Pornografie, die indirekt den Holocaust aufarbeitet und von jüdischen Autoren für ein jüdisches Publikum geschaffen wurde – dieses bizarre Phänomen der israelischen Popkultur beschreibt "Pornografie & Holocaust". Die wirklich faszinierende Dokumentation, die sich dem alles andere als einfachen Thema nüchtern und sachlich annähert und dennoch ungemein spannend ausgefallen ist, läuft seit Jahresanfang in verschiedenen Kinos Deutschlands. Ab Freitag, den 18. Februar 2011, wird sie bis einschließlich 1. März 2011 immer um 21:00 Uhr im Filmhaus Saarbrücken präsentiert. Auch das Berliner Kino Moviemento zeigt den Film aktuell.
Die Dokumentation: "Pornografie und Holocaust"
Originaltitel: Stalags
Herstellungsland: Israel
Erscheinungsjahr: 2008
Regie: Ari Libsker
Interviewpartner:
Eyal Liani,
Ami Maoz,
Dan Newman,
Ronit Yedaya,
Oded Yedaya,
Eli Eshed,
Nitsa Ben-Ari,
Jonathan Ben-Nachum,
Uri Aloni,
Eli Keidar,
Ezra Narkis,
Miryam Uriel u.a.
Länge: 63 Minuten
Im Original mit deutschen Untertiteln!
Der Trailer zu Pornografie und Holocaust
Die geschichtliche Situation
Karl Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und Leiter des Eichmannreferats des Reichssicherheitshauptamtes, das für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständig war, war zentral mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen. Nach dem Krieg entzog er sich der Gerichtsbarkeit. Im Jahr 1960 wurde er von israelischen Agenten in Argentinien entführt, nach Israel verbracht und dort für seine Verbrechen vor Gericht gestellt.
Der Eichmannprozess beginnt 1961 und sorgt in Israel für ein Umdenken. Bis zu diesem Prozess wurden in dem Land die Stimmen des Holocausts nämlich nicht gehört. Man machte sich gar keine Vorstellungen, was den Überlebenden der Konzentrationslager und Millionen Toten alles zugestoßen sein könnte. Der Prozess ändert das und ist gleichzeitig der Nährboden für gleichzeitig aufkommende pornografische Taschenbücher, die zu einem Massenphänomen werden und auf ihre Weise die Erkenntnisse des Prozesses verarbeiten.
Die "Stalag" Taschenbücher
Der Begriff Stalag steht für Stammlager und bezeichnet Lager zur Unterbringung Kriegsgefangener des Zweiten Weltkriegs. Diese Stalags sind die Hauptschauplätze der "Stalag" Hefte, die storytechnisch immer nach dem gleichen Exploitation-Prinzip funktionierten:
Ein Amerikaner oder Brite (bevorzugt von Fallschirmspringereinheiten), wird kurz nach seiner Ankunft im von Deutschland okkupierten Gebiet gefangen genommen und in ein Stammlager verfrachtet. Hier sind fast ausschließlich deutsche SS-Frauen die Befehlshaber und vergewaltigen und foltern die Männer. Diese schlagen gegen Ende der Geschichte umso härter zurück und vergewaltigen und töten ihre Peiniger.
Die auf den Heften geführten Autoren trugen immer amerikanische Namen, was den Authentizitätscharakter erhöhen sollte. Man versuchte den Lesern nämlich vorzugaukeln, es handele sich hier um Erlebnisberichte von tatsächlich in Stammlagern Inhaftierten. Die eigentlichen Autoren, allesamt Israelis, wurden "nur" als Übersetzer geführt. Diese arbeiteten mit allen Tricks und nutzen eine gestelzte, künstlerische Sprache und englische Satzstrukturen, um vorzutäuschen, die fiktionalen Geschichten seien wirklich Übersetzungen aus dem Englischen.
Entwicklung der "Stalag" Hefte
"Stalag 13" war das erste "Stalag" Heft überhaupt und ein gigantischer Verkaufserfolg. Die Grundidee lieferte das Heftcover einer Exploitationgeschichte aus den USA, das zwei SS Frauen zeigte, die einen Amerikaner drangsalierten. Den inhaltlichen Aufbau dieses Heftchen adaptierten die Israelis um Eli Keidar, der heute als Begründer des Genres gilt, zum oben dargestellten Handlungsgrundgerüst.
