Wie sagte ich neulich noch: "Eifersucht? Das ist doch schon lange kein Problem mehr für mich. Hab ich längst überwunden. Hab schon vor Jahren kapiert, dass meine Partnerin niemals mein Privatbesitz ist."

Mir war auch gar nichts anderes übrig geblieben. Heike, eine durch diverse Therapien gestärkte und selbstbewusste Frau auf dem spirituellen Pfad, hatte mich - fairerweise - gleich zu Beginn unserer Beziehung vor die unumstößliche Tatsache gestellt, dass sie niemals absolut treu im herkömmlichen Sinne sein würde. Damit müsse ich klarkommen. Ich war so beeindruckt von ihr und verliebt in sie, dass ich wohl alles auf mich genommen hätte, um mit ihr zusammen sein zu können.
Im Hier und Jetzt
Viel zu sehr lebe sie im Hier und Jetzt, hatte sie mir erläutert, viel zu spontan sei sie, um sich in bestimmten Situationen auch Gedanken machen zu können oder sich gar zu fragen, wie ihr Verhalten wohl auf mich wirken könnte. Zuerst hielt ich dieses Gerede für einen mehr oder weniger cleveren Schachzug, mit dem sie Ihre Unfähigkeit zu einer gewissen Disziplin geschickt verklärte. Das tun ja viele, die sich in der esoterischen Szene tummeln. Heute, da ich Heike viel besser kenne und sie oft erlebt habe, glaube ich, dass sie tatsächlich mehr im Hier und Jetzt lebt als ich.
Nur - und das ist verblüffend - nicht in Beziehungen! Auch nicht in unserer. Da spielen Vergangenheit und Zukunft plötzlich eine wichtige Rolle, da findet kaum etwas im Hier und Jetzt statt. Ständig muss da Altes aufgewärmt und aufgearbeitet werden. Oder müssen im Hinblick auf Zukünftiges bestimmte Strategien erprobt werden. In einer Beziehung ist Heike offenbar ein völlig anderer Mensch. Warum nur?

Schon oft habe ich mich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, sich gar nicht erst auf eine Beziehung mit ihr einzulassen, sondern sie immer wieder nur mal für einen Tag, eine Nacht oder ein Wochenende zu genießen. Ohne Verpflichtung, ganz locker und spontan, total entspannt im Hier und Jetzt. Sonderbar: als ich seinerzeit mit ihr darüber geredet habe, nannte sie mich beziehungsunfähig, voller Bindungsangst, verantwortungslos und feige. Typisch Mann, fügte sie abfällig hinzu. Und ein notorischer Single sei ich. Aber ich wollte ihr doch um jeden Preis imponieren - und habe mich für Beziehung entschieden.
Beziehung ein Nachteil?
Die Strafe dafür folgte auf dem Fuß, denn prompt wurde ich anders behandelt als bisher. Jetzt hatten wir eine Beziehung zueinander, und ich bekam plötzlich von ihrem intensiven Leben im Hier und Jetzt nur noch am Rande etwas mit. Nämlich durch Erzählungen anderer oder ihre begeisterten Berichte von all dem, was sie so außerhalb unserer Partnerschaft trieb. Doch dazu komme ich später. Jedenfalls frage ich mich seitdem, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn wir zwei Singles geblieben wären - unabhängig, frei, keinerlei Verantwortung, keine Kompromisse, niemals Rücksicht nehmen müssen … Und dann auch noch weiterhin als Mensch behandelt zu werden - und nicht nur als Partner, wäre das herrlich!
Heute wundere ich mich darüber, dass bei mir manchmal so ein unbehagliches Gefühl aufkommt, wenn Heike allein unterwegs ist. Da meldet sich immer wieder etwas in mir, das nach Eifersucht schmeckt, aber bei genauer Betrachtung keine sein kann. Damit hatte ich tatsächlich abgeschlossen.
Das Tantra Seminar

