07.09.2011

Charlotte Roche & ihre "Schoßgebete"

Der Versuch einer Psychoanalyse der "Schoßgebete" Autorin

Charlotte Roche ist dank ihrem Debütroman "Feuchtgebiete" noch immer in aller Munde und legte unlängst mit ihrem Folgewerk "Schoßgebete" nach. Wieder ging ein Raunen durch den deutschen Blätterwald, nur diesmal etwas weniger heftig als beim Debüt. Unser Mitglied SinasTraum setzte sich mit dem Phänomen Charlotte Roche auseinander und zieht Parallelen zwischen dem neuen Buch und dem Leben der "Schoßgebete" Autorin. Im Anschluss stellen wir "Schoßgebete" noch einmal etwas näher vor …

Und damit zu den Ausführungen von SinasTraum:
Charlotte Roche wurde nach dem Erscheinen ihres zweiten Buches auf vielfältige Weise bewertet. Nur nicht oder zumindest sehr selten – und das ist meine Meinung – auf die richtige Weise. Sie wurde als "Missionarin" betitelt, die Sex als Allheilmittel anpreist (Inhalt von "Schoßgebete" komplett missverstanden?), sie wurde als Gegenentwurf zur frauenbewegten Frau fast schon beschimpft (Unsinn.) Und vor allem, und das ist in meinen Augen der größte Irrtum, wurden ihre Bücher in die Schublade "Erotikliteratur" gesteckt. (völlig falsch)

Charlotte Roche bewirbt "Schoßgebete"

http://www.youtube.com/v/AOPk62v9mEM?hl=de_DE&version=3

Charlotte Roche in einem Trailer für neues Buch "Schoßgebete".

Sex unterm Baustrahler

Wenn Charlotte Roche über Sex schreibt, dann ist das eigentlich nicht sexy. Wo Erotikautoren sich bemühen, sexuelle Begegnungen mit Worten in sanft gefiltertes, weiches Licht zu tauchen, da leuchtet sie die Szene mit Baustrahlern aus. Hartes Licht, keine Schatten, kein Raum für Schnörkel, keine Entfaltungsmöglichkeiten für Fantasien. Sie liefert alle Details. Sie rotzt Sexszenen hin. Sie benennt Dinge. Sie spricht von Schleim, von Schnodder, von Spucke. Sie erklärt, wie sie die Vorhaut ihres Mannes bearbeitet, sie erläutert die Farbe und Konsistenz ihres Vaginalsekrets und dem Leser geht durch den Kopf: "Meine Güte, viel zu viele Infos."

Erotikliteratur lebt davon, gerade soviel zu erzählen, dass beim Leser ein Film im Kopf anspringt, den er selbst mit Details aus seiner eigenen Fantasie individualisieren kann. Nur dann wird das Gelesene ihn erregen. Wenn Charlotte Roche schreibt, dann ist da kein Raum mehr für Fantasie. Soll auch nicht.

Wer Charlotte Roche liest, den erwartet keine Sexliteratur, ihn erwartet eine analytische, ungeschönte Abhandlung über Sex, die nicht unterhalten will, sondern die ganz offensichtlich eine kathartische Wirkung auf die Autorin haben soll. Sie schreibt sich ihr inneres Chaos vom Leib. Sie ergießt es so aufs Papier, wie es in ihr stattfindet. Das will nicht sexuell erregen. Es will den Leser anders erreichen.

Vergebliche Flucht vor dem Roche-Phänomen

Der Beginn des Charlotte Roche Hypes: Der Bestseller "Feuchtgebiete"
Der Beginn des Charlotte Roche Hypes: Der Bestseller "Feuchtgebiete"

Um ehrlich zu sein, habe ich mich nach Kräften bemüht, dem Phänomen Roche aus dem Wege zu gehen. Jedenfalls, als damals die "Feuchtgebiete" erschienen. Eine Ex-Viva-Moderatorin (in meiner Vorstellung gleichzusetzen mit "Oberflächlichkeiten daherplapperndes Geschöpf") informiert die Welt darüber, dass sie gern in den Arsch gefickt wird und dass ihre Muschi nach Fisch stinkt, wenn sie sich ein paar Tage nicht duscht. Na Mahlzeit.

