
Wie stark bestimmt unser familiäres Umfeld unsere eigene Persönlichkeit, sind wir unveränderliches Ergebnis unserer Erziehung?
Jeder hat eine, die meisten haben regelmäßig größere und kleinere Streitereien mit ihr und trotzdem kann man sich ihr nicht entziehen – die Rede ist von unserer Familie. Es gibt sie in unterschiedlichsten Ausprägungen, von der Ein-Elternteil-Familie bis hin zur Groß- und Patchworkfamilie, aber sie haben alle eines gemeinsam: Es handelt sich um eine besonders eng zusammenlebende Gruppe mit einem sehr intimen Beziehungssystem, die sich nach eigenen Regeln, Werten, Vorstellungen und Ansichten richtet.
Sind wir tatsächlich seit zwei Jahren mit unserem Partner zusammen, nur weil er sich auf die gleiche Art den Kopf kratzt wie damals Papa, oder weil sie den Schmollmund macht wie Mama, wenn sie was nicht bekommt? Ob folgende Annahmen zutreffen, muss wohl jeder für sich entscheiden.
Die Eltern – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Kinder erhalten durch ihre Eltern einen ersten Blick in die Welt, die sie betreten. Durch sie bekommen sie die wichtigsten Basis-Weltbilder vermittelt, lernen zwischen Wertschätzung und Missachtung zu unterscheiden. Eltern sollen ihrem Kind mit auf den Weg geben, wie es möglichst gewaltfrei Konflikte lösen kann und dass Kompromissbereitschaft und Bereitschaft zu kommunizieren wichtige Pfeiler in der Gesellschaft sind. Je nachdem wie Eltern diese Aufgabe erfüllen, beeinflussen sie auch die zukünftigen Einstellungen und Verhaltenweisen ihrer Kinder, mal mehr, mal weniger positiv.
Geprägt werden:
- die grundsätzliche emotionale Orientierung des Kindes, abhängig davon, welche Emotionen sie selbst gegenüber dem Kind zeigen
- Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen, da Kinder ihre Eltern immer nachahmen und sich mit ihnen identifizieren wollen; das betrifft auch das Konsumverhalten, wie bei Alkohol oder anderen Genussmitteln
- die Sexualität und teilweise auch die zukünftige Partnerwahl des Kindes, je nach dem eigenen Umgang mit dem Thema und vorgelebten Rollen der Eltern
Das Beziehungs-Wirrwarr: Vater-Mutter, Tochter-Sohn
Generell ist die Beziehung von Jugendlichen zur Mutter besser als zum Vater, nur etwa jeder zehnte Teenager versteht sich besser mit dem Vater. Doch bezüglich der Geschlechterrolle gilt besonders bei Mädchen: Kaum ein Mann ist so wichtig wie der Vater. Laut der Diplom-Psychologin Dr. Angelika Faas eröffnet ihr der Vater Zugang zu einem für die Tochter schwer zugänglichen Bereich, "zum Phänomen der Männlichkeit".
Als junge Frau kann sie abschätzen wie sie "ankommt", wie ihr Verhalten auf den Vater wirkt. Dies bestimmt grundlegend, wie die Tochter sich später selbst einschätzt, wie sie mit anderen (Männern) zurechtkommt und vor allem welchen Männertyp sie mag und auswählt.
Aber auch bei Jungs funktioniert das ganz ähnlich. Der Sohn beginnt sich zwischen vier und sechs Jahren für die Mutter zu interessieren und sieht den Vater als Konkurrenz. Später identifiziert er sich mit dem Vater und bildet seine Geschlechterrolle aus. Allerdings ist die Prägung nicht so stark wie bei den Mädchen, da Jungs weniger beschützend erzogen werden, früh von der Mutter unabhängig werden und mehr Freiheiten genießen können.
Sie konzentrieren sich in der Orientierung ihrer Männlichkeit früh auf ihren Vater und vor allem auf "ihre Jungs" – wo sie schnell lernen, wie sich ein "richtiger Kerl" zu verhalten hat. Grundsätzlich gilt nach der Psychoanalyse Freuds, dass zwei Faktoren für die kindliche Sexualität entscheidend sind: die Entdeckung, dass es unterschiedliche Geschlechter gibt, und die Beziehung zu seinen Eltern, auf die sich nach Freud die ersten sexuellen Wünsche richten.
Mein Bruder – mein Konkurrent?
Es gibt eine Menge Studien darüber, wie die Stellung in der Geschwisterkonstellation Verhaltensweisen und Charakterzüge beeinflusst. Demnach werden diese Persönlichkeitsmerkmale aus der Position in der Familie auch noch im Erwachsenenalter eingesetzt.
Dabei spielt es jedoch eine große Rolle, ob es sich um Bruder und Schwester handelt - diese sehen sich meistens nicht als Konkurrenten - oder um Geschwister gleichen Geschlechts. Auch wichtig ist, welcher Altersunterschied existiert. Ist er größer als vier Jahre, haben die Geschwister eher den Charakter von Einzelkindern.
- Der Erstgeborene: Er definiert sich durch Leistung, oft bis zum Burn-out. Er kann gut delegieren und legt Wert auf Ordnung und Disziplin. Er ist auf der einen Seite besonders fürsorglich, auf der anderen Seite neigt er zu Härte und fordert Bewunderung, was sich besonders in seiner Partnerschaft niederschlägt. Er ist eine Führernatur und übernimmt gern Verantwortung.
- Der Zweitgeborene: Ist eben nur der "Zweite". Er strebt immer danach der Erste zu sein, schneller zu sein und seinen Konkurrenten, den Erstgeborenen, zu überholen. Er arbeitet immer gegen sein Gefühl der Wertlosigkeit und kann daher auch schnell verletzend und aggressiv werden, wenn er sich minderwertig fühlt. Schwer hat er es vor allem in seiner Beziehung, da er eine leicht narzisstische Ader hat und sich ständig im "Kampf um Platz eins" befindet, wodurch er im Berufsleben oft in einer Führungsposition ist.
- Das Nesthäkchen: Der Jüngste in der Familie ähnelt dem Einzelkind, ist oft lebensfremd naiv und neigt zu übertriebener Eitelkeit. Es fordert viel von seinem Umfeld, ist ein Chaot, launisch und fügt sich gern Autoritäten und älteren Partnern. Nesthäkchen fühlen sich oft nicht ernst genommen und haben daher auch manchmal Sprachstörungen.
- Das Einzelkind: Der "Einzige" ist ohne Konkurrenz aufgewachsen, hat sie nie kennen gelernt und kann daher auch nicht mit ihr umgehen. Auch im späteren beruflichen und privaten Alltag. Dadurch, dass ihm immer alle Steine aus dem Weg geräumt wurden, ist er als Erwachsener unsicher unselbständig und von anderen abhängig. In Beziehungen fordert er übertrieben viel Zuneigung und hat meist ältere Partner.
Aber keine Sorge, wir sind unseren familiären Einflüssen nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert! Unsere genetische Ausstattung und unser soziales Umfeld haben auch ein Wörtchen mitzureden. In Wirklichkeit bilden unsere Erfahrungen in der Familie eher die Grundlage, auf der wir zukünftige Einwirkungen auf unser Leben wahrnehmen, verstehen und verarbeiten. Je älter man wird, desto mehr spielen andere Instanzen der Sozialisation, wie Schule, Freunde und Kollegen, eine Rolle – die Familie tritt eher zurück.




