29.06.2011

Offen gesagt…

Ein paar Überlegungen zum Thema "offene Beziehung"

Offene Beziehungen und der Sex mit anderen als dem eigenen Partner werden immer wieder kontrovers diskutiert. Zeit, sich mal etwas genauer in den Foren umzuschauen und Meinungen und Standpunkte zusammenzutragen...

Beziehungen damals und heute

Früher war alles anders. Jawohl. Da war die Welt der Paarbeziehungen noch geordnet und überschaubar. Man machte vor der Hochzeit nicht herum, man lernte jemanden kennen, heiratete ihn, machte DANN herum, bekam Kinder, er ging arbeiten, sie blieb zu Hause. Punkt. A kam vor B kam vor C… Experimente wurden selten gemacht. Und WENN sie gemacht wurden – und jetzt kommt's – dann wurden sie heimlich gemacht. Weil offiziell ja nicht sein konnte was nicht sein durfte. Wenn man einmal liiert war, dann war es das. "Bis dass der Tod Euch scheidet…"

Offen gesagt…

Heute aber, im Zeitalter der offen diskutierten, der früh begonnen, der überall in jedem Medium frei verfügbaren Sexualität, heute beginnen die Grenzen zu verschwimmen. Alles wird hinterfragt. "Das ist eben so, weil man das nun mal so macht" ist keine zufriedenstellende Antwort mehr. Auch nicht auf die Frage, die hier gestellt werden soll:

Ist die monogame Beziehung, also die Wahl eines festen Partners und der darauf folgende Ausschluss der Möglichkeit von Sexualkontakten mit anderen Partnern, wirklich noch eine zeitgemäße Art der Beziehungsführung? Oder aber, polemisch überspitzt: Sind die Leute, in die ihrer Beziehung auf sexuelle Treue bestehen, alle altmodische Spießer? Ist dagegen "offen" die neue Beziehungsform, etwa so wie lila die neue Sommerfarbe ist?

Diese Frage wird in immer mehr Internetforen, in immer mehr Printmedien, unter immer mehr Freunden und Bekannten heiß diskutiert. Heiß deswegen, weil die Emotionen bei diesem Thema wirklich sehr oft sehr schnell hochkochen und es zu Streit, zu Unmutsbekundungen, zu einer Art Rechtfertigungszwang auf beiden Seiten kommt.

Definitionen einer offenen Beziehung

Bevor wir hier nun auch in diese Diskussion einsteigen, ist es vielleicht nötig, dem Kinde einen Namen zu geben. Was genau ist denn eigentlich damit gemeint, wenn ein Paar sagt "Wir führen eine offene Beziehung"?

Den Versuch einer Definition macht ein uns allen bekanntes, von Usern gespeistes, Internet-Nachschlagewerk wie folgt:

"Eine Offene Beziehung bezeichnet eine Beziehung (gewöhnlich zwischen zwei Personen), in der die Beteiligten wissentlich die Freiheit haben, auch andere Partner, insbesondere Sexualpartner zu haben. Wenn ein Paar, das eine offene Beziehung vereinbart hat, verheiratet ist, handelt es sich um eine Offene Ehe. 'Offene Beziehung' wird häufig als Synonym für 'Polyamory' oder 'polyamore Beziehung' gebraucht, jedoch besteht ein Unterschied in der Definition der beiden Begriffe: Die 'Offenheit' in einer 'offenen Beziehung' beschreibt vorrangig den sexuellen Aspekt dieser nicht ausschließlichen Beziehung; 'Polyamory' ist hingegen darauf angelegt, die Beziehung zu erweitern – indem erlaubt wird, zusätzliche Bindungen (sexueller oder emotionaler Natur) einzugehen, die zu langfristigen Beziehungen führen…"

So weit, so gut. Die Praxis zeigt aber, dass man im Grunde gleich hier wieder trefflich anfangen kann, sich herumzustreiten, denn meine Recherchen und Nachfragen haben ergeben, dass die Paare das für sich durchaus unterschiedlich definieren. Überspitzt ausgedrückt meinen die einen schon, sie lebten "offen", wenn sie abends die Haustüre nicht abschließen, andere legen besonderen Wert darauf, "offen" über alles zu sprechen, besonders über ihre sexuellen Wünsche und Phantasien. Wieder andere schließen zwar den sexuellen Kontakt zu anderen nicht aus, betonen aber, dass sie ihn "immer nur gemeinsam, auf keinen Fall allein" haben möchten.

