Betrachtet man den pinkfarbenen Einband und die Rasterschrift, die einem vom Cover der Erotik-Graphic-Novel "Honigfeigen" entgegenspringt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass hier jemand recht ungeniert auf den "Feuchtgebiete" Hype aufspringen möchte. Und damit liegt man gar nicht so falsch.
Allerdings geht es in Honigfeigen nicht darum, den Skandalroman von Charlotte Roche einfach mit Bildern zu versehen und dem Leser das Kopfkino abzunehmen. Vielmehr ist Roches Bestseller der ungenannte Katalysator für die in Honigfeigen geschilderten erotischen Episoden, die die Mitglieder einer Frauen WG erleben. Wir stellen euch den sexy Bilderreigen mit Sprechblasen genauer vor.
Der Inhalt: Feuchtgebiete nachspielen.

Die junge Ricky beschließt, dass es an der Zeit ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Darum zieht sie daheim aus und sucht sich eine neue Unterkunft. Diese entpuppt sich als reine Mädels WG und beherbergt bereits vier grundverschiedene junge Damen: Die selbstbewusste und kluge Studentin Linda, die gerne redet, wie ihr der Mund gewachsen ist. Leonie, eine blonde und ungemein kurvige junge Sportstudentin. Die unscheinbare und brave Marla, die dem Begriff "Stille Wasser sind tief" ganz neue Dimensionen verleiht und letztlich Stan, die eigentlich Constanze heißt, ihrem Ex nachweint und ziemlich neurotisch wirkt.
In dieser neuen Umgebung fühlt sich die unbedarfte Ricky zunächst etwas deplatziert, doch ein Beschnupperungsabend in der WG soll die Angelegenheit richten. Dabei kommen die vier alteingesessenen Damen schnell zu ihrem (und unserem) Lieblingsthema Nummer eins, bei dem Ricky leider auch nicht wirklich mitreden kann. Doch da kommt ihr eine Idee, hat sie doch unlängst ein ziemlich versautes Buch einer TV Moderatorin gelesen, das der Nation aktuell ordentlich rote Ohren macht.
Doch als sie das Buch anspricht, erntet sie eher belustigte Reaktionen. Denn wie Ricky erfahren muss, haben die vier Mädels sogar schon einige Situationen des Buches auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft! Ricky traut ihren Ohren kaum und stellt diesen Fakt in Abrede. Da beschließt die WG, dass Leonie, Linda, Marla und Stan ihre jeweils heißeste erotische Geschichte erzählen, die sie bei der Überprüfung des Buches erlebt haben und zum Ausgleich muss Ricky am Ende selbst eine Situation aus dem Buch auf ihre Durchführbarkeit testen!
Die Macher hinter dem Erotikcomic Honigfeigen
Die Grundidee zu dieser Geschichte stammt von der Kölner Autorin Sanni Kentopf, Burlesk-Tänzerin, Model und Mitbesitzerin einer Boutique für Sub-Style-Mode in Personalunion. Sie ist obendrein ein begeisterter Comic-Fan und hat für den Verlag Panini bereits vor "Honigfeigen" als Übersetzerin gearbeitet, so für die viel gelobte Lokalisierung der amerikanischen Kultcomicserie "Scott Pilgrim". Als Inspiration für ihr eigenes Comicdebüt "Honigfeigen", dienten ihr Geschichten, die sie selbst oder Freundinnen erlebt haben.
So ausgereift diese Idee auch anmutete, stellte sie die Umsetzung derselben in eine comicgerechte Erzählstruktur vor große Probleme.
Darum holte sie sich den Szenaristen Robi alias Rochus Hahn ins Boot, der ihr dank seiner langjährigen Erfahrung im Comicbereich bei der mediengerechten Bearbeitung der Handlung zur Seite stand. Die zeichnerische Umsetzung der Story besorgte der argentinische Künstler Alberto Saichann, der schon für die großen amerikanischen Comiclabel Marvel ("Punisher War Zone") und DC ("Looney Toons")gezeichnet hat.
Erotik für Männer und Frauen
"Ich bin zwar keine erklärte Freundin des Buches oder der Autorin, aber da sind schon einige sehr anregende Geschichten drin, die vor allem auch Basis sind, um sich darüber zu unterhalten, den Wahrheitsgehalt zu diskutieren und eigene Erlebnisse dagegen zu stellen."
Damit ist die Grundgeschichte von "Honigfeigen" eigentlich schon so gut wie umrissen. Es geht um eine Mädels WG, die sich nach dem Lesen eines Buches in diversen Mutproben neue Welten der Sexualität erschließt. Die daraus folgenden erotischen Geschichten drehen sich um Slip Ouverts, Finger in den Po, lesbische Erfahrungen, eigentümliche Körpersaftparfümierungen, Schamhaarfrisuren und Thaimassagen mit Happy End.
