23.04.2009

Wenn man mehr als einen liebt

Frauen und Männer erzählen von ihrer Art, Partnerschaft freier zu leben

Als Sozialtherapeut und natürlich auch als Privatperson beschäftigt sich Felix Ihlefeldt seit einiger Zeit mit besonderen Aspekten des Themenfeldes "Liebe, Partnerschaft, Sexualtität". So veröffentlichte er bereits das Buch "Abenteuer Hure", in dem er Frauen interviewte, die sich nebenberuflich prostituieren. In seinem neuen Buch "Wenn man mehr als einen liebt" beschäftigt er sich nun mit Lebensentwürfen fernab der "üblichen" monogamen Beziehungen.

Der Autor

Wenn man mehr als einen liebt

Felix Ihlefeldt hat ursprünglich Theologie, später dann Sozialtherapie studiert und
arbeitet seit einigen Jahren in Berlin in unterschiedlichen Bereichen der Psychiatrie und als Krisenberater, hauptsächlich für Menschen mit Beziehungsproblemen.

Sein Interesse als Autor gilt dem Thema "Befreiung der Lust" aus dem Korsett von Konventionen und Moral. 2003 erschien sein Buch "Abenteuer Hure" in dem er Frauen interviewte, die sich nebenberuflich prostituieren und das interessante Einblicke in die Beweggründe dieser Frauen bietet.

Der Inhalt

Wenn man mehr als einen liebt

Ist Monogamie das einzig wirklich funktionierende Beziehungskonzept? Schaut man sich die Realität an, so weiß jeder, dass es mit der so genannten "Treue", unter der in der Regel monogames Verhalten zu verstehen ist, oft nicht weit her ist. Das liegt an einer Vielfalt von Gründen, zu denen nicht nur solche wie ein "Mangel an Bindungsfähigkeit" gehören, sondern auch die Überfrachtung vieler Beziehungen mit Wünschen und Sehnsüchten, die auf Dauer von einem Partner allein nicht zu erfüllen sind.

Wie aber sind Alternativen auf Dauer lebbar? Um diese Frage zu beantworten, hat Felix Ihlefeldt 26 Frauen und Männer, die funktionierende und tragfähige Alternativen leben, gesucht und gefunden. Einige leben mehr oder weniger "Offene Beziehungen" zu zweit, andere verstehen sich als Trio, wobei die Zahl "drei" dann aufgrund weiterführender Vernetzungen eher das "Kernteam" beschreibt. Mit diesen hat er biografisch angelegte Interviews in Gegenwart des oder der Partner geführt und diese "Protokolle" in lesbare Erzähltexte umgearbeitet.

Kritik

Unser Mitglied kikkert hat sich ein paar Minuten freigeschaufelt und ihre Eindrücke zu dem Buch niedergeschrieben:

Hier geht es um Beziehung und Vertrauen. Es geht um Freiheit und Verbindlichkeit. Es geht um Verwechslungen und Irrtümer, was wie notwendig oder nur aus Konvention zusammenhängt. Es geht um Aufbruch und Erweiterung der uns seit Jahrhunderten vertrauten Monogamie, die für etliche Menschen nicht mehr lebbar ist. Und vor allem geht es um Ehrlichkeit und Offenheit – mit mir selbst und mit meinem/n Partner/n.

Und dann geht es darum, mitzuerleben, daß solche – noch – ungewöhnlichen Lebensformen bereits seit vielen Jahren erprobt werden und funktionieren können!

Ein Mut machendes Buch! Ein Zuversicht weckendes Buch!

  • für alle, die suchen...
  • für alle, die haben...
  • und auch für alle anderen!

Denn den eigenen Horizont zu erweitern, tut jedem Menschen gut und verjüngt auf nachhaltige Weise... Es ist eine Einladung zu vorurteilsfreiem Begegnen und urteilsfreiem Zuhören.

Hier kommen mehr als zwei Dutzend Menschen zu Wort, die alle schon längerfristig als Paare oder Trios oder in größerem Geflecht besondere Lebensformen verwirklichen. Teils, weil sie schon immer etwas anderes suchten, als in der Umgebung vorgelebt wurde, teils, weil sie irgendwann unterwegs merkten, daß die zunächst von außen übernommenen Beziehungsmuster nicht länger für die eigene Entwicklung paßten.