Offen gesagt…

Diese Paare bewerten also den Aspekt besonders hoch, dass der Partner jederzeit nicht nur alles wissen, sondern auch alles sehen und miterleben soll. Den Aspekt des Miterlebens bewerten diese Paare sogar besonders hoch und sagen, diese Momente würden ihr zweisames Sexualleben stimulieren und bereichern. In diese Gruppe könnte man wohl die meisten Swinger einordnen sowie die Paare, die zwar keine Clubs mögen, sich aber gern auf erotischen Partys – privat oder öffentlich - vergnügen.

Letztlich gibt es dann noch jene Paare, die unter "offen" tatsächlich auch – nicht nur, aber auch – sexuelle Kontakte zu anderen Partnern verstehen OHNE dass der Partner dabei ist. Ich habe dafür in einer Forumsdiskussion mal den, wie ich finde fürchterlich zynischen, Begriff "fremdgehen mit Freifahrtsschein" gelesen. Wenn man es denn möchte, kann man es selbstverständlich so ausdrücken. Ich bezweifle aber, dass ein offen lebendes Paar dies so empfindet und so erklären würde. Eine offene Partnerschaft im Sinne dieser letztgenannten Gruppe kommt ohne sexuelle Treue aus. Das aber allein reicht sicher nicht aus, um ihren Charakter zu definieren. Sie kommt ohne sexuelle Treue aus, WEIL sie eben besonderen Wert auf Offenheit legt. Da heißt es nicht Tür auf und den Partner rausgeschubst so nach dem Motto "Hopp, und nun lauf und amüsier Dich". Damit ist es nicht getan.

Offen miteinander reden als Voraussetzung für sexuelle Offenheit

Wer sich als Paar entscheidet, die Beziehung zu öffnen, der muss vor allem eines tun: miteinander reden. Was bewegt jemanden, eine Öffnung in Erwägung zu ziehen? Welche Wünsche stehen dahinter? Und weil ja meist ein Partner den konkreten Vorschlag machen wird, ist es dann vor allem erst einmal wichtig, den anderen Partner zu hören. Was meint er dazu? Welche Bilder kommen ihm in den Kopf? Hat er Ängste und Befürchtungen, und wenn ja, wie sehen die aus?

Offen gesagt…

Die Öffnung einer Beziehung ist oft ein langwieriger Prozess, bei dem möglichst nichts ausgeklammert werden sollte, was an Gedanken dazu im Raum schwebt. So ist denn also Offenheit erst in zweiter Instanz als sexuelle Offenheit zu sehen und in erster Linie als gefühlsmäßige Offenheit im Gespräch. Diese Offenheit im Gespräch ist vermutlich als wichtiger zu bezeichnen als letztlich die Umsetzung in sexuelle Offenheit. Sie sollte natürlich beibehalten werden.

Wenn man es denn möchte, kann man es selbstverständlich so ausdrücken. Dies wird a) als durchaus inspirierend und bereichernd empfunden und b) sehr oft als absolute Voraussetzung definiert. Alles, was mit Heimlichkeit und Verschweigen zu tun hat, lehnen offen lebende Menschen ab und halten es für schädlich, da es Misstrauen fördert. Eine Beziehung wiederum, in der Misstrauen ein vorherrschendes Gefühl ist, kann auf Dauer nicht funktionieren, egal ob nun offen oder nicht offen.

Verlustängste sollten kein Grund für offene Beziehung sein

Wieso nun entscheidet sich ein Paar dazu, offen zu leben? Ich habe in Diskussionen sehr oft das Argument gehört und gelesen, dass es unrealistisch ist, anzunehmen, beide Partner hätten den Wunsch nach einer Öffnung zu gleichen Teilen gehabt. Es sei vielmehr quasi in 9 1/2 von 10 Fällen anzunehmen, dass einer die Vorzüge einer Beziehung genießen möchte, in der er nicht sexuell treu sein braucht und der andere aus Angst vor Verlust des Partners eingewilligt hat. Das ist ein schwerwiegendes Argument, natürlich.

