11.06.2009

Princess

Ein alptraumhaftes Pornomärchen.

Das deutsche DVD Label Universum / Ufa veröffentlicht mit dem Animationsfilm Princess eine sehr provokative Herangehensweise an das Thema Porno und seine Folgen. Das Ergebnis ist eine düstere, nihilistische und garantiert nicht kindertaugliche Pervertierung des Begriffes Pornomärchen. Wir stellen euch den Film genauer vor und verlosen für besonders interessierte Leser drei Exemplare der DVD.

Mia und August in trauter Eintracht
Mia und August in trauter Eintracht

Princess

Copyright aller Bilder: Universum / Ufa
Copyright aller Bilder: Universum / Ufa

Originaltitel: Princess

Herstellungsland: Deutschland / Dänemark
Erscheinungsjahr: 2006

Regie: Anders Morgenthaler
Darsteller: Thure Lindhardt, Stine Fischer Christensen, Mira Hilli Møller Hallund, Tommy Kenter, Margrethe Koytu, Søren Lenander, Christian Tafdrup, Peter van Hoof u.a.

Freigabe: FSK 16

Laufzeit: 78 Minuten

Bild: 2,35:1 (anamorph)
Ton: Deutsch, Dänisch jeweils Dolby Digital 5.1

Extras: Kinotrailer, Trailershow

Verpackung: Amaray

Trailer

http://www.youtube.com/v/5GNzMuqq1tg?hl=de_DE&version=3

Inhalt

Missionar August
Missionar August

Christina ist tot. Sie hinterlässt Mia, ihre fünfjährige Tochter, und Tonnen von pornographischem Material. Denn Christina war ein Pornostar. Ihre Reihe "Princess" war ein Megabestseller und der Startschuss für ein großes Pornoimperium unter Führung ihres Lebensgefährten Charlie. Doch Christina kam mit ihrem Ruhm nicht zurecht, rutschte ins Drogenmilieu ab und verstarb viel zu früh.

Ihr Bruder, der 32 jährige August, kehrt wegen diesen schlechten Nachrichten von einer jahrelangen Missionarsreise zurück und ist entsetzt über die Lebensumstände der kleinen Mia. Vorerst bei einer Puffmutter untergekommen, ist Mia geistig deutlich älter, als es ihr Äußeres anzudeuten vermag und aufgrund der sie tagtäglich umgebenden Übersexualisierung ist die Kleine vollkommen abgestumpft. August nimmt sich der Kleinen an und will sie wieder in die richtige Richtung stoßen.

Selbst Christinas Grab zeugt von ihrer Tätigkeit ...
Selbst Christinas Grab zeugt von ihrer Tätigkeit ...
Christinas Tochter Mia
Christinas Tochter Mia

Doch dann muss August erfahren, dass die kleine Mia bereits das Opfer von Missbrauchsübergriffen geworden ist. Bei dem sonst so besonnenen jungen Mann brennen alle Sicherungen durch und er begibt sich auf einen Rachfeldzug sondergleichen. Sein Ziel: Das zur Rechenschaft ziehen aller Personen, die an Christinas rasantem Ableben Schuld tragen und Mia missbrauchten. Obendrein möchte er alle Pornomaterialien mit Christina zerstört wissen, einfach um Mia einen unvorbelasteten Einstieg in den Rest ihres Lebens zu ermöglichen, erstrahlt das Konterfei ihrer Mutter doch aus jedem Zeitschriftenregal, da man mit ihrem Tod noch schnell das große Geld machen will

Kritik

Mias Stoffhase Multe
Mias Stoffhase Multe

Es folgt ein rabiat brutaler Rachefeldzug, der von einer beklemmenden Szene zur nächsten laviert und den Zuschauer immer wieder mit kleinen Enthüllungen vor den Kopf stößt. Vor allem das Schicksal der kleinen Mia und ihre Art auf ihre Umwelt zu reagieren, schnürt dem Betrachter mehrfach den Hals zu und lässt ein eigenartiges Gefühl zurück. Gerade so, als würde die Kombination Porno, Kleinkind, Missbrauch nicht bereits für ein mulmiges Gefühl ausreichen, verschärft Regisseur Anders Morgenthaler die immer auswegloser werdende Situation immer weiter und lässt nur wenige Momente der Hoffnung in seinen Film einfließen.

