![]() | 14. April 2007 Entschuldigung das Mindestmaß Wie einige von euch wissen, hatte ich einen mehrfach schwerstbehinderten Bruder, dessen fünfzigster Geburtstag und gleichzeitig zwanzigster Todestag der 10. Juli 2007 sein wird. Seine Behinderungen unter anderem: er wurde mit offenem Rücken geboren beide Beine und sein rechter Arm waren verkrüppelt ein halbes Ohr musste ihm angenäht werden sein Intelligenzquozient sehr sehr niedrig ein Hydrocephalus (deutsch: Wasserkopf) Seine ursprüngliche Lebenserwartung = drei bis vier Jahre Alle die ihn kannten haben ihn geliebt. Er war in der Lage, ein Lied nach erstmaligem Hören auf seiner Orgel zu spielen. Aber das nur am Rande erwähnt. Ihm habe ich ja bereits im vergangenen Jahr, noch unter meinem Nick Prinz_Valium, einen Thread gewidmet. Die Tatsache, dass ich von jeher in einer besonderen Beziehung zu behinderten Mitmenschen stehe, bedingt also einen anderen Blickwinkel als es wohl den meisten möglich ist. Die Öffentlichkeitsarbeit der >Aktion Mensch< und vielen weiteren Behindertenverbänden- und organisationen in unserem Land hat zum Glück bereits viele Früchte getragen. Ein großer Teil der Bevölkerung betrachtet die gehandicapten Bürger mittlerweile als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft. Es wird erfolgreich daran gearbeitet, die Integration zu ermöglichen, zu verbessern und zu optimieren. Bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg, aber wir befinden uns in Deutschland auf dem richtigen. Was mich schon immer wahnsinnig störte war und ist der unüberlegte, teilweise beleidigende sprachliche Gebrauch gewisser Merkmale und Bezeichnungen. Auch hier macht der Ton die Musik. Gehe ich gedankenverloren durch die Fußgängerzone stumm und stumpf an einem guten Bekanten vorbei, ist es absolut in Ordnung, wenn er mir: "Ey! Du Blindfisch!", "Blinde Nuss!" oder ähnliches an den Kopf wirft, weil ich erstens genau weiss wer es sagt und zweitens er damit ja auch Recht hat. In einem Thread habe ich mich vor einiger Zeit auch schon darüber ausgelassen, dass ich es für korrekt und auch für wichtig halte, Witze über Behinderte zu machen, da es sonst nur eine andere Form der Ausgrenzung wäre. Wie oft habe ich anderen Kindern, die abfällige und verletzende Äußerungen im Bezug auf die damals noch "Sorgenkinder" genannten machten, zunächst verbal, bei anhaltendem Verhalten dann mit meiner Hand eins auf die Nase gehauen! Und es war mir egal wenn sie stärker waren. Danach fühlte ich mich, auch mit 'blauem Auge', wesentlich besser. Heute argumentiere ich natürlich ausschließlich mit Worten. Oft genug bekam ich die Antwort:"Ach! Das wusste ich ja gar nicht dass du einen behinderten Bruder hast!" Tolle Antwort! In den 70er Jahren war es bei den Kindern und Jugendlichen in unserer Stadt im Trend, andere mit dem Begriff "Mongo-Spastie", also einer Kombination aus dem 'Daun-Syndrom' und der Spastik, zu titulieren. Habe ich das gehasst! Es dauerte eine Zeit, bis man es sich (in meiner Gegenwart) verkniff. Höre, lese, sehe ich in heutiger Zeit, auch wenn es vielleicht oder gerade weil es unbedacht war, Entgleisungen gegenüber Behinderten, fahre ich noch mindestens so aus meiner Haut wie vor dreißig Jahren. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich das Vergnügen, als ich mit einem Freund in einer Spielhalle Billard spielte. Vor einem Geldspielgerät saß ein Gehörloser, der halt gelegentlich für normale Menschen unverständliche Laute von sich gab. Zwei Herren nahmen dies zum Anlass, sich auf´s Heftigste darüber lustig zu machen. JA! Ich habe den beiden gedroht! Aber nicht mit der Faust und ebenfalls nicht mit dem Queue! Danach waren sie aber sowas von ruhig, obwohl sie mir körperlich weit überlegen waren. Von einem halbwegs intelligenten, gebildeten und mit Lebenserfahrung ausgestatteten Menschen erwarte ich ein Auftreten, das solche Entgleisungen nicht zulässt. ZU VIEL erwartet? Und wenn ihm doch einmal etwas rausrutscht, sollte er sich unverzüglich entschuldigen. Das heisst, wird ihm der Fehler bewusst oder wurde er darauf aufmerksam gemacht, sollte er nicht tagelang nach einer Entschuldigung, oder schlimmer noch, nach einer Ausrede suchen. Häufig genug reichen schon kleine Gesten, merklich von Herzen kommend, die andere erfreuen. Was nutzt es jemandem, der beleidigt wurde, wenn ihm lange Erklärungen für eventuelles Fehlverhalten in die Ohren oder vor´s Auge kommen? Wohl sehr wenig. Ein Motto des JOYclubs lautet: "Seid nett zueinander!" Ein schönes Motto! Doch wie im "wahren" Leben ist dieses nur bedingt möglich. Aus manchen Dingen ergeben sich zwangsläufig Reaktionen, die nicht mehr als 'nett' zu bezeichnen sind. Aber alles in allem sollten sie den korrekten Ton treffen. Dieses Thema lag mir schon lange am Herzen, da ich meine Ohren und Augen diesbezüglich nicht verschließen kann und will! Etwaige aktuelle Geschehnisse dienten lediglich als Katalysator... Prinz_Diazepam Links nur für Mitglieder Wikipedia Phil Hubbe (* 1966 in Haldensleben) ist ein deutscher Cartoonzeichner. Der Magdeburger arbeitete nach einem abgebrochenen Mathematikstudium als Schichtarbeiter in einem Keramikwerk und als Wirtschaftskaufmann. 1985 erkrankte er an Multipler Sklerose; die richtige Diagnose wurde aber erst drei Jahre später gestellt. Seit 1992 hat er das Zeichnen zu seinem Hauptberuf gemacht und befasst sich dabei oft humorvoll mit dem Thema Behinderung. Mit seinen Zeichnungen war er ab 2001 an diversen Ausstellungen beteiligt; 2002 kam er beim Deutschen Preis für die politische Karikatur auf den dritten Platz. Er arbeitet für über 20 Tageszeitungen, Zeitschriften etc., ferner gestaltete er Postkarten und 2005 den Handicap-Kalender und hat bereits einen eigenen Cartoonband herausgebracht. Phil Hubbe ist verheiratet und hat eine Tochter. |
![]() | 16. April 2007 Zivilcourage JA! Ich habe den beiden gedroht! Aber nicht mit der Faust und ebenfalls nicht mit dem Queue! Danach waren sie aber sowas von ruhig, obwohl sie mir körperlich weit überlegen waren. So etwas nenne ich Zivilcourage. Welche Motivation dahinter steht, spielt letztlich wohl keine Rolle! Zu wünschen wäre doch, in anderen Bereichen unserer Gesellschaft ein ähnliches Verhalten verbreitet vorzufinden. Angesichts eines Baseballschlägers allerdings hielte ich mich auch verbal zurück! Danke für den Link @Prinz! Habe ich gelacht! Caro |
![]() | 16. April 2007 mutig sein manchmal wundere ich mich, wie ich in aussichtslosen situationen aufgetreten bin. es ist in der regel ganz spontan. ernsthafte auseinandersetzungen, wo man menschen mit einem handicap mitspielen wollte, habe ich zum glück nicht miterlebt. bei einer glatzengang würde ich mich auch diskret im hintergrund halten, das bringt nichts. in meiner straße gibt es aber ein heim für geistig "behinderte" menschen, die auch häufig im öffentlichen park zu sehen sind. es ist erstaunlich, wie sich sofort das schlechte gewissen einstellen, wenn man jemanden energisch anspricht, der einen witz über diese menschen gemacht hat. den hubbe kenne ich. als gesunder mensch bleibt einem manchmal der lacher im hals stecken. respekt, wie er mit diesem thema und seiner aussichtslosen krankheit umgeht. lg pierce |