Offen gesagt…

Zunächst ist dazu zu sagen, dass – sollte es so sein – die wichtigste Säule der offenen Beziehung nicht praktiziert wurde, nämlich die Offenheit im Gespräch. Ein Partner, der sich in einer offenen Beziehung überredet fühlt und seine Bedürfnisse insgeheim nicht gewahrt sieht, der hat im entscheidenden Moment geschwiegen. Er hat eben NICHT gesagt "Pass auf, ich weiß was Du meinst, aber ich kann damit irgendwie nicht umgehen. Es tut mir zu sehr weh, mir Dich mit anderen Partnern im Bett vorzustellen." Er hat vielmehr aus Angst den Mund gehalten und sich vermutlich überlegt "Na, besser ist es, er/sie macht es offen und erzählt es mir als dass er/sie es heimlich hinter meinem Rücken tut". Das allein reicht aber als Argument nicht aus, um eine offene Beziehung zu tragen! Es ist vielmehr ein Bedürfnis beider Partner wünschenswert, sich sexuell mit anderen Menschen einzulassen.

Wenn einer von beiden das so gar nicht verspürt – was ja durchaus realistisch ist – dann ist es kein vernünftiger Weg, die Beziehung dennoch zu öffnen. Einer der Partner wird darunter sehr leiden und das kann auf Dauer natürlich nicht gut sein. Wir halten also fest: Zähne zusammenbeißen dem Partner zuliebe? Bitte bitte, in diesem Fall nicht.

Offene Beziehungen durchbrechen sexuelle Treue

Eine Grundvoraussetzung sollte also sein, dass beide Partner sexuelle Treue nicht als Grundpfeiler einer harmonischen Beziehung betrachten. Sexuell treu lebende Paare legen auf eben diesen Aspekt ihrer Partnerschaft oft entscheidenden Wert. Alles, was dieses Gebot der sexuellen Treue antastet oder durchbricht – das kann je nach persönlicher Definition des Paares ein Gedanke, ein Flirt, ein Kuss oder der vollzogene Sex mit einem anderen Partner sein – führt infolgedessen zu einer massiven Entwertung der Beziehung bis hin zur Unmöglichkeit ihrer weiteren Fortführung.

Offen gesagt…

Erstaunlich war für mich immer wieder, in Diskussionen zu erleben, dass sexuell treu lebende Paare diese Entwertung nicht nur bei der eignen Beziehung vornehmen würden, sondern dies auch recht spontan bei jeder Beziehung taten, von der sie hörten, sie würde offen geführt. "Dann kann es ja mit der Liebe nicht weit her sein" ist eine oft gehörte Mutmaßung, oder "Ihr respektiert einander nicht" oder "Ihr führt in meinen Augen nur eine Zweckgemeinschaft, denn Ihr genießt die Vorzüge, nicht allein zu sein, wollt aber die Verpflichtungen, die mit einer Beziehung einhergehen, nicht auf Euch nehmen."

Ich halte es, offen gesagt (!), für anmaßend, dererlei Urteile über eine Beziehung zu fällen, hinter deren Kulissen man letztlich nicht blicken kann. Einer Beziehung die Innigkeit, die Liebe, das Vertrauen, den Respekt, das Pflichtgefühl füreinander, all diese essentiellen Dinge, abzusprechen, nur weil die Partner für sich eine andere Form der Beziehungsführung gewählt haben… das ist eine Art, zu denken und sich zu äußern, die ich nur als engstirnig und borniert bezeichnen kann. Nur weil man etwas nicht kennt oder weil man sich etwas für sich selbst nicht vorstellen kann, ist es deshalb noch lange nicht für jedermann und grundsätzlich unbrauchbar.

Der entscheidende Punkt, der Glück oder Unglück einer jeden Beziehung definiert, ist doch vielmehr, ob zwei Menschen zueinander finden, deren Vorstellungen und Erwartungen an eine Partnerschaft sich in etwa decken. Jemand, für den sexuelle Treue eine der tragenden Säulen in einer Beziehung ist, sollte wohl eher nicht mit jemandem leben, der sich sexuelle Offenheit wünscht. Die Folge wären vielleicht zunächst eine Menge Kompromisse, die aber irgendwann für beide Partner zu schwer zu stemmen wären. Einer der beiden müsste sich bis an die Bruchgrenze heran verbiegen und so – ich denke, da sind wir uns alle einig – sollte das Leben in einer Partnerschaft sich nicht anfühlen.

Wo sind die Grenzen in einer offenen Beziehung?