Ich schreibe selbst für die Erotikbranche und ich lege Wert darauf, mich nicht in die Fraktion der Lustgrottenbeschwörer, Jadeschaftbewunderer und Ausstreuer von Rosenblättern in seifenblasenschwangeres Badewasser einzureihen. Ich mag es, wenn man "Sex" schreibt, wenn man "Sex" meint. Ich mag es, wenn die Dinge beim Namen genannt werden. Ich halte es für nötig. Durchaus. Aber es gibt, so ging es mir bei der Lektüre der ersten Kritiken zu "Feuchtgebiete" durch den Kopf, eine Grenze dessen, was erzählt werden muss. Eine Grenze dessen, was erzählt werden sollte, damit Sex auch sexy bleibt.

Erst jetzt, da die Pressemitteilungen über Frau Roche sich wieder häufen, da ihr zweites Buch "Schoßgebete" erscheint und ich nicht umhin kam, das eine oder andere Interview mit ihr zu lesen, habe ich mich durchgerungen und habe mich mit ihr auseinandergesetzt. Dabei habe ich festgestellt, dass ich sie unterschätzt habe. Oder überschätzt? Nun, zumindest falsch eingeschätzt habe ich sie.

Warum schreibt Charlotte Roche das?

Neben den oben genannten Dingen wird ihr auch oft unterstellt, dass sie übers Ficken schreibt, weil "sex sells". Das ist vermutlich der unsinnigste Vorwurf, den man ihr machen kann. Nach dem überwältigenden Erfolg von "Feuchtgebiete" hat sie es schlicht und einfach nicht nötig, den Nachfolger auf Krampf verkaufen zu müssen.

Außerdem ist sie eine sehr neurotische Natur und hat vor allem Angst vor dem zweiten Buch. Sie hat Angst, dass sich der Erfolg nicht wiederholen könnte, aber sie hat auch genau soviel Angst davor, DASS er sich wiederholen könnte.

Warum sie das zweite Buch dann trotzdem geschrieben hat, könnte man nun fragen. Ich bin der Meinung: weil sie nicht anders kann. Sie ist in allererster Linie eine ziemlich durchgeknallte Persönlichkeit. Ich schreibe das so, weil ich weiß, dass sie es ganz genau so auch über sich selbst sagen würde. Sie ist auf multiple Weise zwanghaft, sie ist besessen, sie ist paranoid und sie ist - wie bereits erwähnt - neurotisch. Sie schreibt, um dem ganzen Zeug, was sich in ihr anstaut, ein Ventil zu geben.

Übers Nacktsein und Fremdschämen

Ich glaube, sie da richtig verstanden zu haben. Dennoch fällt es mir schwer, nachzuvollziehen, warum sie das tut. Sich so ultimativ nackt zu machen. Sich und ihre Familie. Das nötigt mir auf der einen Seite Respekt ab vor so viel Mut, auf der anderen Seite erlebe ich beim Lesen auch immer wieder ein ungeheures Fremdschämgefühl.

Ich komme mir fast vor wie einer der Gaffer am Unfallort, die sie so hasst, weil sie sich damals, als der Unfall in ihrer Familie passiert ist, an ihrem Schicksal so öffentlich ergötzt haben. Die Art, wie sie ungefiltert und darum teilweise etwas hölzern und ungelenk schreibt, geht ohne Puffer direkt unter die Haut.

Wenn sie über die "Druck"-Zeitung erzählt, dann habe ich zum Beispiel den dringenden Impuls, in deren Redaktion eine Bombe zu legen. Vorher hatte ich eine natürliche und eher allgemeine Abneigung gegen diese Zeitung, die ich mit einer Reihe von Menschen teilte. Charlotte Roche macht, dass meine Abneigung auf eine sehr viel persönlichere Ebene gerutscht ist.

Was ihr geschehen ist, hat ihre gesamte Persönlichkeit verändert. Es hat die Art, wie sie die Welt wahrnimmt, komplett verschoben und es macht, dass sie Dinge tut, die sie sich früher überhaupt nicht vorstellen konnte. Dazu gehört eben auch, in dieser schonungslosen, grell ausgeleuchteten, keine Ecke im Schatten lassenden Art und Weise über sich selbst zu erzählen.

