19.04.2011

Warum Männer nicht tanzen

Alles über die Abneigung der Männer gegen das Tanzen

Tanzen ist ein Lebensgefühl und eng mit Erotik verbunden. Es befreit und macht Spaß. So sehen es viele, aber eben nicht alle. Für die Mehrheit der Männer ist Tanzen der pure Krampf, weshalb sie auch lieber den ganzen Abend am Bartresen lediglich ihren Kopf im Rhytmus der Musik bewegen.

Aber warum sträuben sich so viele Männer gegen das Tanzen? Und was motiviert sie, sich dann doch ab und an auf die Tanzfläche zu wagen? Reto Hunziker, Reporter bei der Züricher Tageszeitung "Tages-Anzeiger" versucht in dem folgenden Beitrag Erklärungen und Antworten zu finden.

Sind Männer nicht fürs Tanzen geschaffen?

Ein junger Mann zuckt mit dem Bein und streckt die Finger in die Luft. Ein anderer hopst herum, als sei er gerade auf einen Reissnagel gestanden. Daneben reibt sich sein Kollege so heftig an einer Frau, als wolle er ihr die Kleider vom Leib scheuern. So sieht es meist aus, wenn Männer zu tanzen versuchen. Ein erbärmlicher Anblick. Und die meisten von uns wissen das. Doch das sind lediglich die Symptome eines verkrampften Verhältnisses zum Tanz.

Die meisten Männer tanzen ungern freiwillig.
Die meisten Männer tanzen ungern freiwillig.

Denn eine Frau verleiht beim Tanzen ihren Gefühlen Ausdruck, lässt Frust ab, hat Spass. Ein Mann allerdings, der keine Frau anbaggern will, nicht betrunken oder schwul ist, tanzt nicht. Zumindest nicht freiwillig. Oder kennen Sie einen Mann, der sich aus eigenem Antrieb "Dirty Dancing" angesehen hat? Sehen Sie, und genau gleich verhält es sich mit dem Tanzen selbst. Vielleicht ist das dumm. Unlogisch, bestimmt. Schade, mit Sicherheit. Doch wir haben unsere Gründe.

Mein Kreuz mit dem Tanz fing schon früh an, kaum hatte ich ein Schamgefühl entwickelt. Als in meiner Primarschulzeit an einem sogenannten Fez getanzt wurde, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Also rannte ich vom einen Ende der Tanzfläche zur anderen, hin und her. Und dachte, ich hätte damit meine Schuldigkeit getan. Aber eben: Schuldigkeit. Kein Gespür, kein Interesse, keine Motivation, keine Ahnung. Stattdessen dieses Gefühl, mitmachen zu müssen, weil es alle anderen ja auch tun. Und die Gewissheit, dafür nicht geschaffen zu sein.

Während für Frauen das Tanzen etwas sehr Natürliches, ja geradezu Angeborenes ist, müssen sich fast alle Männer erst damit anfreunden. Im Gegensatz zu Frauen haben sie ein kümmerliches Körpergefühl, das gerade mal Laufen, Hauen und Treten zulässt. Wenn es aber darum geht, elegant oder anmutig zu wirken, trauen die meisten Männer ihren Bewegungen nicht. Und das sieht man.

Klar gibt es Männer, die trotzdem tanzen. Wie etwa Anthony Quinn in "Alexis Sorbas". Aber die meisten haben dabei einige Promille intus. Wie Anthony Quinn in "Alexis Sorbas". Und mal ehrlich, was ist mit Alkohol schon nicht sauglatt? Betrunken hätten wir auch am Fensterputzen eine Heidenfreude - weil der Spassfaktor mit dem Alkoholpegel korreliert. Ausserdem macht der Alkohol nicht, dass wir besser tanzen können. Oder lieber. Er macht, dass es uns weniger ausmacht, dass wir nicht tanzen können. Oder wollen. Das hat aber nichts mit der genuinen, ungetrübten und offensichtlich nur bei Frauen vorhandenen Freude am Tanzen zu tun.

Frauen sind auf der Tanzfläche meist in der Überzahl.
Frauen sind auf der Tanzfläche meist in der Überzahl.

Warum fehlt die uns Männern? Zahlreiche Studien belegen doch: Tanzen ist gesund, tanzen schützt vor Demenz und hilft bei Parkinson. Tänzer sind besser im Rechnen, haben eine bessere Koordination. Tanzende Senioren sind vitaler und zufriedener mit ihrem Leben als nichttanzende. Alles positive Abfallprodukte, aber längst keine Motivation. Wir Männer suchen vergeblich nach Gründen, warum wir tanzen sollten. Meist finden wir diese "nur" in den Frauen.