Der Autor hat für die Wiedergabe dieser Erzählungen das biographisch angelegte Interview gewählt, in dem besonders gut der Aspekt der Entwicklung und Veränderung deutlich wird. Was mich sehr berührt hat beim Lesen, ist eben diese Tatsache, daß die Menschen direkt zu Wort kommen, ohne Kommentar, Zwischentext, Beurteilung.

Es ist, wie wenn ich selbst dem Erzählen zuhören würde – ganz unmittelbar. Lauter intensive Begegnungen. Lebendige Menschen erzählen von ihren Erfahrungen, von ihren Wegen, Irrwegen, Umwegen, neuen Wegen – wie sie immer mehr offen werden konnten für das Stimmige.

  • Soll denn das Leben wirklich immer einfach, schnell und bequem ablaufen? Wäre das wirklich gut?
  • Muss es Utopie bleiben, daß die Beziehungen zwischen Menschen zugleich stabil, elastisch und wandlungsfähig sein können?

Doch! Es geht! Zusammen leben! Miteinander die jetzt beste Lebensform zu entwickeln, ist möglich. Auch bei schwieriger Ausgangslage ist gute Lebensqualität schaffbar. Authentische Kommunikation ist lernbar. Es braucht allerdings viel Einsatz: intensives Engagement im Hören und Sprechen und die tiefe Bereitschaft, Krisen und Fehler als Chancen und Tore mit einzubeziehen.

Dem Autor gebührt hohe Anerkennung, daß er dieses wichtige Thema aufgreift und eine ihm adäquate Darstellungsform gefunden hat, die sowohl individuell, authentisch, lebenserprobt als auch zukunftsorientiert ist.

Mein Fazit: uneingeschränkt lesenswert!

P.S. Der kleine Dreckfuhlerkobold auf S.8 ist dabei besonders erheiternd: er hat statt "zweimal" "einmal" hingedruckt... selber nachlesen!

Leseproben

Kapitelauszug: "Wenn wir unsere Freiheit nicht hätten, könnten wir nicht heiraten."

Marina (25, Studentin) und Johannes (28, Programmierer)

Marina: Wir haben eine gute Gesprächsbasis. Ich bin so, dass ich Probleme einfach direkt anspreche. Und dann streitet man halt, aber es ist dann auch wieder gut, weil man irgendeine Lösung gefunden hat. Und das Problemlösen bin ich ja aus meiner Familie gewöhnt. Johannes brauchte mehr Zeit, sich zu öffnen und sich einzulassen. Insgesamt empfinde ich unsere Gesprächskultur als einen großen Reichtum. Von daher war es auch ein logischer Schritt, irgendwann über das Maß an Öffnung gegenüber anderen zu reden. Die Lösung lautete für uns: Mach was du willst, Grenzen sind Unsinn, aber wenn du mit jemand anderen schläfst, dann nicht in der eigenen Wohnung und auf jeden Fall verhüten. Sei ehrlich, erzähle davon und verhalte dich nach außen so diskret wie möglich. Damit ist gemeint, dass andere, die uns als Paar kennen, uns auch weiter so wahrnehmen sollen und nicht, dass dann jemand von uns auf der nächsten Party mit jemand anderem aufkreuzt. Es sollen also nur Leute erfahren, die das auch verstehen. Das hat auch ein gutes Jahr so funktioniert. Ich hatte zwei kleinere Affären, und mit einem Mann habe ich auch wirklich geschlafen. Das war so einer, der mal kurz durch mein Leben gestolpert ist und es war total easy. Wir haben uns gemocht und es war klar, dass das in keiner Konkurrenz zu meiner Beziehung mit Johannes steht.

