Sophie Andresky ist dank ihrer wortgewandten, deftigen, witzigen und schlüpfrigen Kolumnen in Cosmopolitan, Penthouse oder JOYclub keine Unbekannte mehr und wird von Lesern wie Kritikern hymnisch gefeiert. Den Kolumnenerfolgen zum Trotz beschloss sie, ihr Repertoire zu erweitern und begann sich mit der Idee eines erotischen Romans zu tragen. Mit "Vögelfrei" liegt nun das Ergebnis dieser Bemühungen vor und begeistert restlos.
Sophie Andresky, geboren 1973, wurde mit ihren Kurzgeschichtenbänden zu Deutschlands meistgelesener Autorin in Sachen Erotik. Ihre Artikel erschienen u. a. in Magazinen wie Penthouse, Brigitte oder Für Sie. Seit Anfang 2009 ist sie als Kolumnistin für Cosmopolitan tätig und bereichert seit nunmehr einem halben Jahr auch unsere Community mit ihren scharfzüngigen Kolumnen. Vögelfrei ist ihr erster Roman. Sie lebt in Berlin.
Marei hatte ein Jahr lang einen sexuellen Freifahrtschein. Da sie ihren Mann bei einem Seitensprung erwischte, musste ihr dieser als Bestrafung garantieren, dass sie zwölf Monate lang tun und lassen dürfe, was sie wolle … auch und vor allem in sexueller Hinsicht. Und Marei nutzte die vögelfreie Zeit gehörig aus. Lesbische Erlebnisse, die Eröffnung eines Sexclubs, Liebesabenteuer in New York, ein sexy Live Channel, bei dem sie vor laufender Kamera mit einem Freund vögelt, oder bizarre Sexmaschinen ...
Marei nahm in diesem Jahr mit, was sie kriegen konnte. Nachdem das Jahr abgelaufen ist, lädt sie die Wegbegleiter dieser Zeit zu einer Art Abschiedsdinner ein und lässt gemeinsam mit ihnen die Erlebnisse Revue passieren. Am Ende dieses Abends wird nichts mehr so sein, wie es war …
Wer die Kolumnen von Sophie Andresky kennt, weiß, dass es die Autorin auf unnachahmliche Weise versteht, mittels purer Wortgewalt und einem umfangreichen Fundus an Begriffen aus der Welt der Erotik Bilder zu erschaffen und Situationen zu umschreiben, wie es eindrücklicher kaum sein könnte. So ertappt man sich bei ihren Texten häufig bei dem Gedanken, dass man dieses oder jenes "Bild" so entweder noch nie oder schon lange nicht mehr im Zusammenhang mit Sex gelesen/gehört/gesehen hat. Einfach grandios.
Zudem gelingt es der Autorin immer wieder auf geniale Weise, zeitgeistrelevante Begrifflichkeiten einzubinden, die die ohnehin eindrücklichen Bilder und damit erzeugten Stimmungen noch einmal präzisieren. So überkommt den Leser beim Goutieren von Zeilen, in denen sie schreibt, es käme ein Gefühl auf, als würde man einen Song von Künstler XY hören, immer wieder ein sehr wohliges, vertrautes und gänsehauterzeugendes Gefühl. Auch Situationen oder Motive aus Filmen bemüht sie gerne und treffend.
So erinnert ihr Roman "Vögelfrei" letztlich an eine versexte Version des Filmklassikers "Der große Frust", der genau wie "Vögelfrei" eine Gruppe von Menschen an einer Tafel vereinte, wo sie über ihre gemeinsame Vergangenheit und die Zeit danach fabulierten.
In ihrer episodischen Erzählweise geht Sophie Andresky nicht unbedingt chronologisch vor. Immer wieder springt der Roman kurz in der Zeit, macht Andeutungen zu kommenden Ereignissen und steigert damit die Spannung gehörig. Die einzelnen Episoden fließen immer wieder ineinander und überschneiden sich, ohne dass dies den Lesefluss behindern würde. Ganz im Gegenteil, steigert sich doch die Spannung von Episode zu Episode immens. Diese kulminiert in einer verstörenden Triebtäterepisode, um in dem folgenden Abschnitt über einen von Marei eröffneten Sexclub kaum eine Chance zum Verschnaufen zu bieten.
