Tanzen ist ein Lebensgefühl und eng mit Erotik verbunden. Es befreit und macht Spaß. So sehen es viele, aber eben nicht alle. Für die Mehrheit der Männer ist Tanzen der pure Krampf, weshalb sie auch lieber den ganzen Abend am Bartresen lediglich ihren Kopf im Rhytmus der Musik bewegen.
Aber warum sträuben sich so viele Männer gegen das Tanzen? Und was motiviert sie, sich dann doch ab und an auf die Tanzfläche zu wagen? Reto Hunziker, Reporter bei der Züricher Tageszeitung "Tages-Anzeiger" versucht in dem folgenden Beitrag Erklärungen und Antworten zu finden.
Sind Männer nicht fürs Tanzen geschaffen?
Ein junger Mann zuckt mit dem Bein und streckt die Finger in die Luft. Ein anderer hopst herum, als sei er gerade auf einen Reissnagel gestanden. Daneben reibt sich sein Kollege so heftig an einer Frau, als wolle er ihr die Kleider vom Leib scheuern. So sieht es meist aus, wenn Männer zu tanzen versuchen. Ein erbärmlicher Anblick. Und die meisten von uns wissen das. Doch das sind lediglich die Symptome eines verkrampften Verhältnisses zum Tanz.

Denn eine Frau verleiht beim Tanzen ihren Gefühlen Ausdruck, lässt Frust ab, hat Spass. Ein Mann allerdings, der keine Frau anbaggern will, nicht betrunken oder schwul ist, tanzt nicht. Zumindest nicht freiwillig. Oder kennen Sie einen Mann, der sich aus eigenem Antrieb "Dirty Dancing" angesehen hat? Sehen Sie, und genau gleich verhält es sich mit dem Tanzen selbst. Vielleicht ist das dumm. Unlogisch, bestimmt. Schade, mit Sicherheit. Doch wir haben unsere Gründe.
Mein Kreuz mit dem Tanz fing schon früh an, kaum hatte ich ein Schamgefühl entwickelt. Als in meiner Primarschulzeit an einem sogenannten Fez getanzt wurde, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Also rannte ich vom einen Ende der Tanzfläche zur anderen, hin und her. Und dachte, ich hätte damit meine Schuldigkeit getan. Aber eben: Schuldigkeit. Kein Gespür, kein Interesse, keine Motivation, keine Ahnung. Stattdessen dieses Gefühl, mitmachen zu müssen, weil es alle anderen ja auch tun. Und die Gewissheit, dafür nicht geschaffen zu sein.
Während für Frauen das Tanzen etwas sehr Natürliches, ja geradezu Angeborenes ist, müssen sich fast alle Männer erst damit anfreunden. Im Gegensatz zu Frauen haben sie ein kümmerliches Körpergefühl, das gerade mal Laufen, Hauen und Treten zulässt. Wenn es aber darum geht, elegant oder anmutig zu wirken, trauen die meisten Männer ihren Bewegungen nicht. Und das sieht man.
Klar gibt es Männer, die trotzdem tanzen. Wie etwa Anthony Quinn in "Alexis Sorbas". Aber die meisten haben dabei einige Promille intus. Wie Anthony Quinn in "Alexis Sorbas". Und mal ehrlich, was ist mit Alkohol schon nicht sauglatt? Betrunken hätten wir auch am Fensterputzen eine Heidenfreude - weil der Spassfaktor mit dem Alkoholpegel korreliert. Ausserdem macht der Alkohol nicht, dass wir besser tanzen können. Oder lieber. Er macht, dass es uns weniger ausmacht, dass wir nicht tanzen können. Oder wollen. Das hat aber nichts mit der genuinen, ungetrübten und offensichtlich nur bei Frauen vorhandenen Freude am Tanzen zu tun.

Warum fehlt die uns Männern? Zahlreiche Studien belegen doch: Tanzen ist gesund, tanzen schützt vor Demenz und hilft bei Parkinson. Tänzer sind besser im Rechnen, haben eine bessere Koordination. Tanzende Senioren sind vitaler und zufriedener mit ihrem Leben als nichttanzende. Alles positive Abfallprodukte, aber längst keine Motivation. Wir Männer suchen vergeblich nach Gründen, warum wir tanzen sollten. Meist finden wir diese "nur" in den Frauen.
Einziges Ziel beim Tanzen: Sex
Ob Single oder nicht, Männern, die sich trotz mangelndem Talent zum Tanzen durchringen, kann es nur darum gehen, den Frauen zu gefallen oder ihnen (und nicht etwa sich selbst) einen Gefallen zu tun. In beiden Fällen ist das Ziel dasselbe: bei der Frau zu landen. Kurz: Sex. Nicht ohne Grund wirkt vieles, was heute als Tanz bezeichnet wird, wie eine sexuelle Trockenübung. Soll noch einer sagen, es gehe nicht eigentlich um etwas ganz anderes, wenn zwischen zwei Menschen nicht mal mehr die Hand einer Anstandsdame passt.