Einziges Ziel beim Tanzen: Sex

Ob Single oder nicht, Männern, die sich trotz mangelndem Talent zum Tanzen durchringen, kann es nur darum gehen, den Frauen zu gefallen oder ihnen (und nicht etwa sich selbst) einen Gefallen zu tun. In beiden Fällen ist das Ziel dasselbe: bei der Frau zu landen. Kurz: Sex. Nicht ohne Grund wirkt vieles, was heute als Tanz bezeichnet wird, wie eine sexuelle Trockenübung. Soll noch einer sagen, es gehe nicht eigentlich um etwas ganz anderes, wenn zwischen zwei Menschen nicht mal mehr die Hand einer Anstandsdame passt.

Wenn Männer dann tanzen, wollen sie Frauen oft beeindrucken und dann rumkriegen.
Wenn Männer dann tanzen, wollen sie Frauen oft beeindrucken und dann rumkriegen.

Tanzen ist da doch nur Mittel zum Zweck, ein Umweg sozusagen. Denn wenn wir Männer mit dem Tanzen sowieso nur bezwecken wollen, dass eine Frau (sei sie schon erobert oder noch zu erobern) mit uns ins Bett steigt, könnten wir sie ja gleich ganz plump danach fragen. Wir glauben aber zu wissen, es käme besser an, wenn wir so tun, als würde es uns Spass machen, uns möglichst sinnlich zu Musik zu bewegen. Wie verlogen!

Mal ehrlich: Was bringt uns denn das Tanzen, wenn nicht körperliche Annäherung? Solange es für uns weder entspannend noch befreiend ist — und wenn Frauen dabei sind, ist das nur schwer möglich, da wir dann gezwungenermassen zum natürlichen Balzverhalten neigen —, hat das Tanzen doch gar keine Funktion. Und Dinge, die keine Funktion haben, können wir Männer gar nicht leiden.

Und dann erst dieser Konformismus: Wollen wir, dass es Frauen gefällt, wie wir tanzen, dürfen wir uns nicht so bewegen, wie wir gerne würden. Vielmehr ist Kompatibilität gefragt. Wie man zu einer gewissen Musikrichtung tanzt, ist vorgeschrieben — dadurch, wie alle anderen dazu tanzen. Das Diktat der Masse, wenn man so will. Wer "aus der Reihe tanzt", wird mit schiefen Blicken abgestraft und isoliert. Die Redewendung kommt nicht von ungefähr. Wissenschaftler wollen sogar herausgefunden haben, dass am besten ankommt, wer den Tanzstil seines Gegenübers kopiert. Da haben wir es doch: Tanzen ist ein einziger Zwang. Von wegen gefühlvoll und instinktiv, tanzen bedeutet vor allem: Regeln, Normen, Konventionen. Vom Paartanz ganz zu schweigen, der nennt sich nicht ohne Grund auch Standardtanz.

Kein Wunder, dass Männer angesichts dieser totalen Unterwerfung eine Ladehemmung entwickeln.

Verräterische Körpersprache

Das Schlimmste kommt ja noch: Tanzen ist Kommunikation , nonverbale notabene. Und das kann verhängnisvoll sein. Denn wie (schon wieder) Studien beweisen, können Frauen anhand seines Tanzes sehen, wie stark ein Mann ist, da starke Männer besser tanzen (oder zumindest für Frauen attraktiver sind). Frauen sehen, wie selbstsicher ein Mann ist. Wie locker, wie zufrieden. Das ist mehr, als ein ganzes Facebook-Profil über jemanden aussagen könnte — und macht das "Geschwofe" äusserst heikel. Denn hossa!, haben wir vielleicht etwas preisgegeben, was wir gar nicht wollten. Oder selbst nicht einmal wussten. Als würden Männer nicht schon genug in kommunikative Fettnäpfchen treten; wie soll das erst funktionieren, wenn wir unseren Körper als unser Sprachrohr benutzen?

Vorsicht: Die Körpersprache beim Tanzen verrät so einiges.
Vorsicht: Die Körpersprache beim Tanzen verrät so einiges.

Der britische Psychologe und Ex-Profitänzer Peter Lovatt behauptet sogar, Männer sehen einer tanzenden Frau unbewusst an, ob sie gerade einen Eisprung hat oder nicht. Gemäss dem Wissenschaftler Nick Neave sendet ein Mann beim Tanzen Signale über seine Gesundheit, Stärke und Fähigkeiten zur Fortpflanzung aus. Ich will gar nicht wissen, was Frauen an mir alles ablesen können. Bewege ich die Hüften nur wenig, gebe ich dann den Frauen zu verstehen, dass ich kaum ein Kaminfeuer hinbekomme? Enthülle ich, wenn ich meine Arme in die Luft werfe, dass ich lieber einen flacheren Bauch hätte? Falls ja, ist kein Passwort, kein Pincode mehr sicher. Denn wir wissen nicht, was wir tun. Respektive kommunizieren.