Das klingt wie eine Ansammlung diverser Klischees und ist es letztlich auch - allerdings durchaus mit dem einen oder anderen Augenzwinkern versehen. Dabei bemüht sich Sanni Kentopf immer um eine eindeutig weibliche Sicht der Dinge. Die Männer sind hier ganz klar nur schmückendes Beiwerk, weshalb sich ziemlich schnell noch ein weiteres Vorbild förmlich aufdrängt: "Sex and the City". Und auch diese Inspiration verleugnet die Autorin zu keiner Zeit.
Die einzelnen Episoden sind erotisch recht freizügig, aber nie zu offensiv oder gar pornographisch. Gelungene Pointen und auch immer wieder durchscheinender Witz runden die Erotik-Graphic-Novel gelungen ab. Einzig die Tatsache, dass der Lesespaß recht flott wieder zu Ende ist, da man den Comicband doch recht schnell durchgelesen hat, bremst ein wenig den Spaß. Doch dass die Lesezeit förmlich verfliegt, spricht ja auch wieder für und nicht gegen Honigfeigen.
Dies erkauft man mit diversen kleinen erzählerischen Schnitzern und einer doch arg oberflächlichen Figurenzeichnung, was beides aber auch der episodischen Struktur der Graphic-Novel geschuldet ist, immerhin bleiben pro Figur und Erlebnis kaum mehr als zehn Seiten.
Die grafische Umsetzung der erotischen Abenteuer der jungen Damen kann man als gelungen bezeichnen. Alberto Saichann arbeitete mit einem sehr energetischen Strich und setzt die Zeichnungen um, wie schon die Geschichte gestaltet wurde: Offen, aber nie zu offensiv. So blitzen einem zwar auf über der Hälfte der Comicbuchseiten nackte Tatsachen entgegen, geschmacklos oder vulgär werden die Bildinhalte aber nie. Die Kolorierung der Panels überzeugt mit kräftigen Farben.
Was man der grafischen Abteilung der Erotik-Graphic-Novel vorwerfen kann und muss, ist, dass man bemerkt, dass ein Mann hier federführend war und die Körper der Damen doch recht idealisiert daherkommen, also alle Figuren große Brüste, eine Wespentaille und einen knackig runden Po haben. Und allzeit bereit haben sie nur die knappsten, eigentlich nichts verbergenden und recht unbequem wirkenden Klamotten an. Egal, was sie gerade machen.
Nun gleich davon zu sprechen, dass diese Bebilderung der betont weiblichen Ausrichtung entgegenstünde, wäre aber des Guten zuviel, eher dürfte sie der Tatsache geschuldet sein, dass nun mal ein Großteil der Comicleserschaft nach wie vor männlich ist und trotz der insgesamt weiblichen Ausrichtung des Comics zum Hauptklientel dieses Comicbuches gehören dürfte.
Feuchtgebiete oder doch Honigfeigen?
An den "Sprengstoff" und die (größtenteils nicht nachvollziehbare) Aufregung, die "Feuchtgebiete" mit sich brachte, kommt das Comicdebüt von Sanni Kentopf nicht heran. Muss es aber auch nicht, denn immerhin versteht sie ihr Werk ja auch eher als Hommage an Roches Vorlage bzw. die weibliche Sexualität an sich. Ihre erotische Graphic-Novel ist flott erzählt, witzig und beschert dem Leser einige hübsche Lesemomente.
Die grafische Umsetzung erweist sich als echter Hingucker. Gleichzeitig ist selbige zu sehr idealisiert und die Story selbst so tiefgründig wie eine Pfütze. Auch ein paar seltsame Hintergrundgags, die allesamt mit Tieren zu tun haben, wirken etwas deplatziert und fischen zu offensiv nach Lachern. Um abschließend im Bild zu bleiben: Letztlich ist es mit "Honigfeigen" wie mit dem gleichnamigen Gericht: Während des Verzehrs mag die Frucht lecker munden, doch der langfristige Nährwert ist eher gering. Comic Fast Food, das gut unterhält. Nicht mehr, nicht weniger.
Details
Honigfeigen
Story: Sanni Kentopf, Bearbeitung: Robi, Zeichnungen: Alberto Saichann, Farbe: Pulsar
Broschiert, 72 Seiten
Verlag: Panini Manga und Comic
Veröffentlichung: 22. Juni 2010
ISBN-13: 978-3866074309
Honigfeigen bei Amazon bestellen
In diesem Sinne:
freeman









