Die Protagonistin von Kurze Nächte heißt Eva und ist eine arbeitslose Architektin, gefangen im Kampf mit dem alltäglichen Hartz-IV-Wahnsinn. Um sich abzulenken, frequentiert sie die Tanzflächen und Bars Berliner Szeneclubs ebenso wie die Betten von Tom, Kolja und Wolf.
Mit trockenem Humor erfasst die Autorin Anna Blumbach die Zwiespältigkeit ihrer Heldin Eva und beschreibt authentisch und lebensnah eine Frau, die sich von ihrer wilden Jugend noch nicht ganz verabschieden mag und der Zukunft mal misstrauisch, mal neugierig entgegensieht. Wir stellen euch den Roman vor.
Die Autorin
Anna Blumbach wurde 1970 in Berlin geboren. Sie arbeitete als Designerin und freie Autorin in den Metropolen Deutschlands. In Berlin entwickelte sie ihre Vorliebe für gute Weine und erotische Texte und kam zu ihrem Hund namens "Hund".
Nach einem aufregenden Leben als Single in der Großstadt wohnt Anna Blumbach heute mit Kind und Hund in Brandenburg auf dem Land. "Kurze Nächte" ist ihr erster Roman.
Vier Fragen an die Autorin
- JOYclub: Anna Blumbach, Sie haben einen erotischen Roman geschrieben. Was gefällt Ihnen an diesem Genre?
Es hat mich gereizt, ein Buch zu schreiben, in dem Sex, wie im wirklichen Leben, manchmal einfach so passiert. Es geschieht sehr viel mit den Menschen, wenn sie Sex haben, und das genauer unter die Lupe zu nehmen, interessiert mich.
Mir würde es keinen Spaß machen, etwas zu schreiben, das nur auf eine Sexszene hinauslaufen soll. Das wäre für mich nur ein simpel gestrickter Porno. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die aus dem realen Leben stammen könnte, mit allen schönen Erlebnissen und Rückschlägen, die dazugehören.
- JOYclub: Dies ist ihr erster erotischer Roman. Haben Sie schon andere erotische Texte geschrieben?
Mit Anfang zwanzig habe ich den ersten richtig versauten Text geschrieben. Nachdem ich einen Job als Chat-Agentin in einem Single-Treff angenommen hatte, habe ich ganz schnell mitbekommen, was da so im privaten Raum hin und hergeflüstert wird. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, welche Macht Worte haben können, wenn das Gegenüber sich darauf einlässt - und auch meine eigenen Reaktionen darauf fand ich spannend.
Nach einigen Kurzgeschichten ist dann Jahre später mein erster Roman entstanden, dessen Handlung in den "wilden Neunzigern" in Berlin spielte, die ja (leider) Schnee von gestern sind. Also habe ich dann mit "Kurze Nächte" angefangen, und dieses Buch ist jetzt sehr aktuell, urban, sexy und romantisch.
- JOYclub: Was macht eine Szene für Sie erotisch?
Erotik beginnt, wenn ich Lust habe, mich auf eine Szene einzulassen und "dabei" zu sein. Was genau diese Offenheit verursacht? Vielleicht hat man in diesem Moment einfach nur Lust drauf, angeturnt zu sein; und an einem anderen Tag würde einen dieselbe Szene nur kalt abduschen.
Jeder Mensch hat seine eigene Erotik, jeder wird durch andere Dinge angeregt. Evas Tanz mit Sergej und Vadim im Russenclub finde ich persönlich unendlich sexy. Warum? Weil sie Sergej dort in aller Öffentlichkeit, aber dennoch heimlich, sehr intim berührt. In dieser Szene würde ich gern mit ihr tauschen. Vielleicht ist es das, was als erotisch beim Leser ankommt: wenn man tauschen wollen würde.
- JOYclub: Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Werden Sie weiter erotische Literatur schreiben?
Rosig! Nein: Glitzer-Pink! Goldig. Spaßig. Aufregend! Aber auch: Anstrengend. Gruselig. Arbeitsam. Also auch nicht anders als sonst. Mich erwartet der alltägliche Wahnsinn. Aber das ist schon okay, weil: Ich muss ja immer wieder aufstehen, um zu leben, bevor ich mich hinsetzen kann, um weiter auch erotische Literatur zu schreiben.