Johannes: Ich war zu der Zeit eine Woche geschäftlich weg. Als Marina mich dann vom Flughafen abgeholt hat, war sie einigermaßen übernächtigt, denn sie hatte die Nacht mit ihm auf einem Dach verbracht und sich Berlin angeguckt. Da hatte ich das Gefühl, kaum bin ich eine Woche weg, da ist sie mit einem anderen zu Gange. Da kam schon ein bisschen Eifersucht auf. Ich fing an, mich mit dem anderen zu vergleichen. Natürlich war er größer und stärker, konnte Marina beim Tanzen auch besser heben und war insgesamt temperamentvoller. Da hat mich dann schon die Frage beschäftigt, in wie weit sie mit ihm etwas hat, was sie mit mir nicht hat. Aber umgekehrt konnte ich natürlich auch entdecken, dass sie mit mir auch vieles hat, was ihr der andere nicht geben kann. Und das wiegt viel schwerer. So wurde mir klar, dass ich keine Angst haben muss und dass Eifersucht gar nicht nötig ist. Ich glaube auch, dass ich insgesamt ziemlich wenig eifersüchtig bin. Soll es ihr doch gut gehen, solange ich nichts vermissen muss und sowieso, wenn ich verreist bin.

Marina: Wir haben natürlich immer wieder Gespräche gehabt über die Frage, wie geht es dir damit, wenn ich mich mit dem Mann treffe. Als ich dann wirklich mit ihm geschlafen hatte, bekam ich schon Schwierigkeiten bei der Überlegung, wie erzähle ich jetzt davon. Da hatte ich schon Angst, es könnte zu viel für Johannes sein. Ich selbst konnte die Dinge wunderbar voneinander trennen. Aber die Konventionen, dieses „oh Gott, ich bin jetzt fremd gegangen“, waren doch ein Stück weit in mir. Nur empfand ich das eigentlich alles ganz anders.

Johannes: Wir hatten es ja vereinbart, keine Grenzen gegenüber anderen. Aber für das Gefühl war es noch einmal etwas anderes, wenn der Fall dann wirklich eintritt. Da hat es schon etwas in mir gegrummelt. Ich fand für mich sehr gut, dass es mit den beiden langsam ging und sie nicht so schnell miteinander im Bett gelandet waren. So konnten wir uns beide emotional auch besser daran gewöhnen.

Marina: Die Affäre war auch schnell wieder vorbei. Nach einem dreiviertel Jahr habe ich dann Michael kennen gelernt. Der hat mich ziemlich beeindruckt und ich habe mich in ihn verliebt. Es kam zu etlichen Begegnungen. Das war heftig, weil von meiner Seite auch sehr viel Gefühl dabei war. Das fiel in eine Phase unserer Beziehung, die etwas schwierig war, weil es mir zu der Zeit nicht gut ging und ich überlegte, das Studium abzubrechen. Ich fühlte mich kraftlos und hatte keine Orientierung, was ich will. Und kaum ging es mir besser, begegnete mir Michael. Wir haben uns aber damit auseinandergesetzt und die Situation gut hingekriegt, denn ich habe gemerkt, wie wichtig mir Johannes ist. Wir waren ja zu dem Zeitpunkt schon ein paar Monate verlobt. Ich habe versucht mit Michael ein Stück Freiheit zu leben und bin hier ganz schnell an meine Grenzen gekommen, weil er meine Beziehung zu Johannes nicht akzeptiert hat. Er wollte mich allein für sich. Mit Johannes war es zwar auch teilweise nicht ganz einfach, aber durch unsere gute Gesprächsbasis sind wir dran geblieben. Und er hat auch von sich aus Interesse, weil er angefangen hat, sich mit „Polyamorie“ auseinanderzusetzen. Da war er auch das erste Mal ohne mich zu einem Treffen der Gesprächsgruppe und hat sich auch auf eigene Initiative in deren Mailingliste eingetragen. Dadurch hat er sich aktiv mit der neuen Situation beschäftigt. Ich habe es ganz gut geschafft, Johannes zu vermitteln, dass ich ihn liebe und dass ich die Beziehung nicht in Frage stelle. Die Frage war nicht, ob ich berichte, sondern wie viel erzähle ich. Wann ist es dem anderen genug? Wie viel Details kann ich erzählen? Das waren die Themen. Michael hat es aber überhaupt nicht für nötig gehalten, sich mit Johannes Existenz auseinanderzusetzen. Letzen Endes ist diese Beziehung genau daran gescheitert.

