Frage an die Partner von Leuten mit Handicap

11. August 2008
Frage an die Partner von Leuten mit Handicap

Ich wende mich heute mal an die Partner von Behinderten.
Ist euch das auch schon mal passiert, das euch die Leute für ganz großartige Menschen halten, weil ihr bereit seid, mit einem behinderten Partner zu leben?
Da bekommt man zu hören:
Ach, das ist ja schön, das er/sie auch mal jemanden gefunden hat, den dieses schwierige Leben nicht abschreckt.
Oder:
Ich finde es toll, das jemand wie sie ( ich ), sich auf so eine Partnerschaft einläßt, obwohl das doch sicher nicht einfach ist.

Ich fühle mich dann immer so bewundert und möchte das überhaupt nicht, weil es für mich nichts besonderes ist.

Habt ihr damit auch Erfahrung? Mich würden eure Meinungen sehr interessieren.

Viele Grüsse an alle.
Tanja
11. August 2008

Das Lob und die Bewunderung darfst Du ruhig annehmen, da es eben für gesunde Menschen nichts Alltägliches ist, sich in DEM Maße um andere zu sorgen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es auch eine Familie mit einem behinderten Kind. Es ist tatsächlich so, dass die Eltern das als normal ansehen und das Kind auch normal behandeln. Aber Fakt ist, dass in die Betreuung Behinderter ein Vielfaches mehr an Kraft und Zeit investiert werden muss, was nicht jeder bereit und in der Lage ist zu schultern. Deshalb auch meine Hochachtung.

L.
11. August 2008

Frau Wolf:

ja, mir geht das genau so. Und wenn die dann noch hören, das ich in der Pflege tätig bin...... da ist Jesus ja nix gegen.

Aber mal im ernst, mir ist das peinlich weil ich auch meine schlechten Tage habe und richtig zickig bin. ich bin nicht selbstlos oder besonders stark. Ich bin höchstens egoistisch weil ich will das Herr Wolf bei mir bleibt.
Meine Wünsche sind es halt meinen Mann glücklich zu machen und ihm das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.( außer wenn ich zickig bin versteht sich)
Ob ich damit besser oder schlechter bin wie andere Menschen, ist mir ziemlich egal.
Nein, wenn ich wollte könnte ich auch einen "normalo" haben. so häßlich bin ich nicht.( jaja, wurde mir auch schon gesagt)
Aber ich will ja nicht. Hab meinem Mann den Heiratsantrag gemacht und bin stolz seine Frau sein zu dürfen.
Und nein, ich habe noch nie den Rolli gehaßt weil er uns einschränkt, weil er es einfach nicht tut.

Wenn mich Leute darauf ansprechen winke ich meißt eh ab. Vielleicht möchte ich ja auch nicht in deren Schuhe stecken......

Lieben Gruß
Fr. Wolf
12. August 2008

@Lara_Max
Danke für deine Komlimente. Jedoch sehe ich mein Leben mit diesem Mann nicht als schwieriger, als mit anderen Männern an. Aber nach Aussen, scheint es doch schwierig auszusehen. O.k. muss ich wohl mit Leben.

@ Frau Wolf
Ja, du verstehst mich.
Ich bin auch sehr stolz, die Frau an seiner Seite sein zu dürfen. Und was die Pflege angeht...... macht ja auch Spass *g*

Lieben Gruss Tanja
12. August 2008

Ich glaube, das diese "Bewunderung" eher daher kommt, weil die Leute sch nicht vorstellen könne, daß ein Leben mit Behinderung auch was ganz Normales ist.

Schaut Euch doch mal die Kommentare an. Man hört ständig, das man so nicht Leben könnte. Wie schwierig das Leben im Rollstuhl doch sein muß. etc. etc...

Die Leute haben irgendwie ein komplett falsches Bild, was Leben mit Behinderung ist. Es ist nicht schwieriger wie ein "normales" Leben. Es ist aber auch nicht einfacher. Für alle "Probleme" die auftauchen (egal ob mit oder ohne Rolli/Behinderung) gibt es immer die passende Lösung, sofern man eine haben will!

Natürlich gibt es auch Behinderte die über ihr Leben jammern, wie schwer doch alles ist und so. In der normalen Gesellschaft gibt es deutlich mehr Leute die über ihr Leben jammern. Die einen finden es toll nur zu jammern (weil Mitleid auch ne Art Bewunderung ist) die anderen machen was aus ihrem Leben. Komisch nur, das wenn ein Behinderter jammert, es gleich alle Behinderten schwer haben müssen. Bei Normalos heisst es immer "dann änder doch was".

Ich war bis zum 22. Lebensjahr normaler Fußgänger, hab sehr viel Sport getrieben, hatte eine Familie, konnte gut Leben, hatte Freunde, etc.. etc...

Jetzt bin ich seit 13 Jahren im Rollstuhl, treibe viel Sport, hab eine Familie, kann gut Leben, habe Freunde, etc.. etc...