Allgemein verschiebt sich im Laufe des Buches auch der Grundton der Geschichte deutlich. Zu Beginn wirkt alles ein wenig verspielter, probiert sich Marei doch in allen möglichen Formen der Liebe / Beziehungen aus und geht auf alles offen zu. Doch mit der Zeit verliert die Geschichte diese Leichtigkeit und wird zunehmend ernster, da eben auch Marei durch ihre Erfahrungen dazulernt, sich verändert, folgenschwere Entscheidungen trifft und bemerkt, dass ihre Handlungen immer Konsequenzen haben. Freifahrtschein hin oder her …
Stilistisch erkennt man Sophie Andresky in jeder Zeile wieder. Sie schreibt direkt und auf den Punkt, ohne sich heraus- oder um die Sache herumzureden. In ihrem Buch wird gefickt. Mal zärtlich, mal hart, mal grenzwertig, mal experimentell, aber immer wird eben gefickt. Die eingangs erwähnten Stilmittel (seien es Zeitgeistelemente oder präzise Bilder) finden sich zuhauf und die Schreibe ist gewohnt flott und humorvoll.
"Vögelfrei" ist ein spannender, episodisch angehauchter Roman, der kein Blatt vor den Mund nimmt und eine Handlung lanciert, die fesselt, in den Roman hineinzieht und einige wirklich sehr interessante Charaktere zu generieren versteht. Derweil sind die Sexszenen genauso wortgewaltig und scharfzüngig in Lettern gegossen, wie man es von Sophie Andresky nun einmal gewohnt ist. Unbedingte Empfehlung.
In diesem Sinne:
freeman
Ich bin Romantikerin. Und ich liebe das Schöne. Aber der Sex an sich, zumindest, wenn er geil ist, wenn zwei glitschige, prall durchblutete Körperteile ineinandergleiten, wenn schweißnasse Körper so verknotet werden, dass sich an manchen Stellen Wülste rollen, an anderen Stellen die Knochen hervortreten, wenn sich die Gesichter verzerren, die Augenlider flattern und alle Beteiligten Grunzlaute erzeugen, die klingen wie eine Mischung aus angeschossenem Bär und kalbender Hirschkuh, dann ist das weder romantisch noch schön im Sinne des Musikantenstadls. Und trotzdem ist es großartig.
Es hat nichts zu tun mit flatternden Negligés im Mondenschein oder süßem Gehauche wie gezuckerte Rosenblätter. Das ist dann echter Sex. Sex für große Mädchen. Und darum geht es. Um Fick-mir-das-Hirnraus-Sex. Ich sehe mich um. Alles hier in meinem Palast, in dem wir das heutige Fest feiern werden, ist Musikantenstadlwunderschön: Die brennenden Kerzen auf den riesigen silbernen Ständern verbreiten eine flimmernde Schwüle, eine knisternde, flirrende Oasenluft in meinem Salon.
Die Brokatstoffe türmen sich auf den Sofas und Sesseln, als wären sie von einer hastig beendeten Orgie übrig geblieben. Meine beiden dicken Kastratenkater räkeln sich schnurrend darauf und lecken sich die buschigen Schwänze und das weiche Pudelfell am Bauch. Ganz ähnlich klingen die vielen kleinen und großen, bunten und silbernen Dildos, die ich in den Blumenkübeln verteilt habe und die wie abstrakte Kunst aussehen. Von der Decke hängen die Vogelkäfige, die ich während der letzten Jahre auf Flohmärkten und Auktionen gekauft habe und in denen man Knäuel aus bunten Seidenstoffen, Gefäße mit dampfendem Trockeneis oder Blumen bewundern kann.
Der Duft von Vanille und meinem Maiglöckchenparfüm schwebt im Raum, und auf dem üppig gedeckten Tisch sehe ich zwischen den funkelnden Bestecken, den Kristallgläsern und den Buketts aus Papageienblüten die Pomelo-Schnitze leuchten. Auf jedem der sieben Plätze steht ein Schälchen mit bereits angerichtetem Salat und darauf – wie geöffnete feuchte Mösenspalten – das Fruchtfleisch der Pomelos.