Ezra Narkis fungierte als Herausgeber und ließ alsbald weitere Heftchen folgen. Eli Keidar verarbeitete in den weiteren Heften Bilder und Geschichten aus dem Umfeld des Eichmann Prozesses.
Die "Stalag" Hefte wurden zu einem wahren Massenphänomen. Bald erschienen jeden Tag neue Hefte, die sich gegenseitig in ihren sadistischen und sexuellen Ausführungen überboten. Derweil druckten israelische Zeitungen direkt neben den Eichmannprozessprotokollen Werbung für die Stalag Hefte.
Irgendwann entstand ein neues Subgenre: "Die Israelis rächen sich an Deutschen". In diesen Heften jagen jüdische Agenten Nazis und haben Sex mit arischen Frauen. Dies stieß auf viel Widerstand, denn moralisch gefestigte Juden durften nach damaliger Sicht einfach keinen Sex mit den Nazis haben. Erste Hefte wurden demzufolge verboten und ganze Auflagen komplett eingestampft.
Die daraus resultierenden Diskussionen um die Zensur einzelner "Stalag" Taschenbücher wurden von den Israelis mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgt, wie die Eichmann Prozesse. Und obwohl sich die Aufmerksamkeit kaum noch steigern konnte, war der "Stalag" Boom auf einmal wieder vorbei. Es brauchte Aufreger wie die Zensurdiskussion, um überhaupt noch Hefte verkaufen zu können. Der Markt war übersättigt und viele Verleger zogen sich zurück.
Mit der Hinrichtung Eichmanns im Jahre 1962 waren dann auch die "Stalag" Hefte Geschichte … sie hatten als "Informationsquelle" ausgedient.
Der Film zum "Stalag" Phänomen
Diese wirklich hochinteressanten Fakten lässt Regisseur Ari Libsker in seiner Dokumentation weitgehend frei von Wertungen auf den Zuschauer niedergehen. Er betrachtet die "Stalag" Hefte als eine Art Kulturphänomen, das seine Daseinsberechtigung hat, und lässt Zeitzeugen, Journalisten und Sammler der Hefte zu Wort kommen.
Vor allem die Sammler berichten, dass sie sich sogar noch heute von den Heftchen erregt fühlen, während die Journalisten die Bedeutung der Hefte als wichtigste Pornografie der puristisch-konservativen Israelis der 60er Jahre rundweg anerkennen. Nur beim Thema der Zensur lässt der Regisseur verschiedene Standpunkte aufeinanderprallen, ebenfalls ohne selbst Stellung zu beziehen.
Doch nach diesem Einstieg dreht sich "Pornografie und Holocaust" und der Regisseur beginnt ganz klar Position zu beziehen. Denn in der zweiten Hälfte zeigt Ari Libsker auf, was die Hefte in Bezug auf die Wahrnehmung des Holocausts angerichtet haben und jetzt wird es eigentlich erst richtig interessant.
Denn man muss wissen, dass der Holocaust bis zu dem Eichmannprozess als Thema in Israel weitgehend ausgeblendet wurde. In den 50ern kamen viele überlebende Juden aus Europa nach Israel, doch ihren Berichten wurde schlicht und ergreifend nicht geglaubt. Man fragte sogar offen, was die Überlebenden gemacht haben, dass sie diese "so schlimme" Zeit überleben konnten, und implizierte damit vor allem verräterische und sexuelle Motive. Doch die Eichmann Prozesse änderten das ... teilweise …
K. Zetnik (ein Künstlername, abgeleitet von KZ), einer der Aussagenden im Eichmann Fall, war jahrelang in Auschwitz inhaftiert und schrieb schon in den 50ern über seine Erlebnisse - laut dem hier besprochenen Film in beinahe dem gleichen Stil wie die ersten "Stalag" Hefte zehn Jahre später. Denn statt sachlich und nüchtern wiederzugeben, was er erlebte, beschreibt er Gedanken und Gefühle und macht Akte wie Vergewaltigungen zu beinahe pornografischen Szenen, indem er sie über Gebühr ausschmückt.