Geändert ... hat sich nicht viel. schwieriger .. ist das Leben auch nicht geworden. Es ist genauso normal wie früher auch. Es gibt sogar einige Besonderheiten die ich als Fußgänger nicht hätte (und die können echt cool sein).

Das Leben ist nicht großartig Anders oder schwieriger, weil man Behindert ist. Die Leute glauben das immer nur und es wird sich auch nie ändern, solange eine Behinderung immer nur mit Negativen wie z.B. Schicksal, Einschränkungen, etc.. gleich gestellt wird.

Warum ist es nicht anders, bzw soll es nicht anders sein?
Ganz einfach: Der Mensch kann sich einer Situation perfekt anpassen. Setzt doch mal Jemand mitn Taschenmeser im Urwald aus. Sein Überlebenswille sorgt dafür das er sich der Situation anpasst. O.k. der eine oder andere würde bei draufgehen. (Gibt ja nicht umsonst die Suizids bei Behinderten) Verbuchen wir das unter natürliche Auslse, aber der Großteil passt sich der Situation einfach an und würde ganz normal dort Leben können ohne irgendwelche Einschränkungen.

Bei einer Behinderung ist das nicht anders. Sie wird einfach normal, weil man sich daran angepasst hat. Viele können das nicht nachvollziehen, da sie nie in so einer Situation waren oder auch nicht kommen werden.

Herr Wolf
12. August 2008
@ Herr Wolf

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Mir ist aufgefallen, das Menschen, die schon einmal vom Schicksal heftig gestossen wurden, das Leben anders sehn.
Intensiver, nicht so oberflächlich.
Und deshalb leben diese Menschen und ihre Familien friedlicher und harmonischer und meist auch glücklicher.

Danke für deinen Beitrag Herr Wolf.

Tanja
12. August 2008

Als ich dein Satz gelesen habe

die schon einmal vom Schicksal heftig gestossen wurden, das Leben anders sehn.

fiel mir wieder etwas ein:

Als ich im Rolli gelandet bin war ich fertig, total am Boden (wäre bestimmt erstmal jeder)

In der Rehaklinik war eine Frau die ihren Mann jeden Tag dort besuchte. Sie war immer gut drauf, fröhlich, ganz locker ... Ich war erstaunt. Ihr Mann war schwerstbehindert und Sie war gut drauf.

In einem Gespräch fragte ich Sie danach und Sie öffnete ein Buch und zeigte mir einen dickgeschriebenen Satz:

"Siehe deine Situation nicht als Schicksal an, sondern als Neuanfang."

Ich musste ein paar Wochen immer über den Satz grübeln. Ich wollte kein Neuanfang, ich wollte mein altes Leben zurück. Irgendwann kam der Punkt wo ich aktzeptierte das, egal wie sehr ich dran arbeite, egal wie sehr ich es mir wünschte, mein altes Leben ist weg. Es wird nicht wiederkommen. Der Neuanfang war schon lange da, ich muste mich einfach nur noch daran anpassen und dann wurde es so normal wie es früher war, in meinem alten Leben.

Vielleicht ist es das, was die Menschen so negativ daran sehen. Man hat etwas erreicht, war glücklich, zufrieden und patsch alles weg und du kannst nur noch neu anfangen. Etwas zwangsweise aufgeben zu müssen, ohne sich dagegen wehren zu können.

Dabei kann man bei einem Neuanfang, einiges besser machen wie vorher. Nicht jeder bekommt so eine Chance.

Herr Wolf
12. August 2008
Herr Wolf

Das ist haargenau das, was ich damit gemeint habe.
Das Leben aus einem anderen Winkel zu sehen und zu erkennen, das es so wie es jetzt ist, vielleicht sogar besser ist als vorher.
Für manche schwer zu begreifen, aber in der Realität schon oft festgestellt.

Weiter so. Ich wünsche Euch beiden alles Gute.
Meine Hochachtung! Tanja
22. August 2008

Ja, ich kenne das auch, dass andere immer wieder zu mir sagen, dass sie es bewundern, dass ich bei meinem Mann bleibe. Mir ist es dann auch immer total peinlich, weil ich es auch als völlig normal ansehe.

Gut, was nicht normal ist, ist die Tatsache, dass mein Mann immer wieder "hier" schreit, wenn sich eine weitere Behinderung ankündigt, aber da kann man leider nichts machen.

Es ist so, wie ihr schon sagt, dass man intensiver lebt. Es ist nicht einfach mit meinem Mann, zumal er auch sehr oft mir gegenüber ungerecht wird. Aber es würde mir auch nicht in den Sinn kommen ihn deswegen zu verlassen, auch wenn das ganze immer schwieriger wird und ich ihn sicherlich irgendwann ins Pflegeheim geben muss, aber solange es irgendwie geht, will ich es hier zu Hause machen. Klar, kann ich ihn auch verstehen, wenn er ungerecht wird, da er kein "normales" Leben mehr führen kann und irgendwo ja auch sein Ventil mal ablassen muss.

