08.10.2010

Oswalt Kolle & die Wunder der Liebe

Die Skandalfilme einer unaufgeklärten Generation

Oswalt Kolles "Wunder der Liebe I und II" sind Aufklärungsfilme aus den 60iger Jahren und damit aus einer Zeit, in der der Begriff der sexuellen Revolution noch genauso wenig relevant war, wie der der Flower Power Bewegung und deren Forderung nach freier Liebe. Mehr oder weniger wurden beide Begrifflichkeiten ja erst durch die hier vorgestellten medialen Vorstöße ins Reich der Sexualität angeschoben.

Aber braucht man heute noch diese veralteten Filme? Klar! Warum? Weil sie ein hochunterhaltsames Zeugnis ihrer Zeit sind. Wir stellen euch den Mann hinter den Filmen und die Werke "Das Wunder der Liebe I – Sexualität in der Ehe" und "Das Wunder der Liebe II – Sexuelle Partnerschaft" vor.

Oswalt Kolle, die treibende Kraft hinter den Filmen

Der Kopf hinter den im Folgenden vorgestellten Filmen war Oswalt Kolle, der am 2. Oktober 1928 in Kiel als Sohn des Psychiaters Kurt Kolle geboren wurde. Er absolvierte gegen den Wunsch seines Vaters eine Ausbildung in der Landwirtschaft, fand aber über diesen Umweg schnell zum Journalismus, so als Volontär bei der "Frankfurter Neuen Presse" und später als stellvertretender Chefredakteur der "Star Revue".

Oswalt Kolle beim Fotoshooting für die Pro7 Reihe Sexreport 2008 © ProSieben
Oswalt Kolle beim Fotoshooting für die Pro7 Reihe Sexreport 2008 © ProSieben

In den 60er und 70er Jahren schlug seine Stunde als "Aufklärer der Nation". Zahlreiche Artikel und Bücher über die Sexualität und Aufklärung zeugen von seinem Streben, die Sexualität zu enttabuisieren. "Dein Kind, das unbekannte Wesen" war Kolles erstes erfolgreiches Buch. Ab 1968 fungierte er als Produzent verschiedener Aufklärungsfilme, die ihm viel Kritik einbrachten, da er gegen die damalige Moral verstieß und extrem polarisierte.

Diese Tabubrüche lockten gleichzeitig Millionen in die Kinos und machten Kolle über die Grenzen Deutschlands hinweg berühmt. Erstaunlicherweise redet über die Regisseure und Darsteller "seiner" Filme niemand. Mit "Liebesschule" kreierte er sogar eine Fernsehserie zum Thema.

Der offen bisexuelle Kolle lebte ab 1969 in Amsterdam. Seine Frau Marlies, die er 1953 ehelichte und die ihm drei Kinder gebar, verstarb im Jahr 2000. Zuletzt lebte er mit der Niederländerin Jose del Ferro zusammen und war als Publizist tätig. 2008 fungierte er als Schirmherr für die Pro7 Reihe: Sexreport 2008 - So lieben die Deutschen und feierte seinen 80. Geburtstag mit der Veröffentlichung seiner Autobiographie "Ich bin so frei".

Seit Freitag, dem 1. Oktober 2010 ist es nun leider gewiss, dass Herr Kolle bereits am 24. September 2010, kurz vor seinem 82igsten Geburtstag, in Amsterdam verstorben ist. Unsere Kollegen von der PO interviewten Herr Kolle anlässlich seines Engagements für den Sexreport 2008

Interview mit Oswalt Kolle

Wie wurde in Ihrem Elternhaus mit Sexualität umgegangen?

Oswalt Kolle: Mein Vater war Psychiater und er sagte oft: "Wir Psychiater müssen die Neurosen behandeln, die eine sexuell verkrüppelte Gesellschaft hervorgebracht hat." Deswegen hat er meinen Bruder und mich außerordentlich tolerant und offen erzogen.

 

Wer hat Sie aufgeklärt?