K.Zetnik war damit der erste Israeli, der offen über den Holocaust schrieb, doch er rückte die Berichterstattung sogleich in eine sehr bedenkliche Richtung. Interviewte in der Dokumentation unterstellen ihm gar indirekt, dass er am Stockholm Syndrom leide und sich mit seinen Folterern identifiziere.
Mit den "Stalag" Heften, die den Eichmannprozess begleiteten, verschärfte sich die Situation noch. Die Menschen begannen laut den Erkenntnissen von Regisseur Ari Libsker immer mehr Realität und fiktionale Lagergeschichten zu vermengen. Viele reduzierten die Gräueltaten der Nazis auf erzwungenen Sex mit Jüdinnen. Man ging demnach noch mehr als vorher davon aus, dass Überlebende sexuelle Gefälligkeiten anboten, um ihr Leben zu retten. Vor allem jüdische Frauen aus Europa waren in der Folge in Israel förmlich stigmatisiert, obwohl man diverse "Phänomene" der Stalaggeschichten wie jüdische Bordelle in Lagern oder den Begriff der "Feldhure" wissenschaftlich schnell widerlegt hatte ...
Das Erstaunlichste für den Regisseur des Filmes: Während die "Stalag" Hefte zwei Jahre nach der ersten Ausgabe ein endgültiges Ende fanden, gehören K.Zetniks Bücher heute zum Abiturstoff in Israel und er gilt noch immer als zentraler Autor des Holocausts. So lautet Ari Libskers nüchternes Fazit, dass die Erinnerungen an den Holocaust in der jüdischen Gemeinschaft über eine eigenwillige Mischung aus Grauen, Sadismus und Pornografie wach gehalten werden.
Spannende Lehrstunde: "Pornografie und Holocaust"
Die große Stärke der Dokumentation ist neben dem hochinteressanten Thema ihre interessante Struktur. Die erste Hälfte bietet einen extrem faszinierenden Einstieg in ein bizarres Subgenre israelischer Literatur, das auf unerwartete Weise das Unaussprechliche mit vornehmlich sexuellen Motiven kreuzt, um einem dankbaren Publikum Masturbationsvorlagen zu liefern. In nüchternen Schwarz-Weiß Bildern und über unaufgeregte, hochinteressante und präzise Interviews zeichnet Regisseur Ari Libsker die Geschichte der "Stalag" Hefte und deren Boom in den frühen 60er Jahren nach. Fast unkommentiert lässt er in diesem Abschnitt vor allem Befürworter der Hefte zu Wort kommen.
Und genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich der Zuschauer zu fragen beginnt, ob man sich mit dem Thema nicht kritischer auseinandersetzen müsste, gelingt Libsker eine radikale Kehrtwende, die die Position des Regisseurs zu den Heften und deren verzerrende Wirkung auf die Wahrnehmung des Holocausts eindeutig herausstreicht. Hier präsentiert er zwar vor allem seine subjektive Sicht der Dinge, doch genau derartige Elemente sind es ja auch, die eine weitere Beschäftigung mit dem Thema interessant machen (auch wenn das aufgrund der Datenlage in Deutschland schwierig werden dürfte).
Dabei ändert der Regisseur seinen reduzierten filmischen Ansatz nicht. Weiterhin dominieren Zeitzeugeninterviews, Dokumaterial von den Eichmannprozessen, Fotos und Bewegtbilder der Interviewten in nüchternem Schwarz-Weiß. Ein deutlicher und notwendiger Kontrast zu dem etwas schreienden deutschen Titel der Dokumentation, der einen beim Lesen wortwörtlich zusammenzucken lässt.
Doch letztlich geht es in "Pornografie und Holocaust" eben wirklich um Pornografie und den Holocaust, bzw. wie das eine durchaus die Wahrnehmung des anderen in dem Bewusstsein eines Volkes prägte. Ein spannendes Thema, hochinteressant umgesetzt und von Anfang bis Ende einfach eine faszinierende filmische Lehrstunde.
Diese endet mit einem Besuch einer jüdischen Schülergruppe in Auschwitz. Die Lehrerin der Gruppe liest den Schülern aus einem Buch von K.Zetnik vor. In dem Ausschnitt, den sie wählt, geht es um Feldhuren …
In diesem Sinne:
freeman