Christina bei der Arbeit
Christina bei der Arbeit

Diese Momente wirken dann aber umso mehr und nachhaltiger, haben sie in diesem düsteren Kaleidoskop aus Sex und Gewalt doch fast schon poetische Dimensionen. Sei es der immer wieder einmal lebendig werdende Spielzeughase von Mia, die grenzenlosen Weiten des strahlend blauen Meeres, das Freiheit für die Charaktere verspricht, oder August und Mia, die inmitten eines wundervoll kitschigen Blütenhaines sitzen und ihre gemeinsame Nähe genießen

Und genau diese Stimmungsbilder beherrschen den ganzen Film. Zumeist sind sie trotz Farbtupfern ungemein düster und bedrohlich, was der sehr finsteren Grundhandlung entspricht. Dabei gerät die Figurenzeichnung ein wenig in den Hintergrund.

August lässt keinen Stein auf dem anderen ...
August lässt keinen Stein auf dem anderen ...

Man erfährt leider nur wesentliche Eckpunkte von den Lebensläufen der Hauptfiguren, bis dann die Gewaltspirale losgetreten wird und der Film nur noch aus einer Abfolge von Aktion und Reaktion aufgebaut ist, in deren Verlauf ein Schock dem nächsten folgt. So bleiben einem ausgerechnet wichtige Hauptfiguren wie August vollkommen fremd. Dass einem sein Schicksal dennoch nicht kalt lässt, zeigt nur, wie intensiv der Film in seiner Gesamtheit geraten ist.

August tickt aus ...
August tickt aus ...

Auch die gesellschaftskritischen Spitzen entgehen einem in dem wüsten Treiben nicht. Menschen werden weit über ihren Tod hinaus finanziell ausgeblutet, eine allgegenwärtige Gewaltbereitschaft durchzieht unsere Gesellschaft und auch die vollkommene Übersexualisierung der letzten Jahre ist Thema in Princess. Und auch wenn keine, beziehungsweise nur äußerst radikale Lösungen angeboten werden, verfehlt das Ganze seine Wirkung keineswegs.

Technisch präsentiert sich Princess als eine Art Collage verschiedenster Filmtechniken. Dabei werden Realbilder mit Zeichentrickbildern vermengt. In den Realbildern geht die Hochglanzfotographie Hand in Hand mit grobkörnigen, verwackelten Camcorderaufnahmen und in den Zeichentrickaufnahmen vermischen sich 3D animierte Hintergründe mit darin agierenden, handgezeichneten Figuren. Ab und an wurden für die Hintergründe auch Fotos von Hand nachkoloriert. Dabei fließen gerade die Hintergründe vor kleinen Details nur so über.

Ein Augenblick der Stille für August und Mia
Ein Augenblick der Stille für August und Mia

Die Animationen der Figuren sind eher ruckelnd / ruckartig und muten teilweise an, als habe man bewusst einige Animationsstufen weggelassen. Das Charakterdesign ist wenig detailverliebt, kantig und grob. Und so wild dieser Mix auch klingen mag, das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie und unterstreicht nur den erwachsenen Anstrich der gesamten Unternehmung. Disneytypische Perfektion und Süßlichkeit sucht man dementsprechend definitiv vergeblich.

Fazit

Voll von Sex und Gewalt ist Princess vermutlich eines der ultimativsten Antimärchen überhaupt, bei dem die Phrase "Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende" einen bitteren und tragischen Beigeschmack bekommt. Denn in Princess bewegen sich zwei Figuren vollkommen losgelöst von Recht, Moral und Ethik in einer ähnlich verkommenen Welt und bewahren sich nur durch ihre Liebe und ihre gegenseitige Unterstützung ein letztes Refugium für ihre Menschlichkeit.

August macht wahrlich keine Gefangenen
August macht wahrlich keine Gefangenen

Dem aufgeschlossenen Zuschauer bleibt ein düsterer, kompromissloser, gnadenlos konsequenter und lange nachwirkender Alptraum von einem Film, der durchaus zum Nachdenken anregt und sei es nur wegen seiner recht unreflektierten Aussage, dass Gewalt das Allheilmittel für alle Probleme darstellt. Doch eines wird jeder unumwunden zugeben müssen: Die Provokation funktioniert

Princess

Die DVD

Ein animiertes Hauptmenü mit Musikuntermalung begrüßt den Zuschauer nach Einlegen der DVD in den Player. Die Untermenüs geraten dann leider etwas schmucklos, lassen also Musikuntermalung und Animationen missen.