Inhalt
Das Liebesleben junger Akademikerinnen zwischen Großstadt-Bohème und Familienpflichten: Eva ist eine gestresste, halb alleinerziehende Mutter und fühlt sich schnell überfordert, wenn gleichzeitig die Wäsche gewaschen, ihr Sohn Lasse von der Schule abgeholt und eingekauft werden muss. Aber wenn Lasse bei seinem Vater ist, fällt sie gern wieder in ihre Berliner Neunzigerjahre-Party-Vergangenheit zurück. Und dann sind da auch noch diese Männer …
Hin und hergerissen zwischen Vergnügungslust und Alltagsfrust, zwischen finanziellen Engpässen und einer Berliner Bohème, wo es von Überlebenskünstlern nur so wimmelt, versucht Eva, ihren eigenen Platz zu finden.
Wir haben unser Mitglied leon_83 gebeten, uns ein paar Worte zum Buch zu schreiben. Hier seine Eindrücke:
Kritik
Der Debütroman "Kurze Nächte" von Anna Blumbach erzählt die Geschichte der arbeitslosen Architektin Eva. Wie der Klappentext treffend beschreibt, handelt die Geschichte von Liebeslust und Alltagsfrust. Alltagsfrust deshalb, weil Eva mit Hartz 4 gerade so über die Runden kommt. Sie meistert aber ihren Alltag mit großer Hingabe. Sobald es Abend wird und Eva um die Häuser zieht, um ihre amourösen Abenteuer zu erleben, kommt Liebeslust ins Spiel. Drei Männer verdrehen Eva in dem Buch gehörig den Kopf.
"Kurze Nächte" wurde sehr umgangssprachlich verfasst. Die ersten Seiten des Buches, sind gefüllt mit Dialekt und Umgangssprache. Dies entwickelt aber nach ein paar Seiten einen durchaus interessanten Charme. Die Sexszenen in Blumbachs Werk werden sehr realistisch beschrieben und reichen von ganz zart bis richtig heiß.
Der Roman stellt Ausschnitte des Berliner Alltagslebens von Eva dar. Im Verlauf des Buches ist es der Autorin gelungen, einen spürbaren Wandel der Protagonistin zu schaffen. Am Beginn des Buches betrachtet sich Eva als einen selbstmitleidigen und gescheiterten Menschen. Am Ende entwickelt sie sich jedoch zu einer Person, welche ihre Mutterschaft und ihre Männerkontakte als einen großen Gewinn betrachtet und ihr Leben in die Hand nimmt.
"Kurze Nächte" ist meines Erachtens ein sehr sympathisch verfasstes Buch und vor allem für diejenigen geeignet, die auf der Suche nach kurzweiliger Unterhaltung mit einem Schuss Erotik sind.
Leseprobe
Er zieht mich aus dem Laden raus auf die Straße, na gut, dann eben draußen ein Bye-bye, ein nettes Wort und Tschüss. Da drückt er mich gleich an die Wand und will mich küssen. Ich will nicht, drehe mich weg, will wieder rein. Er hält mich fest und zieht mich zurück. Er will mich wieder küssen.
Ich muss da ganz schnell raus aus dieser Nummer, nur hat er mich wirklich fest im Griff, seine Arme fixieren meine unter seiner Jacke, und ich müsste jetzt wirklich eine echte Szene veranstalten. Und um eine richtig echte Szene zu veranstalten, dazu müsste ich richtig und in echt und ganz ehrlich hier wegwollen, aber es fühlt sich zu gut an dafür, zu gut, um diesen ganzen guten Gefühlen gegenüber einen künstlichen Gegenwillen aufzubringen.
Also küsse ich ihn zurück und lache dabei. Er sagt, ich soll nicht lachen, gibt sich dann richtig Mühe beim Küssen … und ich bin verwundert, dass er schon jetzt sehr viel besser küsst als diese anderen beiden.
Seltsam, wie gut sich der warme Körper eines anderen Menschen am eigenen Körper anfühlen kann, selbst, wenn man sich gar nicht kennt, selbst, wenn man eigentlich gar nicht wollte zuerst, selbst, wenn man gar nicht scharf drauf war am Anfang. Das muss ein Instinkt sein: Körperwärme = schön! Lippen auf Lippen = schön! Haut auf Haut und warmer Körpergeruch = alles schön!
Ich frage ihn, ob er mit fünf Leuten in einem Zimmer schläft. Er sagt nichts. Ich sage, ich will gehen, und er lässt mich endlich los. Statt meine Klamotten zu holen, setze ich mich an die Bar und bestelle noch ein Bier. Ich muss nachdenken, aber der Kleine lässt mich einfach nicht.
Buchdetails
Kurze Nächte
ANAIS Band 7
Von ANNA BLUMBACH
Roman, 288 Seiten, Paperback
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf / ANAIS
Erstveröffentlichung: 15. März 2009
ISBN 978-3-89602-555-5
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