Bleibt die Frage nach den Grenzen. Wie offen ist offen? Ist Grenzenlosigkeit lebbar, ist sie realistisch und ist sie überhaupt wünschenswert? Ich möchte für die Menschen, die sich ein Leben in einer offenen Beziehung überhaupt nicht vorstellen können, gern noch einen wichtigen, vielleicht den entscheidenden Satz loswerden: Auch eine offene Beziehung ist in allererster Linie eine Beziehung! Sie ist eben kein loses Miteinander, kein aneinander vorbeigelebtes Teilen von Tisch und Bett. Im Gegenteil. Ich habe langjährige Beziehungen, die sexuelle Treue voraussetzten, oft unlebendig erlebt. Es wird GEschwiegen, es wird VERschwiegen.

Offen gesagt…

Es wird natürlich auch irgendwann eine Form von Unzufriedenheit gespürt, aber die Furcht davor, diese offen zur Sprache zu bringen, ist oft deswegen groß, weil man eben weiß, dass sexuelle Treue unbedingt erwartet wird. Die Folge sind oft Heimlichkeiten, die ein Paar meist längerfristig voneinander entfernen. Wenn in solchen Beziehungen ein sexueller Treuebruch stattfindet, und man fragt die Paare dann, was eigentlich der entscheidende, der zerstörerische Moment eines solchen Treuebruches ist, dann wird oft das Verheimlichen, die Lügerei benannt, gar nicht mal der Sex mit jemand anderem. Klar, das schmerzt, wenn man es hinterher und klassischerweise als letzter in einer langen Reihe erfährt. Aber noch mehr schmerzt das Gefühl, dem Partner nicht mehr vertrauen zu können. Sein Wort nicht mehr für bare Münze nehmen zu können.

Das wird in den allermeisten Fällen als Bruchstelle in der Beziehung beschrieben, wenn es zum klassischen Fremdgeher kam.
Ist denn die Öffnung der Beziehung nun eine Alternative dazu? Wir waren dabei, zu definieren, wie offen "offen" denn nun ist und ob Offenheit mit Grenzenlosigkeit gleichzusetzen ist. Für die meisten Paare, die mir bekannterweise offen leben, ist Offenheit keinesfalls gleich Grenzenlosigkeit. Sie machen sich ihre Grenzen selbst. Das ist oft individuell und hat viel mit der persönlichen Befindlichkeit der einzelnen Beteiligten zu tun. Der eine möchte nicht zu viele Details wissen über die neue Bekanntschaft des Partners, der andere möchte sie sogar vorgestellt bekommen.

Der eine lässt es nicht zu, dass fremde Partner ins Haus oder in die Wohnung kommen, der andere hat damit keine wirklichen Probleme. Der eine möchte nach einem Treffen alle Einzelheiten erfahren und kann daraus sogar eine Form der Lust für sich selbst ziehen, dem anderen reicht es, wenn er hört, dass es aufregend und schön war. Eine Grenze aber ziehen alle mir bekannten offen lebenden Paare unbedingt: anderweitige Treffen, Aktivitäten, sexuelle Erlebnisse dürfen nicht dazu führen, dass sich die Prioritäten der Partnerschaft zu deren Ungunsten verschieben. Sprich: die Partnerschaft – oder die Familie – ist der Dreh- und Angelpunkt, der Ort des gefühlsmäßigen und tatsächlichen Zuhauses.

Offen gesagt…

Die Interessen der Beziehung oder der Familie haben selbstverständlich Vorrang. Im Gegensatz zu der erwähnten Annahme, in offenen Beziehungen würde es an Liebe mangeln, kann davon ausgegangen werden, dass GERADE in diesem Punkt kein Mangel herrscht. Wer sich in Begegnungen mit anderen Partnern immer wieder selbst neu positionieren muss, wer sich selbst hinterfragt, der ist sich seinen Gefühlen und seinen Prioritäten auf sehr besondere Weise bewusst. Im Gegensatz zu der erwähnten Annahme, es würde in offenen Beziehungen ja wohl an Respekt fehlen, ist es so, dass Gefühle, Zweifel, Einwände des Partners zu 100% Gehör finden und dass Grenzen, die der Partner zieht, kommentarlos respektiert werden. Kommentarlos deshalb, weil nicht daran herumüberredet oder debattiert wird, sondern die Unsicherheiten zu Zweifel des Partners Vorrang haben vor allen anderen Bedürfnissen.

