BDSM=Kompensation?

24. Oktober 2006
@lil

wo kommst du nicht dran???
sorry, aber ich versteh dich nicht wirklich ...
24. Oktober 2006
@ funds

verwirrt von einer verwirrten? kein wunder ...

aaaalso, oh nein, so gehts nicht.

was mich (auf der denkschiene) interessiert, ist:

- was läßt diese art von sex viel tiefer gehen, stärker ans selbst andocken als andere arten?
- haben meine präferenzen einen realen gegenpart in meiner person/persönlichkeit?
(habe da schon einen verdacht: das, was ich "im richtigen leben" am meisten fürchte - die handlungsunfähigkeit - gibt mir den größten kick ... also die kompensationstheorie, aber die greift eben auch nur in diesem einen punkt)
- wenn das so ist, daß es einen realen hintergrund gibt - was sagt das dann über meine freude am zuschlagen?

das ist eine ganz kleine auswahl an fragen.
warum mir das wichtig ist & nicht nur akademisches blah?

weil es mich einfach interessiert, wie menschen funktionieren, was sie antreibt & auch mich selber.

weil macht, gewalt & sex sehr starke, schlecht zu kontrollierende antriebe sind im leben, die sich sehr negativ auswirken können, aber eben auch positiv - sogar die gewalt (jaaaaaaaaa, die diskussion hatten wir schon mal, bitte nicht wieder kommentieren - gewalt bleibt für mich gewalt (da bin ich stur), auch wenn sie innerhalb der grenzen des anderen bleibt - das bestätigen mir auch die postings vom hautbildchen. man kann gewalt kanalisieren und positiv anwenden & erfahren)

bißchen verständlicher? hm, wenn ich das grad selber so lese, nicht wirklich, aber heute krieg ichs nicht besser hin *g*
24. Oktober 2006
@lil

Es sind - auf beiden Seiten - SEHR tiefgehende Dinge. Die Seele wird berührt oder sogar angekratzt. Man nennt es schön harmlos "spielen", aber das ist es nicht nur! Es kann einen eben ganz tief in der Seele berühren, und das ist eben nicht immer ganz ungefährlich. Da können Dinge aus der Vergangenheit zutage treten, die längst verschüttet sind. Das geschieht oft als Selbstschutz des Körpers, weil der Mensch nicht in der Lage ist, diese alleine zu kompensieren. Manchmal ist es deshalb besser diese Dinge verschüttet zu lassen. Gerade aber beim "spielen" kommen sie wieder an die Oberfläche - weil man sich aber oft nicht daran erinnern kann, weiß man es auch nicht zu deuten.
Also: Da kommt was hoch, aber man weiß nicht wirklich, was es ist und vor allem, wie man damit umgehen soll!
Ist es das was du meinst?
Oder eher die Tatsache, dass du dich auf beiden Seiten wohl fühlst?
Mal dev. und mal dom.?
Dann vielleicht als Ausgleich?
Wenn es mir auf der einen Seite zu heikel wird, kompensiere ich es eben mit der Anderen!
Es gibt zu diesem Thema nicht "die eine Antwort"!
Aber vielleicht konnten dir meine Geadnken ein wenig helfen?
Oder haben sie dich nun noch mehr verwirrt?
Liebe Grüße Sabine

P/S Mehr Austausch gerne per mail oder auch Tel.
24. Oktober 2006
Gott sei dank!

@ lil

da bin ich aber froh, dass ich doch nicht der einzige bin, dem diese Fragen schon seit Jahren schlaflose Nächte bereiten, ohne genau zu wissen, wie die Fragen eigentlich genau lauten.