Was nützen uns all die Statussymbole, wenn unser Innerstes beim Tanzen nach aussen dringt? Wir wollen nicht so viel verraten. Wir wollen nicht reduziert werden — und schon gar nicht auf etwas, das wir überhaupt nicht beherrschen. Wir wollen nicht, dass man uns ansieht, wie gut wir im Bett sind, wie viel wir verdienen oder dass wir Céline Dion mögen. Wir wollen keine Schwäche zeigen, die wir nicht ausdrücklich zeigen wollen, wollen nicht verwundbar sein, ohne zu wissen wie und warum. Darum tanzen wir nicht.

Frauen könnten nun das Gefühl haben, das seien alles faule Ausreden. Schon möglich. Aber sie sollten eines bedenken: Wie schlimm muss es für einen Mann sein, wenn er solche Ausreden nötig hat.

So paradox es klingt. Damit wir Männer die Freuden des Tanzens erleben können, braucht es reine Männer-Tanzschuppen und exklusive Frauen-Tanzklubs. Dann könnte es endlich um die Sache selbst gehen, ohne Hintergedanken. Der Tanz würde nicht mehr von unserer Libido instrumentalisiert, wäre kein Zwischending, kein Zwang, kein Grund für Missverständnisse. Wir Männer hätten niemandem etwas zu beweisen, müssten vor niemandem gut dastehen und könnten so endlich lernen, Spass am Tanzen zu entwickeln. Entweder wir erklären das Tanzen zur Männersache oder wir lassen es — wie bisher — besser bleiben.

Weitere Themen

Das Date
Beim Dating im Internet kann man auch Kurioses erleben. Unser Mitglied berichtet von einer Erfahrung, über die er heute selbst schmunzeln muss.

Flirt & Dating
Erfolgreich Flirten und heiße Dates: Hier bekommst du Tipps und Tricks von den Profis für den Flirt mit dem besonderen Kick und erste Dates, die Lust auf Sex und mehr machen.

Best Friends
Männer und Frauen – sind sie wirklich nicht in der Lage, platonische Freundschaft aufzubauen und somit sexuelle Begierden außen vor zu lassen ? Wir gehen dem alten Harry & Sally-Problem auf die Spur.

Kommentare

Wegen Überfüllung geschlossen

Dieses Thema hat die maximale Länge erreicht und wurde daher automatisch geschlossen.

*geschlossen*


Wir möchten uns an dieser Stelle für die rege Beteiligung bedanken.

*top* *lol*

Welche Feinmotorik?
Kwirk

Vielleicht liegt es ja an deiner Feinmotorik! *zwinker*

Wie sieht es bei euch aus... Seid ihr auch Tanzmuffel? Oder gibt es die leidenschaftlichen Tänzer doch?

Bei mir ist es genau umgekehrt: Ich tanze leidenschaftlich gerne, treffe dafür aber sehr viele weibliche Tanzmuffel.
sieben Siegel

Beim Lesen dieses Threads ergeht es mir wie beim Besuch einer Standardtanveranstaltung:

Der Draussenstehende weiß, dass er minderwertig ist und besser draussen stehen bleibt, um sich nicht unsterblich zu blamieren, während sich die Tänzer selbstgefällig in ihrer eigenen Welt sonnen.

Dass es auch anders geht hat mein Bruder vor -zig Jahren in einem kleinem bayrischen Dorf vorgeführt. In einer Disziplin, für die wohl keine(r) von denen die hier lesen und schreiben Verständnis aufbringt:

Deutschen (bayrischen) Volkstanz!

Zum ersten Mai übte er mit Interessierten einen Bandltanz ein. Wohl gemerkt: kein traditionsversteinerter Trachtenverein zu Scheinwürstl mit Kraut und Bier! Mein Bruder trug noch die langen Haare der Hippie Ära und hatte den Wortschatz voll drauf, als ehemaliger Diskjockey.

Ein Bandltanz sieht einfach aus hat's aber faustdick im Detail. In der Münchner Staatsoper erlebte ich einmal so einen Bändertanz, getanzt von einem Staatsballett im internationalen Rang: Ihr Tanz scheiterte, was aber professionell vertuscht wurde.