Johannes: Marina konnte mir in der Zeit glaubhaft machen, dass sie mich auch immer noch liebt. Ich habe dann herausgefunden, dass es blöd für mich ist, wenn sie spät abends noch nicht da war, mich mit der Frage zu beschäftigen, ob ich jetzt auf sie warten soll. Ich habe dann eben entschieden, nicht mehr zu warten.

Marina: Es ging um die Frage, wie organisieren wir es so, dass es für uns beide okay ist. Das haben wir ganz gut hingekriegt.

Johannes: Ich habe lernen müssen, auch nachzufragen, wenn mich etwas interessiert. Zum Beispiel hatte ich die Vorstellung, dass sie jedes Mal, wenn sie bei Michael war, Sex mit ihm hätte. Wogegen ich nur ein- bis zweimal die Woche mit ihr Sex hatte. Das fand ich irgendwie blöd. Als wir dann endlich darüber geredet haben, musste ich feststellen, dass die beiden nicht halb so viel Sex hatten, wie ich mir das ausgemalt hatte. Ich hatte mich nur nicht getraut zu fragen und sie nicht, es zu erzählen. Da mussten wir erst eine Linie finden, was und wie viel erzählt und gefragt werden kann.

Marina: Ich habe eine Ebene mit Johannes, dass wir mit solchen Situationen sehr konstruktiv umgehen können. So eine Außenbeziehung rückt die Themen wieder in den Vordergrund, die wir beiseite geschoben hatten. Diese Kleinigkeiten: Wer macht was und wann, wer hält was ein oder auch nicht. Plötzlich waren diese ungeklärten Dinge massiv im Weg. Verstärkt durch die andere Person. Wir haben aber den Weg gefunden, an diesen Stellen hinzusehen, was eigentlich dahinter steckt.
........

Kapitelauszug: "Schritt für Schritt und gegen jede Regel"

Gerd (47, Ingenieur) Sybille (50, Ingenieurin) und Lydia (43, Softwaretesterin)

Gerd: Das Thema der Verantwortung für den anderen ist immer da, bei beiden. In dem Sinne, dass man sich darum kümmert, dass sich der andere wohl fühlt und dann dazu auch eine Meinung hat, weil man ja ein gewisses Verantwortungsgefühl hat. Aber ich fühle mich dann nicht wie in einer Art Vaterrolle, um wie aus einer patriarchischen Sicht heraus zu sagen: „Der ist aber nichts für dich“. Sondern es ist mehr die Sicht des Freundes, der nicht möchte, dass es dem anderen schlecht geht.

Lydia: Wenn wir schon in verwandtschaftlichen Kategorien reden, dann würde ich das brüderlich – schwesterlich nennen. So fühlt sich das für mich eher an. Sybille ist für mich wie eine Schwester im Hintergrund. Und er hat mir Sybille ja auch gleich von Anfang an „mit verkauft“.

Gerd: Ja, mich gab es ja nicht allein.

Lydia: Und das hat mich auch nicht gestört. Weder bevor ich Sybille kennen gelernt hatte, noch danach. Sie war auch keine Konkurrentin für mich. Da war ich eher rückwärts auf Ulla eifersüchtig, weil er immer so fürchterlich gelitten hat. Und am Anfang hat er mich immer noch verglichen und gejammert, das war nicht so gut zu vertragen.

Gerd: Aber es muss gewirkt haben, denn sie hat ja dann gesagt: „Dir wird ich es zeigen, ich hab das noch viel besser drauf“.

Lydia: Ich bin eben auch konkurrenzorientiert, ich gebe das unumwunden zu, bei mir funktioniert das tatsächlich. Ich gewinne entweder oder gehe. Und dann fühle ich mich einfach gut.

Sybille: Mir reicht es zu wissen, dass ich die Nummer eins bin.

Lydia: Mir auch.

Gerd: Wenn man da nicht ab und zu einen Ansporn gibt, dann bewegt sich nichts. Aber es sind ja auch beide Nummer Eins.

Sybille: Und mir ist auch wichtig, dass ich nicht allein auf diesem Sockel stehe. Man könnte sagen, wir sind wir eine Familie.

Gerd: Auch wenn wir uns nicht ständig sehen. Mit Lydia treffe ich mich einigermaßen regelmäßig in Abständen von ein bis zwei Wochen oder auch ein Wochenende lang, bei Sybille ist es eher schwankend. Da gibt es Zeiten, wo wir uns drei – vier Wochen gar nicht sehen, aber dann verreisen wir zum Beispiel eine Woche zusammen.