Im Gegensatz zu anderen Problemen, die ich evtl. nicht lösen kann, macht mich dieser Zustand hier nicht nervös. Vielmehr habe ich das Gefühl, als würde meine Neugier ständig wachsen. Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, meine Gedanken zum Thema BDSM (und alles, was damit zusammenhängt) in ein Buch zu schreiben. Aber da momentan wirklich jeder Pseudopromi Bücherschreiben als Hobby oder Feldtherapie entdeckt, möchte ich die Welt mit mir selbst verschonen *ggg* Außerdem gibt es den Roman "Die unendliche Geschichte" ja schon *zwinker*

Aber mal ehrlich. Als ich gestern mein erstes posting hier schrieb mußte ich mich bremsen und als ich eine halbwegs vernünftige Überschrift suchte, kamen mir solche Ideen wie: Die Büchse der Pandora, Quadratur des Kreises, Was war zuesrt da: Ei oder Huhn...

Jedenfalls bin ich guter Hoffnung, dass auf diesem Gebiet die Fragen und Antwortversuche noch lange nbicht ausgehen werden. In diesem Sinne...
24. Oktober 2006

@ funds:
ersteres. switchen ist mir klar (für mich - andere haben, scheints, tw. andere hintergründe, auch die sind meist recht klar).

körpergedächtnis - ja, sicher, auf jeden fall.
auch das ist ein teil des ganzen.


@ indygw:
keine schlaflosigkeit, auch keine schrille selbstdarstellung, sondern der uralte trieb des menschen nach erkenntnis (klingt doch gut, oder? *g* das beste ist, ich glaubs sogar)
25. Oktober 2006
Schlaflose Nächte

Die Frage lautete: Ist BDSM Kompensation? Wie immer bei allgemein formulierten Fragen müsste zuerst geklärt werden, was BDSM und Kompensation eigentlich ist, was wir darunter verstehen. Zumindest beim Begriff BDSM gibt es hier kilometerlange Threads, die klar machen, wie sehr verschiedene Menschen Verschiedenes bei dieser Abkürzung denken. Damit wird eine Antwort auf die Frage sinnlos.

Wenn ich's konkreter mache, kann ich konkreter denken: Sub findet seine/ihre sexuelle Erfüllung darin, gefesselt zu sein und gepeitscht zu werden. Dom findet seine/ihre Erfüllung darin, Sub zu fesseln und zu peitschen. Kompensieren beide was damit?

Kompensation ist das Wort, das wir benutzen, um etwas, das ein Ungleichgewicht hervorbringt, etwas anderes entgegenzusetzen, damit es wieder ins Gleichgewicht kommt. Da ich mich sehr unglücklich fühlte, wenn ich meine Sub nicht peitschen könnte (etwa weil ich gar keine hätte), kompensiere ich diesen Mangel in einer Session mit ihr. Aber ihr merkt: so argumentiert wird die Sache banal und blöd, denn in diesem Sinne ist jeder Geschlechtsverkehr und jede Masturbation auch Kompensation.

Man müsste also spezieller fragen: kompensiere ich, indem ich meine Geliebte peitsche, einen seelischen Defekt? Doch diese Fragestellung macht nicht klüger, sondern verlagert das Problem, denn jetzt müssen wir zuerst klären, was ein seelischer Defekt ist. Auch dazu gibt’s ellenlange Threads. Ohne Konsens.

Damit wird klar: wenn ich unter BDSM und unter seelischen Defekten was Bestimmtes verstehe, kann ich BDSM als Kompensation ansehen. In diesem Sinne sehe ich Karrieregeilheit, Vorgartenzwerge und verbreiterte Golf-Kotflügel, Bungee-Springen, Alkoholexzesse, Bundeskanzler werden wollen, zum Südpol zu Fuss gehen, Kinder mit Massen von Schokolade verwöhnen, Russland erobern wollen (Napoleon), die Klassenbeste sein wollen und Schützenpanzer fahren ebenso als Kompensation an. Die Liste liesse sich fortsetzen. So viel Zustimmung zu sonne's Vermutung.