Der Bandltanz der Freunde meines Bruders gelang! Dazu spielte eine Kapelle mit lauter natürlichen Instrumenten und keinem "Dschingdarassabumm" (Schlagzeug) auf: Lautsprecher adee! Ringsum stand die Dorfbevölkerung und sah skeptisch zu. Wie so viele moderne Menschen wenn sie mit volksdümmeldem Frohsinn belästigt werden

Doch, im abschließenden freien Schlusswalzer öffnete sich der Tanzkreis und jede Tänzerin, jeder Tänzer griff sich einen Zuschauer und zog ihn in den Tanz mit hinein: Ob Kind, ob Omi, ob scharf geschminkte "Schickse" alle tanzten mit! Es gab keine Zuschauer mehr. Nur noch schmunzelnde und kichernde Mittänzer!

Das steckte auch die Musikanten an, die nun noch viel seelenvoller spielten. Nicht Salsa, nich Merengue, keinen Samba, keinen Irischen Shindake. Musik und Tanz, wie sie durch Menschen geschaffen wurde, die genau die Sprache sprechen, in der Ihr diesen Text lest.



BFlat

Solange diese Leidenschaft nicht meinen Füßen wehtut, gönne ich es ihnen! *g*

*zwinker* Viele Männer tanzen gar nicht ungern, sie tanzen nur nicht, weil viele Frauen den eindruch erwecken lieber einen "Fred Astaire" zu wollen als einen "Grobmotoriker" der aber mit Leidenschaft tanzt!

Ich hatte schon einmal geschrieben, dass ich leidenschaftlicher Tänzer bin, vor allem Tango Argentino. Bei dem Tanz ist der Körperkontakt potentiell sehr groß - die Frau bestimmt den Tanzabstand. Und da merkt man sehr schnell, ob sich die Körper mit der Zeit annähern (ist oft so) oder ob die Distanz groß wird und man froh ist, nach den drei Anstandstänzen sich wieder zu trennen...

Aber ich wollte noch etwas ganz anderes sagen, was mir bei 'Freistil-Tanz' ein Anliegen ist: Mir graust es davor, ALLEIN die Tanzfläche zu betreten. Ich produziere mich nicht gern allein.
Aber auch wenn dort Frauen tanzen, MIT denen ich gerne tanzen würde, geselle ich mich nur selten dazu. Denn meine Erfahrung ist, dass man dann meist in der Nähe dieser Frau ALLEIN tanzt. Irgendwann verdrückt sie sich dann...

Ich wünsche mir, dass eine Frau (oder mehrere), die gern auf die Tanzfläche möchte(n), nicht einfach losstürmen und den Mann stehen lassen (Ob er denn auch kommt?), sondern ihn eben fragen, ob er mitkommt. Und dann auch MIT ihm tanzen (Augenkontakt, in Tanzbewegungen aufeinander eingehen...), und wenn sie aufhören wollen, das auch eben mitteilen!

Das mal so aus meinem Seelenleben.

Tanzen ist doch einfach toll, Männer die tanzen können sind auf Partys mit Musik mehr als begehrt - ich muss meinen immer ausleihen *zwinker*

Warum viele Männer nicht wollen kann ich nur schwer verstehen, vielleicht liegt es ja daran, dass Frauen oft schon ein Stückchen weiter sind und den Männern keine Chance lassen es in Ruhe, auf ihre Art, zu lernen?

Außerdem scheint mir, dass viele Frauen sich nicht so wahnsinnig gut führen lassen, was die Männer verunsichert bzw. viele können selbst in Tanzkursen nicht wirklich führen.

Also vielleicht eine Mischung aus sie meckert, weil sie schon besser ist und sie lässt sich nicht anständig führen?!

Ich finde, tanzen macht dann Spaß, wenn man miteinander harmoniert und sich aufeinander einlässt, der Tanz zur Musik passt und im Rhythmus getanzt wird (dann brauch ich auch keine großen Figuren) und man am Besten auch noch im Fluss ist mit den anderen drumrum (keine Tanzflächen-Rowdies).

Oh und zu der Frage, warum so wenige Frauen sich in Moshpits wagen ist meine Antwort: Ellenbogen und leider manchmal Schlägertypen! Ich bin nur 1,60, wenn da nur ein Depp dabei ist, was denkst du wo ich die hab?! Das ist weit weg von Spaß für mich *ggg* Ansonsten (im Freundeskreis oder bestimmten Locations) immer gern *zwinker*

  • Neu hier? Kein Problem!
Danksagung
Der Beitrag ist in "DAS MAGAZIN" erschienen. Die Wochenendbeilage von vier Tageszeitungen in der deutschsprachigen Schweiz, die im Tamedia-Verlagshaus publiziert wird, hat uns den Beitrag freudlicherweise zur Verfügung gestellt. Wir danken der Redaktion und dem Autor Reto Hunziker.
Die Tanz-Gruppe
Hier könnt ihr euch rund ums Thema Tanzen austauschen.
zur Gruppe
Tanzen im Form