Die Gäste müssen jeden Moment eintreffen, und ich gebe Jannik ein Zeichen, damit er die Holunderblüten in die Gläser verteilt, kaum bedeckt vom Sirup, und dann den Champagner darübergießt. Der ist so kalt, dass die Gläser beschlagen. Seine weiß behandschuhten Hände stellen den Holunderblütenaperitif auf den kleinen Beistelltisch. Ich nehme mir noch ein Glas, als er mit dem Tablett an mir vorbeikommt.
Ich hatte schon das eine oder andere, aber angeschickert bin ich als Herrin des Hauses einfach am besten. Das ist ein Gesetz: Der Fisch in der Pfanne muss schwimmen, und die Gastgeberin an der Tafel auch. Dafür sorgen nicht unerhebliche Mengen Champagner – aber was soll’s, mein Mann bunkert genug davon im Keller. Auch unter der Tischkante, zwischen den Beinen der Gesellschaftsdame, hat es feucht zu sein.
Darum kümmert sich in meinem Fall der Caterer. Das hatte ich schon lange vorher bei der Planung dieses Festes beschlossen. Er ist sozusagen das Amuse-Gueule meiner Dinnerparty, der Gruß aus der Küche, und als solcher auch für mich eine Überraschung. Denn ich bin nicht vorher durch die Feinkostläden gezogen auf der Jagd nach dem attraktivsten Fahrer. Ich habe nicht weißteigige Metzgerhände verglichen mit den gebräunten schlanken der spanischen Aushilfen. Ich habe einfach das Dinner bestellt und gewartet, was auf mich zukommt. Wer auf mich zukommt.
Heute Abend nehme ich als Auftakt jeden – das gehört zum Spiel. Ein letztes Blind Date zum Abschluss. Vögel-Roulette könnte man das nennen, rien ne va plus. Der wird es also. Er ist knapp eins sechzig groß und hat eine beginnende Halbglatze. Alle Gerüchte über den Zusammenhang zwischen männlichem Haarwuchs und Potenz, dass die mit dem Affenfell auch ficken können wie ihre Kumpels im Zoo, sind Quatsch. Zwar kenne ich kahlköpfige Männer, die aussehen wie wandelnde Riesenpenisse, doch zwischen ihren Beinen hängt bloß ein trauriges Würmchen, mit dem man vielleicht angeln kann, aber die yetiartig bestückten Zottelrastas halten auch nicht immer das, was sie versprechen. Letztendlich sieht man es einem Mann nicht an, was er bringt, man muss ihn schon testen.
Anfangs ist der Caterer noch schüchtern, als er reinkommt und seine Styroporkästen und Taschen abstellt. Er verschlingt den ganzen Raum mit seinen großen, glänzenden Makakenaugen. Ich kann genau sehen, dass er überlegt, ob er wohl in einem Bordell gelandet ist. Vor allem Jannik irritiert ihn, obwohl der selbst keine Miene verzieht und wie ein schweigender, geschäftiger Pinguin hin und her läuft, ihm das Essen quittiert und mit seinen weißen Handschuhen eine einladende Geste in meine Richtung macht.
Was der Caterer nicht weiß: Er ist nicht nur der Auftakt für eine große Dinnerparty, er ist auch der letzte Unbekannte, den ich in diesem gerade vergangenen wilden Jahr ficken werde. Denn dies hier ist der krönende Abschluss meiner Vögelfreiheit. Ein Jahr lang hatte ich einen Freifahrtschein, mein Mann hat ihn selbst unterschrieben: Zwölf Monate lang darf ich ficken, vögeln, kohabitieren, lecken, lutschen und ganz allgemein tun und lassen, was ich will, mit wem ich will, wie oft ich will, wo ich will, wann ich will. Und ich hatte nicht nur die Erlaubnis. Ich hatte das Recht dazu.
