Das Thema Escort ist viel zu interessant, als dass es sich die Medienmacher entgehen lassen könnten. Einen wirklich interessanten und vor allem unterhaltsamen Vorstoß aus England wollen wir euch in diesem Artikel vorstellen.
"Secret Diary of a Call Girl" brach mit seinen Geschichten um die bildhübsche Escortlady Hannah im Ausland bereits diverse Einschaltquotenrekorde und läuft erfolgreich in mehr als 22 Ländern. An Deutschland ging die Serie bisher leider weitgehend vorüber. Sie lief nur auf dem Bezahlsender Passion im Sky-Programmangebot, wo ganz aktuell Staffel 3 (jeden Dienstag um 20:15) zu bewundern ist. Zumindest den englischkundigen Zuschauern bietet das Online Portal MyVideo nun ENDLICH Abhilfe. Wir stellen die Serie vor und hoffen auf eine baldige Ausstrahlung im Free TV.
Secret Diary of a Call Girl
- Secret Diary of a Call Girl
- Der englische TV-Trailer
- Darum geht es in Secret Diary
- Alles über die Serie
- Die Hauptdarsteller
- Pointierte Geschichten, feiner Humor und eine tolle Hauptdarstellerin
Ein Episodenführer zu den Staffeln I und II
- Staffel I
- Staffel II
Secret Diary of a Call Boy?
- Hung
- Kommentare
Secret Diary of a Call Girl
Großbritannien ist neben den USA - und ganz im Gegensatz zu Deutschland - eine der Unterhaltungsnationen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und großflächig ins TV Seriengeschäft eingestiegen sind. Denn dank "Lost", "24", den "Sopranos", "Rom", "Heroes" und Co. ist offensichtlich geworden, dass intelligente und spannende Stoffe längst nicht mehr dem Kino vorbehalten sind, sondern aktuell vor allem die heimischen Pantoffelkinos dominieren.
Und die Briten haben sich schlauerweise breit aufgestellt. Sei es die skurrile Alienhatz in "Torchwood", griffige und wendungsreiche Agentenaction in "Spooks", lyncheske und schwarzhumorige Zeugenschutzprogramm-Mystery in "Meadowlands", größenwahnsinnige Dinohatz in "Primeval", garstige Comedy in "The IT Crowd" und "The Office" (das Strombergvorbild), intelligent erzählte Teenieschicksale in "Skins" oder schräge Science Fiction Abenteuer in "Dr. Who", die Briten verrennen sich nicht in der x-ten Neuauflage erfolgreicher Serienformate und sagen den Call-In-Sendungen und verdummenden Talkformaten den Kampf an.
Dabei hat die hier vorgestellte neue Serie mit dem abgedrehten "Dr. Who", der mittels Telefonzelle durch die Zeit reist, eine Konstante gemein. Denn im Gegensatz zu den regelmäßig wechselnden Darstellern der Hauptfigur Dr. Who wurde seine weibliche Begleitung in den letzten Staffeln vor "Secret Diary" von ein und derselben Person gespielt. Billie Piper. Diese erschließt nun dank "Secret Diary of a Call Girl" den Briten das Feld jener Seriengattung, die dank "Californication", "Sex and the City" oder "The L-Word" schon eindrucksvoll von den Amerikanern bedient wird. Kurzum: Es geht in der Serie - auch, aber nicht nur - um Sex.
Der englische TV-Trailer
Darum geht es in Secret Diary
"Ich liebe London. Ich liebe seine Härte, seine Rücksichtslosigkeit, seine Ungeduld. Ich liebe sogar sein Wetter. Aber am meisten liebe ich seine Anonymität. Das erste, was sie über mich wissen sollten, ist: Ich bin eine Hure. Aber vor allen Dingen sollten sie eines wissen: Das ist nicht mein wahres Ich."
Gesprochen werden diese Worte von Hannah, einer jungen Londonerin, die als Luxushure Belle ihr Geld verdient. Ihren besten Freunden und Bekannten erzählt sie, sie arbeite als Sekretärin für eine Anwaltskanzlei. Das klingt ihrer Überlegung zufolge so unglaublich langweilig, dass nie jemand nachfragen wird, was denn da ihre Aufgaben sind. Dabei muss sie dennoch immer aufpassen, dass sie sich nicht in Widersprüchen verstrickt und so ihr Doppelleben auffliegen lässt.
Für ein echtes Gefühlsleben oder die Suche nach der wahren Liebe bleibt so wenig Raum, zumal Hannah als Belle sehr viel über Männer gelernt und durchaus auch eine große Distanz zum Mann an sich aufgebaut hat. Dass sich ihr Leben nicht so streng in Hannahs Welt und Belles Welt trennen lässt, wie Hannah/Belle es sicher gerne hätte, wird sie im Verlauf der Serie "Secret Diary of a Call Girl" auf mal turbulente, mal schmerzliche Art erfahren müssen …
Alles über die Serie
Die Story hinter "Secret Diary" geht zurück auf den Internetblog "Belle de Jour - Diary Of A London Call Girl". Dieser Blog wurde die Vorlage für einen Roman, der zum internationalen Bestseller mutierte. Eine britische Produktionsfirma sicherte sich umgehend die Rechte an diesem Bestseller und entwickelte für den britischen Broadcaster Channel 4 die Serie "Secret Diary of a Call Girl". Das Endprodukt wurde von Channel 4 aufgrund seiner offenherzigen Handlung abgelehnt, doch sofort sprang der britische Pay-TV Sender ITV2 in die Presche und erzielte mit den bisher ausgestrahlten zwei Staffeln hervorragende Einschaltquoten.