Ersichtlich wird, dass die Gleichung BDSM=Kompensation nicht zur Klärung beitragen kann, was BDSM ist oder warum wir BDSM treiben. Es ist bisher auch keiner Untersuchung gelungen, den Seelentypus "BDSMler" dingfest zu machen.

Der Begriff "Kompensation" schmeckt mir auch zu sehr nach Ausgleich eines Mangels, eines Defizits. Damit wird BDSM in einen negativen Kontext gezogen, in den er nicht hineingehört. Dächten wir BDSM als Kompensation, sähen wir dahinter immer den moralischen Zeigefinger, der uns daran mahnte, eher mal das Problem unseres vorausgehenden Mangels (seelisches Defizit o.ä) anzugehen als diesen mit BDSM (pfui!) zu "kompensieren". "Was, du schlägst Frauen? Geh doch mal zum Psychiater!". Denkt jemand BDSM als Kompensation, unterstelle ich ihm ein schlechtes Gewissen.

Ich denke, dass die Frage sinnvoller weitergeführt werden kann, wenn ich BDSM nicht als Kompensation, sondern als Reaktion begreife – als Reaktion von Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Weil das Leben bunt, jedes Leben einzigartig und das Reaktionsschema nicht monokausal ist, kriegen wir keine einheitliche Theorie hin. So wie auch die Lust an einer Kotflügelverbreiterung eine Reaktion auf ganz verschiedene Erfahrungen und Sozialisationen sein kann.

Wir mögen gewisse Muster erkennen – etwa der Manager, der jeden Tag dominant bestimmen muss, wie es im Betrieb weitergeht, und abends bei der Domina zum Sub wird, um endlich alle Verantwortung abgeben zu können - , aber eine Kausalität wird nie ableitbar sein, denn nicht jeder Manager ist Studiokunde. Und nicht jeder Studiokunde ist ein Manager.

Letztlich hat jeder von uns seine eigenen Lebenserfahrungen, auf die er mit erotischen Neigungen und Lüsten reagiert, die wir dann BDSM nennen mögen. Die Analyse, warum gerade diese Reaktion und keine andere, ist schwer. Viele unserer Dispositionen haben ihren Ursprung in unserer frühen Kindheit, als wir nur Gefühl und Emotion und noch wenig bewusster Geist waren, und deshalb auch kaum Erinnerungen daran haben. Aber genau dort liegen bereits die Samen unserer erotischen Lust.

Meine früheste Erinnerung, die ich mit meinen Neigungen glasklar in Verbindung bringe, datiert aus meinem neunten Lebensjahr, also noch lange vor meiner Pubertät. Heute weiss ich, dass meine BDSM-Lust viel mit meiner Mutter und meinem Vater zu tun hat. Und dennoch kompensiere ich mit meinem BDSM nichts, sondern erfülle mir mein lüsternes Sehnen, das zu mir, zu meiner Persönichkeit gehört wie so viele andere Lüste nichtsexueller Art – etwa die nach dem Verzehr von Garnelen in Knoblauch.

stephensson
art_of_pain
25. Oktober 2006

Und dennoch kompensiere ich mit meinem BDSM nichts, sondern erfülle mir mein lüsternes Sehnen, das zu mir, zu meiner Persönichkeit gehört wie so viele andere Lüste nichtsexueller Art – etwa die nach dem Verzehr von Garnelen in Knoblauch.

danke. hirn mal wieder zurechtgerückt. ein ei ist ein ei ist ein ei ist ein ei.

(und ich garantiere dafür, daß in nicht allzuferner zukunft ich wieder anfangen werde zu grübeln - weils mich immer stört, wenn ich an gummimauern stoße ... bin immer davon überzeugt, daß es da irgendwo weitergehen muß)

ich steh auch auf garnelen in knoblauch *letzteswort* ...


... bis auf weiteres - wie gesagt *ggg*
25. Oktober 2006

Oh oh, eigentlich muss ich los, aber vorher wollte ich noch ganz schnell danke sagen @artofpain für den tollen Beitrag.