  • Hauptmenü
    Hauptmenü
  • Untermenü
    Untermenü
Princess

Bild

Je nach Ausgangsmaterial schwankt die Bildqualität stark. Zum Gruseln sehen die Camcorderaufnahmen aus, allerdings war das ja offensichtlich beabsichtigt. Die Hochglanzfilmaufnahmen werden dagegen ebenso fehlerfrei präsentiert wie die etwa 80 Prozent des Filmes ausmachenden Animationsszenen. Jenen fehlt eigentlich nur ein Quäntchen mehr Kontrast und ein etwas fetterer Schwarzwert.

Princess

Ton

Dem Sujet entsprechend wird in diesem Film tonal kein Feuerwerk abgebrannt. Vor allem der teils etwas hart und trocken wirkende Soundtrack wird raumfüllend aufgezogen und weiß durchweg zu gefallen. Die Dialogverständlichkeit ist optimal. Zweckdienlichkeit war hier anscheinend die Devise.

Princess

Extras

DER Pferdefuss der Veröffentlichung. Ein erklärender Audiokommentar des Regisseurs wäre genauso wünschenswert gewesen, wie ein Making Of, das den Entstehungsprozess des Filmes hätte umreißen können. All das findet man leider auf der deutschen DVD von Princess nicht. Allgemein findet man abgesehen von dem Kinotrailer zu Princess und einigen Trailern zum Backkatalog des Anbieters nichts. Schade!

Princess

Gesamteindruck

Princess ist hochgradig provokative Unterhaltung für ein erwachsenes Publikum auf einer technisch ordentlichen DVD, die mangels Extras dem Zuschauer leider die Möglichkeit zur Weiterbeschäftigung mit dem Thema verwehrt.

Princess

In diesem Sinne:
freeman

Die DVD kann unter anderem bei Amazon.de bestellt werden.

Wir danken Universum / ufa home entertainment für die Bereitstellung einer Test DVD

Gewinnspiel

Princess

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Kommentare


"Wie weit hat sich mensch wirklich geändert, seit den Tagen des alten Rom?"

@Träumer

Der Mensch an sich hat sich nur wenig verändert in seiner Geisteshaltung seit damals.
Es gibt andere Religionen, andere gesellschaftliche/kulturelle Tabus und auch die Ethik wurde mal hierhin und dorthin gedrückt - aber der Mensch an sich, mit seinen Zielen und Wünschen, sowie den Wegen wie er sie erreichen will, sind dieselben wie noch zu "Römerzeiten". Nur die Mittel haben sich der vorhandenen Technik angepasst.

Amen!
Fragwürdig!

In vielen Filmen wird genau das gemacht, was auch dieses Filmchen macht:
Problemlösung via Gewalt propagieren.
Frage:
Welches Glaubenssystem liegt diesem Film zugrunde?
Welche unaufgearbetieten Themen hat der Regieseur hier nicht privat
für sich gelöst, sondern daraus eine öffentliche Show gemacht?

Ist dieser Film als Denkanstoß geeignet?
Reicht es nicht völlig aus drei Zufallsvideos auf Porntube auszuwählen, und zu fragen was die Leute bewegt haben könnte, das zu tun, was die Kamera da aufgezeichnet hat?
Wäre es noch sinnvoller mal bei sich selbst zu schauen, wie unreflektiert oder gierig der eigene wunsch nach Abgründen ist?

Wie weit hat sich mensch wirklich geändert, seit den Tagen des alten Rom?
@ Baisemoi

guck ihn dir einfach an. es ist nicht wirklich ein animationsfilm, sondern eher einer der klassischen zeichentrick, meines erachtens.

und nein, der film ist alles andere, nur ned: süss, nett, niedlich und/oder witzig ...

Ich denke schon, dass meine Abwehr gegen Animationsfilmen genau daher kommt, wie du schon geschrieben hast, dass sie einfach "niedlich" sind oder auch weil sie typisch ausgedacht und unrealistisch sind... Du könntest recht haben, dass dieser Aspekt die Sache schon wieder ändern könnte... Wie gesagt, die Thematik interessiert mich schon. Mal schauen ob ich den ma in der Videothek finde.

LG

Vielen Dank für die Rückmeldungen der drei Gewinner und fein, dass euch der Film sowohl Pakettechnisch als auch filmisch durchaus erreicht hat!

@ Baisemoi: Da der Film sich den gängigen Animationsstandards entzieht und wenig niedlich oder kindgerecht daherkommt, kannst du den durchaus auch als Animationsfilmnetgutfinder mal antesten. Es lohnt sich ...