Neulich war sie doch auf diesem Tantra-Seminar. Nur für Frauen. Also durfte ich nicht dabei sein. Aber man gönnt seiner Partnerin ja auch mal was. Also hab ich sie hingefahren - war ja nicht weit. Und ihr beim Abschied auch noch viel Freude gewünscht. Ich Idiot!
Als dieser Kerl aus dem Haus trat, um sie zu begrüßen, war mir auf der Stelle ziemlich mulmig zumute. Diese Sorte Männer kenne ich! Zugegeben, er sah auf seine Art gut aus, nicht mein Geschmack, aber er hatte schon was … Selbstsicher wirkte er vor allem, und er schien nicht mal unsympathisch zu sein, auch das musste ich zugeben. Aber sein selbstgefälliges Grinsen gefiel mir gar nicht. Es schien mir geradezu ins Gesicht zu schreien: „Ich bin so toll, ich krieg jede! Und wenn ich will, auch deine. Garantiert!" Er lächelte mich freundlich an, und ich könnte wetten, dass er etwas in der Art dachte wie: „Gut, dass du sie mir an diesem Wochenende ausleihst. Ich mach mit ihr Sachen, davon wagst du nicht mal zu träumen."
Das wollen wir erstmal sehen, dachte ich insgeheim, dabei hatte er gar nichts gesagt. Aber ich fühlte mich irgendwie gar nicht wohl. Bei dem Kerl hätte ich für keine Frau meine Hand ins Feuer gelegt. Aber ich konnte doch Heike jetzt nicht gleich wieder mit nach Hause nehmen. Mit welcher Begründung? Und wie hätte das denn ausgesehen? Unmöglich! Außerdem - warum musste ich auch sofort in dieser Kategorie denken und ihn als Konkurrenten sehen? Immer diese alten Muster! Geht das nicht auch anders?
Na ja, er hat sie tatsächlich gekriegt, wie sie mir nach dem Seminar gestand. Alle Frauen wären scharf auf ihn gewesen, erzählte sie begeistert, fast mit einem Hauch von Stolz. Aber nur (!) mit dreien hat er’s an diesen zwei Tagen getrieben, darunter auch mit ihr.

Eifersucht?
Verdammt noch mal, musste Heike unbedingt dabei sein?
Da ist es wieder, dieses Gefühl! Wirkt auf den ersten Blick wie Eifersucht, aber es ist etwas anderes. Im Ernst: Eifersucht habe ich wirklich weitgehend überwunden. Als einigermaßen spirituell und leidlich therapeutisch fortgeschrittener Mensch habe ich mich lange genug damit auseinandergesetzt. Aber was ist es dann, was jetzt immer wieder an mir nagt, nachdem das mit Heike auf diesem Seminar passiert ist? Warum ärgert es mich noch immer maßlos, dass dieser Kerl es mit Heike getrieben hat? Vielleicht hat es damit zu tun, dass Heike seit Monaten kaum noch Lust auf mich hat? Was heißt kaum? Gar nicht!
Sex mit Hindernissen
Das ist wie bei all den als bürgerlich und spießig belächelten Paaren, die mit etwas Glück samstags unter der Decke mal kurz ihre vermeintliche Pflicht erledigen, damit man noch das Gefühl hat, man sei ein bisschen Frau und ein kleines bisschen Mann und zusammen so etwas wie ein Paar. Regelrecht betteln muss ich, tausend Bedingungen erfüllen und stets ganz brav sein, um sie mal wieder "gnädig" zu stimmen. Damit sie sich mal wieder "herablässt", ein wenig Sex mit mir zu haben.
Natürlich muss dann immer genau die richtige Musik laufen - nicht zu laut und nicht zu leise. Es müssen viele Kerzen brennen - aber auf gar keinen Fall zu wenige und erst recht nicht zu viele. Die für diesen Abend passende Räuchermischung muss ich selbstverständlich auch erwischt haben.