Dabei lief die Serie in England ausschließlich in der Late Night Schiene. Verständlicherweise, denn genauso wie die Bloggerin Belle de Jour auf ihrem Blog nicht wirklich etwas ausließ, erlebt nun auch ihr Serien Alter Ego Belle vom ersten Swingerclubbesuch über Einweisungsstunden bei einer Domina bis zum Satteln eines Kunden alle möglichen und unmöglichen Spielarten der bezahlten Liebe. Scham oder Zurückhaltung kennt der Charakter der Hannah/Belle dabei nicht und auch der Zuschauer wird erstaunlich vorurteilsfrei und immer mit dem nötigen Quäntchen Witz an die unterschiedlichsten Sexformen herangeführt.
Problematisch an der Serie ist eigentlich nur, dass die in Folge eins postulierte These: "Das ist nicht mein wahres Ich." ziemlich in der Luft hängt. Denn von der Person hinter Belle erfährt man deutlich weniger, als man hätte annehmen sollen. Erst in Folge vier der ersten Staffel, die nur acht Folgen hat, wird tiefergehend angedeutet, dass Belles Umgebung ihre Ausreden zu hinterfragen beginnt, wodurch Belles Doppelleben in Gefahr gerät und ihr Privatleben heftig mit ihrem Doppelleben kollidiert.
Bedenkt man, dass Belle weder ihre Familie noch ihren besten Freund Ben eingeweiht hat, geht man als Zuschauer einfach davon aus, dass dieses Doppellebenthema schon bedeutend eher auf den Tisch hätte kommen müssen. Die Gründe hierfür sind sowohl in der Vorlage als auch in der Konzeption der Serie selbst zu suchen. Inhaltlich ist das Hauptproblem, dass Hannah hauptberuflich als Hure agiert. Hätte man ihr beispielsweise einen "normalen" Alltagsjob zugeschrieben, zu dem sie quasi als Ausgleich als Hure arbeitet, hätte dies eine ganze Menge an emotionalem und moralischem Sprengstoff in die Geschichte gebracht.
Zudem sind die einzelnen Episoden mit durchschnittlich 20 Minuten Laufzeit einfach viel zu kurz. Natürlich sind die Geschichten so ungeheuer pointiert, kurzweilig und frei von sinnlosem Ballast, gleichzeitig reicht die Zeit so kaum aus, das Seelenleben des Menschen hinter Belle auszuloten. Und so wirkt die Serie immer, als kratze sie nur an der Oberfläche und als opfere sie das eigentlich Interessante hinter der Story dem schnelleren und direkteren Kick der Darstellung verschiedener sexueller Handlungen, Obsessionen, Träume und Fantasien.
Doch zum einen ändert sich dies glücklicherweise mit zunehmender Episodenanzahl deutlich und obendrein wird "Secret Diary" niemals langweilig und ist im Rahmen seiner Möglichkeiten schnell und auf den Punkt erzählt. Dazu kommt eine gehörige Menge ziemlich trockenen Witzes, der immer dann, wenn Belle ihre Freier genauestens analysiert, sogar richtiggehend bitter und schwarz wird, ohne die Freier oder das Gewerbe abzuurteilen oder eine scheinheilige Moral aufzubauen.
Eines sollte jedoch von vornherein klar sein: "Secret Diary of a Call Girl" ist keine Dokumentation zum Thema Prostitution oder Escortservices. Dementsprechend indifferent bleibt auch die Unterscheidung zwischen Escort und Prostitution in der Serie (Nicht wenige Escorts verstehen sich selbst nämlich nicht als Huren, ein Umstand, der in "Secret Diary" niemals auch nur angerissen wird.). Auch die Aufgabe der Agentur hinter Belle wird nie richtig klar, wodurch sie auf einen besser aufgestellten Zuhälter reduziert wird. Auch Punkte wie die Sicherheitsmechanismen, mit denen die Agentur ihre Mädchen schützt, spart man aus.
Kurzum: Secret Diary will ausschließlich unterhalten, was auch sehr gut gelingt, auch wenn dies einschließt, dass vor allem einige Schattenseiten des Business ausgeblendet werden, was der Serie auch kritische Stimmen einbrachte, wirkt das Gewerbe in "Secret Diary" doch einen ganzen Zacken zu glamourös. Dagegen wirkt die Serie immer dann sehr authentisch, wenn es um den Umgang Prostituierter mit ihren Klienten geht.