Tanzen ist da doch nur Mittel zum Zweck, ein Umweg sozusagen. Denn wenn wir Männer mit dem Tanzen sowieso nur bezwecken wollen, dass eine Frau (sei sie schon erobert oder noch zu erobern) mit uns ins Bett steigt, könnten wir sie ja gleich ganz plump danach fragen. Wir glauben aber zu wissen, es käme besser an, wenn wir so tun, als würde es uns Spass machen, uns möglichst sinnlich zu Musik zu bewegen. Wie verlogen!
Mal ehrlich: Was bringt uns denn das Tanzen, wenn nicht körperliche Annäherung? Solange es für uns weder entspannend noch befreiend ist — und wenn Frauen dabei sind, ist das nur schwer möglich, da wir dann gezwungenermassen zum natürlichen Balzverhalten neigen —, hat das Tanzen doch gar keine Funktion. Und Dinge, die keine Funktion haben, können wir Männer gar nicht leiden.
Und dann erst dieser Konformismus: Wollen wir, dass es Frauen gefällt, wie wir tanzen, dürfen wir uns nicht so bewegen, wie wir gerne würden. Vielmehr ist Kompatibilität gefragt. Wie man zu einer gewissen Musikrichtung tanzt, ist vorgeschrieben — dadurch, wie alle anderen dazu tanzen. Das Diktat der Masse, wenn man so will. Wer "aus der Reihe tanzt", wird mit schiefen Blicken abgestraft und isoliert. Die Redewendung kommt nicht von ungefähr. Wissenschaftler wollen sogar herausgefunden haben, dass am besten ankommt, wer den Tanzstil seines Gegenübers kopiert. Da haben wir es doch: Tanzen ist ein einziger Zwang. Von wegen gefühlvoll und instinktiv, tanzen bedeutet vor allem: Regeln, Normen, Konventionen. Vom Paartanz ganz zu schweigen, der nennt sich nicht ohne Grund auch Standardtanz.
Kein Wunder, dass Männer angesichts dieser totalen Unterwerfung eine Ladehemmung entwickeln.
Verräterische Körpersprache
Das Schlimmste kommt ja noch: Tanzen ist Kommunikation , nonverbale notabene. Und das kann verhängnisvoll sein. Denn wie (schon wieder) Studien beweisen, können Frauen anhand seines Tanzes sehen, wie stark ein Mann ist, da starke Männer besser tanzen (oder zumindest für Frauen attraktiver sind). Frauen sehen, wie selbstsicher ein Mann ist. Wie locker, wie zufrieden. Das ist mehr, als ein ganzes Facebook-Profil über jemanden aussagen könnte — und macht das "Geschwofe" äusserst heikel. Denn hossa!, haben wir vielleicht etwas preisgegeben, was wir gar nicht wollten. Oder selbst nicht einmal wussten. Als würden Männer nicht schon genug in kommunikative Fettnäpfchen treten; wie soll das erst funktionieren, wenn wir unseren Körper als unser Sprachrohr benutzen?

Der britische Psychologe und Ex-Profitänzer Peter Lovatt behauptet sogar, Männer sehen einer tanzenden Frau unbewusst an, ob sie gerade einen Eisprung hat oder nicht. Gemäss dem Wissenschaftler Nick Neave sendet ein Mann beim Tanzen Signale über seine Gesundheit, Stärke und Fähigkeiten zur Fortpflanzung aus. Ich will gar nicht wissen, was Frauen an mir alles ablesen können. Bewege ich die Hüften nur wenig, gebe ich dann den Frauen zu verstehen, dass ich kaum ein Kaminfeuer hinbekomme? Enthülle ich, wenn ich meine Arme in die Luft werfe, dass ich lieber einen flacheren Bauch hätte? Falls ja, ist kein Passwort, kein Pincode mehr sicher. Denn wir wissen nicht, was wir tun. Respektive kommunizieren.
Was nützen uns all die Statussymbole, wenn unser Innerstes beim Tanzen nach aussen dringt? Wir wollen nicht so viel verraten. Wir wollen nicht reduziert werden — und schon gar nicht auf etwas, das wir überhaupt nicht beherrschen. Wir wollen nicht, dass man uns ansieht, wie gut wir im Bett sind, wie viel wir verdienen oder dass wir Céline Dion mögen. Wir wollen keine Schwäche zeigen, die wir nicht ausdrücklich zeigen wollen, wollen nicht verwundbar sein, ohne zu wissen wie und warum. Darum tanzen wir nicht.
Frauen könnten nun das Gefühl haben, das seien alles faule Ausreden. Schon möglich. Aber sie sollten eines bedenken: Wie schlimm muss es für einen Mann sein, wenn er solche Ausreden nötig hat.
So paradox es klingt. Damit wir Männer die Freuden des Tanzens erleben können, braucht es reine Männer-Tanzschuppen und exklusive Frauen-Tanzklubs. Dann könnte es endlich um die Sache selbst gehen, ohne Hintergedanken. Der Tanz würde nicht mehr von unserer Libido instrumentalisiert, wäre kein Zwischending, kein Zwang, kein Grund für Missverständnisse. Wir Männer hätten niemandem etwas zu beweisen, müssten vor niemandem gut dastehen und könnten so endlich lernen, Spass am Tanzen zu entwickeln. Entweder wir erklären das Tanzen zur Männersache oder wir lassen es — wie bisher — besser bleiben.