Im Zimmer darf es weder zu kalt sein, was ich gut verstehen kann, aber auch nicht zu warm - sonst läuft gar nichts. Ich darf nicht zu langsam oder zu zart, aber auch nicht zu gierig oder zu fest streicheln. Und so weiter. Manchmal verliere ich da glatt den Überblick, mache in meinem Eifer doch etwas falsch - und schon ist es vorbei. Deshalb dachte ich ja auch, so ein Tantra-Seminar nur für Frauen könne ihr ja nur guttun. Vielleicht entspannt das Heike ein wenig, lockert sie auf.
Wie sich herausgestellt hat, musste dieser Kerl, der zusammen mit seiner Kollegin den Workshop geleitet hat, nicht eine einzige dieser Bedingungen erfüllen! Keine Musik, keine Kerzen, keinerlei Brimborium und Pipapo! Wahnsinn! Sie hat’s einfach nur so mit ihm getan, ohne dieses ganze Theater drum herum. Und er hat mit ihr dabei auch noch das eine oder andere gemacht - und sie mit ihm auch -, von dem ich längst zu träumen aufgehört habe. Wie denn das? Heike konnte es mir nicht erklären. Und nun ist es da, dieses Gefühl.
Was ist das für ein Gefühl?
Neid? Darüber darf man nicht reden, wenn man in der Szene etwas gelten will. Neidisch ist man nicht. Das ist kindisch. Ein als negativ bewertetes Gefühl. Ja, ich weiß, Emotionen sind wertfrei. Überhaupt soll man angeblich nichts bewerten. Dabei wird man prompt selbst schlecht bewertet, wenn man etwas bewertet. Jedenfalls nehme ich mir trotz dieses esoterischen und therapeutischen Gefasels noch immer das Recht heraus, klar zu unterscheiden und dazu zu stehen, dass ich manches als negativ erlebe und anderes als positiv! Wie auch immer, dieser Neid in mir ist nun mal da, und ich finde, er hätte es verdient, genau angeschaut und danach gefragt zu werden, was er mir eigentlich sagen will.
Ich würde es Heike ja gönnen, wenn auch manchmal zähneknirschend, dass sie mit einem anderen Sex hat. Ich versteh nur manches daran nicht. Warum will sie denn mit einem anderen Sex, wenn sie offenbar sowieso gerade keine Lust auf Sex hat? Oder will sie nur mit mir nicht …?
Sex wird überbewertet
Diese altmodische, angeblich lächerliche Frage geht mir nicht aus dem Kopf: Was hat der, was ich nicht hab?

Ich bin sicher: Ein Mann, der genügend oft und ausreichend guten Sex hat, ist niemals eifersüchtig. Denn er ist nicht neidisch! Er ist zufrieden und satt, ihm geht’s gut, ihm fehlt es an nichts. Wenn seine Partnerin, sozusagen zum Dessert, noch einen anderen vernaschen will – wieso nicht?
Sex sei doch nicht alles, behauptet Heike seit langem. Und: Total überbewertet sei das alles, wir lebten in einer völlig übersexualisierten Welt. Vor allem die Männer - immer nur das Eine im Kopf! Jedes Mal, wenn sie so was mal wieder sagt, geht mir durch den Kopf, dass zum Ausgleich für unsere übersexualisierte Gesellschaft unsere Beziehung seit Monaten eindeutig untersexualisiert ist.
Warum anderen Typen und nicht ich?
Wie auch immer – wenn sie nun allein unterwegs ist, fürchte ich, sie könnte mit anderen genau das ausleben, was sie mir verwehrt, wonach ich mich aber sehne und verzehre, womit sie mich ungemein erfreuen würde. Aber nein, sie lässt mich darben und erfüllt lieber die Sehnsüchte eines dahergelaufenen Tantra-Lehrers! Da hat sie plötzlich Lust!
Dabei ist das auch noch einer dieser Typen, die sowieso weit mehr Sex haben als ich, wahrscheinlich auch noch viel besseren. Die ohnehin jede kriegen, die sie wollen. Die sich vor Frauen kaum noch retten können. Und die das auch ausstrahlen und damit reizvoll erscheinen.
Und ich? Ich kann ja vertrocknen … Wodurch ich natürlich nicht gerade die sexy Ausstrahlung habe wie einer, der weiß, dass er jede kriegt.
Ich will, dass sie auch auf mich scharf ist. Mit jedem anderen treibt sie es gerne und voller Lust, aber nicht mit mir! Das tut weh. Wie soll ich nun damit umgehen? Es ist leicht gesagt, ich solle einfach drüber stehen.