In diesem Sinne:
freeman

Ich habe mir die Inhaltsangabe gerade durchgelesen und ich finde, der Film hört sich ziemlich strange an. Komischerweise habe ich davor aber auch noch nie was von dem Film gehört gehabt. Die Geschichte klingt schon interessant,... aber Animationsfilme sind eben leider nicht so mein Ding... wobei ich mir den, wenn ich ihn ma in der Videothek zufällig sehen würde, glaub doch mal anschauen würde... rein Interesse-halber...
zu zockerpaar´s sicht

august hat ein wenig andere vorstellungen von der welt als padre. somit für mich irgendwo verständlich das gerade diese figur aus den wolken fällt als er das alles mitbekommt, besonders schlimm da es auch noch in der family ist. teilweise kommts mir so vor als würde er sich auch selbst dafür verantwortlich machen, wegen der leihgabe der cam und später als er nicht mehr da war für seine schwester, bzw einfach nichts mehr tun konnte.

mia wird nur am anfang ermutigt ihren peiniger zu rächen, als er verwundet am boden lag und sie eigentlich schon wieder am gehen waren, dreht sich mia im freien willen um und gibt ihm den gnadenstoss.

das ende ist für mich doch ein kleinwenig traurig, hätte es anders erwartet. sprich der überraschungseffekt war da am ende.

denoch in meinen augen ein gelungener film der wirklich viel anregt über die welt nach zu denken.
in meinen augen => empfehlenswert
Das Ende

Der Film ist an und für sich schwer verdaulich besonders wenn man selbst Mutter ist .
Man kann sich sehr gut vorstellen wie es der kleinen Mia geht...
August ist egoitisch und denkt dabei nicht an Mia´s wohl,obwohl er sehr wahrscheinlich glaubt er würde es tun.
Das Ende finde ich persönlich sehr tragisch...
aber es ist realistischer als ein Friede,Freude Eierkuchen Finish...

Haben uns nun endlich selbst ein Bild von dem Film machen können (Dankeschön nochmals! *gg* ). Der Film möchte polarisieren und provozieren, was ihm durchaus gelingt. Über den Film wurde hier schon einiges geschrieben, daher möchte ich mich auf die Figur des August beschränken.

Wie erwartet, handelt es sich hier um eine Art Selbstjustizthriller, eine Filmsparte welche aufgrund der Thematik leicht angreifbar ist und sich, bei wenig Fingerspitzengefühl, manchmal Doppelmoral unterstellen lassen muss.
Auch Princess ist hiervon nicht gefeit, was an der Figurenzeichnung von August liegen mag. Denn wo in anderen Filmen wie z.B. Ein Mann sieht Rot, Death Sentence oder den Verfilmungen der berühmten Marvel-Comicreihe The Punisher, die Protagonisten auf Gewalt mit Gegengewalt reagieren und ihre Gegner Mörder, Drogendealer und Mafiosi sind und damit klar etwas „Böses“ haben, ist das hier nicht der Fall.

August geht gegen einen Industriezweig vor der vollkommen legal sein Geschäft betreibt und sich kaum weniger schämen muss Menschen auszubeuten, wie es die Musik- oder die Filmindustrie ebenfalls tut. So handelt August nicht als jemand dem unrecht widerfahren ist, sondern zieht seine Motivation für seinen Rachefeldzug einzig und allein aus seinen eigenen Moral- und Wertevorstellungen was ihn von den üblichen „Antihelden“ abrückt. Eine Intention, die sich somit auch die Macher unterstellen lassen müssen.

Aber August geht noch weiter und bezieht die kleine Mia in seinen blutigen Kreuzzug mit einer Selbstverständlichkeit ein, die einen erschaudern lässt. So motiviert er sie, im Angesicht ihres um Gnade winselnden ehemaligen Peinigers, gnadenlos Rache zu nehmen. So abgebrüht die kleine Mia durch ihre mangelnde Erziehung mit dem Thema Sex umgeht, so abgebrüht nutzt August Gewalt während ihn seine Wut blind macht für die eigene Mitverantwortung zum Werdegang seiner Schwester und somit auch Mia, welche er, anstatt zu beschützen, nur von einem Extrem ins nächste treibt. Doch der Film lässt diesen Umstand nicht ungestraft und zieht auch hierfür die Konsequenzen.

Hier wird sich Princess trotzdem kritisch betrachten lassen müssen, solange man sich nicht zu sehr darauf beschränkt Augusts Schwarz/Weiß-Sicht zu übernehmen. Ein diskussionswürdiger, wenn auch schwer verdaulicher Film der auch nach dem Abspann zum nachdenken anregt … und das konnten in letzter Zeit nur sehr wenige Filme von sich behaupten.

Grüße
Jimbo & Ophi

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Princess
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