Sybille: Früher war das regelmäßiger, als er mit Ulla zusammen war, da haben wir uns öfter in der Woche getroffen und am Wochenende war er mit Ulla zusammen. Da war irgendwie alles organisierter. Aber ich finde das jetzt nicht schlechter als damals. Manchmal mag ich ein organisiertes Leben, aber auch nicht immer.

Gerd: Ein wichtiges Thema ist ja auch die Erotik. Nicht dass wir alle drei etwas miteinander haben, aber in gewisser Weise parallel. Und es ist ganz interessant, dass wir alle drei ein Interesse daran haben, das Spektrum der eigenen Erfahrungen zu erweitern, auch Grenzerfahrungen zu machen. Mir war auch lange Zeit nicht bewusst, dass Sybille sich da ein Stück entwickelt hat und ich dann plötzlich feststellen muss, sie beschäftigt sich mit ähnlichen Dingen wie ich – also Dinge aus dem SM – Bereich.

Sybille: Und zwar ganz praktisch, nicht bloß in der Phantasie. Die hab ich sowieso wenig, ich bin ja Ingenieurin.

Lydia: Gerd interessiert beim Bondage immer das Geknüpfe, und das interessiert mich nun überhaupt nicht. Mich interessiert mehr, wie sich das im Ergebnis für mich anfühlt. Und natürlich wie es aussieht, ich bin ja ein Augenmensch.

Sybille: Da bin ich aber auch Augenmensch, also für mich muss das auch schön sein und nicht einfach nur praktisch. Auf der Gefühlsebene brauche ich immer einen Anreiz. Ich muss irgendwas sehen oder hören, was mich stimuliert, und dann kommt dabei etwas raus. Genau kann ich es gar nicht sagen, vielleicht teilweise etwas Dominantes. Ich bin aber jetzt beim SM nicht auf eine Rolle fixiert, ich wechsle da munter, je nach Stimmung und kann auch ganz schön dominant sein und will es auch. Allerdings nicht bei Gerd.

Gerd: Ich lasse mich auch nicht gut führen. Bei mir ist das ganze mehr eine mentale, emotionale Angelegenheit. Wenn ich von Grenzerfahrung gesprochen habe, dann geht es mehr um psychische Grenzerfahrung. Das ist ein Thema, mit dem ich mich schon lange beschäftigt habe. Ich habe früher sehr intensiv Karate gelernt und das ist ja für den Betrachter von außen ja mehr erst mal eine technische Angelegenheit, aber für den, der sich darin ausbildet, ist es eine Frage der inneren Einstellung, der Mentalität, der Meditation und dies hat mich damals auch gleichermaßen interessiert – ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Technischen und den inneren Prozessen zu haben. Das bezieht sich auch auf die Sexualität. Eine rein technische Sexualität zu haben ist für mich völlig undenkbar, die Frage des Erlebens und was man dabei empfindet, spielt eine sehr große Rolle. Bis hin zum Tanzen. Tango tanzen. Wo eben auch ganz klar ist, wer führt und es auch kann. Wenn die Dame nicht folgt, nützt das ganze Führen nichts. Das funktioniert eben nur, wenn da ein enges Zusammenspiel ist. Dahin zu kommen, sich durch kleine Signale klar zu machen, wer hat jetzt die Führung, wer lässt sich führen, folgt, ist viel spannender als jetzt mit Brachialgewalt zu zeigen „ich bin hier der Meister, und mehr interessiert mich nicht.“ Und so zieht sich das in allen Bereichen durch. Das ist in der Sexualität so, das ist beim Tanzen so. Es ist die gleiche Energie. Die Japaner sagen, es gibt viele Wege und alle führen zum selben Ziel. Für mich ist das Eine vertikaler Sex, das Andere horizontaler. Oder vertikaler und horizontaler Tango. Und auch da spielen ja die ästhetischen Reize eine große Rolle. Da ziehen sich die Mädels dann hübsch an, mit Netzstrümpfen und hochhackigen Schuhen.