Bei meiner Threaderöffnung hatte ich mir auch die Frage gestellt, ob man die Begriffe erst genauer klären müsste, aber mich dann dagegen entschieden. Aber eigentlich ist das nötig, wobei ich nicht auf die Idee mit der Reaktion gekommen wäre und die finde ich sehr gut, weil sie das ausdrückt, was ich mit Reaktion auf soziale Einflüsse meinte. Ja, Kompensation klingt definitiv zu negativ und Thesen wie

"Was, du schlägst Frauen? Geh doch mal zum Psychiater!"

wollte ich definitiv keinen Vorschub leisten *grusel*

Man müsste also spezieller fragen: kompensiere ich, indem ich meine Geliebte peitsche, einen seelischen Defekt? Doch diese Fragestellung macht nicht klüger, sondern verlagert das Problem, denn jetzt müssen wir zuerst klären, was ein seelischer Defekt ist. Auch dazu gibt’s ellenlange Threads. Ohne Konsens.

Um den seelischen Defekt ging es mir persönlich quasi nur als Unterpunkt, angeregt von der Diskussion, die in der SZ lief. Vielleicht hätte ich diesen auch nicht erwähnen sollen, weil er dem Thread den oben erwähnten negativen Beigeschmack an dem Wort "Kompensation" gibt.

Hm, der Begriff "Reaktion" gefällt mir immer besser. Danke für den konstruktiven Beitrag!

Sag mal, vielleicht hast du ja Lust, zu erzählen, was du damit meintest:

Meine früheste Erinnerung, die ich mit meinen Neigungen glasklar in Verbindung bringe, datiert aus meinem neunten Lebensjahr, also noch lange vor meiner Pubertät. Heute weiss ich, dass meine BDSM-Lust viel mit meiner Mutter und meinem Vater zu tun hat. Und dennoch kompensiere ich mit meinem BDSM nichts, sondern erfülle mir mein lüsternes Sehnen, das zu mir, zu meiner Persönichkeit gehört wie so viele andere Lüste nichtsexueller Art – etwa die nach dem Verzehr von Garnelen in Knoblauch.

Ich bin doch immer so neugierig...aber wenn es dir zu privat ist, dann ist das auch völlig in Ordnung!

Ganz liebe Grüße an alle

...sonne, die jetzt gaanz schnell los muss...
25. Oktober 2006
@_sonne_

ja... in etwa war deine anmerkung richtig...

erklärend möchte ich anfügen, dass ich meine sub nie sklavin genannt oder sie auch je nur in gedanken so benannt zu haben... das spiel war noch nie mein spiel....

im kern liegst du aber richtig.... diese trigger, von denen ich schrieb, überlagern den "normalen sinneseindruck"....

das, was ich dann im spiel sah.... wurde von anderen sachen überlagert und machte das spiel unmöglich.....

BTW: es ist nicht der folterbegriff an sich.... eher viel subtiler...

um ein beispiel zu geben: zu einer guten bondage gehört ab und an auch das fixieren der sub in einer nicht bequemen position.... soweit so gut und spiel..... aber wenn dann dieses bild (also das reale BDSM spiel) den "trigger" auslöst (erinnerung an leichen in ähnlicher postion)... naja... dann ist vorbei, weil dann "rieche" ich es auch wieder.... und das - frag feuerwehr und polizei - ist der schlimmste aller faktoren.... einmal gerochen.... nie vergessen.... nichts mehr mit spiel..... lust weg... alles weg...

ist extrem.... trifft nicht alle.... aber ein durchaus einleuchtendes beispiel für das problem, oder? und wenn man dann weiter macht... dann wird BDSM zu kompensation.....
25. Oktober 2006
@ art of pain.....

dachte erst.... das wird womöglich "art for art's sake"....

aber respekt.... wohl gewägte worte.... sehr gut formuliert

noch einmal respekt!

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