![]() | 17. April 2007 wenn man jemanden energisch anspricht, der einen witz über diese menschen gemacht hat Da muss man, so zumindest meine Meinung und auch die vieler anderer, feinfühlig differenzieren. Ein Witz hört dann auf ein Witz zu sein, wenn er die Betroffenen auf das Tiefste kränkt, beleidigt oder deren Würde missachtet. Solange nur Alltäglichkeiten karikiert und parodiert werden, wie eben Phil Hubbe dieses macht, ist es okay. Bei pierce handelt es sich, wenn ich das richtig verstanden habe, aber um die konkrete Situation, dass die Behinderten in der Nachbarschaft ins Lächerliche gezogen. Schwierig wird es, trifft man als erwachsener, 'gesunder' Mensch auf eine Gruppe Jugendlicher, die ihre 'Späße' machen. In der Gruppe sind sie ja stark. Kritik verschwindet im Nichts, fehlt jeglicher Nährboden wie es scheint. Gibt man der Clique gegenüber doch ungerne Fehler zu, gibt sich besonders COOL, ist ja so stark. Häufig genug werden die Kritiker anschließend auch noch angepöbelt Zum Glück ändern sich die Ansichten häufig im Laufe der Jahre. [Bei den 'Glatzen' vergeht da meistens etwas mehr Zeit, falls überhaupt irgendwann Einsicht erfolgt.] |
![]() | 17. April 2007 Man sollte allerdings bei allen Dingen auch etwas genauer differenzieren. Sagt eine Person nun etwas Abwertendes, etwas Verletzendes nur beiläufig oder steckt eine bewusst durchdachte Aussage dahinter. Ist es nämlich nur eine beiläufig ausgesprochene Sache, dann bedarf es einer anderen Vorgehensweise beim Wachrütteln als wenn die Person mit voller Absicht Beleidigungen ausspricht. Besonders bei Kindern ist das so eine Sache. Kinder haben oftmals eine völlig andere Vorgehensweise wie Erwachsene und ein etwas anderes Verständnis von gewissen Dingen. Al |
![]() | 17. April 2007 Kinder haben ja den Vor- wie Nachteil, dass sie 'formbarer' sind. Wenn man ihnen ruhig erklärt, was an ihrem Verhalten nicht o.k. ist, sind sie häufig in der Lage, ihren Fehler zu erkennen und ihr Verhalten dementsprechend zu ändern. Was erwachsene Menschen betrifft, so zitiere ich mich mal selbst Von einem halbwegs intelligenten, gebildeten und mit Lebenserfahrung ausgestatteten Menschen erwarte ich ein Auftreten, das solche Entgleisungen nicht zulässt. [...] Und wenn ihm doch einmal etwas rausrutscht, sollte er sich unverzüglich entschuldigen. Das heisst, wird ihm der Fehler bewusst oder wurde er darauf aufmerksam gemacht, sollte er nicht tagelang nach einer Entschuldigung, oder schlimmer noch, nach einer Ausrede suchen. |
![]() | 17. April 2007 Kennen das Problem leider auch das Behinderte, manchmal wie der letzte Dreck behandelt werden oder anderen auf den geist gehen, die ihre Ruhe haben wollen. Bestes Beispiel war, eine mietpartei ist bei uns mit in das Haus gezogen, die wußten, dass mein sohn behindert ist und werder laut noch leise unterscheiden kann, da hat er über ein paar tage die tür geschmissen und schon hatte ich ne abmahnung zu meinem mietvertrag in dem briefkasten |
![]() | 18. April 2007 und schon hatte ich ne abmahnung zu meinem mietvertrag in dem briefkasten DAS darf doch wohl nicht wahr sein! Ich habe schon davon gelesen,dass den Kindern wegen Lärmbelästigung das Spielen an der frischen Luft im Kindergarten oder das Jubeln auf dem Fußballplatz verboten wurde. Dieser Abmahnung sollte man schon prinzipiell mit rechtlichen Schritten begegnen. Denn die Alternativen wären doch, dass Kind 7 Tage/Woche in ein Heim zu stecken, sich ein einsames Haus weit außerhalb jeglicher Zivilisation zu suchen, oder das Kind zu Knebeln. In meiner Stadt gibt es einmal pro Woche die Möglichkeit, die offene Sprechstunde des Mieterschutzbundes auch als Nichtmitglied zu besuchen. Schau doch mal im Internet, ob das bei euch auch möglich ist. |
