Über BDSM gibt es ja so einige Bücher: Romane, Kurzgeschichten, Lexikas und auch Ratgeber. Auch das neue Buch von Christoph Brandhurst "Kinky Sex. Die etwas härtere Nummer" versteht sich als SM-Ratgeber. In dieser Form findet sich ein ähnliches Exemplar allerdings schwerlich auf dem BDSM-Literatur-Markt. Wir stellen euch das Buch näher vor.
Ratgeber, Reportage und Erfahrungsberichte
"Kinky Sex" ist eine Mischung aus Ratgeber, Reportage und Erfahrungsberichten. Das Buch, das in vier Teile mit insgesamt 34 Kapiteln gegliedert ist, stellt nicht nur alle Spielarten von BDSM und Fetisch vor, sondern ist dabei auch immer wieder von persönlichen Eindrücken der Menschen gespickt, die es auch praktizieren. Dadurch möchte"Kinky Sex" einen sehr authentischen Eindruck vermitteln.
Ergänzt wird der Ratgeber durch einen 100seitigen Service-Teil, der über die wichtigen Bücher, Magazine, Websites, SM-Projekte, Organisationen und Stammtische informiert. Zudem gibt es ein umfangreiches SM-Glossar. Damit gleicht "Kinky Sex" einem regelrechten SM-Kompendium.
Eine Leseprobe findet ihr auf der nächsten Seite des Artikels.
Der Autor von "Kinky Sex"
Der Autor hat "Kinky Sex" unter dem Pseudonym Christoph Brandhurst veröffentlicht. 1971 geboren lebt er als Schriftsteller in Berlin. Mit einer großen Affinität zum Thema Erotik, im Speziellen SM, hat Christoph Brandhurst bereits einige Bücher darüber geschrieben.
Für ihn lag es auf der Hand, auch irgendwann einen SM-Ratgeber zu verfassen. Er hat sich bewusst für die Form entschieden, die er selbst gern gelesen hätte: Nämlich eine Art Reportage, in deren Rahmen eine Vielzahl Menschen zu Wort kommen, die SM (er)leben und die mit ihm über ihre Erlebnisse und guten wie schlechten Erfahrungen sprechen.
Das sagt unser Buchtester zu "Kinky Sex"
Wir baten unser Mitglied coriolis um seine Meinung zu dem Buch. Auch er kennt sich im BDSM-Bereich aus und hat das Buch für uns rezensiert. Sein Fazit führt trotz einiger Kritikpunkte zu der Ansicht, dass es für Anfänger durchaus geeignet ist.
Stärke und Schwäche von "Kinky Sex"
"Kinky Sex" tritt an mit dem Anspruch an, "DAS ultimative BDSM-Einsteigerbuch" zu sein. Das ist ein starkes Wort – gleichzeitig seine Stärke und seine Schwäche. Denn während einige Teile umfassend und inspirierend sind, brechen andere unter dem hohen Anspruch zusammen.
Interessant ist der Aufbau des Buches. Einerseits ist es klar in vier Teile und 34 thematische Kapitel gegliedert, dazu den Anhang. Andererseits ist jedes Kapitel reichlich gespickt mit Bildern, Zitaten und Verweisen auf andere Bücher und Filme… das ist interessant, opulent und anregend. Aber es ist auch ein wenig viel von allem, ein rechtes Durcheinander, und in manchen Zitaten bleibt es sehr an der Oberfläche.
Vielleicht erkennt man es auch an der Selbsteinschätzung – geht es um Kinky Sex oder um BDSM? Denn es gibt Fetischisten, die mit BDSM nichts am Hut haben, ebenso wie BDSMler, die sehr gut ohne Lack, Leder & Latex auskommen.
Die "kleine" Einführung
Mit hundert Seiten ist die Einführung so klein nicht geraten. Doch sie ist der am wenigsten gelungene Teil des Buches. Ob der Autor noch nicht warm war oder sich zu sehr bemühte, alles unter einen Hut zu bringen… diese ersten hundert Seiten lesen sich wie aus der Klatschpresse.
Wir begegnen im Minutentakt neuen Menschen: "Anette, 27, weiß zu berichten…", Bernd ist 51 und Diplom-Ingenieur aus München, Cora ist 23, Herbert ein 45jähriger Unternehmer… pfuuh. Wer soll sich das merken? Und wozu?
Dahinter steht wohl eine gute Absicht, nämlich zu zeigen, das BDSM für alle Bevölkerungsschichten ein Thema ist. Aber in seinem willkürlichen Hin- und Herspringen zwischen Namen, die nichts bedeuten, liest es sich sehr anstrengend.
Der Inhalt? Einmal quer durch den Gemüsegarten, ohne irgendwo wirklich stehen zu bleiben. Alle hier gestreiften Themen werden weiter hinten im Buch noch einmal, und dann deutlich besser dargestellt. Will die Einleitung zeigen, dass alle Anfang schwer ist? Ja, das ist gut und richtig, gerade für Anfänger. Aber das sollte dann nicht in einer Flut an hier unnützen Details ertränkt werden.
