„Das Leben kann man nicht in literarische Gattungen unterteilen. Es ist ein erschreckender, romantischer, tragischer, komischer, Science Fiction-Western-Krimiroman. Mit ein bisschen Glück kommt auch ein wenig Pornographie drin vor.“
In dem von Alan Moore geschriebenen und von seiner jetzigen Ehefrau Melinda Gebbie grafisch umgesetzten Projekt „Lost Girls“ präsentieren die Beiden nun eine Vision, die den Anteil an Pornographie in unser aller Leben auf stilvolle Art und Weise zu erhöhen versucht, indem man Pornographie und Kunst verband und dabei der weiblichen Perspektive den Vorrang gab.
Unser JOYclubmitglied Witty möchte euch fortfolgend dieses ehrgeizige Projekt genauer vorstellen.
- Inhaltsverzeichnis
- Die Kreativen
- Kritik
- Fazit
- Leseprobe
- Details
- Kommentare
Die Kreativen
Melinda Gebbie wurde am 7. Mai 1956 in San Francisco geboren und machte sich Anfang der 70er Jahre mit dem feministischen Comic-Magazin „Wimmin’s Comix“ einen Namen in der amerikanischen Comic-Underground-Szene. Es folgten weitere Arbeiten für verschiedenste Comic-Projekte wie „Tits&Clits“, „Wet Satin“ und „Anarchy“ sowie die Entwicklung eines eigenen Projektes, namens “Fresca Zizis”, das 1977 erstmals veröffentlicht wird und aufgrund der Darstellung pornographischer Inhalte einen handfesten Skandal auslöst.
1984 verlässt Gebbie Amerika in Richtung Großbritannien, wo sie unter anderem in der Animationsabteilung des post-apokalyptischen Zeichtrick-Dramas „Wenn der Wind weht“ mitarbeitet. Mit Alan Moore beginnt sie 1990 die Arbeit an dem Langzeit-Projekt “Lost Girls”, das 2006 veröffentlicht wird.
Alan Moore gilt als einer der größten und einflussreichsten Comicautoren unserer Zeit und wird von vielen als Mitbegründer und Hauptvertreter der Graphic Novel angesehen. Sein Hauptziel war es immer, das Medium Comic endgültig als anerkannte Kunstform zu etablieren.
1953 im englischen Northampton geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, schlug er sich zunächst als Hilfsarbeiter durch, bevor 1979 sein erster Comic-Strip „Roscoe Moscow“ in der Musikzeitschrift „Sounds“ veröffentlicht wurde. Zu dieser Zeit zeichnete er sogar noch selbst, gab dies aber bald auf, um sich vollkommen auf das Schreiben konzentrieren zu können. Seine Kreationen „Miracleman“ und „V wie Vendetta“ zeugen bereits von seinem unglaublichen Talent, was die „Swamp Thing“ Reihe nur unterstrich.
Die bahnbrechende zwölfteilige Serie „Watchmen“, prägte das Genre der Superhelden-Comics nachhaltig und führte in die ach so simplen Superheldengeschichten eine Metaebene ein, die in ihrer Komplexität und Selbstreflexion niemand jemals in einem Superheldencomic erwartet hätte. Fortan pendelt Moore zwischen ambitionierten Graphic Novels wie „From Hell“ und phantasievollen Superhelden-Comics hin und her.
1988 legte er „The Killing Joke“ vor, für viele Leser die beste Batman-Story aller Zeiten. Es folgen Werke wie „Brought to Light“, „Top 10“, „Tom Strong“ oder „The League of Extraordinary Gentlemen“. Die Arbeit an dem umfangreichen „Lost Girls“ Projekt bringt ihn mit Melinda Gebbie zusammen.
Beide heiraten am 12.5.2007 und leben heute in Mittelengland.
Kritik
Bevor ich mir „Lost Girls“, eine opulente, dreibändige, erotische Graphic Novel im schmucken Schuber, zulegte, hatte ich bereits mehrere Interviews mit den beiden Autoren gelesen. Es gab Interessantes zu erfahren: klassische Pornographie, so die Autoren, wurde erschaffen für Männer mit geringer Vorstellungskraft. Frauen (und bestimmt auch einige Männer?!) möchten jedoch auch intellektuell und ästhetisch angesprochen werden. Und so kommt man bei "Lost Girls" nicht umhin, sich auf eine durchaus anspruchsvolle und herausfordernde Handlung mit viel Text einzulassen.
Dreißig Kapitel zu je acht Seiten binden zahlreiche kulturhistorische Momente mit ein, die zum Weiterforschen einladen. Auch sollte das Geschehen befreit werden von den vielfach üblichen Angst- Macht- und Entwürdigungskonstellationen, die Frauen als verfügbares und unterwürfiges Objekt degradieren. Sex soll Freude bereiten, Sex soll einvernehmlich stattfinden und wird hauptsächlich von den Frauen bestimmt.
So kommt die ganze Bandbreite ekstatischer Erfahrungen vor: Sex mit dem anderen und / oder dem gleichen Geschlecht, oral, vaginal, anal, eine muntere Orgie gibt es im dritten Band auch. Das alles wird in sorgfältig und liebevoll mit der Hand gezeichneten Darstellungen umgesetzt.
