgebung Unterstützung. Im einzelnen ist oft kaum nachvollziehbar, woher diese Unterstützung kommt. Sie scheint aus einem "morphogenetischen Feld" zu kommen, und der sie Empfangende hat dabei den Eindruck, seine Lebensform sei "ganz natürlich" – weil sie der der ihn umgebenden Masse entspricht.
Dort, wo es üblich ist zu heiraten, wird eine Frau, die "keinen abkriegt", ihr Leben lang darunter leiden, auch wenn sie, ohne diese massenhafte Suggestion, vielleicht sagen würde, sie hätte Glück gehabt, keinen abzukriegen. In der Türkei beispielsweise werden 40 % der Frauen von ihren Männern geschlagen; die meisten von ihnen finden das "ganz natürlich"; da wäre ich als Frau doch froh, keinen abzukriegen.
Eine Autorin von uns hat viele Jahre lang in offener Beziehung gelebt, überzeugt, dass das eigentlich die bessere Lebens- und Liebesform ist. "Wenn die Gesellschaft das unterstützen würde, wäre das auch so", sagt sie.
Die offene Beziehung aber ist anrüchig. Probleme haben beide, die poly und die mono Lebenden, aber bei den Polys lastet die Umgebung das der Beziehungsform an: "Seht ihr, es konnte ja nicht gut gehen. Warum habt ihr auf mich und all die anderen nicht gehört?"
Während die mono Lebenden bei Problemen zu hören bekommen, dass man manchmal eben die Zähne zusammenbeißen muss, auch mal nachgeben und jedenfalls zusammenhalten, "in guten, wie in schlechten Zeiten". Außerdem "gibt sich das wieder", denn mono ist eben die richtige Lebensform. Denken sie und sagen das auch.
Da muss man es sich schon überlegen, ob man die Stärke hat, Außenseiter zu sein, um dann vielleicht, eines Tages, wenn diese Lebensform Mainstream geworden ist, "Pionier" genannt zu werden. Inzwischen verzichtet die genannte Autorin darauf – sie will es nun leichter haben und lebt mono.
Jeder einigermaßen belesene Mensch weiß, dass Alkoholkonsum leichter zur Sucht führt als Haschisch, und dass es relativ zur Anzahl der Genießer dieser Rauschmittel viel mehr Alkoholkranke und -tote gibt als unter den Konsumenten von Haschisch. Im Gegenteil: THC, der Wirkstoff von Haschisch, gilt vielfach sogar als Medikament.
Dennoch nennt man versierte Haschischgenießer "Kiffer", während versierte Weinkenner den Ehrennamen "Sommelier" tragen. Es gibt sogar eine einjährige Berufsausbildung zum Sommelier, die von der IHK geprüft wird. Wie wäre es mit einer IHK-Prüfung zum ausgebildeten Kiffer, wo doch Marihuana sehr viel mehr nachweisbare positive Wirkungen hat als Alkohol?
Und so wird man als polyamorös Lebender wohl noch lange nicht Bundespräsident werden können; an manchen Schulen vielleicht nicht einmal Lehrer, denn wer würde schon "einem solchen" seine Kinder anvertrauen?
Wo liegt die Lösung? In der Transzendenz, das sagte ich schon. Aber auch im Humor, den ich als einen zum Westen und zur aufgeklärten Moderne passenden Weg zur Transzendenz empfinde. "Wir können Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu ihnen geführt haben", sagte Einstein. Ein Problem lässt sich nicht auf der Ebene lösen, auf der es entstanden ist.
Beziehungsprobleme, vor allem, wenn es um Dreiecke geht und um Eifersucht, lassen sich nur von der transpersonalen Ebene aus lösen oder durch Rückgriff auf diese.
Monos und Polys haben gleich gute Chancen auf ein erfülltes Leben in Liebe und eine Vereinbarung von Vielfalt und Einheit. Da die bei uns vorherrschende Beziehungsform die – aufeinander folgende oder lebenslange – Monogamie ist, haben die Monos es dabei leichter, ihr Scheitern zu verstecken. Aber wenn ihre Liebe leuchten soll, dann kommen auch sie, genau wie die Polys, nicht umhin, sich der Transzendenz zu öffnen.
© Wolf Schneider
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Wolf Schneider, Ohne Dich wäre ich ein anderer, Königsfurt 2004
Wolf Schneider, Kleines Lexikon der Irrtümer in der Liebe. Soll im Oktober 2009 in Buchform bei der Connection erscheinen. Vorab stellt sich der Text auf www.connection.de in kommentierbaren Ausschnitten dem Kreuzfeuer der Leser. Der Autor bittet um rege Teilnahme!
Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von der Zeitschrift connection Tantra special zur Verfügung gestellt.
Geist und Materie, Glauben und Wissen, Herz und Verstand widersprechen sich nur scheinbar. Religion und Sex, Spiritualität und Ökologie, Selbstverwirklichung und soziales Handeln sind auf natürliche Weise miteinander verbunden. Die Zeitschrift connection steht mit ihren Beiträgen zu Spiritualität, Liebe und Bewußtsein für religöse Toleranz, Humor und ein ganzheitliches Verständnis von Mensch und Natur.
Die aktuelle Ausgabe "connection Tantra special # 85" steht unter dem Thema "Dich alle liebe ich! Der Trend zur Polyamorie
und die ewige Frage: solo, mono oder poly, was macht am glücklichsten?" und kann in gut sortierten Zeitschriftenläden erworben werden.
Inhalte der aktuellen Ausgabe:
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