Ich bin zumindest überzeugt davon, dass sehr wenige Stellen in ihrem neuen Buch NICHT autobiographisch sind. Ich denke vielmehr, sie hat sich hingesetzt und all das Zeug, das in ihrem Kopf vor sich hingärt, ist einfach so aus ihr heraus aufs Papier geflossen. Und nur darum, weil es der einzige Weg für sie ist, sich Erleichterung zu verschaffen, verzeiht ihr Mann ihr wohl auch, was sie da tut.

Immerhin hat sie für ihn quasi gleich mit entschieden, dass die Nation über seinen Schwanz, über die Art, wie er Sex macht, über seine Hausklamotten und seinen Ordnungsfimmel Bescheid wissen soll.

Charlottes gesammelte Tabubrüche

Charlotte Roches gesammelte Tabubrüche in "Schoßgebete".
Charlotte Roches gesammelte Tabubrüche in "Schoßgebete".

Damit ist die Sammlung an Tabus, die Charlotte Roche in ihrem Buch bricht, aber noch nicht komplett. Es kommen noch zwei bis drei dazu, die jedes für sich genommen und in einem Buch behandelt schon Aufschreie der breiten Öffentlichkeit nach sich ziehen würden.

Da wäre zum einen die Tatsache, dass sie es manchmal hasst, Mutter zu sein. Dass sie sich oft von den Pflichten erdrückt fühlt, dass sie sich selbst quasi permanent überfordert und ihren Drang nach Perfektionismus beinahe krankhaft auslebt, dass sie sich oft die Freiheiten zurückwünscht, die sie als kinderlose Frau noch genossen hat.

Wer selbst Vater oder Mutter ist, wird mir darin zustimmen, was für ein gesellschaftliches "no go" es im Alltag doch ist, sich derart negativ über die Elternschaft zu äußern. Kinder gelten hierzulande noch immer auf eine Weise, die nur als schräg zu bezeichnen ist, als die Erfüllung sämtlicher Wünsche und das Ende jedes verfluchten Regenbogens.

Und dann kommt Frau Roche daher und schreibt einfach mal in einem Bestseller, für alle zu lesen, dass sie es manchmal ätzend findet, Mutter zu sein. Wohlgemerkt – und viele, die gern schwarz-weiße Bilder malen, werden diese kleine Feinheit mit voller Absicht ignorieren – sie schreibt nicht, dass sie ihr Kind hasst. Das tut sie nicht. Sie schreibt, dass sie die Verantwortung, die sie für ihr Kind trägt, einfach manchmal als sehr schwer und sehr erdrückend und sehr einschränkend empfindet. Das ist schlicht und einfach ehrlich und vor allem wird sie damit sehr viel mehr Menschen aus der Seele sprechen, als selbige es jemals zugeben würden.

Ebenso ist es mit dem zweiten Tabu, das sie noch mal ebenso im Vorübergehen ankratzt: sie schreibt, dass sie Monogamie nicht für den einzig selig machenden Weg hält, eine Beziehung zu führen. Sie schreibt, dass sie ihren Mann liebt und doch immer öfter den Wunsch hat, sich von anderen Männern beschlafen zu lassen.

Einfach, weil es spannend und aufregend ist und weil es hilft, das häusliche Liebesleben nicht als monoton und einschläfernd zu empfinden. Sie hat Bock auf Sex mit anderen Männern und trotzdem liebt sie ihren Mann. Diese Dinge gehen in den Köpfen der allermeisten Menschen überhaupt nicht zusammen. Aufschreie der Entrüstung. Abschaffung der Moral. Et cetera pe pe.

Porno-Schund oder Befreiungsschlag?

Als "Porno-Schund" wurden ihre Texte von der örtlichen Presse bezeichnet. Da würde ich doch mal urteilen: Thema verfehlt, Aufgabe nicht verstanden, Note 6, setzen. Ihre Bücher handeln von Sex. Ja. Aber sie haben dennoch nicht wirklich etwas mit Sex zu tun.

Für Charlotte Roche ist Sex das Fluchtfahrzeug. Sie setzt sich rein, tritt das Gaspedal bis zum Bodenblech durch und rast für ein paar Minuten raus aus der Hölle in ihrem Kopf. Eine Hölle, die sie sonst so sehr belastet, dass sie oft daran denkt, sich das Leben zu nehmen. Ein dritter Tabubruch. Offen über Selbstmordgedanken zu sprechen.