So stehe ich jetzt an den Flügel gelehnt da in meinem engen schwarzen Kleid und lasse die nackten Arme ausgebreitet auf dem Instrument liegen. Die breite Narbe, die wie ein Stammeszeichen meinen rechten Oberarm vertikal durchschneidet, ist bei der schummrigen Beleuchtung mit den vielen flirrenden Farben und Spiegelungen kaum zu sehen, und sie geht ihn auch nichts an. Und obwohl von den Dutzenden winzigen Knöpfen an der silbernen Borte, die das Kleid vom Hals bis zu den Knöcheln zusammenhalten, kein einziger geschlossen ist, er also freien Blick hat auf meine nackte Haut, meine Brüste, meine blitzblank rasierte Möse, versucht er immerhin, mir ins Gesicht zu sehen. Das ehrt ihn, ist aber zwecklos, denn das Kleid hat am Rücken eine große weite Kapuze, die ich bis in die Stirn gezogen habe, sodass ich wie eine augenlose Priesterin am Flügel stehe und die Beine aneinanderreibe.
Er weiß nicht, was er tun soll, zwirbelt an seiner Uniformjacke herum, schluckt hart, tritt von einem Fuß auf den anderen. Ich lege den Kopf leicht zurück, nehme das Glas mit dem Champagner, trinke erst, lasse dann aber die Hälfte über meinen Körper fließen bis zu meinen nackten Füßen. Ich trage niemals hochhackige Schuhe, auch nicht zur Abendrobe. Hohe Hacken haben Männer erfunden, die es lustig finden, wenn Frauen im Film auf der Flucht vor Aliens stolpern, sich in den Matsch werfen und dabei ihre Bluse zerreißen. So eine bin ich nicht. Vor mir hätten eher die Aliens Angst.
Einem halb narkotisierten Opfer kalte Instrumente in den Popo schieben, dabei den kleinen grünen Alienpimmel melken und das Ganze Wissenschaft nennen, also bitte, ist das pervers? Ich winke den Caterer zu mir. Er trippelt wie ein Rennpferd hinter der Absperrung und macht dann einen langen Schritt auf mich zu. Ich nehme sein Gesicht zwischen meine Hände, sehe ihm tief in die Augen, die ein überraschendes katzenartiges Grau haben, lächle ihn an und lecke ihm langsam und genüsslich übers Kinn: mal mit der breiten Zunge, mal nur mit der Spitze – manche Briefmarken schmecken besser –, bis ich an seinem Mund angekommen bin und zwischen seine Lippen züngele.
Er steht stocksteif da und ist so erstarrt, dass er nicht auf meine Hand achtet, die vom Flügel gerutscht ist und ihm zwischen die Beine greift. Er atmet scharf ein und dreht seinen Blick wieder in Janniks Richtung, der ungerührt das Silber nachpoliert und Konfekt in eisgekühlte Schälchen verteilt. Ich stelle einen Fuß auf die Fensterbank neben dem Flügel, lasse den letzten Schluck Champagner über meinen Körper laufen und ziehe den Kopf des Caterers am Nacken zwischen meine Brüste.
Die Rötung der Laserbehandlung eine Handbreit über dem Herzen ignoriert er. Gehorsam fängt er an zu lecken, erst zwischen den Brüsten, dann lutscht er sehr schnell auch meine Nippel. Er schnappt danach, als wäre er in Sicherheit, wenn er erst richtig angedockt hätte. Hier haben Männer das gleiche Problem wie die Saugnäpfe im Bad. Die Wand ist immer stärker. Da liegen sie längst mit einem leisen Plopp abgefallen auf den Badezimmerfliesen, wo sie in einer klebrigen Schicht aus Katzenklokrümeln und Haarspray festpappen, aber die Wand steht. Und wenn sich der Mund auch noch so vakuumartig um die Brustwarze schließt: Die Frau, an der der Mann hängt, ist nicht seine Mama, und die Gefahr wird niemals vorbei sein.
Immerhin fühlt es sich angenehm an, wie er da saugt. Meine Zitzen werden hart und brennen. Er ist ein wirklich begabter Nippelnuckler. Bei manchen Männern hatte ich schon Angst, sie könnten sie mir abbeißen. Er aber saugt sie mit weichen Lippen ein, macht dabei den Mund ganz weit auf und spielt mit seiner Zunge an den harten Noppen, sodass ich leise stöhne und seinen Kopf tiefer drücke. Gehorsam leckt er mir über den Bauch, züngelt kurz im Nabel und kniet sich dann vor mich.