Optisch kommt die Serie als interessanter Mix aus unmittelbaren, fast dokumentarisch anmutenden Aufnahmen aus Londons pulsierender Innenstadt und dem Privatleben Hannahs sowie den gelackten, auf Hochglanz getrimmten, meist stark weichgezeichneten Bildern aus den Nobelrestaurants, in denen Belle auf ihre Freier trifft, daher. Erstaunlicherweise hält sich die Serie in der Bebilderung der sexuellen Eskapaden von Belle ziemlich zurück. Ein Busen hier, ein paar nackte Popos da. So entsteht immer der Eindruck, man übe sich doch sehr in Zurückhaltung, um die Sehgewohnheiten der TV Zuschauer nicht zu sehr über den Haufen zu werfen. Schade.
Interessant an "Secret Diary" ist vor allem die Tatsache, dass sich Belle/Hannah wiederholt direkt an das Publikum wendet. Sei es in endlich einmal nicht altklugen Off Kommentaren a la "Sex and the City" oder indem sie unmittelbar mitten in der Handlung Augenkontakt mit dem Zuschauer aufnimmt und direkt zu ihm spricht, ihm seine Vorurteile um die Ohren pfeffert oder einen harten Kommentar ablässt.
Die Hauptdarsteller
Gespielt wird Hannah/Belle von einem Girl, das als Hannah über weite Strecken der Inbegriff des "Girls Next Door" ist. Sie sieht fraglos gut aus und würde man(n) ihr bei einem Stadtbummel begegnen, würde man(n) sich vermutlich auch nach ihr umdrehen. Nur kurz darauf hätte man sie aber auch schon wieder vergessen.
Ganz anders verhält sich das dann, wenn Hannah zu Belle wird. Aus dem Girl Next Door wird eine weltmännische, gebildet und humorvoll parlierende Traumfrau, die genau weiß, was sie machen muss, um aufzufallen und nicht in Vergessenheit zu geraten. Beide Seiten verkörpert Billie Piper, in ihrer Heimat vor allem ein gefeierter Popstar und in letzter Zeit häufiger als Darstellerin tätig, auf hervorragende Art und Weise und ihr absolut umwerfender Charme lässt einem ihre Figur schnell ans Herz wachsen, selbst wenn sie etwas fragwürdige Botschaften a la "Also, warum mache ich das? Zunächst mal liebe ich Sex und ich liebe Geld. Und ich bin einfach ziemlich faul!" vom Stapel lässt.
Dabei ist diese Serie fast durchgehend eine One Woman Show. Interessant ist noch die Figur des Ben, Hannahs bester Freund, mit dem sie zu Studienzeiten zusammen war, was aber nicht lange gut ging. Problematisch wird es allerdings, als Ben erneut romantische Gefühle für Hannah entwickelt, vor allem, da er inzwischen verlobt ist … Gespielt wird Ben von Iddo Goldenberg, der in kleinen Rollen in "Defiance" oder dem Actionkracher "The Tournament" zu sehen war und in der Serie ein wenig den Ruhepol und geerdeten Gegenpart zu Hannahs Geheimniskrämerei darstellt.
Als Alex stößt in Staffel II Callum Blue zum Cast der Serie und dürfte Freunden gepflegt schräger TV-Serienunterhaltung definitiv ein Begriff sein, war er doch in der leider sehr kurzlebigen Serie "Dead Like Me" als ewig frotzelnder Mason ein echtes Highlight. Auch in der frenetisch gefeierten Serie "The Tudors" gehörte er zur Stammbesetzung. Er gibt in Staffel zwei Hannahs Love Interest und späteren Freund Alex, der, wie alle anderen Charaktere, von Hannahs Doppelleben nichts ahnt.
Pointierte Geschichten, feiner Humor und eine tolle Hauptdarstellerin
"Secret Diary of a Call Girl" erinnert ein wenig an den Michael Caine Klassiker "Alfie", der unlängst mit Jude Law in der Hauptrolle neu verfilmt wurde. In beiden Filmen wendet sich die Hauptfigur Alfie im Rahmen ihrer "Eroberungen" häufiger an den Zuschauer, lässt Kommentare ab, bewertet die Situation und gewährt Einblicke in ihr Gefühlsleben. Diesen erzählerischen Ansatz borgte sich nun "Secret Diary of a Call Girl" gekonnt aus und dank der präzisen und mit erstaunlich genialem Timing agierenden Hauptdarstellerin Billie Piper funktioniert dieser "weibliche Alfie (der freilich den Eroberungsansatz auf ein ganz anderes Level hebt)" auf den Punkt.
Das Ergebnis ist zwar definitiv nicht so sexuell offenherzig, wie man es sich vermutlich von dem Stoff erwartet hat und irgendwie will der letzte zündende Funke auch nie so recht überspringen, aber eine straffe und ordentliche Regie, pointierte Geschichten, feiner Humor, ein vorurteilsfreier - wenn auch wenig tiefgehender - Einblick in das Escortgewerbe und eben Billie Piper sind definitiv einen Blick wert.
Alle Folgen der ersten zwei Staffeln können auf MyVideo im englischen Original kostenfrei angeschaut werden.
- 1. Teil: Secret Diary of a Call Girl
- 2. Teil: Ein Episodenführer zu den Staffeln I und II
- 3. Teil: Secret Diary of a Call Boy?