Lydia: Das macht Gerd eben auch attraktiv, diese Haltung.

Gerd: Wenn ich mal irgendwann keinen mehr hoch kriege, dann kann ich wenigstens noch Tango tanzen. .
........

Details zum Buch

Wenn man mehr als einen liebt
Frauen und Männer erzählen von ihrer Art, Partnerschaft freier zu leben
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
Paperback
Erschienen Dezember 2008
302 Seiten
Preis: 9,90 EUR
ISBN-10: 3896028588
ISBN-13: 978-3896028587
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Kommentare


Es geht hier, weder in dem Buch noch in der Diskussion, darum, eine neue Lebensform wie eine Modeerscheinung zu propagieren (lila ist das neue schwarz und poly ist das neue mono) noch geht es darum, Leser oder Zuhörer zu überzeugen oder auch nur zu einer Stellungnahme zu animieren.

Es geht darum, Dinge einmal auszusprechen und sie aus der Tabuzone zu holen. Zu zeigen "das gibt es auch noch und es gibt keinen Grund, es zu verdammen, nur weil man es sich für sich selbst nicht vorstellen kann."

Es geht nicht darum, zu kolportieren "Poly ist jetzt hip und als Monos sind Spießer und eh von gestern."

Es geht darum, zu sagen, dass es Menschen gibt, die nicht mono empfinden und sich wünschen würden, anders als mono zu leben.

Das sind deswegen nicht alles Egomanen oder Ignoranten, das sind Menschen, die in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen eben ein wenig anders empfinden bzw. andere Prioritäten setzen.

Ich würde mir wünschen, dass man dieses Thema ansatzweise wertfrei diskutieren kann. Das wäre schön. Und ich glaube, das ist auch die Intention des Autors.

Die Rezension hat mich neugierig gemacht und ich werde das Buch auf alle Fälle lesen.
Dazu gibt es bisher noch nicht viel Literatur.
In USA habe ich schon vor über 10 Jahren eine Zeitschrift zum Thema Polyarmory gefunden.
Es ist tatsächlich so, dass es in unserer Kultur leider noch nicht normal ist, dass jeder so leben kann, wie er/sie will.
Die Angst, Nachteile z.B. im Job zu haben, wenn es bekannt wird, ist in vielen Branchen nicht unbegründet, die Wert auf einen "pseudo- seriösen" Touch legen.

Meine Familie weiss Bescheid, wie ich lebe, aber auch erst seit einigen Jahren und hat es akzeptiert. Allerdings kommt bei größeren Familienfeiern immer die etwas ängstliche Frage, wer denn mitkommt und ob wir uns denn vor den Gästen etwas zurückhalten könnten; es müsse ja doch nicht jeder merken - also letztendlich doch nicht wirklich akzeptiert....
Im Berufsleben würden sich nur alle die Mäuler zerreißen und es hätte definitiv negative Auswirkungen.

Aber ich kann nur jedem Mut machen, die eigenen Wünsche und Sehnsüchte zu leben. Es gibt tatsächlich Menschen, mit denen es klappt, auch wenn viele nur den Kopf schütteln...es kann eine Weile dauern, die richtigen zu finden, aber es lohnt sich...

Das trifft sich ja gut, ich lese das Buch auch gerade. Da ich selbst in einer offenen Viellieberei lebe, ist es interessant zu erfahren, in welchen Situationen andere stecken, wie sie an diesen Punkt gekommen sind. Für meinen Geschmack könnte der Schreibstil weniger an die gesprochene Rede erinnern, aber wen das nicht stört, der wird hier eine leichte und kurzweilige Lektüre finden.

Übrigens habe ich wegen meines Beziehungsmodells nie soziale Ächtung erfahren, aber vielleicht bin ich auch nur zu fokussiert, um sowas mitzukriegen. *zwinker*

Was jedoch ist normal, was entspricht schon im Leben vorhandenen Normen. Die Werte (Normen) die in meinem Leben wichtig sind, diese definiere ich selbst und ja, ich (wir) haben eine solche egozentrische Präsenz, dass wir anderen unsere Werte, grob gesagt, aufzwingen.