Ich gehe ins Hohlkreuz. Zwischen meinen Beinen ist es mittlerweile so nass, dass ich das Gefühl habe, ich würde von innen überschwemmt. Er zögert jetzt nicht mehr, sondern presst sein Gesicht direkt auf meine Möse. Seine Nase teilt meine Schamlippen, und sein Mund liegt über Möse und Klit wie eine feuchte, fickgeile Qualle. Wer hätte gedacht, dass dieser kleine, untersetzte Danny-DeVito-Klon seine Zähne derartig unter Kontrolle hat, dass ich sie nie spüre, an den Duttelknöpfen nicht und auch hier auf den Schamlippen nicht. Es gibt nur seinen saugglockenartigen weichen Mund mit der vorschnellenden und zuckend leckenden Zunge an meiner Klit. Ich denke an Mick Jagger und sein Riesenmaul.
Wenn der jetzt hier knien und mich lecken würde, dürfte sich das anfühlen, als hätte ich einen Hausmeister-Pümpel zwischen den Beinen. Mein talentierter Caterer ändert das Tempo, löst sich etwas von mir und fährt jetzt nur noch mit der Zungenspitze zwischen den Schamlippen hin und her, und jedes Mal, wenn er über die Klit schleckt, zucke ich zusammen. Schließlich macht er seine Zunge ganz hart und stößt sie immer wieder so weit in mein Mösenloch, wie er kann. Und als er mir anschließend mit der breiten Zunge die Möse mit gleichmäßigen festen Strichen von unten nach oben bestreicht, kommt es mir, ohne dass ich auch nur mit den Lidern gezittert hätte. Das muss er gar nicht wissen.
Ich bin nicht die königliche Orgasmusverkünderin und Männer-Ego-Aufpoliererin. Aber nett bin ich schon. Gut geleckt bin ich immer nett. Denke ich in dieser milden Stimmung an meinen Mann? Schon. Habe ich ein schlechtes Gewissen? Keinesfalls. Es ist ja nur Sex. Das war sein Wortlaut: »Nur Sex.« Inzwischen weiß ich, dass es niemals »nur Sex« ist. Es ist ja auch nicht »nur eine Kernspaltung«. Sex ist die größte, mächtigste und gefährlichste Kraft, die wir haben. Da muss man aufpassen, dass man nicht mal eben eine Welt zersprengt wegen ein paar Zuckungen. Mir jedenfalls passierte genau das, als er es sagte. Ich hatte bis dahin die perfekte Ehe. Den perfekten Mann. Das perfekte Glück. Die ganz große Liebe. Ja, es ist kitschig, aber deshalb ist es nicht weniger wahr. Dann kommt er eines Tages nach Hause, erzählt mir von einer Affäre, dass sie praktisch schon beendet sei, und entschuldigt sich mit dem miesesten aller Sätze: »Es war doch nur Sex.« Mein Liebster, ehrlich gesagt, es war mein Leben.
Aber jetzt ist nicht der Moment, wieder wütend zu werden. Und nebenbei steht ja auch noch ein geschwollener Catererschwanz vor mir, der für all die Verwicklungen nichts kann. Der Rest dieses Ficks ist also Höflichkeit. Ich verlagere das Gewicht Richtung Fensterbank, sodass ich mich mit dem Hintern darauf abstützen kann. Neben einigen Papieren und Folien liegen hier die Blechkronen der Champagnerkorken herum, die sich jetzt in meinen nackten Hintern pressen und auf meiner Haut ein Muster von kleinen Zahnrädern hinterlassen. Ein Uhrwerk auf leicht gebräuntem, saftigem Schinken, vielleicht als Symbol dafür, dass auch meine Zeit tickt und ich nicht ewig eine Sexgöttin bleibe, sondern irgendwann in das Zeitalter der »Dame« übergehe – was nicht bedeutet, dass ich ehrbarer würde, sondern nur von Jahr zu Jahr seltener gefickt. Solche Mahnmale auf dem Hintern sind weder geil noch romantisch. Aber noch gehören alle Männer dieser Welt mir, und ich nehme mir, wer mir gefällt.