Dass Ihr das aber völlig egal ist und sie alles einfach so hinschreibt, wie sie es empfindet, das zeigt den Grad ihrer Durchgeknalltheit. Könnte man vermuten. Man könnte sagen, sie sei zu "far gone", um sich ernsthaft dafür zu interessieren, dass man die Nase über sie rümpft. Oder aber, und diese Erklärung gefällt mir noch viel besser und ich bin sicher, ihr würde sie auch viel besser gefallen: vielleicht ist sie einfach zu emanzipiert?

Die Art, wie sie über Sex schreibt, wie sie ihn praktiziert, wie sie ihre Wünsche äußert, schert sich um nichts. Vor allem schert sie sich nicht um das emanzipatorische Frauenbild, das ihr von zu Hause so sorgfältig eingetrichtert wurde. Sie emanzipiert sich von der Emanzipation. Sie ist nicht nur so frei, sich nicht von Männern dominieren zu lassen, sie ist einen Schritt weiter. Sie ist so frei, sich nicht von Frauen dominieren zu lassen, die sich nicht mehr von Männern dominieren lassen wollen.

Die Hauptfigur in "Schoßgebete" ist unterwürfig, wann sie es will und wann sie es braucht, sie mag Schwänze, sie mag Arschficks, sie geht mit ihrem Mann in den Puff und sie träumt von Sex mit anderen Männern. Ich nehme die Figur und ihre Schöpferin damit als freier wahr, als sich Charlotte Roche vermutlich selbst empfindet. Und ich wünsche ihr, dass sie es schafft, den Dämonen in ihrem Kopf irgendwann Ketten anzulegen und das Leben wieder zu lieben. Charlotte Roche schreibt mit so viel Kraft und Dynamik, dass ich überzeugt bin, dass sie das schaffen kann. Wieder gern mitten unter uns zu sein. Von mir an dieser Stelle alles Gute.

© Sina S. 2011

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Kommentare


ich werde es mir bestellen ein paar euro kann man da opfern

Das langatmige hat man bei vielen Büchern, finde ich zumindest, ich habe bisher weniger Bücher gelesen die mir wirklich von Seite 1 bis 200 absolut gefesselt haben

wie schon irgendwo anfangs gesagt, das Buch ist ok, ich werde mir es bei Gelegenheit nochmal durchlesen um vllt manches anders wahrzunehmen wie beim ersten mal

die paar euro kann man investieren *zwinker*

Ich war in einer Lesung von ihr als sie ihr neues Buch "schoßgebete" vorstellte. Es war......sagen wir mal anders als gedacht. Denn ich hatte zu vor gelesen sie will den Tot ihrer BRüder damit verarbeiten und somit hatte ich mich schon auf etwas härtere Kost eingestellt.

Aber sie hat das ganze sehr comedienhaft aufgezogen und sie machte einen unheimlich sympathischen eindruck auf mich.

Das buch habe ich mir bisher noch gekauft, da ich mir noch unschlüssig bin, ob ich das wirklich machen soll!
Denn viele die es bereits gelesen haben, finden es zwischendrin sehr langatmig...

mal schauen, vllt. leihe ich es mir aus
nix für ungut

ich bin billiger *zwinker*

Flo, nix für ungut, aber zum ebay marketplace geht es da hinten rechts...

*zumthema*
zu verkaufen

hi leute

ich habe das Buch daheim, knapp 70 Seiten gelesen - und gemerkt das nix für mich

verkaufe das Buch zu einem gute Preis - wer will solll sich bei mir melden.

grüße

flo

Hab´s mir auch gekauft, mal sehen ....
Tx!

Danke, Sina, für die Rezension.
Ich fand das Buch Feuchtgebiete auch nicht schlecht, aber ich meinte, ich brauche kein weiteres Roche-Buch zu lesen.
Jetzt bin ich doch neugierig...

Volaby

Wer sich darüber amüsieren möchte, wie Charlotte Roche´s Möse nach drei Tagen ohne Dusche riecht, der liest es und Charlotte Roche freut sich darüber, mit ihren Ergüssen gutes Geld zu verdienen.

da braucht man gar kein Buch kaufen... selbige Darsteller sind hier auch vertreten, die auf dies oder jenes stehen
und sie zahlen Kohle damit sie es hier veröffentlichen dürfen *zwinker*

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Danksagung
Charlotte Roche & ihre "Schoßgebete"
Wir danken SinasTraum für ihre Worte zu Charlotte Roche und "Schoßgebete".
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