BDSM=Kompensation?

12. Oktober 2006
BDSM=Kompensation?

In einer anderen Community wurde anlässlich der Ausstrahlung des Films "Secretary" (da soll nochmal einer sagen, der Dativ wäre dem Genitiv sein Tod *gg*) diskutiert, inwieweit BDSM Kompensation sein kann/ist. Dabei sind mir einige Gedanken durch den Kopf gegangen, die ich gerne mit euch diskutieren würde.

BDSM hat viel mit Wahrnehmung und Wahrnehmungsfähigkeit zu tun. Kann es Menschen, die Probleme mit eben dieser Fähigkeit haben (und sich z.B. bewusst selbst verletzen), helfen, Dinge wahrzunehmen, zu fühlen, zu verarbeiten? Ist dies schlimm, unrealistisch, gut, naiv, möglich?

Bei Menschen, die erstmal keine Probleme mit der körperlichen und psychischen Wahrnehmung haben, ist BDSM Kompensation?
Kompensiert man in unserer Zeit nicht immer? Ist Extremsport, Karriere"geilheit", eine immer-höher-immer-weiter-immer-schneller-Mentalität nicht immer Kompensation? Geht es da auch um eine andere Wahrnehmung oder den Versuch, wieder wahrnehmungsfähig zu werden?

BDSM spricht alle Sinne an, sowohl körperlich als auch psychisch und lässt uns unseren Körper und unsere Gefühle unglaublich intensiv spüren, doch wird damit etwas kompensiert, was an anderer Stelle fehlt? Ist Kompensation negativ, positiv, neutral bzw. überhaupt existent?

Bin gespannt auf eure Antworten.

...eine heute etwas nachdenkliche sonne...
12. Oktober 2006
Ich hab's neulich so erklärt:

(Er war ein BDSM-Unerfahrener, er hatte Neugier, aber keine eigenen Ambitionen.)

Es ist die Konzentration. Die Konzentration aufs devote Fühlen, die Konzentration auf die Züchtigung, die Konzentration auf die eigene Rolle im Rollenspiel.

Hundert Prozent Konzentration.

Nichts anderes dringt mehr ins Hirn vor. GEIL.
13. Oktober 2006
sehr gute Frage.......

Ich bin der Meinung bdsm hat mit konzentration psyche und somit ist jede und jeder der dies lebt oder spielt genau in dem Moment für sich und für den Partner im Mittelpunkt. Dadurch kann es doch sein dass man in der heutigen realität nicht im mittelpunkt ist sondern man hat eine rolle oder funktion und funktioniert wie eine maschine vor sich her egal was derjenige denkt.
Also macht man sich in dem moment keine sorgen oder fragen und kümmert sein eigenes ich um sich selber in dem moment nicht.
13. Oktober 2006
Wir kompensieren immer

Sali zämme....

Was heisst Kompensation? Antwort: Überwindung von Nagativem durch einen positiven Ausgleich auf einem anderen Gebiet.

Das machen wir Menschen doch dauernd. Unsere Freizeitgestaltung basiert auf Kompensation, manchmal die Wahl der Nahrungsmittel, die Musikrichtung, die wir gerade hören wollen usw.

Natürlich auch mit BDSM. Wobei ich glaube, dass bei jedem dafür eine andere Ursache vorhanden ist und die meisten sich nicht bewusst sind, wo die Ursache liegt.

Die Faustspielerin
13. Oktober 2006

Erstmal danke für eure schnellen Antworten!

@wiredbrain
Es ist die Konzentration. Die Konzentration aufs devote Fühlen, die Konzentration auf die Züchtigung, die Konzentration auf die eigene Rolle im Rollenspiel.

Hundert Prozent Konzentration.

100% Konzentration, 100% Fühlen, 100% Wahrnehmung, das sehe ich auch so. Wäre ja jetzt interessant, wie das auf der dominanten Seite aussieht *g* Wahrscheinlich genau komplementär, oder?
Aber trotzdem bleibt für mich die Frage, kann man durch diese Konzentration seine Wahrnehmungsfähigkeit so verändern, dass man psychische Probleme bewältigen kann?