BDSM von A-Z: Themen werden greifbar
Glücklicherweise ist der zweite und inhaltlich wichtigste Teil deutlich angenehmer zu lesen. Er behandelt in 16 Kapiteln alle wesentlichen Formen des devianten Sex, von Rollenspielen und Bondage bis zu NS und Kaviar. (Hier sei die Frage erlaubt, ob letzteres wirklich zu BDSM gehört – in den vorgestellten Beispielen eher nicht.)
Pro Kapitel / Thema haben die Erzähler hier mehr Raum, ihre Geschichte zu entwickeln. Das liest sich besser, ist tiefgründiger und macht das jeweilige Thema angenehm greifbar. Auch hier kommen oft mehrere Menschen zu Wort, durch den weiteren Rahmen funktioniert es hier deutlich besser. Interviews, Zitate, Studienergebnisse wechseln sich in buntem Reigen ab und umreißen Form und Sinn der verschiedenen Aspekte.
Inhaltlich ist es etwas durchwachsen. So gibt es unter Bondage ein Interview mit Matthias Grimme. Doch der verliert sich im Sinnieren darüber, was genau Bondage alles sein kann, und warum er sein Tun "japanisch inspiriertes Bondage" nennt. Auch die Liste der 15 Formen der Fesselung ist eher überflüssig. Das wiederholt sich in anderen Kapiteln – es wird durchaus viel geredet und geschrieben, aber die Mischung aus Technik und Meinung kommt oft nicht auf den Punkt.
Teil 3 spricht über Sex (was? Sex im BDSM?!), das Ausleben zu Hause und in freier Wildbahn, und über ein paar weitere praktische Aspekte wie das Outing. Das ist kurz und soweit ok. Nur dass Teil 3 überschrieben wurde mit "Tabus, Codes und Verträge". Doch darin kommen als "Codes" ein paar gebräuchliche Abkürzungen vor, zu Tabus kommt kaum etwas und zu Verträgen rein gar nichts. Und was bitte hat das Kapitel "Switcher" hier verloren? Spätestens hier hat man den Eindruck, dass das Buch mit zu heißer Nadel gestrickt wurde.
Service-Teil rechtfertigt Kauf des Buches
Jetzt wird es besser. Denn der vierte Teil allein rechtfertigt den Kauf des Buches: Eine solch umfassende Sammlung von Quellen von allem ist wirklich Gold wert. Magazine, Websites, Bücher, Filme, eine umfassende Liste der Stammtische, geordnet nach Postleitzahlen… dieser Teil liefert eine Menge direkt verwendbarer Informationen. Das Glossar ist umfassend, auch wenn es aus unnötig vielen Querverweisen besteht – das sieht schön wissenschaftlich aus, ist aber nervig zu lesen. Und leider fehlen einige Standard-Werke aus dem englisch-sprachigen Raum, insofern gibt es bei den Buchtipps ein paar Löcher.
Fazit: Und, wie ist es jetzt?
Tja, weniger ist mehr. Hätte der Autor darauf verzichtet, alles gleichzeitig sein zu wollen, hätte es ein viel zugänglicheres Buch werden können.
Entweder ein Sachbuch, mit Beschreibungen, Technik und all den Quellen aus Teil 4. Das wäre nützlich und konkret. Es gibt zwar schon das SM-Handbuch, aber es schadet ja nicht, noch ein weiteres Buch mit anderem Blickwinkel dazu zu schreiben. (Obwohl Grimme mit diesem Klassiker die Latte schon sehr hoch gelegt hat.)
Oder man macht eine Sammlung von Erfahrungsberichten, persönlichen Erlebnissen und eigener Entwicklung. In dem Fall sollte es aber anders aufgebaut sein – eben nicht an den Techniken orientiert, sondern an der Entwicklung und Entdeckung des BDSM. Mit Anfängen und Wünschen, der Suche nach Informationen (und wie widersprüchlich das sein kann), den ersten Schritten und der dann folgenden Entwicklung. Nicht nur was man macht, sondern warum. Was zieht einen zu Praktik x und y? Wie fühlt sich das an? Haben andere dieselben Ängste wie ich? Warum war es doch gut?
Dann kann man als Einsteiger auch fühlen, worum es geht. Denn dieser Aspekt kommt deutlich zu kurz. Es wird beschrieben, erläutert, berichtet – auch über Gefühle – aber dass BDSM toll ist, berauschend und zutiefst glücklich machen kann: Das fehlt. Ob das kommt, weil ein Mann dieses Buch geschrieben hat? Auf jeden Fall hatte ich oft das Gefühl "das hätte was werden können", mit einer leichten Enttäuschung.
"Ultimativ" im Sinne von "umfassend" ist es. Es ist von fast allem etwas dabei. "Für Anfänger" ist es ebenfalls geeignet– weil es eben öfter an Tiefe fehlt. Doch der Preis macht es wett: Für 9,99 € erhält man eine Menge Informationen und Anregungen, das kann und sollte man getrost investieren.
© Rezensent: coriolis
- 1. Teil: Kinky Sex. Die etwas härtere Nummer
- 2. Teil: Leseprobe von Kinky Sex







