Diverse Auseinandersetzungen in unserem Forum und diverse Alltagsbeobachtungen bewegten unseren Kolumnisten Matthias Kayser zu einem Rundumschlag zum Thema Geschlechterk(r)ampf. Eine epische Geschichte in drei Teilen, in deren Verlauf beide Geschlechter ihr Fett wegbekommen werden.
Geschlechterk(r)ampf

Warum in drei Teufels Namen machen wir eigentlich so ein Riesenproblem daraus, mit dem anderen Geschlecht entspannt umzugehen? Männer kotzen sich beim Stammtisch über die oder ihre Frauen aus, Frauen schauen sich "Sex and the City" an und jammern, bzw. lästern anschließend über die oder ihre Männer.
Mit Einzug der Singlebörsen und Erotikpartnerportale im Internet ist der Ton jedoch zunehmend rauer geworden. Dabei hecheln wir doch alle der Erfüllung unserer Begierden, Sehnsüchte und Wünsche hinterher! Warum also tun wir uns so schwer damit?
Eigentlich ist die Sache doch relativ einfach. Wir müssten uns "nur" einiger tief verwurzelter Auffassungen und Denkstrukturen entledigen. Sowohl Männer als auch Frauen pflegen die gleichen Fehler zu begehen. Hier setzt schon gleich das erste Aufklärungsgebot an: Beide Geschlechter sind gleich gut, beziehungsweise unvollkommen!
Eine Ursache des gestörten Verhältnisses zueinander liegt in der unterschiedlichen Bewertung augenscheinlicher "Oberflächlichkeiten"! Nennen wir das Kind beim Namen: Frauen behaupten gern, Männern seien weniger tiefsinnig und würden mehr auf Äußerlichkeiten achten. So nach der Art: Frauen sollten lange, blonde Haare haben, einen knackigen Po und feste Brüste.
Gar groß ist die Empörung, wenn ein Mann solches unverblümt zu sagen wagt und dazu steht. "Schwanzgesteuerter Primat" wird ihm entgegengeschleudert. Wie kann er es wagen, Frauen derart auf das Körperliche zu reduzieren!
Wo bleibt das Fragen nach den inneren Werten, dem Charakter, der Intelligenz? Das ist es doch, worauf das weibliche Geschlecht angeblich bei Männern Wert legt. Aber halt! Jetzt wird es interessant!
Die meisten von euch kennen bestimmt noch die Sendung "Herzblatt". Oder eine der anderen zahlreichen Single-Shows. Dort gab und gibt es folgendes Phänomen zu beobachten: Fragt der Moderator oder die Moderatorin eine Frau, wie ihr Traummann zu sein (nicht auszusehen!) habe, so kommt die Aussage "Groß muss er sein!" hundertprozentig entweder als erster Anführungspunkt oder als letzter! Das Entscheidende dabei ist die Position. Nie - wirklich niemals - taucht der Faktor "Größe" in der Mitte der Aufzählungen auf, wo er an Bedeutung verlöre!

