In unserer neuen Kurzgeschichte möchte ein alternder Inspektor Licht in den vermeintlichen Mord an einer nackten Frau bringen. Während der Spurensuche entdeckt er, dass er sich bei BDSM-Liebhabern befindet. Dann geschieht etwas Unfassbares. Begleitet Inspektor Dick bei seinen Ermittlungen...

Inspektor Dick
"Treten sie zurück", herrschte Inspektor Dick den jungen Sergeant an. "Sie Trampel versauen mir ja alle Spuren!" Nervös trat der bleiche junge Mann zurück und konnte gerade noch verhindern, dass er mit seinem, vom guten, alten Londoner Regen klatschnassen Regenüberwurf, eine zierliche, kleine Vase von einem Beistelltisch fegte.
Es lag nicht daran, dass er noch nie eine Leiche gesehen hatte. Auch nicht am Anblick einer nackten Frau. Selbst nicht daran, dass die Tote von beinahe überirdischer Schönheit war, nein.
Es lag an der nackten, wunderschönen, toten Frau. Alles auf einmal war ein bisschen viel für einen gerade mal neunzehnjährigen Bobby und so verschwand er leichenblass in den Vorgarten, um sich dort möglichst leise zu übergeben.
Inspektor Dick schnaubte verächtlich durch seine dicke Nase, der man seine Vorliebe für Portwein deutlich ansah. Vorsichtig kratzte er mit der Klinge seines Taschenmessers etwas von den Teppichfasern des edlen, handgeknüpften Persers und verwahrte seine Beute in einem weiteren, sterilen Plastikbeutel. Er würde die ganze Nacht brauchen, um all die Beutelchen in seiner Manteltasche nach wichtigen und unwichtigen Beweisen zu sortieren, aber das war ihm egal.
Er musste herausfinden was hier vorgefallen war.
Wieder einmal warf er einen raschen Blick auf das Opfer und konnte, trotz aller Konzentration, kaum die Augen von ihrem wundervollen Körper nehmen.
Perfekt. Das war das Wort welches sich ihm immer wieder aufdrängte. Diese Frau war perfekt. Makellos. Zauberhaft. Abgesehen von den bläulichen Würgemalen an ihrem schlanken, weißen Hals, die vermutlich von dem schwarzen Seidenschal stammten, der neben ihr auf dem Boden lag und einem weiteren, abstoßendem Detail, dem er sich bald würde widmen müssen.
Verlegen wandte der Inspektor den Blick ab und notierte seine Eindrücke sorgfältig auf einer kleinen Registerkarte, die er sofort wieder in den Tiefen seines Trenchcoats verschwinden ließ.
Stöhnend erhob er sich und fluchte innerlich, als er es beim Aufrichten in Knien und Rücken deutlich knacken hörte. Er wurde zu alt für diesen Job auf der Straße. Für die Treffen mit Informanten in irgendwelchen dreckigen Spelunken und für Anblicke wie diesen hier.
Was war hier geschehen?
Der Inspektor straffte energisch seine Schultern, rückte die obligatorische Melone auf seinem grauen Haar zurecht und ließ den Blick über den Tatort schweifen.
Die Wohnung war erlesen eingerichtet und er bezweifelte, dass er sich von einem seiner Monatsgehälter auch nur den Staub auf den Möbeln hätte leisten können, doch trotz aller Eleganz wirkte der Gesamteindruck irgendwie abstoßend auf ihn. Fremdartig anmutende, martialische Waffen hingen an den Wänden. Masken und Seile waren ordentlich neben einem ledergepolsterten, altarartigen Tisch drapiert, direkt neben einem schmiedeeisernen Gestell voller Peitschen und Reitgerten und... anderer Dinge. Schwere Ketten und Lederbänder hingen hier und da an stählernen Haken von der Decke und die vielen brennenden Kerzen im Raum verbreiteten ein diffuses Licht. Er fühlte sich wie in einem Albtraum gefangen, da fiel sein Blick auf eine kleine Insel der Realität. Auf einem Nussbaumtischchen in der hintersten Ecke des großen Raumes entdeckte er einen Laptop mit einem abstoßend exakten Abbild der weiblichen Scham als Bildschirmschoner und an der Wand darüber, fast im Schatten versunken, ein Bild.
Nicht irgendeinen alten Ölschinken voller Pigmentflecken oder eine dieser neoklassizistischen Scheußlichkeiten, sondern ein echtes Kunstwerk. Eine Lithografie, ein Bild gefertigt in Steindrucktechnik und wie es schien, von einem wahren Meister seines Faches hergestellt. Das Motiv des Bildes erschien ihm allerdings seltsam. Aus seinem unvorteilhaften Blickwinkel wirkte es wie eine wirre Ansammlung von Straßenmarkierungen, also bewegte er sich vorsichtig um das Opfer herum und durchquerte den Raum, bis ihn nur noch wenige Zentimeter vom Objekt seiner Neugier trennten... und erstarrte.
Mit bleichem Gesicht betrachtete der Inspektor diese auf wundervolle Weise hergestellte Abscheulichkeit.
Um die Nachtschatten des Kerzenlichtes von der Oberfläche des Bildes zu verscheuchen, angelte er mit spitzen Fingern eine kleine Taschenlampe aus der mit Beweisbeuteln vollgestopften Tasche seines Regenmantels und richtete den hellen Strahl auf die bedruckte Oberfläche.