Wie schon gesagt, es ist eine Frage der Persönlichkeit und damit des Auftretens, wie die Umwelt reagiert. Es liegt in meiner Natur, dass ich sehr gut damit leben kann, nicht "Everybodys Darling" zu sein.
Die Bereitschaft dem Nachbarn Paroli zu bieten oder klare Ansagen zu meinen Wertvorstellungen zu machen, lässt viele Neider verstummen.

Unterstützung bekomme ich vom Phänomen, dass sehr viele Menschen derart harmoniesüchtig sind, dass sie ohne Zögern eigenen feste Überzeugungen über den Haufen werfen, nur um einer Auseinandersetzung zu entgehen.

Meine Schwester heiratet im September. Während der Planung der Gästeliste fragte eine Freundin meiner Schwester, warum hinter meinem Namen zwei Partner aufgeführt wären, es würde Probleme bei der Sitzordnung geben. Die Antwort meiner Schwester: "Ruf Brian an und sag ihm das der 2. Mann seiner Frau die Sitzordnung stört und dann stell mal das Telefon auf laut..." sie hat nicht angerufen! *zwinker*

Die Norm bestimmt nicht die Mehrheit, sondern der soziale Staus eines Menschen oder einer Gruppierung, die die Bereitschaft und dem Möglichkeiten besitzen, die eigenen Interessen durchzusetzen.

LG
Brian

Und selbst die Neugierde empfand ich als schwierig. Ich hatte es irgendwann satt, als bunter Hund betrachtet zu werden. Wenn ich mit dem Erzählen begann, fingen die Augen meiner Gegenüber an zu leuchten, boah wie geil, eine Frau, die sowas macht. Aber ich hatte es satt, den Alleinunterhalter zu spielen.

Es mag ja Menschen geben, die es mögen, aufzufallen und im Mittelpunkt zu stehen. Eine Weile war das auch für mich schön. Aber Normalität ist nur in Normalität möglich.
Kein Leben gleicht dem anderen

und doch versuchen wir immer wieder Gemeinsamkeiten oder ähnliche Schemata zu entdecken.

Ob und wie sich Polyamory ausleben lässt, hängt in meinen Augen sehr stark von den involvierten Persönlichkeiten ab und der Ausprägung der Beziehungsform.

Die Rolle die man selbst im Leben spielt, definiert eben auch die Position die man in seinem Umfeld einnimmt.
Wärend du, liebe @RedBitch, sagst du könntest mit deinen Eltern nicht über deine Beziehungen reden, da du schon von vorne herrein die schwierige Tochter warst.

So ist genau der Punkt, dass ich das schwarze Scharf der Familie bin, mein treuer Verbündeter wenn es um die Akzeptanz meiner Beziehung geht. Keinem anderen in unserer Familie würde man ein solches Beziehungschaos zutrauen, also wundert sich nicht wirklich.


Unsere Beziehung zu Dritt lebt nun schon über 2 Jahre und ich kenne niemanden der die Beziehungsform Polyamory rundweg ablehnt.
Nicht die ev. Kirche zu der meine Mutter eine starke Bindung hat,
nicht der Freundeskreis, der vielmehr den Hang hat die Beziehung zu glorifizieren oder die sonstigen sozialen Bindungen.

Ehrliche Neugier ist die Reaktion die uns überall entgegengebracht wird. Egal ob wir in Italien im Hotel erklärt haben, dass wir nur ein Doppelzimmer mit einem Bett brauchen oder ob wir im Schweriner Alltag und Nachtleben deutlich nicht monogame Tendenzen ausleben.

Unser Leben zu Dritt ist dauerhaft, glücklich und Normalität.

LG
Brian

Offenheit hin oder her. Ich lebe in einer Großstadt, und man sollte meinen, dass man hier mit Poly weniger Probleme hat. Aber weit gefehlt.

Es ist schon ein paar Jahre her, da heftete mein Nachbar deutlich sichtbar ein gelbes Post-it-Zettelchen an meinen Briefkasten im Hauseingang, mit dem er mich bat, meine "Sexorgien" mit den unterschiedlichen Partnern doch etwas leiser ablaufen zu lassen. Da in diesem Haus nicht nur meine Nachbarn verkehren, sondern durch einen Praxis auch Hinz und Kunz kommt und geht, fand ich das überhaupt nicht so witzig.