Man wird wählerischer

Das Stichwort "Bedürfnisse" führt mich schließlich zum letzten Punkt meiner Überlegung. Heißt denn nun "offen", dass ab sofort alles mitgenommen und ins Bett gezerrt wird, das einem über den Bartresen ein hübsches Lächeln zuwirft? Wie muss man sich das vorstellen? Nach meinen Recherchen ist das absolut nicht der Fall. Im Gegenteil, es wird berichtet und wenn auch branchenfremd so doch sehr treffend formuliert dass "der Konsumdruck" völlig wegfalle. Was das heißt? Das heißt das etwas, was eine auf täglicher Basis plötzlich mehrfach vorhandene reale Möglichkeit eine Art Entzauberung mit sich bringt.

Einer der größten Kicks am Fremdgehen ist doch die Heimlichkeit und das Gefühl, etwas unmoralisches, etwas nicht erlaubtes zu tun. Vor dem Hintergrund dieser Grundsituation gestalten sich Affären oft besonders dramatisch und verführerisch. Der Aspekt der Heimlichkeit fällt in einer offenen Beziehung weg. Man lebt im ständigen Bewusstsein dessen, dass man dürfte, wenn man wollte. Und SCHWUPPS will man nun noch halb so oft oder noch viel seltener. Dazu kommt, dass man sehr viel wählerischer wird. Man überlegt sich ganz genau, wen man auf diese Weise in seine Beziehungskonstellation einbindet. Wenn man jeden billigen Flirt, den man im Suff aufgerissen hat, auch mitnimmt, dann – so wurde es mir oft geschildert – dann tritt das ein, was weiter oben bereits erwähnt wurde: die Beziehung erfährt eine Entwertung. Dies ist ein Gefühl, das viele offenen lebenden Paare so oder ähnlich beschreiben, ohne eine wirklich griffige Erklärung bieten zu können.

Offen gesagt…

Es sei nur einfach so, dass man die Möglichkeiten, die die Öffnung einer Beziehung schafft, mit sehr viel Bedacht wahrnimmt. Dies ist wohl vor allem mit dem tiefen Respekt vor den Übereinkünften mit dem Partner zu erklären und mit dem Respekt vor dem Glück, einen Partner gefunden zu haben, mit dem diese Art von Zusammenleben möglich ist. Dieses besondere Beziehungsgeflecht bis zum Anschlag auszureizen, kam keinem der von mir befragten Paare in den Sinn.

Es ist, so sagte mir einer, doch auch so: "Angenommen, ich würde es lieben, Austern zu essen. Weiter angenommen, es wäre moralisch verwerflich, Austern zu essen und ich hätte einen Partner gefunden, der die geistige Beweglichkeit und das Selbstbewusstsein besitzt, sich über dieses gesellschaftsmoralische Diktat mit mir gemeinsam hinwegzusetzen… dann würde ich doch deswegen nicht losrennen, mir alle Austern besorgen, die ich kriegen kann und würde sie tage- und wochenlang nur so in mich reinstopfen. Das Ergebnis wäre eine totale Übersättigung und ich hätte vermutlich nie wieder Lust auf Austern. Wo also wäre dann der Sinn der Übereinkunft mit meiner Partnerin?"

Abschließend möchte ich bemerken, dass ich im Zuge meiner Recherchen auf sehr offene (in jeder Beziehung offene) Menschen, aber auch auf sehr viel Engstirnigkeit und Intoleranz gestoßen bin und das auf beiden Seiten. Die Argumente derer, die nicht offen leben möchte, habe ich oben bereits angedeutet, die Argumente derer, die offen leben, gingen oft in die Richtung, dass das Bestehen auf sexuelle Treue doch unmodern, nicht zeitgemäß oder irgendwie verschroben wäre. Ich habe erlebt, wie offen lebende Paare sich moralisch über andere Paare erhoben haben und deren Lebensweise belächelt haben. Und umgekehrt.

Ich finde so etwas bedauerlich. In beide Richtungen. Denn letztlich eint uns doch alle das Streben nach Glück und Harmonie innerhalb unserer Partnerschaften. Dass man heute gesellschaftlich nicht mehr offen (im Sinne eines öffentlichen Ankettens auf dem Marktplatz und des Bewerfens mit Küchenabfällen) geächtet wird, wenn man sich für alternative Formen der Beziehungsführung entscheidet, ist doch wunderbar. Es wird nur Zeit, dass auch mit der eher versteckten Ächtung aufgehört wird und dass deutlich wird, dass alles gut und in Ordnung ist, was eine harmonische Beziehung zum Ergebnis hat.

Von: SinasTraum
Alle Fotos von: Oelschlaeger

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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von dem PO Magazin zur Verfügung gestellt. Er stammt aus der Ausgabe September/Oktober 2009.
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