@Dan01

...und somit ist jede und jeder der dies lebt oder spielt genau in dem Moment für sich und für den Partner im Mittelpunkt. Dadurch kann es doch sein dass man in der heutigen realität nicht im mittelpunkt ist sondern man hat eine rolle oder funktion und funktioniert wie eine maschine vor sich her egal was derjenige denkt.
Also macht man sich in dem moment keine sorgen oder fragen und kümmert sein eigenes ich um sich selber in dem moment nicht.

Quasi ein Urlaub vom Alltag. Das gefällt mir. Also böse Industrialisierung und Entfremdung und als Ausgleich Konzentration auf sich selber, auf die eigenen Bedürfnisse (Aufmerksamkeit, Geborgenheit, ...?)?

@faustspiele
Natürlich auch mit BDSM. Wobei ich glaube, dass bei jedem dafür eine andere Ursache vorhanden ist und die meisten sich nicht bewusst sind, wo die Ursache liegt.

Oh oh, da könnte man jetzt wieder anfangen mit angeboren, anerzogen oder einfach der Frage, ob man immer wissen muss, warum man so ist, wie man ist *g* Welche Ursachen wären denn für dich denkbar?
13. Oktober 2006
@_sonne_

Über die Erläuterung dieser Ursachen gibt es bereits zahlreiche Foren. Für mich ist die Begründung unwichtig. Mir ist wichtig, dass es mir gut geht. Was muss ich tun, dass ich ein zufriedenes und erfülltes Leben führen kann. Mir macht BDSM spass. Es ist eine enorme Bereicherung in der Beziehung zu meinem Mann und ich fühle mich in der Rolle der Sub sehr gut aufgehoben. Was kompensiere ich damit? Vielleicht, die Tatsache, dass ich den ganzen Tag über "Chef" spielen muss. Unsere zwei Jungs brauchen manchmal schon eine dominante Führung, auch beruflich als Vorgesetzte, kann man sich nicht einfach fallen lassen oder einfach mal nur Ausführende sein.

Die Faustspielerin
13. Oktober 2006
@sonne, @wiredbrain

Hundert Prozent Konzentration.

Nichts anderes dringt mehr ins Hirn vor. GEIL.

Danke wiredbrain. Besser kann man es nicht sagen



100% Konzentration, 100% Fühlen, 100% Wahrnehmung, das sehe ich auch so. Wäre ja jetzt interessant, wie das auf der dominanten Seite aussieht Smile Wahrscheinlich genau komplementär, oder?

Ja.
13. Oktober 2006
BDSM=Kompensation

BDSM spricht alle Sinne an, sowohl körperlich als auch psychisch und lässt uns unseren Körper und unsere Gefühle unglaublich intensiv spüren, doch wird damit etwas kompensiert, was an anderer Stelle fehlt?
Ich sage nein. Man gleicht nichts aus, man kriegt was dazu.

Achtung Provokation:
Manche Menschen können mit den Ohren wackeln. Andere nicht. Was bedeutet das? Gleichen die Ohrwackler was aus? Oder sind die Nichtohrwackler minderbemittelt? Wie geht das Ohrwackeln eigentlich RICHTIG? Gibts auch welche die nur mit einem Ohr wackeln? Konnte van Gogh mit dem Ohr wackeln? Überhaupt: Ohrwackeln in der Kunst. Bücher darüber. Filme.
Fragen über Fragen. Wer kann helfen?
13. Oktober 2006
andere machen Yoga

@ _sonne_

Aber trotzdem bleibt für mich die Frage, kann man durch diese Konzentration seine Wahrnehmungsfähigkeit so verändern, dass man psychische Probleme bewältigen kann?

Eine Generalantwort hierauf wäre sicher unverantwortlicher Pfusch.