Eine Niete im Bett?
War es nicht schon schwer genug, mit dieser verflixten Eifersucht fertig zu werden? Wer kennt nicht all das, was auf jemanden einstürmt, der sich weiter entwickeln und nicht im Dilemma von Eifersucht und Konkurrenz stecken bleiben will? Was hab ich da schon alles über mich gehört, meistens nicht offen mir gegenüber, aber umso eifriger hinter meinem Rücken! "Der bringt’s eben nicht im Bett!" Und so weiter. Und manchmal dieses Grinsen, das man noch erhaschen kann, wenn die anderen glauben, man beobachte sie gerade nicht.
Und zu alledem kommen noch die eigenen Zweifel: Vielleicht haben die ja alle Recht? Bin ich wirklich sexuell nicht gut genug? Aber mit etwas Glück und viel Arbeit habe ich das alles wohlbehalten überstanden. Und nun dieses bohrende, nagende neue Gefühl …
Die anderen Männer
Als ich gestern mit Heike darüber sprach, kam ich mir anschließend ziemlich blöd vor. Wie einen kleinen Jungen, der noch nicht ganz trocken hinter den Ohren ist, hat sie mich abgekanzelt. Der Sven, so hieß dieser Tantra-Lehrer, der sei nicht eifersüchtig und erst recht nicht neidisch. Ein toller Mann! Davon sei ich ja wohl noch weit entfernt.
Na, danke! Der hat das ja auch nicht nötig. Wenn der Kerl Sex will, muss er sich auch nicht auf den Kopf stellen und dabei mit den Ohren wackeln. Und er kriegt dabei immer all das, von dem die Partner der jeweiligen Frauen wahrscheinlich schon lange nicht mehr zu träumen wagen. Und zwar einfach nur so, weil er eben ein Mann ist. Der hört bestimmt niemals, dass Männer doch immer nur an das Eine denken und ihr Gehirn offensichtlich ein paar Etagen zu tief angesiedelt ist. Bei dem darf das Gehirn wirklich da unten sein, da ist das auf einmal in Ordnung.

Ich wäre nämlich auch nicht neidisch (und schon gar nicht eifersüchtig), ginge es mir wie ihm. Hätte ich so oft Sex, wie ich es mir wünsche, bekäme ich all das geboten, was ihm ins Bett oder wohin auch immer gelegt wird, ich könnte nur milde darüber lächeln, wenn Heike mal wieder auswärts zugange wäre und würde es ihr und dem Kerl, mit dem sie es gerade treibt, von Herzen gönnen.
Interessanter Gedanke! Nicht wahr? Ein sexuell völlig zufriedener Mensch wird kaum jemals eifersüchtig sein. Wozu auch? Man gönnt seinem Partner, seiner Partnerin, was sie will. Hat man doch selbst genug, fühlt sich satt und zufrieden. Dann dürfen auch andere Frauen, andere Männer von all dem kosten, was man selbst im Überfluss genießen darf. Könnte da etwas dran sein? Warum tut dann Heike, wenn der Tantra-Lehrer ihr schon so imponiert, bei mir alles dafür, dass ich auf keinen Fall so werde wie er? Warum werde ich nicht wie ein Mann behandelt, sondern allenfalls wie ein guter Freund?
Singles haben mehr Ausstrahlung
Sind nur Singles richtige Männer - und alle anderen eben nur Partner?
Warum muss ich alles Mögliche anstellen, um endlich mal wieder Sex mit ihr zu haben? Es ist doch kein Wunder, dass ich nicht diese männlich selbstsichere und zufrieden grinsende Ausstrahlung habe wie der.
Die auch noch so reizvoll auf Frauen wirkt.
Warum muss ein Mann in einer Partnerschaft voller Neid auf all die Männer schauen, die es offenbar weit mehr verdient haben, dass die eigene Partnerin mal wieder so richtig voll aus sich herausgeht? Warum muss ich voller Neid und Groll auf Singles blicken? Das will ich nicht!
Aber die Realität sieht offenbar anders aus. Unzufriedene, sexuell am Hungertuch nagende Menschen grollen vor sich hin, werden - ohne es vor sich selbst und erst recht nicht vor anderen zuzugeben - von Neid zerfressen, selbst dann, wenn sie Eifersucht womöglich überwunden haben. Und wir sind selbst die Ursache, denn wir könnten auch dafür sorgen, dass unsere jeweiligen Partner eben nicht unzufrieden mit Groll und Neid zu kämpfen haben.
Jeder sorgt für sich selbst
Aber ich weiß, das geht doch nicht! Müssen wir doch unabhängig sein und jegliche Verantwortung für das Wohlbefinden - vor allem unserer Partner - weit von uns weisen. Schließlich ist jeder für sich selbst verantwortlich.
Durch Therapien gestählt befinden wir uns auf dem Ego-Trip. Oder spirituell, wie wir gerne wären, gilt nur Selbstverwirklichung. Wie käme man dazu, für andere da zu sein und etwas nur für einen Partner zu tun? Ist man etwa zuständig für Glück und Zufriedenheit seines Mannes oder seiner Frau? Man könnte ja selbst zu kurz kommen, wenn man seine Frau glücklich macht, und es fallen einer Frau doch glatt ein paar Zacken aus ihrer Prinzessinnenkrone, wenn sie die Träume ihres Mannes erfüllt. Jeder muss gefälligst für sich selbst sorgen.
Hätte ich letzten Endes doch lieber Single bleiben sollen?