Als der Caterer seinen Schwanz aus der Jeans befreit, ist Jannik sofort zur Stelle und reicht auf einem silbernen Tablett ein Kondom, das sich der Caterer hastig überstreift – nicht ohne sich mit einem Kopfnicken zu bedanken. Wir sind eben alle sehr höfl ich und kultiviert heute Abend. Er dringt in mich ein, und ich fühle, wie die Metallkronen ihre uncharmanten Muster in mein Fleisch pressen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als wollten sie mich beißen. Ich denke darüber nach, ob ich mit Mitte dreißig wirklich noch moralisch dazu verpflichtet bin, einem Fremden, der mich gerade netterweise zum Orgasmus geschlabbert hat, auch noch einen Abschuss zu gönnen. Ich werde das heute zum letzten Mal tun. Die Zeit, in der mich derartige Konventionen interessiert haben, ist vorbei.
Sie war vorbei in dem Moment, als mein Mann seine Beichte beendet hatte und ich langsam, ganz langsam wieder Luft bekam. Was an diesem Abend sonst noch passierte, mag ich jetzt nicht erzählen, aber schließlich kam es zu folgendem Deal: Ein Jahr habe ich von ihm gefordert. Eine Revanche, einen Ausgleich, eine Buße. Ein Jahr, in dem ich alles tun darf, was ich will. Am Anfang war es nur Rache, dann Neugierde, inzwischen aber ist es Lust, denn seitdem weiß ich, dass »nur Sex« nie »nur
Sex« ist, auch für mich nicht. Es hat immer in mir gesteckt, diese Kraft, diese Gewalt, dieser Hunger. Ich bin auf meine Kosten gekommen, könnte man sagen.
Da muss ich lächeln, während der Caterer mit kurzen, harten Stößen in meine Möse fickt und ich mich auf der Fensterbank abstütze und auf die Uhr sehe, ob uns gleich die Gäste überraschen. Im Grunde ist der Fick mit dem Caterer genau der richtige Aperitif, denn heute wird vieles zum letzten Mal passieren. Es ist ein folgerichtiger, fast symbolischer, dazu wirklich angenehmer, ich möchte nicht sagen Höhepunkt, da würde ich den schnaufenden Caterer überbewerten, aber ein schöner Abschluss.
Und ein gelungener Auftakt für den Abend und die Gäste, die jetzt prompt klingeln. Das passt mir gut, so muss ich keine Konversation mehr betreiben, sondern nur noch den entladenen Catererschwanz aus meiner Muschi entlassen, mir das Kleid zuknöpfen, die Kapuze zurückschlagen und den guten Mann mit einem freundlichen Kopfnicken verabschieden. Er rafft seine Jeans in der Taille zusammen, dreht sich im Kreis, schaut nach, ob er irgendetwas vergessen hat, verbeugt sich mehrmals im Rausgehen, stößt dabei an einen Stuhl und macht einen so konfusen Eindruck wie diese hektisch durch Labyrinthe irrenden Figuren in Computerspielen.
Jannik greift sich die Papiere und die Blechkronen von der Fensterbank und führt den Caterer Richtung Küche. Möge er sich dort wieder herrichten, damit er draußen nicht als Exhibitionist verhaftet wird. Barfüßig, mit aufgetürmtem Haar, orientalisch geschminkten Augen und einem Glas Champagner in der Hand streiche ich mir über die feuchte Stirn. So erwarte ich die Gäste meiner Soiree, die, da bin ich sicher, ganz anders werden wird, als einige von ihnen erwarten.
Ich gehe in Gedanken noch einmal durch, wen ich eingeladen habe. Sechs Gäste, vier Männer und zwei Frauen, die alle etwas gemeinsam haben, nämlich mich. Allerdings wissen sie das nicht. Ich habe sie alle innerhalb dieses einen Jahres kennen-, manche lieben und manche hassen gelernt. Als ich daran denke, wer nicht mit uns am Tisch sitzen wird, steigt ein bitteres Gefühl in mir hoch wie schwarze Seifenblasen. Ich wäre gern abgebrüht, aber ich vermisse ihn in solchen Momenten immer noch, meinen Mann. Ich nippe am Champagner, doch die Dumpfheit in der Magengrube bleibt. Mit allen meinen Gästen habe ich geschlafen.