Mir persönlich hilft es schon. Stell' dir vor, du bist im Stress, hast aktuelle Ängste und Sorgen. Und dann darfst du dich ein, zwei Stunden lang ganz auf dich selbst, auf deine Psyche und deinen Körper, natürlich auch auf den Partner, aber das geschieht a bisserl indirekter, konzentrieren. Es geht dir gut dabei, du empfindest tiefe Gefühle, bist ganz bei der Sache, wirst vielleicht letztendlich von deiner Lust überwältigt.
Beim Glas Wein danach, in der Nacht danach, auch wenn du sie allein verbringst, wirst du danach an Cellulitis denken oder an deine überfällige Einkommenssteuererklärung? Ist das Problem mit deiner Mutter wirklich so haarig und dringlich? Was interessieren dich in jenem Moment die konkurrenten Anfeindungem im Job? Du gehst am nächsten Morgen zur Arbeit und machst, wofür du bezahlt wirst, das kannst du, und das kannst du gut, du trägst den Kopf hoch erhoben, um 17 h ist Feierabend, danach die Sintflut.

Es ist eine Selbsterfahrung. So wie man manchmal, wenn man auf ein Begräbnis geht, über seine eigenen Prioritäten nachdenkt und etwas zu ändern fähig ist. Ein absurder Vergleich, ich weiß, aber ähnlich aufrüttelnd.

Ein anderes Thema ist, quälende Erinnerungen im Spiel wieder zu erleben und sie aufzuarbeiten zu versuchen. Auch das kann gut klappen, aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen. In solchem Falle guckt euch den Spielpartner besonders gut an. Er muss euch nicht therapieren, aber bei einem seelischen Absturz sanft und verlässlich auffangen können.

@ Mestre

Mit den Ohren zu wackeln, wollte ich immer schon mal lernen. Ich glaube auch, dass mann es mir beibringen könnte, wenn ich nicht in den Spiegel gucken müsste dabei.
13. Oktober 2006
Nun...

liebe @_sonne_ ....

Kann es Menschen, die Probleme mit eben dieser Fähigkeit haben (und sich z.B. bewusst selbst verletzen), helfen, Dinge wahrzunehmen, zu fühlen, zu verarbeiten? Ist dies schlimm, unrealistisch, gut, naiv, möglich?

Ich weiss nicht so recht, ob ich verstehe worauf Du mit dieser Frage hinauswillst?

Von meiner Warte aus gesehen, kenne ich einige Menschen, die zB eine Vergewaltigung damit kompensieren. Oder auch andere, die in einer Beziehung gelebt haben, in der sie wieder und wieder misshandelt wurden.
Ob dies allerdings bei jedem funktioniert, ist sicherlich fraglich.
Jedoch beobachte ich bei einigen eine Veränderung in der Persönlichkeit zum offeneren Umgang hin.

Vielleicht findest Du hier noch etwas zum Thema:

BDSM als Sammelbecken psychologischer Probleme

Zur Kompensation kann ich nur für mich sprechen. Und ja, ich glaube schon, daß ich eventuell versuche, ab und an den Streß, den Leistungsdruck meiner Arbeit mit meiner Devotheit zu kompensieren.
Denn natürlich gebe ich auch die Kontrolle gern mal ab. Schliesslich muss ich sie bei der Arbeit und im täglichen Leben immer behalten. Aber ich denke nicht, daß dies möglich wäre, wenn diese Neigung nicht in mir vorhanden wäre. Und somit denke ich auch, daß eine Kompensation wenn überhaupt nur in Maßen statt findet.
13. Oktober 2006

@ faustspiele Danke für deinen persönlichen Bericht!

@mestre Hm, ich bin ein wenig hin- und hergerissen. Das Beispiel mit dem Ohrenwackeln ist erfrischend und bringt mich doch wieder ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück *gg*

Ich sage nein. Man gleicht nichts aus, man kriegt was dazu.

Schön gesagt!

@wiredbrain *sfz* Ich weiß, was du meinst. Es ist eine Selbsterfahrung, die so intensiv ist und in der man sich selbst besser kennen lernt. Deswegen finde ich die Reflexion darüber auch so spannend.
Es gehört unglaublich viel Mut und Vertrauen dazu, quälende Erinnerungen so aufzuarbeiten und einem anderen Menschen soviel Macht über sich zu geben.