Interessant, wie hier das lymbische System die moderne, aufgeklärte Frau ins finstere Neandertal zurückschickt und nach dem Alphatierchen schreien lässt. Damit sind die Frauen entlarvt! Das Eingeständnis ist unausweichlich – sie sind genauso auf Augenscheinliches fixiert wie die Männer! Nur fällt es ihnen nicht im Geringsten auf. Wie selbstverständlich sprudelt es aus den Frauen heraus, doch wie anders bewerten sie die Wunschliste der Männer!
Und - ist es nicht immer noch für die meisten Frauen unvorstellbar, mit einem Mann zusammen zu sein, der die gleiche Größe hat oder gar kleiner ist, als sie? Was nützt ein Kerl, der 1,95m groß ist, aber vom EQ betrachtet gerade mal über die Tischkante sehen kann? Der im Urlaub als schwere Last das Käppi auf seiner stressgenerierten Halbglatze trägt wie einst Atlas die Erdkugel, in einer Hand allenfalls noch die Schachtel Zigaretten samt zentnerschwerem Feuerzeug, und seine Frau die federleichten Taschen mit den Getränken, Büchern, Badelaken und Sonnencremes schleppen lässt?
Ich lese und höre so häufig, dass Frauen eine starke Schulter zum Anlehnen haben wollen. Mal ehrlich, wie viele Minuten oder gar Stunden am Tag lehnt ihr kuschelnder Weise an der Schulter eines Mannes? Ist das eine neue Trick-Diät? Abnehmen beim Stehkuscheln?
Ach ja – ihr wollt euch ja auch noch beschützt fühlen! Beschützt wovor? Mammuts und Säbelzahntiger sind längst ausgestorben. Gegen radioaktive Strahlung, El-Kaida und die drohende Klimakatastrophe können sie erst recht nichts ausrichten. Und kleine Männer pflegen Frauen eher nicht zu vergewaltigen, sondern kriegen sie durch ihr freches Mundwerk herum.
Also müsste der große Mann euch vor großen Männern beschützen. Äh – Moment mal – da beißt sich doch die Maus in den Schwanz, oder? Wollt ihr Feuer mit Benzin löschen? Was mir in dem Zusammenhang noch auffällt: Wieso haben die meisten martialisch aussehenden Kerle einen Kampfhund an ihrer Seite? Wovor soll der Kläffer sie beschützen? Vor großen Frauen?
Liegt eure Sehnsucht nach einem Riesen also womöglich noch tiefer im emotionalen Atommüll-Endlager des Unterbewussten verschüttet? Ist es eine stille masochistische Sehnsucht nach einem dreifachen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule, weil ihr ständig beim Aufschauen und erst recht beim Küssen den Hals auf ungesunde Weise nach hinten verbiegen müsst?

Apropos Küssen: ein spontaner Kuss auf des Geliebten Lippen oder Wange erübrigt sich bei einem Größenunterschied von 20 Zentimetern sowieso, es sei denn, ihr habt ein intensives Zielsprungtraining absolviert, oder tragt ständig, also auch zuhause, 12 Zentimeter hohe High-Heels.
Was nützt die ganze Emanzipation, wenn ihr immer noch darauf abfahrt, dass der Mann auf euch herabschaut? Man bedenke den psychologischen Sachverhalt! Ihr erwartet Respekt und Achtung und seid von vornherein nicht auf Augenhöhe? Ihr werft den Männern mangelnde Empathie vor, und outet Euch bei den Anforderungskriterien selbst als emotionale Vollinvaliden?
Einer der schwersten Irrtümer ist doch, Liebe, Geborgenheit, Verlässlichkeit und Sicherheit - die so genannte "starke Schulter" - durch trügerische körperliche Größe zu erlangen! Meine Damen: Diese Eigenschaften sind innere Werte, die nicht das Mindeste mit irgendeiner Körpergöße zu tun haben!
Ich hatte schon einige Beziehungen mit größeren Frauen, und was soll ich sagen? Diese waren wesentlich harmonischer als die mit den kleineren! Erst meine letzte Affäre mit einer Frau, die schlappe 1,83 vorzuweisen hatte, war ausgesprochen einmalig, sowohl geistig wie auch sexuell. In der Horizontalen verpufft der Größenunterschied nämlich sowieso ab einem gewissen Grad der Erregung. Und außerdem, seien wir doch ehrlich: spätestens im kleiderlosen Zustand zählt ja wohl eine andere Größe, sowie Fähigkeiten, die nichts mit der Körpergröße zu tun haben, oder?
Ach - was mir gerade noch aufgefallen ist: Bei homosexuellen Paaren, männlichen wie weiblichen, ist das Thema Körpergröße augenscheinlich keins. Hmmm ... Dabei hatten doch gerade schwule Paare bis vor ein paar Jahren aufgrund intoleranter Zeitgenossen noch allen Grund, sich zu ängstigen!
Also, wenn DAS jetzt kein Beweis dafür ist, dass das Thema "Beschützen" Kokolores ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter!
In diesem Sinne: Wachsen wir über uns hinaus, zumindest geistig!
In der nächsten Kolumne geht es um die Überbewertung des männlichen Genitals - ein Schelm, der (nichts) Böses dabei denkt!