Sex ist etwas, das ich kann; mein Körper ist dafür gemacht. Und mein Geist auch. Ich halte nichts davon, Sex mit viel Theorie zu überfrachten. Ficken soll man fröhlich – und fertig. Für mich ist es wie ein großer Energietank, den ich anzapfen kann und der mich am Leben hält.
Aber es gibt Nächte, da breiten sich Träume in meinem Kopf aus, die mich beunruhigen. Meine gespreizten Beine in Großaufnahme, in meine Möse schlüpfende Finger, Zungen auf meiner Klit und zwischen den Arschbacken, immer mehr Hände. Schwänze, die in mich eindringen, von vorn und von hinten, Muschis, die sich an mir reiben, die sich an mich pressen, Ströme von Saft und Sperma, Menschen, die zusehen, Anweisungen geben, alles kommentieren. Ich mittendrin, wie ich mich aufbocke, winde, anbiete. Und die Erregung ist so groß, dass ich glaube zu platzen. Die Szene wird immer wilder; ich bin in einem Bett, mitten in einem Lokal, auf der Bühne eines Theaters, man streichelt mich, fi ckt mich, mit Zungen, Fingern, Schwänzen. Und immer komme ich an den Punkt, wo es sich entladen muss, all diese aufgestaute Geilheit, am höchsten Punkt der Achterbahn, wo man nur noch die Hände hochreißt und sich hinunterstürzt mit schrillem Geschrei. Doch bei mir passiert in diesen Träumen nichts. Nichts. Das Gefühl der Erregung scheint sich bis ins Unendliche steigern zu können, aber ich spüre keine Erlösung. Die Finger, die Zungen, die Schwänze stoßen heftiger, die Schnitte zwischen den einzelnen Einstellungen werden immer schneller, nur kann ich die Spannung nicht überwinden. Ich komme nie in diesen Träumen.
Was mir, wenn ich wach bin, so leichtfällt, ist dann unmöglich. Irgendwann wache ich völlig gerädert auf, fühle mich malträtiert und benutzt, bin gereizt und aggressiv und bodenlos enttäuscht. Es gab einen einzigen Mann in meinem Leben, neben dem ich, als ich ihn liebte, schlafen und träumen und im Traum kommen konnte. Bei dem ich nicht Tiefschlaffrigide war. Als hätte seine pure Anwesenheit neben mir im Bett gereicht, um den Knoten zu lösen. Diese Orgasmen, die mich gleichzeitig geträumt und körperlich, bewusstlos und wach überkamen, sprengten mich und ließen ein körperloses, schwebendes reines Glück zurück. Ich habe ihm das nie erzählt. Er bemerkte nur meine besonders
gute Laune am nächsten Tag.
Kein anderer Mann hat es geschafft, mich so tief zu berühren. Und ausgerechnet er ist heute Abend nicht unter meinen Gästen. Dabei hätte ich ihn zu gern an meiner Seite, will unter der Damasttischdecke sein Knie an meinem spüren und seine Hand an meinem Oberschenkel. Am liebsten wäre ich mit ihm allein heute Abend, würde meinen Kopf in seinen Schoß legen und die Augen schließen, aber das geht nicht. Erst muss ich diese Sache zu Ende bringen.
Und das am besten gut gelaunt, weil es nichts bringt, bei einem Fest, egal, welchen Anlass es hat, Trübsal zu blasen. Also trinke ich noch einen Schluck Champagner, stehe leicht schwankend auf nackten Füßen da und höre, wie sich Schritte auf der Treppe nähern. Kurze, kleine Schritte mit einem leisen Klacken, das, wie ich gleich errate, von altmodischen Schnallenschuhen stammt. Hilde tänzelt herein. Meine Retterin. Meine Verräterin…
Vögelfrei
Von: Sophie Andresky
Taschenbuch, Broschur, 240 Seiten
Verlag: Heyne Hardcore
Veröffentlichungsdatum: 6. April 2009
ISBN: 978-3-453-67570-4
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| Literatur | ||

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