Details sind wichtig: die Ausgestaltung der Umgebung, Texturen und Empfindungen, die sich in einer veränderten Farbgebung wieder finden, die Bedeutung von Körpersprache, die Art, wie Bewegungen der Hände und leichte Veränderungen in der Körperhaltung Empfindungen und Botschaften widerspiegeln. Das alles ist weit entfernt von der kühlen und lupenartigen Sezieroptik handelsüblicher pornographischer Bilder.
Drei weibliche Hauptdarstellerinnen, alle grundverschieden von ihrer Wesensart her, und in unterschiedlichen Lebensabschnitten (ca. Mitte zwanzig, Mitte dreißig und über sechzig Jahre alt), treffen in „Lost Girls“ aufeinander. Im Jahre 1913, in einem österreichischen Hotel, das inmitten unheilvoller Vorzeichen des herannahenden ersten Weltkriegs als (zunächst) geschützter Ort erscheint – als eine Art Insel für die fabelhafte Welt der Lost Girls.
Die drei Frauen, die sich im Verlauf gegenseitig erotische Erlebnisse berichten und sich auch ausgiebig miteinander vergnügen werden, erscheinen einem merkwürdig vertraut und bald schon wird klar, warum: sie alle sind uns schon einmal begegnet, allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang und in jüngeren Jahren – als Heldinnen klassischer Kinderliteratur: sie finden sich in der "Zauberer von Oz" (Dorothy), "Alice im Wunderland" (Alice) und "Peter Pan" (Wendy). Alles Bücher, die stark mit phantastischen und träumerischen Elementen arbeiten.
Moore zieht hier geschickt die Fäden und interpretiert die Klassiker neu. Nun, im Erwachsenenalter, erleben die Frauen ihre Begegnung als schicksalhaft und erkennen eine Seelenverwandtschaft, die mit der dramatischen Schwellenüberschreitung, die sie in Kindheitsjahren erlebten, zusammenhängt, und die, so die Neuinterpretation, wiederum mit dem Erwachen der weiblichen Sexualität verbunden war.
Peter Pan ist für Wendy derjenige, der den Weg zur Sexualität ebnet. Alice erlebt einen Missbrauch, bleibt im Verlauf dem eigenen Geschlecht treu und sucht sich, trotz Traumas, Wege für ihr sinnliches Empfinden. Als nahezu revolutionär empfinde ich die Umsetzung des weiblichen Orgasmus in der Geschichte von Dorothy – der Wirbelsturm, der sie im Original nach Oz bringt, ist in „Lost Girls“ die Initiation hinein ins weibliche Lustempfinden. Ganz klar meine Lieblingsstelle in dem Buch, brillant geschildert!
Dorothy tritt als emanzipierte und freigeistige Frau auf, die mit großer Lebendigkeit ihre sexuellen Bedürfnisse auslebt – gleich zu Beginn des Buches lässt sie sich freudig auf den bisexuellen Schuhfetischisten ein, der ebenfalls Gast des Hotels ist (und der seine sexuellen Energien zum Schluss quasi ins Groteske verkehrt, indem er, seine Soldatenstiefel ekstatisch überstreifend, in den Krieg eilt).
Wendy wiederum begegnen wir als Frau, die in einer drögen, lustlosen Ehe gefangen ist, und von ihrem Mann nur noch als „altes Ding“ bezeichnet wird (obgleich er wesentlich älter ist als sie), und sie als sexuelles Wesen nicht mehr wahrnimmt – man muss schmunzeln, wenn sie ihre wieder entdeckte Lust auslebt und ihr Mann (der sich derweil homoerotischen Abenteuern zuwendet) dieses vollkommen fehl interpretiert und blind bleibt für die große Lust seiner Frau.
Fazit
Lost Girls schafft es, der Sexualität wieder einen Hauch von Magie, des Besonderen und des zutiefst Menschlichen zu verleihen, indem es voller Respekt und Hochachtung mit seinen Charakteren umgeht. Es ist ein außergewöhnliches Comicwerk, ein erotisches Bilderbuch für Erwachsene, das zugleich auf der Textebene für sinnliche Momente sorgt.
Nicht alles wird jedem gefallen, und die ein oder andere Darstellung mag für Diskussionen sorgen, grundsätzlich aber hat das Buch meine hohen Erwartungen erfüllt. Es wäre schön, wenn es mehr solcher anspruchsvollen erotischen Graphic Novels geben würde! Wer die übliche Massenpornographie im hohen Maße konsumiert, der wird an „Lost Girls“ keine Freude haben. Alle anderen werden immer wieder in dem Buch blättern, immer wieder neue Facetten entdecken und mitunter mag es ihnen dann so ergehen wie Dorothy (Bd.3, Kap. 21, S.6):“Ich glaube, ich setz mal kurz aus und wisch mich trocken…“ Die Gedanken sind frei.
Leseprobe
Alle Bilder sind durch Klicken auf ein lesbares Maß vergrößerbar! Copyright aller Bilder: Cross Cult.
Details
Lost Girls
Graphic Novel
Album - 3 Alben im Schuber (Hardcover)
Alan Moore und Melinda Gebbie-Moore
336 Seiten
Verlag: Cross Cult
Verlagswebseite
Erscheinungstermin: Mai 2008
ISBN: 978-3-936480-00-9
Preis: 75 Euro.



