Oswalt Kolle: Ein Freund meines Vaters, Prof. Schulz. Der Mann übrigens, der das autogene Training erfunden hat. Er hat uns klar gesagt, was Sache ist. Mein Vater war zu der Zeit im Krieg.

 

Was war die Einstellung zur Sexualität, als Sie anfingen, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?

Oswalt Kolle: Ende der 50er-Jahre lebten die meisten Menschen eine fantasielose, erdrückende Sexualität. Alles, was von der Missionarsstellung abwich, galt als pervers. Unverheiratete durften nicht gemeinsam in einem Zimmer übernachten und Kondome nur an Ehepaare verkauft werden. Frauen hatten Angst, dem Mann ihre sexuelle Lust zu zeigen. Die gängige Meinung war damals: Frauen hatten keine Lust! Frauen haben das ertragen. Männer hatten Lust.

 

Was war ihre erste Veröffentlichung zum Thema Sexualität?

Oswalt Kolle: 1957 habe ich eine Serie in der Berliner B.Z. geschrieben. Es ging um ein junges Paar, das sich fragt: "Sollen wir miteinander schlafen und wenn ja, wie verhindern wir, dass ein ungewolltes Kind entsteht?" Das war ein Thema, was mich als jungen Mann natürlich auch beschäftigt hat. Es gab einen Skandal innerhalb des Hauses Ullstein. Der alte Herr Ullstein hat die Geschichte als Schweinerei bezeichnet.

 

Was hat sie dazu gebracht, trotzdem weiterzumachen?

Oswalt Kolle: Die Reaktion der Leser. Auf eine Serie über den Mann, die ich in der XY veröffentlicht habe, bekam ich knapp 40.000 Briefe, vor allem aber von Frauen, die ihren Frust über ihr unerfülltes Sexualleben ausgedrückt haben. Die meisten Männer wussten nicht, wie man einer Frau im Bett Lust bereitet. Kein Wunder, denn die wenigsten Frauen kannten ihren eigenen Körper gut genug, um den Männer das erzählen zu können. Da wusste ich: das muss sich ändern – um jeden Preis.

 

Wie kamen Sie dazu, Ihre heute legendären Aufklärungs-Filme zu machen?

Oswalt Kolle: Ich habe festegestellt, dass meine Artikel über Sexualität hauptsächlich von Frauen gelesen werden. Da dachte ich mir: Mach' Filme. In Filme gehen Frauen und Männer eher zusammen.

 

Sind Sie der Meinung, dass mit der sexuellen Befreiung der Frau auch die Sexualität des Mannes an Qualität gewonnen hat?

Oswalt Kolle: Mit einer Frau zu schlafen, die offensichtlich Spaß daran hat, ist natürlich auch für den Mann befriedigender, als mit einer Partnerin im Bett zu sein, die den Akt nur erduldet. Ich bin mir sicher, dass Sex mit einer selbstbewussten und lustvollen Frau die allermeisten Männer viel mehr antörnt.

 

Wie sehen Sie die sexuelle Entwicklung der letzten 40 Jahre? Was hat sich verändert?

Oswalt Kolle: Wir reden offener, wir sind toleranter. Das Miteinander zwischen Männern und Frauen klappt besser, als ich es mir je vorgestellt hätte.

 

Welchen Einfluss haben moderne Medien wie Fernsehen und Internet Ihrer Meinung nach auf unsere Sexualität?

Oswalt Kolle: Es wird viel Unsinn über Sexualität erzählt und über die modernen Medien verbreitet sich dieser Unsinn schneller als es vor 40 Jahren der Fall gewesen wäre. Aber zum Glück verbreiten sich die guten, informativen Beiträge zu diesem Thema genauso schnell - und das ist ein durchaus positiver Effekt. Jeder kann ja selbst entscheiden, was er sich in Fernsehen und Internet ansieht.

 

Ihre Prognose: Wie wird unser Sex in 20 Jahren aussehen?

Oswalt Kolle: Ich hoffe noch schöner, noch lebendiger, noch fantasievoller als heute.

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Kommentare

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