Meine damals beste Freundin wendete sich von mir ab, als sie erfuhr, dass es mehrere Männer gab. Nun werden einige sagen, dann kann es keine so gute Freundin gewesen sein. Mag sein. Geschmerzt hat es dennoch.

Meinen Eltern gegenüber konnte ich nie die Wahrheit sagen, wenn es um meine Beziehung geht. Familienfeiern etc. waren schwierig, und insgesamt war ich die schwierige Tochter, die nichts erzählt und über die man sich Sorgen machen musste, denn sie war ja so "wild".

Das sind nur 3 Beispiele. Alles Pillepalle, nichts, mit dem ich nicht klargekommen wäre, aber es waren Hindernisse. Und die Vielzahl dieser Hindernisse erschwert diese sowieso nicht einfache Lebensform ungemein. Es kostet viel Kraft und eine harte Schale, damit klarzukommen.

Einige Punkte, die Du schreibst, sind ja recht stichhaltig. Aber ich habe den Verdacht, dass viele Menschen so sehr in der klassischen Denkhaltung verwoben sind, dass echte und vermeintliche Widerstände leicht verwechselt werden. Ich kann mir z.B. nicht vorstellen, dass es gelingt, jemandem das Sorgerecht für ein Kind zu entziehen, nur weil er/sie mit mehreren Partnern lebt. Das geht nämlich niemanden etwas an, auch kein Gericht, solange das Kind darunter nicht leidet.

Ich glaube es ist eher mit Angst zu vergleichen, wenn Menschen nicht zu ihren Veranlagungen/Wünschen etc. stehen können. Damit meine ich nicht, dass man jedem auf der Straße brühwarm seine initimsten Gedanken erzählen soll. Aber wenn man wirklich Poly leben will, sollte das kein Problem sein. Übrigens gibt es seit Jahrzehnten massenhaft WGs, in denen Menschen zusammen leben. Ob die eine Liebesbeziehung haben oder nicht, interessiert doch auch niemanden. Meinen beruflichen Werdegang hat das nicht beeinflusst.

Viele Grüße
Jürgen

Hi Jürgen,

natrlich ist es nicht verboten, ausser man möchte diese Beziehungsform auch in eine rechtlich tragfähige Form bringen. Wofür es natürlich auch gute Gründe gibt - siehe z. B. gemeinsames vermögen, gemeinsame Kinder, was ist wenn einer der Partner schwer erkrankt - nicht verheiratete Lebenspartner haben z. B. kein Auskunftsrecht in Kliiniken usw ... deswegen haben ja auch Homosexuelle so darum gekämpft gleichgeschlechtliche Beziehungen "legalisieren" zu können. Für viele ist das sicher ein wichtiger Punkt.

Und die gesellschaftliche "Ächtung" verhindert sicher so manches polyamore Beziehungsgeflecht. Für viele ist es z. B. nicht möglich mit zwei Partnern wirklich zusammenzuleben, weil sonst der Expartner und Elternteil gemeinsamer Kinder diese Situation ausnutzen kann um das alleinige Sorgerecht zu beantragen, im schlimmsten Fall sieht man dann seine Kinder nicht mehr. Sehr viele befürchten (vermutlich zu Recht) berufliche Nachteile, wenn sie offen poly leben. Insofern ist da schon noch einiges zu tun.

Aber im Prinzip gebe ich Dir recht - man sollte sich nicht so viel draus machen, meist dürften die Folgen weniger gravierend sein als befürchtet. Ich lebe das mitten im tiefkatholischen Grenzgebiet zwischen Ober- und Niederbayern sehr offen, das geht. Viele der oberflächlicheren Kontakte die amn übicherweise so hat dünnen dann allerdings doch deutlich aus. Aber noch wechselt niemand die Strassenseite bei meinem Anblick und ich sorge sicher für so manche genussvolle Tratschorgie *haumichwech*

Würzigen Gruß
die Herbe

Wieso wird Poly nicht deguldet ? Ich wüsste nicht, dass es in irgendeiner Weise verboten wäre ?

Also bleibt nur der gesellschaftliche Druck. Aber sollte man sich wirklich so viel daraus machen ?

Grübelnd grüßt

Jürgen
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