@halt_er_los
Den Thread hatte ich gar nicht mehr im Kopf. Schade, denn er beschreibt die Frage, ob/wie BDSM mit bzw. trotz psychischer Probleme funktionieren kann.
Auf der anderen Seite ging meine Frage eben auch dahin, ob man durch BDSM nicht eben auch Dinge kompensiert, die in einer industrialisierten kapitalistischen Gesellschaft das Leben ausmachen (siehe oben).

Ich weiss nicht so recht, ob ich verstehe worauf Du mit dieser Frage hinauswillst?

Ich wollte auf eine spannende Diskussion hinaus *g* Wie schon im Eingangsposting geschrieben, kam die Frage auf, ob durch wie Secretary BDSMler immer in die "Psycho-Ecke" geschoben werden" und ob BDSM nicht immer auch Kompensation bedeutet. Das wollte ich mit euch diskutiert haben und ich merke, dass in meinem Kopf dadurch einige Dinge klarer geworden sind.

Aber ich denke nicht, daß dies möglich wäre, wenn diese Neigung nicht in mir vorhanden wäre. Und somit denke ich auch, daß eine Kompensation wenn überhaupt nur in Maßen statt findet.

Interessant. Klar, dass es Neigungen und Vorlieben gibt, die in einem drin stecken, ohne dass man diese groß durch Sozialisation erklären kann (nein, ich meine damit nicht den "naturdevoten" Menschen an sich :)) und auch klar, dass jede Neigung bzw. Vorliebe sehr individuell ist und sich aus vielen Einzelteilen zusammen setzt. Gibt es also eine Gewichtung zwischen "innerer Neigung" und Kompensation von äußeren Bedingungen (Beruf, Stress, Leistungsdruck, Entfremdung...)?
15. Oktober 2006
@ _sonne_

Hallo sonne -
ich würde deine frage mit ja beantworten .
ich für mich stimme halt_er_los zu - der wunsch war immer da mal abzugeben , auszuruhen man ist stark und selbstbewußt steht seine frau und das durchaus sehr gern . in dem fall ist es keine kompensation sondern erfüllung .
es gibt individuelle gründe wann eine kompensation statt findet stress abzubauen , sorgen mal eine weile zu vergessen , einfach mal nicht von dieser welt zu sein . das sehe ich als bewußte oder unterbewußte auszeit an die jeder für sich festlegt - kompensiert . so verschieden wie wir alle sind ist es für jeden anders und wird auch so empfunden .
lg day & night
19. Oktober 2006
Schwäche braucht Stärke braucht Schwäche

Wenn's mir im Job gut geht, bin ich auch offen für Privates.
Wenn's in der Liebe gut geht, reiße ich im Job auch ganz nebenbei Bäume aus.

Wenn's mir nicht rundum gut geht, kann ich nicht dom sein. Diese Art der Kompensation kenne ich nicht.

Ich kenne nur die Verstärkung, mir geht es dreckig (DOM weiß, versteht und bedauert das), und erniedrigt mich, bis ich heule. Lässt mich so armselig auf dem Boden liegen. Lässt mich ausheulen. Und zieht mich dann wieder hoch. Diese Täler zu durchschreiten tut mir gut.
20. Oktober 2006
ist

ist kompensation das richtige wort an dessen stelle auch
reaktion (von aktion und ~) stehen könnte und damit also
eine kausalität (von Lebensumständen) unterstellt.

Möglich und sicher ab und an auch so.
Ob es rein kapitalistische sozialistische religöse Zusammenhänge gibt würde ich für meine anschauung gleich verneinen.

Meine Idee hierzu ist eher, dass es eine genetische oder entwicklungsbedingte Prädestination gibt wohingegen
eine Kompensation (des selbstwertgefühls, des bewusstseins, der fehlenden macht etc..) eher der Anlass sind, die letzten 5 min der uhr die dann 12e schlägt oder geschlagen wird und das dann auch noch erotisch sexuell so dermassen stimulierend findet, dass sich kleine tode breitmachen.
20. Oktober 2006

Irgendwie nur Bahnhof hier verstehe.

lg tear
leise *Gimme dope, joana* summt, angesicht des Beitrags über mir *mrgreen*

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