Ich wünsch euch allen ein schönes Wochenende.

booki
24. August 2008
Hallo Bookie

bei euch scheint es ja alles recht schwierig zu sein. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und die Liebe, alles zu ertragen.

Liebe Grüsse von Tanja
24. August 2008
Hallo Tanja,

vielen Dank für deine Worte.

Ja, es ist alles noch ein wenig komplizierter, als wie ich es geschrieben habe. Es gibt auch Momente, wo ich alles am liebsten hinschmeissen möchte oder wo ich mich frage, warum das alles, wo besteht hier der Sinn. Denn ein "normales" Leben können wir schon lange nicht mehr führen. Aber aufgeben käme für mich auch nicht in Frage, wie gesagt, erst wenn es garnicht mehr gehen würde, da ich voll berufstätig bin.

Bei uns ist es eher schleichend gekommen, mein Mann war Diabetiker und unter allen angegeben Folgeschäden haben wir irgendwie zu leiden, aber dadurch konnte man sich auch immer wieder an eine neue Behinderung gewöhnen, so schlimm es sich auch anhört, bzw. liest.

Ich wünsch euch allen einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße
Petra
24. August 2008
Gruß vom Mati

Hallo Petra,
ich kann mir in etwa vorstellen wie du dich fühlst.
gerade dann wenn dein Männe auch einen teil seiner negativen gefühle auf dich überträgt. die zu vermeiden ist allerdings sein part an der geschichte. leider ist es schwierig ihm das zu sagen. allerdings solltest du dies mal tun. ( das recht dazu hast du ) ich weis wie schwierig das ist. wär aber wichtig für euch beide. gerade wenn man durch eine krankung eine behinderung erfährt, die auch noch so schwerwiegend wird, ist es schwierig mit all dem umzugehen. manchmal vergisst der betroffene dabei, das es allen beteiligten dabei mindestens genauso mies geht. hört sich alles so klug an was ich hier so zu schreiben hab. aber ich meine es nur gut und da sprech ich jetzt auch einmal mit im nahmen von meinem schatz, bewahrt euch eure liebe. das ist das wichtigste.
24. August 2008
Hallo Mati,

ich habe es ihm schon des öfteren gesagt, dass nicht nur er mit den Behinderungen umgehen muss, sondern das ich als Partnerin davon genaus betroffen bin. Es gibt viele Dinge im Alltag, welche er nicht mehr allein durchführen kann, wie z. B. sowas alltägliches, sein Brot schmieren, oder mit Gabel und Messer essen, da er den rechten Arm nicht mehr gebrauchen kann. Er sagt dann immer zu mir: du hast doch nichts, ich habe doch die Einschränkungen, klar, da ist auch sicherlich der Neid dabei, warum gerade er. Das sind aber Dinge, womit ich umgehen kann, womit ich nicht umgehen kann, ist die Gefühlskälte. Es fehlen hier einfach die Zärtlichkeiten, oder einfach mal ein liebes Wort, es würden mir auch Blicke reichen, aber wenn ich mich dann beschwere, heißt es, dass muss doch nicht sein, warum denn usw. Aber ich finde, gerade Zärtlichkeiten gehören zu einer Ehe. Dadurch, dass diese fehlen, kommt man sich eher nur als Krankenschwester, Hausfrau, aber nicht als geliebte Person vor.

Sorry, jetzt hab ich euch hier einen vorgejammert und das ist es eigentlich nicht, was ich wollte *lach*.

Danke für´s zuhören.

Viele liebe Grüße
Petra
24. August 2008
Post vom Mati

. . . das hat mit vorjammern nichts zu tun. nein keine sorge. manchmal muss es auch mal raus. ich kann mir gut vorstellen wie es euch geht. ( also euch beide ). schitt. ich wünsche euch das ihr trotz allem euch wieder auf euch selbst und die liebe besinnt.
( übrigens, ein offenes ohr, wenn es mal brennt, findet ihr bei uns beiden immer. und das ist nicht nur so dahingesagt )
viele grüße
tanja und mati
24. August 2008
Hallo Tanja und Mati,

vielen Dank für die lieben Worte.

Wie gesagt, es hat nichts mit seiner Krankheit zu tun, damit kann ich umgehen, auch wenn ich weiß, dass es immer schlimmer wird. Gerade der letzte Arztbrief vom letzten KH-Aufenthalt sagt nichts Gutes.

Was ich auch sehr oft zu hören bekomme, ist, dass ich im Leben sehr viel versäumt habe, aber auch dieses macht man gern, wenn das richtige Feedback zurück kommt. Da dieses gänzlich ausbleibt und hier in den letzten Jahren sehr unschöne Dinge passiert sind, kommt man sich vor, als wenn man in einer Sackgasse steckt, bzw. immer tiefer fällt und man sich nicht von dort allein wieder befreien kann.

Viele liebe Grüße
Petra

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