Das Bild zeigte einen hellhäutigen Mann in einem schwarzen Anzug, der mit gespreizten Beinen über dem nackten, makellosen Körper einer auf dem Boden liegenden Frau stand. Und auf dem Boden neben der Frau lag ein schwarz schimmernder Schal. Der Hintergrund des Bildes, ein Meer aus Kerzenflammen und im Dunkel angedeutete Seile und Ketten... Wie von der Spinne gebissen trat Inspektor Dick einen hastigen Schritt zurück und stieß dabei mit seinem rechten Ellenbogen gegen ein hochbeladenes, silbernes Tablett auf einem der zahllosen Beistelltischchen, das lautstark zu Boden ging und dabei Geräusche verursachte wie ein Verkehrsunfall mit schwerem Blechschaden.
Fassungslos ließ er den Strahl seiner Taschenlampe zwischen dem Bild und seiner Umgebung hin und her wandern. Kein Zweifel, er befand sich in eben genau dieser Szene, die auch das Bild darstellte.
Welch ein kranker Geist gehört nur zu so einer Tat, dachte sich Dick und wischte sich mit einem zerknitterten Taschentuch aus seiner Gesäßtasche die Schweißperlen von der Stirn.
Vorsichtig ging er erneut in die Knie und untersuchte gewissenhaft die Gegenstände, die er durch seine Unachtsamkeit auf dem Boden verstreut hatte.
Das letzte bisschen Farbe wich aus seinem ohnehin schon blassen Gesicht, als er behutsam einige dunkelbraune Medizinfläschchen aufhob und ihre Etiketten studierte.
"Lustbeschleuniger", war dort zu lesen. "Dunkler Orgasmus" und "schmerzhafter Trauerflor (Kettenöl)", stand auf anderen geschrieben.
Angewidert sprang der Inspektor auf und vergaß sogar für den Augenblick seine schmerzenden Knie, als seine Finger, mit denen er die Fläschchen gegriffen hatte, anfingen zu jucken, wie bei einer extremen Allergie.
Hastig zuckten seine Blicke durch die Räumlichkeiten und suchten verzweifelt nach etwas, woran er sich die Finger abwischen konnte, sein eigenes Taschentuch kam dafür natürlich nicht in Frage... da fiel sein Blick auf ein Blatt Papier.
Es klemmte nur noch mit einem kleinem Stückchen Rand unter einer zierlichen kleinen Vase. Derselben Vase, die der junge Bobby vorhin fast vom Tisch geworfen hatte. Auf wackeligen Beinen machte sich Inspektor Dick auf den Weg durch all die unsagbaren Gegenstände im Raum. Dabei streifte sein Blick wieder den Gegenstand neben der Frau auf dem Boden, den er vorhin so gewissenhaft ignoriert hatte. Ein kurzer Blick auf das Bild zeigte ihm, dass auch dieses eklige Detail stimmte. Es war ein Vibrator. Ein Dildo. Einer dieser Selbstbefriedigungsgegenstände für Frauen. Er hatte natürlich davon gehört, aber bei Gott... dass er so ein Ding einmal aus der Nähe sehen würde, hätte er nie erwartet. Dunkelblau war es, in seiner Form einem Penis nachempfunden, wobei die Größe völlig unnatürlich und übertrieben war, da war er sich sicher. Außerdem wies dieses Ding Perlen, Noppen und stumpfe Stacheln auf, die gewiss nur einer völlig kranken Phantasie entsprungen sein konnten.
Endlich erreichte der Inspektor den Tisch und riss das Blatt heftig unter der Vase hervor. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und das Deckenlicht wurde angeschaltet.
Geblendet zwinkerte Inspektor Dick im grellen Licht und versuchte, die Person an der Tür zu erkennen.
Es war der hellhäutige Mann in dem dunklen Anzug. Inspektor Dick griff nach seiner Waffe. "Keine Bewegung. Sie krankes Schwein", bellte er und hielt den Lauf seines Revolvers auf den Umriss des Mannes gerichtet. Dieser hob gehorsam die Hände und sagte mit ruhiger Stimme "Lesen Sie, Herr Inspektor. Lesen Sie."
Mit immer noch erhobener Waffe führte der Inspektor den Zettel in sein Blickfeld und begann zu lesen.
"Mein geliebter Schatz, heute werden wir uns endlich Deine verborgenste, sehnlichte Phantasie erfüllen und das alte Bild vom Trödelmarkt in unser Spiel einbauen, das Du so magst. Richte alles so her wie ich es Dir befohlen habe und erwarte mich, wie besprochen. Nimm genau die selbe Position wie auf dem Bild ein, aber mach nicht wieder ein Räkelseminar mit Deinem Dildo daraus. Und wage es nicht Dich zu rühren, egal was passiert, ehe ich bei Dir bin..."
Das Blatt Papier entglitt den zitternden Händen des Beamten und mit einem gequälten Stöhnen ließ er seine Waffe sinken.
"Du kannst Dich jetzt erheben, mein Schatz. Ich denke der Inspektor wird uns jetzt verlassen."
© by Biker_696





